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Rezension: Der Duft des Lebens- Clara Maria Bagus- Ullstein leben

Dies ist das zweite Buch von Clara Maria Bagus, das ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiere. Ihr Erstlingswerk "Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen" sorgte 2016 bereits für viel Beachtung in den Medien. Clara Maria Bagus ist übrigens der Künstlername der Autorin, die in den USA und in Deutschland Psychologie studiert hat und einige Zeit in der Hirnforschung tätig war. 

Ort und Zeit der Romanhandlung sind nicht näher bestimmt. Was man jedoch gleich zu Beginn erfährt, ist, dass es sich um "eine Stadt ohne Ahnungen handelt". In besagter Stadt werden im Laufe der Geschichte, sich das Gute und Böse aufeinander zu bewegen, um- wie in allen Zeiten- miteinander zu ringen, genauso wie es offenbar deren Bestimmung ist.

Einer der Protagonisten ist Aviv, ein sympathischer Mensch, der mit vielen Tugenden und Begabungen ausgestattet ist. Seine leibliche Mutter verstarb einst im Kindbett. Seinen Vater kennt Aviv nicht, erfährt erst nach dessen Ableben, wer er war.

Großgezogen wird Aviv von seiner Hebamme, die ihm eine liebvolle Mutter und Weisheitslehrerin ist. Aviv, der nicht weiß, dass sein Vater einst als Professor Philosophie lehrte, wird ein handwerklich sehr begabter Glasbläser und erinnerte mich spontan an Hermann Hesses "Goldmund", obgleich er im Gegensatz zu diesem, den Ort seiner Herkunft nicht verlässt, so doch aber wie dieser seine Erkenntnisse durch praktische Erfahrung erwirbt und sich in seinem Verhalten und Tun um die Vollkommenheit seiner Seele bemüht.

Protagonist des Bösen ist der renommierteste Arzt der Stadt mit Namen Arthur Benjamin Kaminski, dessen Großvater ein Physiker war. Dieser fand das aggressive, zerstörerische Wesen seines kleinen Enkels so befremdlich und unmenschlich, dass er das Kind in Absprache mit seinem Sohn, dem Vater des kleinen Psychopathen, im Alter von neun Jahren ins Waisenhaus verbannte. Sich nun abgelehnt fühlend, wurde Arthur Benjamin "zu einem Menschen mit einer starren Unbeugsamkeit. Keinen seiner Entschlüsse ließ er sich von anderen ausreden und sich rein gar nichts vorschreiben."

Der später bestens ausgebildete Arzt gilt alsbald als Meister seines Fachs. Es wird ihm viel "Bewunderung, Respekt und Ehrfurcht" entgegengebracht, allerdings "war er zu wenig Mensch, um gemocht zu werden." Wie alle Psychopathen hatte auch er stets alles unter Kontrolle. Klug genug, um den Unterschied zu anderen Menschen zu begreifen, bemerkt er, dass "etwas Lebendiges, Warmes, Farbiges, Sinnhaftes" in seinem Wesen fehlte, das all die anderen Menschen hatten, doch er offenbar seelenlos war. Deshalb sucht er ehrgeizig nach einer Möglichkeit, sich das Beste der Seelen seiner Mitmenschen einzuverleiben, um so vollkommen zu werden. 

Während sich Aviv also um seelische Vollkommenheit bemüht, in dem er Gutes tut, strebt Kaminski sie an, indem er andere bestiehlt, später sogar ermordet, um an ihre Seele zu kommen. Dass dies der Weg nicht sein kann, leuchtet ihm allerdings nicht ein. Getrieben vom Mangel, erlebt man Kaminski ähnlich wie Jean-Baptiste Grenouille in Patrick Süßkinds Roman "Das Parfüm", der dort ohne Geruch zu Welt kommt, als Person, dem der Zugang zum Du völlig fehlt. 

Kaminski glaubt mit dem letzten Hauch eines Menschen dessen Seele habhaft zu werden und plant, diese in kleinen Glasbehältnissen zunächst aufzubewahren, um später sein egoistisches Vorhaben, durch die fremden Seelen zu einem zufriedenen Menschen zu werden, umsetzen zu können. So lernen Kaminski und Aviv sich kennen, weil der Arzt in der Glasbläsermanufaktur, in der Aviv arbeitet, die Behältnisse für den letzten Hauch der in seinen Händen Sterbenden ordert. 

Von den spannend zu lesenden Ereignissen im Buch möchte ich allerdings hier nicht zu viel verraten, wohl aber auf die vielen Reflektionen hinweisen, die das Buch durchziehen und mich immer wieder an die Weisheiten Coelhos erinnern, allerdings ohne dass diese gedanklich sich gleichen. So liest man beispielsweise: "Vorschnelles Urteilen, wenn man die Hintergründe nicht kennt, ist Diebstahl. Man beraubt diese Menschen um die Möglichkeit, gesehen zu werden, wie sie wirklich sind. Damit ist man selbst nicht besser als der Verurteilte." (…) "Weißt du, Aviv, einer der dunkelsten Momente im Leben eines Menschen ist, wenn sich alle von ihm abwenden."

Diese Reflektionen, deren Absicht nicht die Exkulpation der Romanfigur Kaminski ist, sondern wohl eher dabei hilft, zu unterscheiden, ob ein Mensch aufgrund der Umstände oder seines Wesens abgründig handelt oder ob beides vielleicht eine Rolle spielt, scheinen mir wichtig zu sein.

Ich möchte noch ein wenig aus der Gedankenwelt des Buches von Clara Maria Bagus an dieser Stelle offenbaren, indem ich einige bemerkenswerte Sätze, davon gibt es erfreulich viele, daraus zitiere: "Was macht ein Leben zu dem, auf das man am Ende blickt? Ist es lediglich die Summe aus getroffenen und versäumten Entscheidungen? Sind es unmerkliche Strömungen, die uns in die Richtung treiben, die wir nie einschlagen wollten? Ist es der Zufall, der uns dann und wann aus den unüberschaubaren Möglichkeiten des Lebens befreit? Die Launen des Schicksals, die unser Leben in so viele Stücke schneiden können, das es sich hinterher nicht mehr zusammensetzen lässt?"

Bei solchen Fragen innezuhalten und nachzudenken, lohnt, nicht nur, um die Personen im Buch besser zu begreifen, sondern vor allem, uns selbst und all jene, mit denen wir im Laufe unseres Lebens zu tun haben, vielleicht zu verstehen. Weisheitslehre, ist auch dies: "Der schlimmste Tod ist der Tod der Seele, der bei manchen Menschen dem Sterben des Körpers lange vorausgehen kann. Sie sterben am bloßen Sein. Vielmehr als Sinnleere braucht es dafür nicht."

Ein großes Thema in "Der Duft des Lebens" ist die Mitmenschlichkeit und deren abgründiger Gegensatz, der nicht wenig mit der Beschaffenheit der Seele zu tun hat. Das hat Clara Maria Bagus überaus gut herausgearbeitet. Damit stellt sie ihre analytischen Fähigkeiten unter Beweis. Gibt es von Geburt an seelenlose Menschen oder ist ein Psychopath wie Kaminski das Produkt seiner negativen Erfahrungen, das Ergebnis vieler Traumata? Der Roman fordert uns hier zum Nachdenken und vor allem zum Nachempfinden auf. 

Am Ende dieses sehr poetisch geschriebenen Buches weiß man vor allem mehr über den "Duft des Lebens", der in allem was Seele hat, vorhanden zu sein scheint. Man erkennt, dass der Duft, je intensiver und wohlriechender er verströmt, umso mehr im ethisch Guten verwurzelt ist. Dass dieses Gute jeden Augenblick lebt und alles erblühen lässt, was vom dem Duft berührt wird, macht ihn besonders geheimnisvoll, ganz so wie die "blaue Blume" der Romantik. 

In einer Zeit, in der der "Duft des Lebens" immer mehr verkümmert, weil jene, die ihn kultivieren, als Träumer oder Spinner belächelt werden, ist ein Buch wie jenes von Clara Maria Bagus geradezu ein Geschenk der Erkenntnis. Eintauchen und ein Seelenbad nehmen. Was kann es Besseres geben? 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Der Duft des Lebens: Roman

Rezension: Eine Frau von Geist- Vita Sackville-West

Der Untertitel dieser Erzählung "Der geheimnisvolle Zauber des Puppenhauses von Königin Mary" zeigt bereits an, worum es in diesem Buch inhaltlich geht: Um das berühmte Puppenhaus für die britische Königin Mary nämlich, das 1921 nach einer Idee von Prinzessin Marie Louise von Schleswig-Holstein entworfen wurde. 

171 Autoren wurden seitens Marie Luise jeweils um einen exklusiven Beitrag zur Bibliothek des Puppenhauses gebeten. Vita Sackville-West war zu diesem Zeitpunkt schon eine etablierte Autorin, die bereits im Komitee des PEN Club einen Platz innehatte und zudem durch ihre Herkunft prädestiniert war, eine Einladung zu erhalten, da sie die Tochter von Lord Sackville of Knole war. 

Der Text, den Vita Sackville-West für die Bibliothek des Puppenhauses schrieb und der im Gerstenberg-Verlag erstmals einer breiten Leserschicht zugänglich gemacht wird, ist eine  kurzweilige Humoreske, deren Inhalt ich hier allerdings nicht wiedergebe, um die Neugierde auf das kleine Werk nicht zu mindern.

Nicht unerwähnt aber soll bleiben, dass die hübschen Illustrationen von Kate Baylay die fantasievolle Geschichte visualisiert und sie zum Leben erweckt. 

Im Nachwort von Matthew Dennison erfährt man Wissenswertes über die Autorin und ihre Werke, die alle autobiographischen Elemente aufweisen, wie er festhält. Dabei sei die Erzählung "Die Frau von Geist" trotz ihrer skurrilen Prämisse keine Ausnahme. 

Aber lesen Sie selbst… 

Sehr empfehlenswert 

Helga König
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Eine Frau von Geist: Der geheimnisvolle Zauber des Puppenhauses von Königin Mary

Rezension: Familiäre Verhältnisse- Sophie Bassignac

Die Autorin dieses humorvollen, etwas skurrilen Romans ist die in Paris lebende Französin Sophie Bassignac. Die Schriftstellerin hat bereits drei Romane geschrieben. Dabei wurde ihr 2013 erschienene Roman "Vielleicht ist es Liebe" mit dem Literaturpreis "Madame Figaro" ausgezeichnet. Die hier vorliegende Publikation "Familäre Verhältnisse" war in Frankreich 2016 ein Bestseller und Kritikererfolg. 

Erzählt werden die recht absurden Geschehnisse in einer Großfamilie auf dem Land. Dort trifft Isabelle jedes Jahr ihre eigenwillige Verwandtschaft. Mit von der der Partie ist Pierre, ein junger Nachrichtenjournalist, der in diese sehr talentierte Frau schwer verliebt ist. 

Zu Beginn des Romans werden die vier Generationen der Dynastie der Pettigrews vorgestellt. Das auch ist nicht unwichtig bei all den Akteuren in dem temporeichen Text. Isabelle gehört  übrigens der 3. Generation an. Wer nun einen Roman im Pilcher-Strickmuster erwartet, wird enttäuscht werden, denn alle Mitglieder dieser Dynastie, das wird rasch klar, fallen aus dem Rahmen der Konvention. 

Liberal und dabei sehr verschroben, entfaltet sich bei den agierenden Personen ein Zusammenleben, das für konventionell tickende Menschen mehr als nur gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Bassignac treibt mit viel Wortwitz und Humor die Geschichte voran, die aus zahllosen skurrilen Einzelbegebenheiten besteht. Diese fügen  sich zu dem zusammen, was der Volksmund "mit leben und leben lassen" umschreibt und  veranschaulichen wie erfrischend gelebte Toleranz sein kann. 

Für Pierre ist dies alles ungewohnt. Ob er am Ende des Romans etwas Entscheidendes hinzugelernt hat?

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Familiäre Verhältnisse

Rezension: Die Sünde der Frau- Connie Palmen- Diogenes

Die niederländische Schriftstellerin Conny Palmen hat ein neues Buch geschrieben. Es trägt den neugierig machenden Titel "Die Sünde der Frau". Das Werk enthält vier Essays über vier berühmte Frauen und zwar über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith. 

Den auf bestimmte Punkte fokussierten Lebensbeschreibungen geht eine "Handreichung" für die Lektüre voran. Dort schreibt Conny Palmen, dass sie in den Beschreibungen der vier Leben versucht habe, eine Erklärung für deren selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Sie fragt, ob es etwas damit zu tun habe, dass der originäre Charakter dieser Personen, ihr origineller Kopf und ihr Talent sie ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben gemacht und sie möglicherweise unter der Außenseiterrolle gelitten hätten. Des Weiteren will sie wissen, ob es damit zu tun habe, ob diese Frauen mit der Freiheit der Selbstbestimmung zugleich die Freiheit suchten, sich zu Grunde zu richten. 

Auffallend ist, dass alle vier Persönlichkeiten quasi ohne Vater aufwuchsen, darüber hinaus eine komplexe Mutterbeziehung besaßen und offenbar genau dies dazu führte, dass sie auf der Bühne einen anderen Namen annahmen. 

Alle vier Frauen haben gewissermaßen Regeln verletzt, indem sie Schranken des sogenannten Anstands, ihres Geschlechts und der herrschenden Moral durchbrachen. Sie taten dies, wie Palmen schreibt, um frei, souverän und autonom zu sein und nach ihren eigenen Regeln leben zu können. 

Im Leben einer solch "sündigen Frau" stehe Maßlosigkeit und Vergeudung mit allen Risiken über der konservativen Selbsterhaltung. Connie Palmen schließt aus ihrer Beschäftigung mit diesen weiblichen Persönlichkeiten zunächst, dass phantasiebegabte Frauen augenscheinlich zu Maßlosigkeit, Verschwendungs- und Genusssucht neigten und sich von einem gefährlichen Leben und dem Tod angezogen fühlten. 

Liest man die biografischen Betrachtungen, dann wird klar, dass bei allen vier Personen durch die Entwicklung ihres Talents ein bestimmter Mangel kompensiert, verdrängt oder verschleiert wird und diese Frauen möglicherweise an ihren erfolgreichen öffentlichen Rollen zerbrachen, da sie sich  als Individuum dort nicht wiederfanden, nicht wiederfinden konnten, weil dessen Entwicklung schon in der Kindheit der Raum fehlte.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Die Sünde der Frau: Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith

Rezension: Olga – Bernhard Schlink- Diogenes

Den neuen Roman mit dem Titel "Olga" von Bernhard Schlink habe ich gelesen und zeitgleich gehört. Dies hat mir einen völlig neuen und dabei spannenden Zugang zu einem Text verschafft. 

Auf 5 CDs warten 354 Hörminuten auf den Romaninteressierten. Im Buch sind es 320 Seiten, die es zu lesen gilt. Man nimmt das Gelesene durch die wunderbare Betonung des Vorlesers Burghart Klaußner auf den CDs viel intensiver wahr, ist neugieriger auf das was kommt, weil die Stimme Klaußners Emotionen transportiert, die man selbstlesend, sich auf den Textinhalt konzentrierend,  wohl eher nicht bemerkt. 

Der Autor  von "Olga"  ist der Verfasser des weltberühmten Romans "Der Vorleser", der in 50 Sprachen der Welt übersetzt und mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. 

Die Romanhandlung beginnt zu Ende des vorletzten Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die aufgrund ihrer Neugierde und intellektuellen Fähigkeiten einen anderen Weg nimmt als er für sie gesellschaftlich vorgesehen ist. 

Olga wird in Schlesien als Arbeiterkind einer polnischen Mutter und eines deutschen Vaters  in Armut geboren und wächst, nachdem die Eltern an Fleckfieber sterben, bei ihrer Großmutter in Pommern auf. Ihr Verhältnis zu ihrer Großmutter ist alles andere als gut, weil diese aus ihr einen Menschen formen möchte, der Olgas Wesen nicht entspricht. 

Ein Lehrer gibt dem einsamen Mädchen Bücher aus der Bibliothek und der Organist lässt sie an der Orgel üben. Sie lernt die beiden Kinder der reichsten Familie im Dorf kennen, kann sich sich mit Herbert und Victoria anfreunden, weil die Geschwister "die Neugier und Bewunderung, mit der Olga sich für ihre Welt interessierte, unwiderstehlich" fanden. 

Olga möchte Lehrerin werden. Dazu muss sie in einer Aufnahmeprüfung die Kenntnisse der oberen Klasse der "Höheren Mädchenklasse nachweisen". Ihr fehlen aber die materiellen Mittel für diese Schule, deshalb entschließt sie sich, die Kenntnisse der oberen Klasse selbstständig anzueignen. Dies gelingt ihr aufgrund ihrer Intelligenz und ihres Fleißes mit Bravour. 

In dieser Zeit entwickelt sich die tragische Liebesbeziehung zu Herbert, der so völlig anders ist als sie, sich nicht für Bücher interessiert, sondern den eine undefinierbare Sehnsucht in die Welt hinaustreibt. Mit Herbert lernt der Leser einen typischen jungen Mann der Zeit vor dem ersten Weltkrieg kennen. Er möchte ein Übermensch werden und "nicht rasten und nicht ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und gegen andere abverlangte."

Olga findet seine Worte zwar hohl, aber das hindert sie nicht ihn zu lieben. Liebe und Anziehung sind eben keine Frage von Gesinnung, sondern der Emotionen, die sich nicht problemlos  steuern lassen. 

Olga wird Lehrerin in Tilsit. Herbert geht nach Afrika und führt als Mitglied einer Schutztruppe Krieg gegen die Herero. Hier skizziert der Autor in wenigen Sätzen die Grausamkeit der damaligen kolonialen Politik. Herbert vermeidet in seinen Briefen die Realität darzustellen. Er möchte Olga in erster Linie imponieren. Für ihn sind die Schwarzen ein Menschenschlag, der noch auf tiefster Kulturstufe steht. Für ihn wäre eine Niederlage ein "furchtbarer Rückschlag im zivilisierten Völkerleben". 

Nach seiner Rückkehr aus Afrika beginnt sein Reiseleben. Die Beziehung zu Olga ist sein Ruhepol, aber diese Verbindung, die nicht in einer Eheschließung münden wird, hindert ihn nicht seine Sehnsucht nach der Ferne auszuleben. 

Das Kind, um das sich Olga sich fortan während ihres Alleinseins  besonders kümmert heißt Eik. Wer dieses Findelkind tatsächlich ist, erfährt man auf den letzten Seiten des Buches. 

Nachdem Herbert Argentinien, Brasilien, die Halbinsel Kola, Sibirien und Kamtschatka bereist hat, plant er eine Reise in die Arktis und sucht Geldgeber für die Expedition. Olga hilft ihm dabei, frei sprechen zu erlernen, damit er in Vorträgen Fürsprecher für seine Expedition werben kann. 1911 findet er in Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg den ersten Förderer. 1913 dann beginnt Herbert die Expedition, von der er nicht mehr zurückkehren wird. 

Man erfährt  in der Folge von  Ereignissen im 1. Weltkrieg und vom sinnlosen Auslöschen einer Generation junger Männer, liest von der nicht enden wollenden Trauer Olgas um ihren Geliebten und  von ihrer einzigen Freude in diesen Jahren, ihrem Zögling Eik, der sich zu ihrem Entsetzen in einen strammen Nazis verwandelt. 

Olga ist sozialdemokratisch eingestellt und weigert sich ihren Schülern Rassenlehre nahezubringen. Mit 53 Jahren wird sie  von den Nazis aus dem Schuldienst entlassen,  nicht nur weil sie taub geworden ist, lernt aber in Breslau in der dortigen Hörschule das Lippenlesen und kann fortan als Näherin ihren Lebensunterhalt verdienen. 

Ihr gelingt 1945 die Flucht in den Westen, weil sie überleben und nicht so enden möchte wie Herbert. Hier arbeitet sie erneut als Näherin für mehrere Familien, erhält schließlich eine kleine Pension und näht nur noch für die Familie des Ich-Erzählers Ferdinand, der im 2. Teil des Buches die tragende Rolle einnimmt. Er ist der Sohn der Familie  und der neue Zögling Olgas. 

Zwischen den beiden entwickelt sich eine herzliche Freundschaft, die bis zum Ableben Olgas bestehen bleibt. Diese berührende Freundschaft der beiden ist intellektueller Natur und offenbart bei allem eine große Seelenverwandtschaft.

Dass Olga schließlich eines tragischen Todes stirbt, verwundert letztlich nicht. Er passt zu dieser Romangestalt. 

Die Romanhandlung endet allerdings nicht mit dem Ableben Olgas. Es folgt eine Art Entschlüsselung ihrer Lebensgeheimnisse durch Briefe, in deren Besitz Ferdinand nach seiner Pensionierung kommt. Diese werden hier in der Rezension natürlich nicht verraten. Durch Olgas Briefe an Herbert, die dieser nie erhalten hat, lernt man die sehr nachdenkliche Frau in ihrer Tiefe kennen und begreift ihre menschliche Größe, mit der sie ihr persönliches Schicksal gemeistert hat. 

Ein großer Roman mit vielen unterschiedlichen Facetten, der in erster Linie eine Verbeugung vor all den mutigen Frauen ist, die sich nicht blenden ließen von der pervertierten Stärkeverherrlichung und Großmannssucht mehrerer Männergenerationen, die im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fanden, aber letztlich in der Gegenbewegung der 1968er Generation auf moralischer Ebene bedenklich gespiegelt wurden. 

Dass das gedankliche Band zu Herbert bis zu Olgas Tod bestehen bleiben konnte, zeigt was geschieht, wenn man mit einem geliebten Menschen über den Tod hinaus noch hadert.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Alltagsfluchten- Geschichten und Atmosphären aus der Gegenwart- #Raimund_Schöll- Wiesenburg

Der Autor dieses Buches, das wunderbare Lyrik- und Prosatexte enthält, ist der gebürtige Münchner Raimund Schöll. Als Soziologe coacht er Führungskräfte, begleitet Organisationen in Veränderungsprozessen und berät Einzelpersonen und Paare in schwierigen Situationen. Dabei ist ihm Schreiben zu seiner zweiten Passion geworden. 

Neugierig auf die Texte hat mich das Cover gemacht. Es erinnert an Werke von Réne Magritte aber auch an Arbeiten von Salvadore Dali. Wer ein solches Cover gestalten lässt, möchte damit vermutlich eine Botschaft vermitteln. Auf diese Botschaft war ich gespannt.

Anstelle eines Vorwortes hat man Gelegenheit, Überlegungen zu Sisyphos von Albert Camus zu lesen, der diesen scheinbar absurd handelnden Menschen als glücklich bezeichnet hat und auch begründet, worin die verborgende Freude dieses Mannes bestand. 

Die rund 140 Texte Raimund Schölls sind in zwei Abschnitte untergliedert. Diese lauten: 

I. Rätselhafthaftes & Schicksalhaftes 

II. Zauberhaftes & Bedenkenswertes 

und beginnen jeweils mit vier Sentenzen. Die Verfasser dieser Zitate sind Ludwig Wittgenstein, Paul Valéry, Eugène Ionesco, Matthias Ohler, Albert Camus, Max Frisch, André Breton und Bruno Latour. 

Diese Personen, aber auch deren Gedanken zeugen vom geistigen Anspruch Raimund Schölls. Zu erfahren, ob er diesem mit seinen Texten gerecht wird, schafft weitere Neugierde und das erste Durchblättern des Buches schenkt dann das Aha-Erlebnis, weil man beim Lesen nicht chronologisch  vorgehen muss, sondern selbst die Reihenfolge entscheiden kann. Das beglückt natürlich. 

Lesen ist immer auch eine Zeitfrage. Worauf lässt man sich an stressigen Tagen ein? Auf längere oder kürzere Texte? Im Buch wird beides geboten und es werden auch Stimmungslagen berücksichtigt. Das Eintauchen in Lyrik bedarf anderer Gefühlsregungen als das Beschäftigen mit Prosa. Kurzum: Man fühlt sich als Leser verstanden und empfindet von daher Freude und Dankbarkeit, noch bevor man sich auf die Texte einlässt. 

Weil ich zunächst wissen wollte, ob der Autor wirklichen Sinn für Poesie hat, las ich zunächst dessen Gedichte und war mehr als nur angetan von der Qualität der Verse. Damit Sie eine Vorstellung davon erhalten, möchte ich eines der Gedichte hier wiedergeben. 

Ein Nachmittag auf Formentera 

Gischtgekrönt spülen 
die grünen Meereswellen 
Spuren aus dem Sand 
Eine Armada 
Grauer stoischer Wolken 
Begleitet ihr Lied 
Das ist der Süden- 
Launisch, divenhaft, verspielt
Feiert er sich selbst. 

Dies ist eine wahrlich gelungene lyrische Miniatur, ein Hohelied auf den Süden, das man immer wieder gerne liest, weil der Minimalismus in Gedichtform die Essenz dessen offenbart, was den Süden ausmacht.

Raimund Schöll nutzt Stilrichtungen der Kunst stilistisch gekonnt für seine Texte. Dabei ist er im Minimalismus ebenso zu Hause wie im Surrealismus und im Realismus. 

Realismus findet sich beispielsweise in der Sentenz, die den Titel - Sie Du Sie- trägt: 

"Für manche bist Du selbst dann ein Sie, wenn du ein Du verspürst. Naturgemäß gilt dies auch umgekehrt."

Doch kommen wir nun zu Raimund Schölls Geschichten, die sich zwischen Minimalistischem, Surrealem und Realem bewegend, als Lesestoff für gedankliche Alltagsfluchten bestens eignen. Im Grunde sollte man jeden Tag nur einen dieser Texte lesen und mit diesem dann ausgiebig gedanklich spazieren gehen. Das nennt man dann wohl Meditation.

Wer schon einmal in Prag war und dazu noch Kafka mag, sollte vielleicht mit dem Text "Prag" beginnen. Diese Geschichte ist sehr dicht geschrieben, dazu minimalistisch und surreal zugleich angelegt. Der Autor skizziert mit einigen Sätzen seine spontanen Eindrücke. Am Anfang fällt noch nichts Surreales oder irgendwie Absurdes ins Auge, obschon es Schöll wenig später dem Leser vor die Nase hält. Zuvor aber liest man folgende Sätze: "Plötzlich ein Gedanke: Lebte nicht Franz Kafka in Prag? Und- kafkaesk. Ach ja, das war es doch!" Raimund Schöll gelingt es in der Folge, wiederum mit wenigen Federstrichen,  die Stadt trotz der Geräuschkulisse, durch die Erwähnung des sensiblen Poeten dem Jetzt so zu entfremden, dass sie am Ende durch die Touristen mit ihren digitalen Klickautomaten kafkaesk erscheint. Das hat der Autor sehr hintersinnig entwickelt.

Wenige Seiten danach hat man die Gelegenheit, einen Essay über die "Sehnsucht" zu lesen. Dieser Essay hat mir besonders gut gefallen. Für den Autor ist Sehnsucht möglicherweise das unbeschreiblichste Gefühl, das wir Menschen entwickeln. So reflektiert er nicht grundlos, wonach wir sehnsüchtig sein können. Interessanterweise benennt er zum Schluss seiner Aufzählung die Sehnsucht nach nicht alltäglichen Gedanken. Eine solche Sehnsucht kennen vermutlich vorrangig Kreative. Es sei die Sehnsucht, die uns zu einem anderen Menschen mache, vielleicht weil sie letztlich Andacht oder auch Meditation sei, so Schöll. Doch ich möchte nicht zu viel verraten. Dieser Text könnte auch von Plutarch stammen, einem Plutarch allerdings mit der Poesie eines Franzosen, denn der Essay ist sehr philosophisch angelegt,  wurde jedoch mit der Leichtfüßigkeit eines Rokoko- Intellektuellen verfasst. 

Dann ist da die Geschichte, deren Titel "Aus" heißt. Es ist eine Geschichte, die sich als verfremdete, traurige Liebesgeschichte entpuppt, ganz beiläufig erzählt. Beeindruckend. 

Die Stoiker scheinen den Verfasser offenbar zu amüsieren, aufgrund ihrer mangelnden Lebendigkeit. Dies macht seine Geschichte "Der Stoiker" deutlich. Lichtgestalten sind sie für Schöll jedenfalls nicht gerade, das entnimmt man übrigens auch meinem ausgewählten Gedicht. Dort spricht der Dichter von "grauen, stoischen Wolken".

Leider ist es unmöglich im Rahmen der Rezension auf all die wunderbaren Texte einzugehen. Von daher freue ich mich schon jetzt auf das Interview mit dem Raimund Schöll.

Sehr angetan bin ich  von der Geschichte "Morgengezwitscher", in der der Autor verdeutlicht, dass sich letztlich alles, wenn auch vielleicht abgewandelt, wiederholt. Sisyphos lässt grüßen.

Eine der Geschichten trägt den Namen "Menschliche Größe". Dieser Essay korrespondiert mit den das Buch einleitenden Überlegungen von Albert Camus. Bezugnehmend auf Sisyphos fragt Raimund Schöll nach der menschlichen Größe, konkret, worin diese eigentlich besteht. Dieser Text ist meines Erachtens der Schlüsseltext zum Buch. Hier reflektiert und bejaht Schöll die Meinung Camus, dass man sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen möge und begründet dies auch. Ich zitiere nachstehend aus dem Text: "Den Stein zu rollen, ihn immer wieder neu ins Rollen zu bringen, ist das Leben und etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Menschliche Größe könnte also darin bestehen, kompromisslos ja zum Leben und seinen täglichen Herausforderungen zu sagen und das Rollen des Steins als tägliche Passion zu verstehen. Dem Absurden, Tragischen und Grotesken, das dabei täglich am Wegesrand lauert, ins Auge zu sehen. Und dass dabei auch Zauberhaftes geschieht, wer mag das ernsthaft leugnen?!"

Der Verlag fasst zusammen "Eine kaleidoskopische Reise durch die Lebensgefühle und Atmosphären unserer Zeit". Genau darum geht es. Raimund Schöll zeigt das Absurde, Tragische, Groteske aber auch das Zauberhafte, das täglich geschieht und verfremdet es zumeist ein wenig, so dass es fast surreal daherkommt und man  als Leser nicht selten auch ein bisschen träumen kann. 

Dabei ist Lebenskunst für den Autor: "Wenn ein Tag schön war, dafür zu sorgen, dass der darauf folgende Tag auch schön wird. Es jedenfalls zu versuchen." Das klingt zuversichtlich und alles andere als melancholisch. Das klingt nach "Carpe diem". Das klingt nach ungebrochener Lebenslust.

Bei all den Absurditäten, die uns täglich begegnen, ein solches Motto für sich und andere zu entwickeln, lässt auf einen Menschen schließen, der in sich ruht und noch immer Freude empfinden kann, ganz so wie Camus Sisyphus, für den sein Stein zu seinem Lebenselixier wurde.  

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Alltagsfluchten: Geschichten und Atmosphären aus der Gegenwart

Rezension: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt- Bodo Kirchhoff- Frankfurter Verlagsanstalt

Der Autor dieses Buches ist der Schriftsteller Bodo Kirchhoff. Er wurde im Herbst 2016 für seine Novelle "Widerfahrnis" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Der Ich-Erzähler seines vorliegenden Werks ist wie er ein Schriftsteller, allerdings von seinem Wesen her intellektueller Bedenkenträger. Als solcher verfasst er eine ausführliche Antwort auf eine kostenfreie Einladung zu einer Kreuzfahrt.

Das Angebot der Reederei besteht darin, zwei Wochen durch die Karibik zu schippern, auf dem Schiff eine Außenkabine mit Balkon zu bewohnen und zwar mit freier Verpflegung als auch mit freien Getränken an jeder Bar auf dem Dampfer. Diese und diverse andere interessante Vergünstigungen werden ihm unter der Bedingung gewährt, mehrere Lesungen aus seinen Werken innerhalb der 14 Tage an Bord für die zahlenden Gäste zu realisieren.

Wohlüberlegt  antwortet der Eingeladene der Agentin der Reederei -die Dame heißt Frau Faber- Eschenbach- und irritiert den Leser dadurch, dass er der Empfängerin des Schreibens einen Text übermittelt, dem es an einem heutzutage eigentlich üblichen Füllhorn von Absätzen mangelt. Der Schreiber zwingt auf diese Weise die Empfängerin seiner Zeilen, sich sehr konzentriert auf seine Gedanken einzulassen, um ihr eindringlich zu vermitteln, dass er es sich nicht leicht macht, mit seinen Überlegungen und der damit verbundenen Entscheidung.

Er sei kein Freund von Absätzen, scheibt er seinen Stil erläuternd. Seine Seiten seien Festungen. Indirekt droht er Faber-Eschenbach durch seine dicht geschriebene Replik bei Zusage, ohne größere Atempausen dem Bordpublikum aus seinen Büchern vorzulesen und begründet  alsdann sein Vorhaben gut nachvollziehbar. Seine Romane scheinen für die vergnügungssüchtige Kreuzfahrtpassagiere wenig geeignet, wenn man ihm glauben darf. Doch offenbar geht es bei seiner Anwesenheit mehr um seinen Namen und weniger um seine Texte.

Von den 4999 zahlenden Gästen auf dem Schiff werden nur wenige zu seinen Lesungen kommen, vermutet der nicht gerade optimistische Autor und äußert dies auch gegenüber der Reederei-Agentin. Er macht sich und ihr keine Illusionen und überdenkt voller Ironie die Verschiedenheit der zahlenden Gäste und seiner eigenen Person, dessen kulturelle Vorlieben nicht zu den von ihm vermuteten Präferenzen der restlichen Passagiere passen. Ob er Vorurteilen unterliegt, hinterfragt er  allerdings nicht.

Ein Schriftsteller lebt in seiner eigenen Welt, die offenbar nur schwer zu vereinbaren ist  mit jener der fiktiven Schiffsbesucher und deren fiktiven Affinitäten. Stets aufs Neue nimmt der Eingeladene sich und die Leute, die ihm auf dem Schiff möglicherweise begegnen könnten, auf die Schippe, so auch den pensionierten Studienrat, der ihm sachliche Fehler nachweisen möchte, "den falschen Konjunktiv, die irrtümliche Ortsangabe, das vergessene Wort", oder  auch  jene, die nur zu Lesungen kommen, um eigene Ambitionen zur verfolgen, nicht zuletzt auch die, die mit ihm eine Affäre beginnen möchten. Hier räumt er ein, dass eine geistige Affäre verheerender sein könne als eine gewöhnliche. Er scheint zu wissen, wovon er schreibt.

Seite für Seite nörgelt sich der Antwortgeber subtil ironisch durchs Buch, nimmt sich dabei selbst allerdings nicht aus, wenn es um seine wunden Punkte geht. 

Eine Publikumsbeschimpfung ist es allerdings auf keinen Fall, sondern wohl eher eine Botschaft, dass es oft Welten sind, die uns von anderen trennen und letztlich nur die Liebe, sei sie auch noch so fiktiv,  Brücken  zu bauen vermag. 

Warum ich bei dem schreibenden Gastkünstler im Buch an den verschreckten Schriftsteller  aus dem Film "Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" spontan denken musste, kann ich nicht so genau sagen, aber vielleicht muss ich das auch nicht...


Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Die Königin von Ägypten in Berlin- Imre Török- Epik

"Chagall, spiel die Geige des Himmels"- "Die Seele ist immer Jetzt." (Imre Török)

Imre Török, der Autor dieses Romans ist Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland, im Verband deutscher Schriftsteller (VS) und im ungarischen Schriftstellerverband. 

Seine Protagonistin im vorliegenden Buch ist  Djavidan Hanum,  die gebürtige Gräfin May Török von Szendrö (1877-1968). Sie ist eine Verwandte von ihm, die einige Jahre in Berlin lebte und dort einst ihr Buch "Harem" veröffentlicht hat.  

Die Pianistin und spätere Schriftstellerin Djavidan war mit dem Vizekönig von Ägypten verheiratet. Diese Ehe machte es möglich, dass sie später die "Häuser der Glückseligkeit" durch ein Buch entschleiern konnte. Nach ihrer Scheidung lebte die Aristokratin zunächst in Wien und danach u.a. in Berlin, wo sie auf den ungarischen Diplomaten Andreas trifft, der sie auf ihrer Mission begleitet. Später dann begegnet ihr die Balletttänzerin und Sängerin Sophie, die einst in Weimar am Staatstheater engagiert war. Bei den zuletzt genannten Romanfiguren handelt sich um die Eltern Imre Töröks, dessen Roman in Berlin, Istanbul, in Ägypten, in Weimar und im KZ- Buchenwald spielt und teilweise sehr surreal angelegt ist. 

Die Romanhandlung spielt in den Jahren 1942/43 und setzt sich kritisch mit dem damaligen System in  Deutschland auseinander. Der Romancier bringt es auf den Punkt, wenn er in den Text einfließen lässt: "Die Hitlerianer sind nicht nur Rassenhasser. Sind auch Frauenhasser."(39),denn die Frauen waren damals "zum Jubeln verdammte Soldatengebärmütter."(39). 

Das Schöne war für die schwarze Energie, die den Totenkopfkriegern innewohnte, niemals erreichbar, weil die "Schönheit des Gewissens" ihnen unzugänglich war. 

Djavidan bringt Andreas im Laufe des Romans, in welchem Reales und Irreales sonderbar verschwimmt, alltägyptische Magie, auch allägyptisches philosophisches Schönheitsdenken nahe und reflektiert die Abhängigkeit, die zwischen Gutem und Bösem besteht. Dabei sollte man wissen, dass Schönheit in der Vorstellung der Ägypter ein Idealzustand war. Dieser bezog sich nicht nur auf die Äußerlichkeit, sondern auch auf die innere Vollkommenheit des Menschen. So machten speziell Tugendhaftigkeit, gutes Benehmen und moralische Perfektion den Menschen schön und beliebt bei den Göttern. Das Prinzip der "Schönheit" war keineswegs auf das diesseitige Leben begrenzt, sondern galt auch darüber hinaus. *

An Kafkas berühmtes Zitat erinnernd, schreibt Török "Das gefrorene Meer des Krieges und die eiskalten Kriegstreiber waren an allem schuld, am Elend der Millionen, am Wahnsinn an allen Fronten, am Leiden in bestialischen Lagern, in zerbombten Städten."

Die ungarische Grafenfamilie Török beobachtet das Treiben des Bösen u.a. am Beispiel der KZ-Wärterin Ilse Koch und des Guten am Beispiel der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. 

"Die Seele ist immer Jetzt", so liest man. Deshalb auch können Djavidan und die allägyptische Pharaonin Nofretete miteinander kommunizieren und zwar auf einer Meta- Ebene, dort wo man auch mit Bäumen sprechen kann und von diesen verstanden wird, dort wo Traum und Alptraum nicht als Gegensatz begriffen werden, dort wo die Gedanken den Empfänger erreichen, ohne dass technische Hilfsmittel notwendig sind.

Es gilt die Dualität zu begreifen, lehrt uns dieser Roman. Todesboten und Lichtbringer weisen den Weg dorthin, wo die Menschheit sich in Gänze mit der Göttlichkeit des Alls vereinigt. In allen Jahrtausenden begegnen uns Lüge, Hass und Gewalt, aber auch Mitgefühl und Liebe. Nichts hat sich geändert seit dem Altertum, auch die NS-Zeit, in ihrer unglaublichen Perfidie war letztlich ein Wegweiser hin zu einer Welt, die der Dualität endlich abschwört und sich der wahren Aufgaben des Menschseins zuwendet: Der Schaffung einer Welt, die lichtdurchflutet, keine Dunkelheit mehr kennt.

"Chagall, spiel die Geige des Himmels" - " Die Seele ist immer Jetzt", so die Aufforderung und zentrale Botschaft Imre Töröks, die für aufmerksame Leser wegweisend sind.

Sehr empfehlenswert.

 Helga König

*vgl: Archäologie

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Rezension: Nach der Flucht- Ilija Trojanow- S. Fischer

Ilija Trojanow, der Autor dieses bemerkenswerten Buches wurde in Sophia geboren und floh als Kind mit seiner Familie 1971 nach Deutschland. Dort erhielten sie politisches Asyl. Ein Jahr später gingen sie nach Kenia und wohnten danach in Paris. Trojanow studierte Jura und Ethnologie in München, wurde Verlagsgründer, zog 1998 nach Bombay, 2003 nach Kapstadt und lebt heute, wenn er nicht reist, in Wien. Als Autor hat er viele Bestseller verfasst und zahlreiche Preise erhalten. 

Im vorliegenden Buch, das eine Aneinanderreihung von teilweise sehr poetischen Eindrücken und essayistischen Reflektionen eines Flüchtlings ist, macht er begreifbar, was einen Menschen, der geflohen ist, von anderen ein Leben lang unterscheidet. Ganz zu Anfang schreibt Trojanow zwei Schlüsselsätze "Der Flüchtling ist meist Objekt" und "Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch". Was es mit dem Inhalt dieser Sentenzen auf sich hat, wird in seinen Texten dann klar.

Als Kind von Vertriebenen kann ich diese Gedanken bestätigen und auch den ebenfalls im "Vorab" zu lesenden Satz "Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht."

Der Autor hat sein Buch in zwei Teile untergliedert. Im ersten Teil schreibt er "Von den Verstörungen" und stellt hier nicht zuletzt Überlegungen zur Sprache an. Die Scham, in der fremden Sprache nach der Flucht noch nicht zuhause zu sein und als Kind noch nicht zu wissen, dass Sprache Ermächtigung ist, führt bei vielen Flüchtlingskindern dazu, in ihr zu brillieren, - möglicherweise unterbewusst primär, um sich selbst verteidigen zu können -. 

Die Fluchterfahrung lehrt den Wert von Sprachkenntnissen zu schätzen."In fernen Ländern schneidet manch ein Geflüchteter dem eigenen Namen einige Konsonanten ab." Das geschieht nicht von Ungefähr.

Es ist unmöglich all die Eindrücke und Reflektionen im Buch in wenigen Sätzen zu skizzieren. Bestätigen kann ich u. a. auch aufgrund unzähliger Beobachtungen den Satz: "Die Irrungen und Wirrungen eines Menschen, der sich aussondert, selbst wenn er von niemandem ausgeschlossen wird, weil er eine unbändige Sehnsucht empfindet, einer unter vielen zu sein" (S.21). 

"Menschen fliehen aus Angst, verlieren alles, ihr Leben ist gefährdet, doch fühlen sich jene, wo der Flüchtling ankommt, nicht selten von ihm bedroht." Ist das nicht paradox? 

Trojanow macht begreifbar, dass der Flüchtling auf der Flucht Gemeinschaft kennenlernt, er später aber ein einsames Individuum sei. Auch das hängt mit der Sprache zusammen, weil selbst die perfekt erlernte Fremdsprache nicht die Muttersprache sei. Von Seite zu Seite wird immer ersichtlicher, wie unmöglich es für den Geflüchteten ist, jemals wieder wirklich sesshaft zu werden. Der Bewegungsdrang bleibt für immer, man sieht es an Trojanows Lebenslauf. 

Dann erfährt man von dem Verlust der Autorität des Vaters von Flüchtlingskindern. Auch dieses Phänomen hängt mit der fremden Sprache zusammen, die Kinder rascher lernen. 

Trojanow reflektiert zudem die Nostalgie von Geflüchteten, die in allen Familien immer wieder sonderbare Blüten treibt. Dem Autor erscheint sie mittlerweile als "höchste Form der Ignoranz", "als ichgefällige Empfindung". Genau so ist es.

Im zweiten Teil schreibt der Weltbürger "Von den Errettungen" und beginnt seine Reflektionen hier mit dem Satz "Heimatlosigkeit muss nicht falsch sein". Hier auch schreibt er, dass der Geflüchtete Bewegung verkörpere und kulturelle Entfaltung Bewegung ohne Geländer sei. Wie wichtig Vielfalt ist und weshalb man Entfremdung trainieren kann, ist auch nicht uninteressant zu erfahren und man nickt als Kosmopolit  natürlich eifrig bei Sätzen wie: "Die Vielfalt der Sprachen ist an sich schon Poesie" oder "Der Akzent ist die Handschrift der Zunge" oder auch "Die Gefahr ist nicht, dass wir überfremdet werden, sondern dass uns die Fremde ausgeht."

Worin die Vorteile eines Flüchtlings liegen? Es ist wohl die Sprachvielfalt und die kulturelle Bewegungsfreiheit, die man durch die Flucht erwirbt und die auch Grenzen im Kopf leichter überwinden lässt. Vielleicht  besteht darin das Tröstende des Verlusts.....


Ein großartiges Buch, das ich sehr gerne empfehle 

Helga König


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Rezension: Unsere Seelen bei Nacht- Kent Haruf

Der Autor dieses sehr berührenden Romans ist der 2014 verstorbene amerikanische Schriftsteller Kent Haruf. "Unsere Seelen bei Nacht" ist sein letztes Werk. Verfilmt wurde es mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen. 

Bei diesem lebensweisen Roman handelt es sich um eine Liebesgeschichte über die zweite Chance und die Freiheit des Alters. 

Die Protagonisten- Addie Moore und Louis Waters, sind beide um die 70 Jahre alt, beide sind verwitwet und leben seit vielen Jahren in der fiktiven Kleinstadt Holt und zwar nur ein paar Häuser voneinander entfernt. Beide haben erwachsene Kinder, die in anderen Städten wohnen. 

Beide leben zu Beginn der Romanhandlung nicht mehr auf Zukunft hoffend, sehr zurückgezogen. Obschon Addie und Louis seit langer Zeit gewissermaßen Nachbarn sind, wissen sie nur wenig voneinander. Da die immer noch aparte Addie sich sehr einsam fühlt und den pensionierten Lehrer mag, klingelt sie eines Abends bei ihm, erklärt ihm ihre innere Unruhe, besonders nachts und fragt ihn mutig, ob sie bei ihm schlafen könne. Ihre Bitte ist nicht sexuell motiviert. Sie möchte nur im Dunkeln neben ihm legen, möchte, dass sie miteinander reden und sich besser kennen lernen. 

Louis ist zunächst ein wenig irritiert, willigt dann aber in das Experiment ein. Dabei lassen die beiden sich nicht vom Kleinstadtgerede beirren, durch das ihre unakzeptable Beziehung alsbald thematisiert wird. 

Addie und Louis sind seelenverwandt, verstehen einander blendet, erzählen sich ihr gelebtes Leben und verlieben sich auf diese Weise immer mehr ineinander. 

Als ihre Kinder von der Altersliebe erfahren, wird ihre Beziehung auf die Probe gestellt… 

Dieser Roman erweist sich als eine schöne und dabei unsentimentale Liebesgeschichte, die den Lesern verdeutlicht, dass man sich auch im fortgeschrittenen Alter noch unsterblich verlieben kann aber auch, dass Liebende immer einen Weg finden, um sich  zumindest geistig und seelisch nahe sein zu können.  Eine erfreuliche Botschaft. 


Sehr empfehlenswert 

Helga König

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