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Rezension: Sofia- Erica Brühlmann- Jecklin- Zytglogge

Die Autorin dieses 10 CD umfassenden Hörbuchs mit dem Titel "Sofia- eine Frau aus dem Prättigau“ ist die Graubündnerin Erica Brühlmann-Jecklin. Ihr Roman erschien erstmals 2009 als gebundenes Buch. 

Der CD-Box ist eine Code-Karte beigefügt. Damit hat man die Möglichkeit, den gesamten Roman auch als MP3- Datei herunterzuladen. Die einzelnen CDs sind in wieder verschließbare Hüllen verpackt, in die man die CDs nach dem Hören erneut hineinschieben kann und sie auf diese Weise vor Staub und Kratzer zu schützen vermag. Eine lobenswerte Maßnahme.

Der Schauspieler Peter Kner liest mit angenehmer Stimme, einfühlsam den beeindruckenden Text, der sowohl inhaltlich als auch stilistisch mit feinen Linien das Leben von zumeist nicht wohlhabenden Selbstständigen und ihren Kindern nachzeichnet, deren Wurzeln im Prättigau in der Schweiz zu finden sind. 

Mit einem "goldenen Löffel" im Mund wurde keiner der Hauptfiguren geboren, auch die Protagonistin Sofia nicht. 

Das Prättigau, so entnimmt man dem Hörbuch, ist ein Tal des Flusses Landquart im Schweizer Kanton Graubünden und Teil der Region Prättigau/Davos. Die Familiengeschichte beginnt im Jahre 1897 mit der ersten fokussierten Generation. Hier hört man zunächst wie  Karl, ein junger Maler und Karolina, ein hübsches Zimmermädchen sich kennenlernen. Die beiden sind die zukünftigen Eltern von Sofia. Volkslieder ersetzen beim Einander-näher-kommen eigene Worte. Volkslieder sind das Kommunikationsinstrument, das die beiden schließlich zueinander führt.  

Der Kutscher Johannes und die Köchin Maria lernen sich 1899 kennen. Es sind die Eltern von Peter, dem späteren Ehemann von Sofia. Der Vater von Johannes ist ein armer Bergbauer. Johannes träumt von einem weniger beschwerlichen Leben als es sein Vater hat, schafft es aber nicht, seinen Lebenstraum umzusetzen und übernimmt dessen Last nach dessen frühem Tod gemeinsam mit Maria, während Karl und Karolina ihren eigenen Weg gehen. 

Karl eröffnet ein Malergeschäft, zudem betreiben die beiden alsbald ein Wirtshaus, dem eine Pension angeschlossen ist. Beide Paare werden Eltern einer großen Kinderschar, wie das in jenen Zeiten in ganz Europa nicht nur in ländlichen Gebieten üblich war. 1913 kommt das "Sommerkind" Sofia zur Welt, dessen Leben mehr als 90 Jahre andauern sollte. 

Die Eltern nennen dieses Kind Sofia, weil der Name "Weisheit" bedeutet und Karl glaubt, dass dieser Name das Mädchen beschützen wird. 

Karl, ein kluger, verantwortungsbewusster Mann, ist politisch interessiert, diskutiert gerne und stellt Betrachtungen über das Weltgeschehen an. Er weiß schon 1913, dass es Krieg geben wird und richtet sich darauf ein.  

Die Autorin hat offenbar viel recherchiert, um möglichst realistische Verhaltensmuster der Menschen im Prättigau nachzuzeichnen, die damals als nicht wohlhabende Selbstständige ihre Familien ernährten und mit harter Arbeit, jedoch geringen materiellen Mitteln ihren Kindern eine Zukunft verschaffen wollten. Die Genauigkeit vieler Details spricht für sich.

Man erfährt, welche Auswirkungen der 1. Weltkrieg in der neutralen Schweiz hatte und wie er von den Menschen im Prättigau wahrgenommen wurde aber auch, dass die Prättigauer den Krieg nicht wollten. Die Männer mussten an der "Grenze des Weltbrands" ihren Militärdienst und ihre Frauen die beschwerliche Arbeit in den kleinen Familienbetrieben, trotz ihrer vielen Kinder nun alleine verrichten. 

Gut ging es den Leuten in diesem ländlichen Gebiet der Schweiz nicht. Hier räumt die Autorin also mit einem Vorurteil im Hinblick auf die reiche Schweiz im letzten Jahrhundert auf. Reich waren weiß Gott nicht alle.

Brühlmann-Jecklin lässt in die spannende Erzählung immer wieder politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse einfließen, die sich auch auf diese entlegene Gegend in Graubünden auswirkten, trotz der Neutralität der Schweiz. 

Sehr gut sind Verhaltensmuster der Kinder untereinander geschildert. Gut auch ist erzählt, wie es schließlich dazu kommt, dass Sofia sich beim Tanzen in Peter, den Sohn des Bergbauern Johannes verliebt, den sie mit "Schmetterlingen im Bauch" Anfang der 1930er Jahre  heiraten wird. Vier Jahre später stirbt Karl, der Vater Sofias. 

Peter versteht Sofias ethische Einwände im Hinblick auf das, was im Nazi-Deutschland mit den Juden geschieht, nicht. Der Bergbauernsohn ist  kein nachdenklicher Mensch. Dass aus ihm später ein Trinker wird, der Sofias Leben zur Hölle macht, ahnt man zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. 

Das Leben der beiden besteht wie bei fast allen anderen Erwachsenen im Buch aus Arbeit, um in erster Linie die vielen Kinder, die im Laufe der Ehe das Licht der Welt erblicken, zu ernähren. Je mehr Peter zum Alkoholiker mutiert, umso intensiver lastet die Verantwortung für die Familie auf Sofia. 

Erica Brühlmann- Jecklin verdeutlicht facettenreich die seelischen Nöte ihrer Protagonistin, die trotz ihrer Gottesgläubigkeit sich entschließt, eines ihrer Kinder abzutreiben, sich unsäglich für ihren immer mehr in die Trinkerei abrutschenden Ehemann schämt, der sie im Delirium verprügelt und mit seiner Gewalttätigkeit zur Gefahr nicht nur für sie, sondern auch für ihre Kinder wird. 

Sie braucht Ewigkeiten bis sie den Entschluss fasst zu gehen, um ihre sieben Kinder alleine groß zu ziehen. Dabei bahnt sie ihnen - sich selbst vergessend- einen Weg, der jedoch nicht immer dort endet, wo man ihn vermuten könnte… 

Der Roman ist an keiner Stelle sentimental. Die Authentizität der Gefühle beeindruckt. Nichts wird beschönigt, auch nicht die Leere, die sich bei Sofia einstellt, nachdem Peter durch sein Verhalten ihre Liebe zu ihm zerstört hat. 

Man wird Zeuge der Resilienz und des Mutes dieser Frau, die es schafft, ohne staatliche Hilfe ihren Kindern einen vernünftigen Start ins Leben zu ermöglichen und man wird auch Zeuge davon, wie Sofia am Ende ihres Lebens keineswegs verbittert, sondern immer weiser werdend, ihrem Namen alle Ehre erweist. Wollte ihr Vater sie mit dem Namen schützen, ist es ihr aufgrund ihrer Klugheit gelungen, sich vor Bitterkeit zu bewahren, weil sie grenzend ziehend, vergeben konnte.

Sofia hadert nur ein einziges Mal mit ihrem nicht einfachen Leben, dessen Inhalt eindeutig ihre Kinder sind. Die Kreativität, die sie entwickelt, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Nachkommen zu verdienen, ist bewundernswert. An ihrem Beispiel wird  begreifbar, wie notwendig die Emanzipation der Frau nicht nur in der Schweiz im letzten Jahrhundert war, wie wichtig auch Empfängnisverhütung ist, die überall auf der Welt nicht selten das Ende von Not und Elend bedeuten kann. 

Schon seit Langem hat mich kein Roman mehr so sehr bewegt wie dieser. "Sofia" in die Reihe üblicher Frauenromane einzureihen, hieße, ihn in seiner Tiefe nicht ausgelotet zu haben. Der Stoff eignet sich für einen niveauvollen Film mit sehr guten Darstellern und hat mich, was seinen Beginn anbelangt, an den Roman "Schlafes Bruder" denken lassen. 

Erica Brühmann-Jecklin bietet mit ihrem Hörbuch den Lesern anspruchsvolle Literatur, von der ich mir wünsche, dass sie Thema auch in der Talk-Show von #Markus_Lanz wird, der als Südtiroler den Inhalt der geschilderten Welt sicher besonders gut nachvollziehen und vor großem Publikum einfühlsam zur Sprache bringen kann. 

"Sofia, eine Frau aus dem Prättigau" hat es verdient, auf großer Bühne kommuniziert zu werden 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König


Das Hörbuch  ist überall im  Fachhandel erhältlich

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Rezension: Alma- Dagmar Fohl- Gmeiner

Dagmar Fohl, die Verfasserin dieses sehr berührenden Romans hat Geschichte und Romanistik in Hamburg studiert und als Historikerin sowie Kulturmanagerin gearbeitet. Heute lebt Fohl als freie Autorin in der Hanse-Stadt. Dort schreibt sie Romane über Menschen in Grenzsituationen. 

Das Vorwort zu diesem Buch stammt von Ester Bejarano. Sie war einst Sängerin und Akkordeonistin des Mädchenorchesters von Ausschwitz und ist heute Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. Bejarano beginnt ihr Vorwort mit dem Satz  "Wir erleben weltweit eine Zeit der Fluchtbewegungen" und beendet es mit dem Wunsch "Möge der Roman etwas bewirken in den Zeiten zunehmender Entmenschlichung“. 

Dazwischen dann liest man Reflektionen der Gegenwart und der Vergangenheit und wird neugierig auf diesen Roman, dessen Titel zwar ein Frauenname ist, der sich inhaltlich aber mit der Lebensgeschichte des assimilierten Juden und Cellisten Aaron Stern befasst.

Dessen Vater betreibt in der 2. Generation einen Musikhandel.  Aaron berichtet zunächst von seinen Eindrücken in der NS-Zeit als Schüler nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze und wie damals der Hass seiner Mitschüler und einiger Lehrer auf Juden und damit auch auf ihn wuchs. Er erzählt wie er allmählich immer mehr ausgegrenzt wurde, nach der Obertertia das Gymnasium verließ und bei seinem Vater eine Lehre als Musikalienhändler begann. 

Aaron berichtet von den Schikanen der Nazis in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg, auch wie sein Vater misshandelt wurde und eine schwere Herzattacke erlitt, woraufhin Aaron 1937 im Alter von 20 Jahren den Musikhandel vollständig übernahm. Zu diesem Zeitpunkt lernt er Leah kennen. Sie ist drei Jahre älter als er.  Die beiden verlieben sich ineinander Als Leah schwanger wird, beschließen sie Deutschland zu verlassen.  Ihr Vorhaben führt sie nach großen Schwierigkeiten bis an die Küste Kubas. Die zu früh geborene, schwache Tochter haben sie schweren Herzens in einer deutschen Familie zurückgelassen. Eine falsche Geburtsurkunde soll die kleine Alma dort schützen. 

Aaron schreibt von den traurigen Begebenheiten und den Ängsten der Menschen auf dem Schiff, nicht zuletzt als man den Passagieren dort die Einreise verweigert. Man nimmt Anteil an der leidvollen  Odyssee von Aaron und Leah,  die im Konzentrationslager Auschwitz endet. 

Aaron überlebt die Zeit dort und auch  jene in Bergen-Belsen, dem Ort des Grauens, dessen Leichenberge zu Kriegsende die Welt erschütterten.  Auch darüber schreibt Aaron, für den die KZ-Tortur mit Verlust von allem, was ihm etwas bedeutet hat, endet. Aaron ist  nun Mitte 20. 

Nach 1945 erlebt Aaron weiterhin viel Ungutes. Hierzu gehört nicht zuletzt auch das Verhalten der Deutschen, die von all der Entmenschlichung nichts gewusst haben wollten.  Jetzt sucht der Vater seine Tochter, hört von ihrem Tod in der Ostsee,  ist untröstlich, doch dann kommt alles anders…. 

Musik  ist das versöhnende Element und  das Sinnstiftende, das über sinnentleerte Zeiten trägt.

Der Roman ist sehr flüssig und packend geschrieben. Dabei sind Figuren glaubhaft charakterisiert und der historische Hintergrund schonungslos ausgelotet. Man fühlt den Schmerz Aarons, begreift jene KZ-Häftlinge, die aufgrund ihrer Hoffnungslosigkeit Suizid begingen und stellt sich erneut die Frage, wie diese perverse  Entmenschlichung damals überhaupt möglich werden konnte und ob die Gefahr besteht, dass  ein solches Unrecht sich in Europa erneut zutragen könnte?

 "Alma" ist ein Roman, den ich allen wärmstens ans  Herz lege. Er ist ein wichtiges Dokument, das wachrüttelt und uns bewusst macht, in welchen Zeiten wir leben aber auch wogegen wir uns aussprechen müssen:  Es ist der wachsende Rechtsradikalismus, der ohne Zweifel erneut ins Verhängnis führen kann. 

Verschenken Sie das Buch möglichst oft. Es schafft Bewusstsein. Dies  ist derzeit bitter  notwendig.


Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Handel erhältlich
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Rezension: Der jüngere Bruder- Uwe Prell- C.M. Brendle Verlag

Uwe Prell arbeitet als freiberuflicher Dramaturg, Redakteur und Autor. Neben seiner beruflichen und literarischen Tätigkeit wurde er im Fach Politikwissenschaften promoviert und in Neuerer Geschichte habilitiert. 

Sein Roman "Der jüngere Bruder" spielt in den  Jahren 1967 und 1977 in der Bundesrepublik Deutschland und befasst sich mit einer möglichen Ursache, die junge Menschen zu vermeintlichen Mittätern oder Sympathisanten der Roten Armee Fraktion (RAF) gemacht haben könnte: Angepasstheit an überkommene Verhaltensmuster. 

Im Frühling 1977 wurde in Karlsruhe vom "Kommando Ulrike Meinhof" Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft von einem Motorrad aus in ihrem Auto erschossen. Allerdings wurde der Täter bis heute nicht zweifelsfrei identifiziert. 

Volker Löffler, der Protagonist in Uwe Prells Roman, ist der Freund des jüngeren Bruders eines möglichen Beteiligten des Mordanschlags. Wegen der vermuteten Nähe zu Edgar wird er von der Polizei verhört.

Wie schon erwähnt, spielt der Roman auf zwei Zeitebenen. Diese wechseln immerfort und machen deutlich, dass die späteren Ereignisse ohne die früheren so hätten nicht stattfinden können, sie eine Folge von unreflektiertem, vorangegangenem Handeln darstellen.

Man erlebt Volker und seinen Freund Achim Höger sowie dessen älteren Bruder Edgar im Jahre 1967. Volker und Achim sind noch halbe Kinder, aber in ihrer Freizeit bereits der "bündischen Jugend" angeschlossen. Dort ist  auch der ältere Bruder als Scout aktiv. 

Wissen sollte man, dass die bündische Jugend eine Jugendbewegung  ist, die schon in der Weimarer Republik entstand und einst das Menschenbild eines Mannes als Ritter pflegte, der sich freiwillig der Disziplin und Selbstdisziplin unterordnet und im Dienst seines Bundes und dessen Zielen steht. Die Bündischen waren offenbar bestrebt, Gruppen zu bilden, die den Charakter eines Lebensbundes hatten, das heißt, Treue und ein Füreinander-Einstehen bis ans Lebensende waren selbstverständlich.

In der NS-Zeit wurden die Bündischen verboten, weil sie in direkter Konkurrenz zu der Hitler-Jugend standen. Wie man Wikipedia entnehmen kann, warfen Ende des Dritten Reichs Kritiker der Bündischen Jugend vor, "Steigbügelhalter des Nationalsozialismus gewesen zu sein, indem sie ähnliches Gedankengut wie "Führen und Folgen", "soldatische Tugenden" oder Patriotismus transportierte." 

Unklar ist offenbar, ob die bündische Jugend heute noch fortbesteht. In Prells Roman tut sie es. Hier erlebt man dieses "Führen und Folgen" innerhalb der von ihm beschriebenen bündischen Gruppe und sieht wie die Gruppenmitglieder besagte soldatische Tugenden, sprich Kameradschaft, Entschlussfreude, Standfestigkeit, Tapferkeit und Durchhaltevermögen erlernen. Das, was in der Gruppe geschieht, will so gar nicht in die Zeit passen, in der man in der damaligen Studentenbewegung eine freie Erziehung propagierte und "Love and Peace" ein zentrales Lebensmotto vieler junger Menschen war. Offenbar lebt das Bündische von Generation zu Generation in der fokussierten Region fort  - ungeachtet des Zeitgeistes- , ganz ähnlich wie bestimmte Verhaltensmuster in  Burschenschaften. 

Nach der Lektüre des Buches wird klar, dass es diese alten Verhaltensmuster sind, die die drei Jungs zu einer verschwiegenen Schicksalsgemeinschaft zusammenschweißte, die vielleicht ungewollt politisch agierte, ohne möglicherweise tatsächlich politisch motiviert zu sein. Sang man 1932 bei den Bündischen  noch "Wenn die bunten Fahnen wehen", sang man 1970 stattdessen "Let it be", doch man passte das Gruppenverhalten nicht dem veränderten Zeitgeist an und lebte letztlich auch die immer gleichen Konflikte aus.

Die Ermordung Siegfried Bubacks durch Mitglieder der Roten Armee Fraktion war der Auftakt des Terrorjahres 1977, der im sogenannten "Deutschen Herbst" gipfelte. Buback einst Mitglied der NSDAP, wurde dennoch 1953 Staatsanwalt und 1974 Generalbundesanwalt. Bereits vor seiner Amtszeit war er für die Fahndungen nach führenden RAF-Terroristen der ersten Generation verantwortlich. Das machte ihn zum idealen Feindbild der Terroristen der II. Generation, die ungleich gewalttätiger den Kampf gegen das Establishment fortsetzten, weil  sie  von Rachegedanken durchdrungen, völlig emotional reagierten. 

Edgar, Achim oder auch Volker - keine Täter-  haben in der bündischen Jugend Verhaltensmuster gelernt, die sie zu geeigneten Handlagern militanter Gruppierungen machte, ohne politisch motiviert zu sein. Willige Helfer gab es auch in der NS-Zeit zur Genüge. Diese wurden damals in der Hitlerjugend herangezogen, in der ähnliche Ideale wie in der bündischen Jugend hochgehalten wurden. 

Sowohl Volker als auch Edgar trauern nicht erkennbar um den Freund und Bruder Achim, der bei einem Motoradunfall ums Leben kommt. Das ist erschreckend. Diese Unfähigkeit zu trauern haben die beiden mit der Nazigeneration gemeinsam und dies hängt wohl in erster Linie mit einer falsch verstandenen Selbstdisziplinierung zusammen, die sie von ihrem Selbst und damit auch von ihrer inneren Stimme getrennt hat.

Uwe Prell transportiert in seinem Werk den Zeitgeist jener Tage, der sehr widersprüchlich und nicht auf Konsens ausgerichtet war, weil Sprachlosigkeit einen Dialog nicht nur zwischen den Generationen nahezu unmöglich machte, sondern auch weil alte Strukturen überall verdeckt, das Liberale hemmend, fortlebten.

Was fehlt, ist eine wirkliche Nähe zum Du. Sie kann nicht durch Kameradschaft ersetzt werden. Das zeigt sich auch im Umgang mit Lydia, die von den drei jungen Männern mehr als Trophäe, denn als Mensch, der geliebt werden möchte, gesehen wird.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Die Spionin- Paulo Coelho- Roman. Diogenes

Der Autor dieses Romans ist der Brasilianer #Paulo_Coehlo. Seine Bücher wurden in 81 Sprachen der Welt übersetzt und haben bislang eine Auflage von über 210 Millionen Exemplaren erreicht. Der Romancier hat zudem weltweit die meisten Follower in den sozialen Medien.  

Die Protagonistin des Romans "Die Spionin" ist die niederländische Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle (1876-1917), die einst den Künstlernamen Mata Hari trug. Das Leben und Schicksal dieser Tänzerin wurde 1931 bereits erstmals verfilmt. Seither verbindet man Mata Haris Aussehen mit der Schönheit von Greta Garbo, die im damaligen Film die Hauptrolle spielte. Blättert man zunächst in Coehlos Roman, entdeckt man diverse Abbildungen der Künstlerin, die fast ein wenig enttäuschen, weil das geistige Auge diese Fotos ungewollt mit Filmbildern der  göttlichen Garbo vergleicht. 

Was ließ Margaretha Geertruida Zelle, die auf ihrem Hochzeitsfoto als 18 jährige neben ihrem 21 Jahre älteren, glatzköpfigen Ehemann ungemein bieder erscheint, so über sich hinauswachsen, dass halb Europa ihr  später zu Füßen lag? Coehlo beantwortet diese Frage, indem er seine Protagonisten selbst zu Wort kommen und erzählen lässt.

Als Schülerin wird Margaretha vom Direktor der Schule, die sie besuchte, vergewaltigt und begreift den Offizier, der um ihre Hand anhält, zunächst als ihre Rettung. Mit ihm geht sie nach Niederländisch-Ostindien und muss dort ihren krankhaft eifersüchtigen Mann ertragen, der sie sexuell demütigt.

Sie lernt auf Java Ausdruckstänze kennen, die sie später in Europa berühmt machen werden, trennt sich von ihrem Mann und wird Tänzerin für klassisch-orientalischen Tanz. Jetzt lebt sie von Männern, die Gunst und Juwelen als Gegenleistung für Zärtlichkeit und Lust akzeptieren. Doch da hat sie den Zugang zu ihrem Körper schon lange verloren und setzt ihn nur noch gewinnbringend ein. 

Coehlo lässt die Tänzerin sagen: "Fast alle Männer, die ich kennengelernt habe, schenken mir Schmuck, gaben mir einen Platz in der Gesellschaft und nie habe ich bereut, sie kennengelernt zu haben- mit einer Ausnahme: der Direktor meiner Schule in Leiden, der mich vergewaltigte, als ich sechszehn war." Dieser Satz kann als Schlüsselsatz gedeutet werden, um die Persönlichkeit dieser durch die Vergewaltigung entseelten Frau zu begreifen.

Man erlebt Mata Haris Verwandlung hin zur "weiblichsten aller Frauen, deren Körper imstande war, unfassbare Tragödien darzustellen", wie die Presse damals schrieb und lernt ihren Freiheitsdrang zu verstehen, den sie im Tanz auslebte. 

Sie habe nicht Liebe, sondern Freiheit gesucht, weil sie gewusst habe, dass die Liebe komme und gehe, sagt sie nicht grundlos.

Irgendwann ist man Mata Hari in Paris, wo sie ihre Glanzzeiten erlebt, überdrüssig. Sie begibt sich nach Berlin, um dort ihr Glück erneut zu versuchen und wird später angeblich Doppelagentin, um ihr Leben in schwierigen Zeiten finanzieren zu können. 

Nach ihrer Verhaftung bestreitet sie bis zum Schluss die Agententätigkeit, wird aber des Hochverrats angeklagt und schließlich hingerichtet. 

Coehlo zeichnet das Bild einer tapferen Frau, die von sich selbst sagt, dass sie im falschen Jahrhundert geboren worden sei, sie letztlich Opfer einer Justiz war, die sie dafür abstrafte, dass sie frei sein wollte, dass sie mit Männern Sexualbeziehungen eingegangen war, deren Ruf um jeden Preis gewahrt werden musste. Das war nur möglich war, wenn sie von der Bildfläche verschwand. 

Mata Hari wurde, wie so viele Frauen vor und nach ihr, Opfer von Intrigen. Sie war eine Männer-Fantasie und wurde von Männern  genau dafür hingerichtet.

Ob Mata Hari oder Gräfin von Reventlow oder wie sie alle hießen, keine konnte ungestraft frei, vor allem sexuell frei sein in jenen Tagen als Doppelmoral angesagtes Programm war. Was ihnen blieb war, die Konsequenzen für ihren Freiheitsdrang, ohne zu jammern, zu akzeptieren, um auf diese Weise ihren Selbstwert nicht zu verlieren.

Der Text  ist flüssig geschrieben, lässt Poesie bei allem Realismus nicht vermissen und eignet sich in einer Nacht "verschlungen" zu werden.   

Empfehlenswert 

Helga König

Das Buch ist überall im Handel erhältlich
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Mein Engel wacht im Küchenschrank- Charlotte Stern- tao.de

Engeldarstellungen kannte man früher zumeist nur als Teil der Innenausstattung in katholischen Kirchen, auf Bildern über dem Bett kleiner Kinder oder als kitschigen Weihnachtsschmuck. 

Engel zu vermenschlichen, war schon immer eine Unverschämtheit, denn Engel sind unsichtbare Lichtwesen, ohne Flügel und ohne goldene Locken. Sie übernehmen gewisse Schutzfunktionen und wollen vermutlich ansonsten in ihrer Welt des Nicht- Dinglichen in Ruhe gelassen werden.  

Irgendwann vermarktete ein hochwertiger Porzellanwarenhersteller entzückende Biskuitengel, die das vom Kommerz  geprägte Kinderherz in uns zum Frohlocken brachten. Endlich Weihnachten, das ganze Jahr….! Geschenke im Überfluss...!  Zu diesem Zeitpunkt war der Engelkult allerdings schon allgegenwärtig. Deshalb musste auch im Premiumbereich darauf reagiert werden. Engel für jedermann. Engel für alle.

Beim Heinrich- Böll-Leser meldete sich beim Anblick der Biskuitteile sofort die Erinnerung an eine Erzählung mit dem Titel "Nicht nur zur Weihnachtszeit" und hier an die hysterische Tante Milla und ihren Wunsch nach Dauerweihnachten. 

Sind mittlerweile viele Menschen, ähnlich wie Tante Milla hysterisch geworden? Oder weshalb finden sich vielerorts immer öfter mit Engeldarstellungen zugemüllte Wohnungen? Was erwarten Leute von diesem Tand in allen Preislagen? Doch nicht etwa Schutz? 

Wer sich im Internet kundig macht, erfährt viel Esoterisches über diese von der Industrie vergewaltigten Himmelswesen. Zwischenzeitlich gibt es Hunderte von Büchern und Karten, die das Thema esoterisch ausloten, zudem hat die Industrie mittlerweile Unmengen von  Bildern, Figuren, Essenzen und tausend anderen Dingen auf den Markt geworfen und es werden sogar Engelkurse angeboten. Man hat nicht zuletzt die Möglichkeit, selbst zum Engel zu werden. Das aber setzt dauerhafte Hilfsbereitschaft voraus, die in unserer Gesellschaft eher unterentwickelt ist. 

Charlotte Stern hat eine kurzweilig zu lesende Geschichte geschrieben, die den ironischen Titel "Mein Engel wacht im Küchenschrank" trägt. Hier erzählt sie Episoden aus dem Leben von Lucy, einer jungen beruflich aufstrebenden, verheirateten Frau, die plötzlich den esoterischen Engelkult für sich entdeckt und die  eheliche Wohnung zu einer Engel-Kultstätte umfunktioniert. Lucy, übersetzt, "die Leuchtende" ist als Namen für die phasenweise engelbesessene Protagonistin sehr gut von Carola Stern gewählt worden, deren Nachname, dieses Leuchten erleuchtend spitzbübisch spiegelt. 

Der Leser erlebt in dieser an eine Komödie erinnernden Geschichte die Schwierigkeiten  einer durch den Kult immer mehr verblendeten jungen Frau mit ihrem Ehemann sowie im Beruf und auch ihr Erwachen aus dem selbst gestalteten Alptraum, der sie erwachsen geworden, in ihr Leben entlässt, dessen positive Seiten sie nun- gewissermaßen erleuchtet-  erkennt.

Die Erzählung eignet sich sehr gut dazu, als turbulente Komödie verfilmt zu werden. Sie ist amüsant, fein ironisch und voller Verständnis für die betroffene Klientel.  Das macht sie eindeutig:

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Wer wir waren- Roger Willemsen- S. Fischer Verlage- Essay

Roger Willemsen hat bis zu seiner Krebserkrankung im Sommer 2015 an einem neuen Buch gearbeitet. Es sollte den Titel "Wer wir waren" tragen. Die zentralen Gedanken des Werkes hatte er damals schon in einer packenden "Zukunftsrede" formuliert und sie am 24. Juli 2015 gehalten. 

Die S. Fischer Verlage machen im vorliegenden Buch die essayistische Rede den Lesern und Leserinnen zugänglich, weil sie das Vermächtnis des vielfach ausgezeichneten Autors ist. 

Es handelt sich  um einen  sehr bedrückenden und zugleich melancholischen Text, der sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen lässt. Den Infos des Verlags ist zu entnehmen, dass es sich auch um ein "leidenschaftliches Plädoyer" für die "Abspaltung aus der Rasanz der Zeit" handelt. 

So liest man gleich zu Beginn Sätze wie "Die Welt altert in Schüben. Wir bestimmen die Dynamik ihres Alterns mit " und ist neugierig auf das, was kommt. Was hat sich in uns verändert, seit es Radios in Autos gibt? Seither begegnen sich zwei Geschwindigkeiten "Fahrgeschwindigkeit stößt auf musikalisches Tempo. Plötzlich wird es möglich, Hochgeschwindigkeit zu fahren und einen Trauermarsch dabei zu hören. Der Kopf übertrifft sich schon in diesem Fall in neuen Höchstleistungen der Synchronisierung." 

Wir stumpfen ab in der Zange von Rasanz und Bilderfluten. "Bewusstsein", "Aufmerksamkeit" oder "Bedeutung" sind nicht mehr möglich. "Bewusstzuwerden hieße, in der Gegenwart anzukommen, die einmal die unsere gewesen sein wird." Rasanz macht dies aber unmöglich. 

Der Zeitindex allen Erlebens habe sich verändert. Aus dem Transit sei ein Prinzip geworden und das In-die-Irre-Gehen des Flaneurs sei dem Zoom gewichen. Wir, die wir im Internet zuhause sind, wissen das und widerstehen jeglicher Larmoyanz, weil wir amgestumpft genug sind.    

Sogar im öffentlichen Raum schwänden die Transitzonen des reinen Wartens, würden mithin  die Fristen der nicht effektiven Zeiten knapp und damit Selbstversenkung unmöglich. Von überall her komme Musik, strömten Bilder und Informationen … Stimmt. 

Das hat aus uns andere werden lassen. Abgestumpfte.

"Wir horten eine Art schlechtes Gewissen angesichts der Flüchtigkeit und kultivieren sie weiter, die flache Aufmerksamkeit, die jedes Detail weniger prägnant, auch weniger beeindruckend erscheinen lässt."

Wir ertrügen uns nicht mehr ohne mehrere Parallelhandlungen. Das wollen wir nicht leugnen. Und es stimmt auch, dass das eigene Ich von einer Müdigkeit erreicht wird, "einem Welken, einem Überdruss an sich selbst", die im Grunde nur durch unseren virtuellen Tod gestoppt werden können, dargestellt durch das Löschen der zuletzt geposteten Selfies. 

Roger Willemsen lädt ein zum Verweilen, wissend das der Augenblick sehr schön sein kann. Lernen wir also wieder das Staunen, damit wir wieder die sind, die verschwanden. 

Twittern werde ich als Fazit über "Wer wir waren": "Brillantes Denken geht mit brillanter Sprache einher. Chapeau."  

Anschließend werde  ich über nachstehenden Satz von Roger Willemsen nachdenken: "Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten" und erneut trauern, um diesen  wunderbaren Menschen.

Maximal empfehlenswert 

Helga König


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Rezension: Die Chroniken der Windträume" Die Saga von einer wundersamen Reise zu sich selbst- - Jando- KoRoS Nord

Autor dieses modernen Märchens für kleine und große Leser ist Jando. Der Norddeutsche ist ein moderner Geschichtenerzähler, der in seinen Texten zeitlose Botschaften übermitteln möchte.

Wie man den Informationen zu seiner Person im Buch entnehmen kann, entwickelt er seine Geschichten während ausgedehnter Wanderungen entlang der Nordseeküsten und auf seinen Lieblingsinseln. Jando fasziniert mittlerweile einen großen Leserkreis mit seinen zu Geschichten gewordenen Träumen, die sogar in Asien  für Begeisterung sorgen. 

Bei der Lektüre des Märchens entdeckt man immer wieder mit dem Text korrespondierende Illustrationen, auf denen Symbole für Freiheit, Träume, Abenteuer, für Hoffnung und auch für die Liebe visualisiert worden sind. Die hübschen Illustrationen stammen von der Künstlerin Antjeca. 

Um die soeben genannten Themen geht es in dem Märchen, das am Beispiel eines Vaters und seines Sohnes aufzeigt, dass die Menschen in ihrer Gefühlswelt seit Ewigkeiten sich mit den gleichen Ängsten und Nöten auseinandersetzen und  stets aufs Neue nach Lösungen suchen. 

Tom und sein Sohn Jan leben am Meer und erzählen dort in unterschiedlichen Jahrzehnten ihre Sorgen dem Herrn der Winde, der ihnen wie ein alter Philosoph sehr weise antwortet und insofern dazu verhilft, mit dem, was ihrem Herzen Kummer bereitet, fertig zu werden. 

Das Märchen nimmt seinen Anfang mit einem Gedicht, dessen erste Zeile schon ein wenig andeutet, wohin die Reise führen soll: 

"Lass deine Seele frei."

Die eingekerkerte Seele, die man nicht zu Wort kommen lässt, macht die Menschen krank und lässt sie vereinsamen. Der Wind lehrt Vater und Sohn anhand von Beispielen, die eigene Seele freizulassen, um auf diese Weise Träume zu verwirklichen und sich von Kummer zu befreien. 

Es geht um Liebe und Tod, um Abschied und Neuanfang, um Ungesagtes und auch darum, zu erkennen, weshalb es so wichtig ist, sich auszusprechen mit Menschen, die uns am Herzen liegen. Oft können Missverständnisse durch ein klärendes Wort rasch beseitigt werden. Wir alle wissen es und handeln dennoch ab und an unglaublich unklug.

Man sollte die Liebe leben, die in uns existiert, rät Jando und lässt eine seiner Märchenfiguren sagen, dass man hierbei durchaus etwas riskieren muss, z. B. dem Menschen, den man liebt, dies auch mitzuteilen. 

Man wird mit Weisheiten konfrontiert, die bei Zynikern vermutlich für Häme sorgen, die aber trotz allem wahr bleiben, so etwa die Botschaft "Verzweifel nicht. In jeder Verzweiflung liegt auch immer eine Hoffnung." Oder beispielsweise: "Wer lernt, sein Inneres auch außen zu zeigen, gewinnt an Stärke und Mut. Aber vor allem wird er geliebt, weil er so ist, wie er ist." 

Die Essenz dieser Weisheiten, die jeder Mensch für sich neu entdecken und erkennen sollte, um seiner Seele Weite zu schenken, wird in diesem Buch mit der Sentenz "Liebe überdauert Zeit und Raum. Liebe ist." vortrefflich auf den Punkt gebracht.

Das genau scheint der Kerngedanke zu sein, der den beiden in diesem Buch zusammengeführten poetischen Märchen vom Vater und Sohn und ihren Erfahrungen mit dem Herrn des Windes zu Grunde liegt. 

Liebe ist in uns allen. Es liegt an uns ihr eine Chance zu geben. Wer liebt, kann loslassen und sich unbefangen erinnern, weil Liebe und Erinnerung ewig im Herzen verweilen. 

Bewusst habe ich die Handlung des Märchens nur angedeutet. Ich hoffe aber, Sie nun neugierig genug gemacht zu haben, um ein Buch zu lesen, in welchem Sätze vorkommen wie: "Eine kleine Sternschnuppe löste sich vom Himmel und fiel der Erde entgegen." 

Solche Sätze muss man auf sich wirken lassen, wenn man das Leben wie einen Regenbogen begreifen möchte und der Seele Freiheit schenken will, sei es um neue Kraft aufzubauen oder aber unverdrossen kreativ zu sein. 

Ohne Träume lässt sich unser Leben nicht realisieren.  Wie schön, dass Jando uns hier den Traum vom Meer und dem Wind schenkt, der Sehnsucht und Hoffnung zugleich auslöst und uns erkennen lässt, dass in uns unendliche Liebe darauf wartet, sie in die Welt zu bringen, um uns und andere zu beglücken.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Vom Mann, der auszog um den Frühling zu suchen- Eine Reise zur Leichtigkeit- Clara Maria Bagus

Clara Maria Bagus, die Autorin dieses klugen Textes, der sich als poetisches Märchen für Erwachsene präsentiert, hat in den USA und in Deutschland Psychologie studiert. Ihr beruflicher Weg führte sie durch zahlreiche Länder. Diese Tatsache schlägt sich in einer erfreulichen Offenheit nieder, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. 

Es war Ludwig Bechstein, der einst das "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" geschrieben hat. An den Inhalt kann ich mich nur noch vage erinnern, wohl aber an das Gruseln, das mit dieser Lektüre verbunden war. 

Das poetische Märchen "Vom Mann, der auszog um den Frühling zu suchen" von Clara Maria Bagus mit dem Untertitel "Eine Reise zur Leichtigkeit" könnte stattdessen auch heißen, "Von einem, der auszog, das Träumen zu lernen". 

Woran man sich hier später erinnern wird, ist vermutlich an das mit der Lektüre verbundene Staunen, wie geschickt die Autorin dem Leser zu vermitteln vermag, dass wir ohne unsere Träume keine Paradiese aufzubauen in der Lage sind, sondern stattdessen in einer öden Winterwelt leben, in der es nichts Buntes gibt und nirgendwo ein Vogel uns die Geschichte unserer inneren Freiheit vorzwitschert. 

Auf dem schön gestalteten Buchumschlag sehen wir das laubleere, winterliche Geäst eines Baumes und die Silhouette eine Vogels. Dieser ist aus dem Umschlag exakt herausgestanzt. Das geschah gewiss nicht grundlos, denn es handelt sich um das Zaubervöglein, das in der vorliegenden Geschichte eine wesentliche Rolle spielt und für die Buntheit und das Licht in der Natur sorgt, ohne das wir nicht kreativ sein können und nicht auf die Reise hin zu unseren Möglichkeiten gehen. 

Bei dem Protagonisten in diesem Buch handelt es sich um einen Mann, der von seinem Fenster aus in eine trübe, ihn wenig heiter stimmende Winterwelt blickt und hier wahrnimmt wie ein Vogel zu zwitschern beginnt, woraufhin plötzlich alles grünt und die Blumen üppig erblühen. Der Mann fragt nicht, was er von diesem ungewöhnlichen Naturschauspiel halten soll, wertet also nicht, sondern staunt stattdessen. Als der Vogel wegfliegt, kehrt erneut Winter zurück. 

Neugierig verlässt, der  Staunende sein Haus. Er folgt dem Zaubervogel und lernt auf seiner langen Reise zu sich selbst, worauf es in diesem Leben tatsächlich ankommt. Der Reisende lernt also nicht durch Bücher, sondern durch aufmerksames Beobachten all dessen, was ihm entgegengebracht wird. Bei einem Müller begreift er, dass das "Herausklopfen der Essenz" und das "Einfangen des Wesentlichen" wichtige Tätigkeiten sind, wenn man erkennen möchte. Der Müller auch lehrt ihn loszulassen, denn nur,  wer Zuversicht in sein Leben bringe, könne gelassen sein. 

Auf der Suche nach dem Zaubervogel, der den Schlüssel für eine bunte Welt darstellt, lernt er zu begreifen, dass man seinen Weg stets im Auge haben muss, sich nicht schrecken lassen darf, wenn man sich einmal verlaufen hat, denn "Wenn Dir ein Weg verschlossen ist und du glaubst, in deinem Leben nicht vorwärtszukommen, dann dreh dich um und sieh, welche Weite sich vor Dir eröffnet. Niemals im Leben wird Dir so viel versperrt sein, dass nicht noch unendlich mehr Möglichkeiten auf dich warten." 

An vielen Beispielen, allesamt wohldurchdacht, lernt der Mann das Geschenk der Möglichkeiten kennen und zu begreifen, warum man Mut, Klugheit und Ausdauer benötigt, die für uns richtige Chance zu ergreifen. 

Wodurch vergisst man seine Träume? Ist es die Gewohnheit? Und was geschieht mit uns, wenn wir unsere Träume vergessen haben und ziellos sind? Wir wissen es und wissen auch, weshalb wir das Bunte nie aus dem Auge verlieren dürfen, wenn wir leben und nicht frustriert sein wollen. Und doch verdrängen wir es. Das ist nicht klug von uns.

Die Autorin reflektiert den Vergleich und den Neid, die daran hindern, eine Reise zur Leichtigkeit zu unternehmen und zeigt am Beispiel eines kleinwüchsigen Konditors, der neidlos seinen Weg gegangen ist, zu welch großem Erfolg er gelangte. "Vergleichen und Bewerten hält uns davon ab, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Nichts ist gut oder schlecht. Keine Sache der Welt hat jenseits unserer Bewertungen Eigenschaften.“  

Über Geiz, Geld und Gier vergisst die Autorin auch nicht zu schreiben und über das, worauf es im Leben eines Menschen tatsächlich ankommt und was ihn auf seinem Weg zur Erkenntnis und zur inneren Zufriedenheit weiterbringt. "Wer Reichtum von Besitztümern erwartet, die von äußeren Einflüssen abhängig sind, lebt in ständiger Sorge, sie zu verlieren. Was in uns selbst liegt, kann uns niemand nehmen.“  

Solche Erkenntnisse in ihrer Tiefe zu begreifen, ist nicht nur Nonnen und Mönchen möglich, sondern auch jenen, die auf der Reise zu Leichtigkeit ihren Selbstwert erfasst haben und sich nicht mehr vom Bewerten durch Dritte abhängig machen. 

Weniger über Glück als über Sinn nachdenken und uns bewusst machen, dass wir alle sterblich sind, bewirkt die Demut, die notwendig ist, um immer wieder staunen zu können über die „Aromen des Lebens“

"Nur, was wir täglich im Hier und Jetzt Sinnvolles schaffen, besitzen wir für immer", schreibt Clara Maria Bagus in ihrer Reise durch die Leichtigkeit, weil Sinnvolles Liebe stiftet in uns und in anderen. Die Liebe allen und allem gegenüber hilft der Starre zu entkommen und zu erkennen, dass unser Leben stimmig sein muss. 

Unser Leben "muss zu uns passen wie ein Lederhandschuh auf eine Hand. Dann ist es echt. Das ist die Kunst des guten Lebens."  

Um zu dieser Weisheit zu gelangen, ist es nie zu spät und ebenfalls ist es niemals  zu spät, sich auf den Weg zu machen, um das passende Leben zu finden, denn mitunter entdeckt man es gerade jetzt, wenn man die Augen offen hat und dem Zwitschern seines Herzens folgt. 

Sehr empfehlenswert

 Helga König

Die Zitate stammen aus vorliegendem Buch.

Überall im Fachhandel erhältlich

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Rezension: Jean- Aus dem Sternenstaub- Roman - Gert Weber

Autor dieses wunderbaren Romans ist der in München lebende Architekt, Designer, Schriftsteller und Künstler Gert M. Weber. Das Vorwort zum Buch schrieb Prof. Joachim Kaiser. Er zählt zu den einflussreichsten, deutschsprachigen Musik-, Literatur- und Theaterkritikern und ist Mitglied im PEN-Zentrum. 

Eine solche hochkarätige Empfehlung macht natürlich per se neugierig und man beginnt beim ersten Blättern sich sogleich zu wundern, weshalb das gebundene Buch keine ISBN- Nummer aufweist und nicht bei einem großen deutschsprachigen Verlag verlegt worden ist. Wie kann das sein? 

Gert Weber vermarktet sein mehrbändiges Werk auf seiner Facebookseite Transformation und auf seiner Homepage weber-standard, weil er seinen Text ungekürzt und damit authentisch seinen Lesern übermitteln möchte. Er geht also keine Kompromisse ein, hat ein gesundes Selbstbewusstsein und ist im positiven Sinne eigenwillig. Warum das so ist, versteht man spätestens sobald man sich mit seinen einzigartigen Objekten im Bereich Design näher befasst hat. Hier legt ein Künstler Wert darauf, unvergleichbar zu sein und dem Gleichen als Zeitzeichen unserer Zeit die kalte Schulter zu zeigen. Sehr sympathisch. 

Der Untertitel "Aus dem Sternenstaub" ließ mich sogleich Poesie im Roman vermuten. Sie ist auch tatsächlich in vielen Textstellen problemlos auffindbar, wenn auch das Werk in seiner Gesamtheit sehr viele nüchterne betriebswirtschaftliche, auch systemkritische und philosophische Überlegungen aufweist. 

Der Protagonist Gert Webers heißt "Jean“. Ob er Ähnlichkeiten mit dem Autor besitzt, muss man als Leser des Textes nicht wissen und braucht  insofern nicht kriminalistisch aufzuspüren, was wahr und was erfunden ist. Oft ist das Erfundene ein Schlüssel für die Wahrheit, die nach Harmonie schreit, um sich in ihrer Tiefe präsentieren zu können. 

Auf Seite 207 erwähnt Weber, dass Einstein irgendwann sagte, der Mensch sei aus Sternenstaub geboren, "was ihm tief in die Seele rieselte." Sternenstaub beschwert die an sich schwerelose Seele eines Menschen demnach und das scheint unser aller und  damit  auch "Jeans" Problem zu sein.

Er versucht dieses leidige Problem für sich immer wieder zu lösen, indem er selbst bei schlimmen Tiefschlägen das Leben wie es ist annimmt und das Beste daraus macht. Jean ist vieles, jedoch eines in erster Linie: Unglaublich resilient. 

Seine Vorfahren kommen aus Siebenbürgen. Er ist Kind von Eltern, die sich liebten. Das ist wohl die Grundvoraussetzung, wenn der Nachwuchs innere Stärke entwickeln soll. Jeans Großvater, ein Rechtsanwalt mit Weitblick und Herz, zahlt seinem mittellosen, allerdings intelligenten Schwiegersohn (er ist Schlosser) ein Studium, damit die zukünftige Familie gut versorgt ist und ein gesellschaftliches Standing erhält. Das jung vermählte Paar geht nach Westpreußen, wo Jeans Vater eine Anstellung als Ingenieur bekommt. 

Jean wird nach dem Krieg im Westen geboren, sammelt Kindheitseindrücke in den 1950er Jahren, ist zu neugierig und zu freiheitsliebend,   als dass er damals in der noch nicht verarbeiteten NS-Zeit ein braver und dabei fleißiger Schüler von autoritären Lehrern sein kann. Er will die Welt erkunden, zunächst die kleine, später die große. Dass es gerade Geographie ist, die das Aus am staatlichen Gymnasium bedeuteten sollte, nennt man wohl Ironie des Schicksals. 

Es folgte eine Zeit in einer Privatschule und seine frühe Jugend in den 1960er Jahren. Der Autor berichtet von der Freude der Erwachsenen damals im Freundeskreis ausgelassen und vergnügt zu feiern. Es waren offenbar speziell Flüchtlinge, denen die heimatliche Gastfreundschaft erhalten geblieben war. Diese Eindrücke haben sich in Jeans Gedächtnis eingeprägt und sind Teil seines Lebensgefühls geworden. 

Jean bricht nach der Mittleren Reife die Schule ab und beginnt,  nachdem er die Voraussetzungen dafür erfüllt hat,  im Herbst 1966 in München an der Fachhochschule Maschinenbau zu studieren. Weber schreibt nun vom Aufbruch der Studenten in jenen Jahren. Doch Jean, der nachts als Taxifahrer sein Studiengeld aufstockt, ist kein vordergründig politischer Student. Sein Interesse gilt nicht der politischen, sondern der sexuellen Revolution und so schreibt er über Sex in jenen Tagen und die damit verbundenen Abenteuer. Dies zu lesen, ist nicht uninteressant, weil es Zeitgeist perfekt wiedergibt. Wer die Autobiographie Uschi Obermaiers gelesen hat, weiß, dass Weber hier nicht übertreibt. 

Irgendwann begegnet Jean seiner ersten Liebe. Sie ist älter als er, hat zwei Töchter. Bei ihr findet er all das, was er benötigt, um sich weiterzuentwickeln und nach seinem Fachhochschulstudium ein Hochschulstudium als Architekt zu absolvieren. Die um einige Jahre ältere Frau verlässt ihren Mann und so geschieht es, dass sich ihre Verliebtheit "über Monate in Liebe und ihre Seelen in synchrone Schwingungen" verwandeln, "die die Empfindung immer sensitiver machen.".

Was dann kommt ist großer Erfolg, Bekanntheit aber auch enorme Lebensbrüche und als Folge Transformation, die nur möglich ist, weil Jean kein bloßer Macher, sondern ein Feingeist zu sein scheint. 

Einer seiner Freunde, ein Spieler, lehrt ihn die Welt zu durchschauen und sein Berufsleben macht ihm begreifbar, dass er von einem Heer von kleingeistigen Parasiten umgeben ist, die danach lechzen, bestochen zu werden. Jean will nicht, dass dieser schmutzige Sternenstaub auf seine Seele rieselt, denn er hat sich dem Hellen, dem Strahlenden, dem Schönen verschrieben und lebt dies in seinen Werken und deren Ästhetik aus. 

Einer seiner Privatkunden ist übrigens der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Er dokumentiert Jean, dass es durchaus noch Menschen gibt, die die Arbeit anderer zu schätzen wissen und frei von Geiz nicht feilschen, um in den Besitz einer guten Leistung zu kommen. 

Es macht viel Freude über Jeans Begegnung mit dem großen Erzähler zu lesen und diese besonderen Stunden, die gewiss auch zu Jeans Transformation beigetragen haben, mitzuerleben. 

An der Verwandlung Jeans teilzunehmen, ist für den Leser mehr als nur spannend. Sätze wie "Man wird nicht alt wegen der einfachen Tatsache, dass man eine bestimmte Anzahl von Jahren gelebt hat, sondern nur, wenn man sein eigenes Ideal aufgibt"(245), besitzen viel Tiefe. Über solche Sätze lässt sich abendfüllend diskutieren. 

Ich stimme Gert Weber zu, wenn er schreibt: "Ihr werdet solange jung sein, wie euer Herz die Botschaft der Schönheit, der Kühnheit und des Mutes aufnehmen wird; die Botschaft der Größe und Stärke, die euch von der Welt, von einem Menschen oder von der Unendlichkeit geschenkt werden." (245) 

"Wenn die Fasern eures Herzens zerrissen sein werden und wenn sich auf ihnen der Schnee des Pessimismus und das Eis des Zynismus gehäuft haben werden, erst dann werdet ihr alt sein und dann möge Gott sich eurer Seele erbarmen.“ (245) 

Dass im Leben eines Menschen nichts Bestand hat, zeigt dieses Buch, aber es macht auch deutlich, dass man lernen muss, bei allem so resilient zu werden, um Hermanns Hesses Worte mutig und vergnügt zu leben, denn nur so bleiben wir jung und voller Zuversicht:

"Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, 
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. 

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde 
Uns neuen Räumen jung entgegen senden, 
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, 
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“ 

(Zitat: Herman Hesse, aus dem Gedicht "Stufen".)

Natürlich ist man am Ende des Buches auf den 2.  Band  neugierig. Gert Weber hat diesem den Titel "Artemya" gegeben. Dies schon mal als Hinweis.

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

Buchbestellung:  gmw@weber-standard.com

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Rezension: Tagesanbruch- Hans Ulrich Treichel - Suhrkamp

Hans-Ulrich Treichel, der Verfasser dieser Erzählung ist Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. 

Er schreibt von einer bereits betagten Frau, die während der Erzählzeit  ihren toten Sohn in den Armen hält. Wie sie berichtet, ist dieser an Krebs verstorben. Sie hatte den Kranken in ihrer kleinen Wohnung bis zu seinem Ableben gepflegt. Dem Verblichenen erzählt sie all das, was sie zu dessen Lebzeiten ihm niemals mitgeteilt hätte, vielleicht weil es in ihrer Generation unüblich war, negative Erfahrungen anderen zu offenbaren. Die Kriegsgeneration kannte kein Selbstmitgefühl. Man hatte sie gedrillt, hart gegen sich selbst zu sein und stumm alles hinzunehmen, was Folge der Diktatur war. 

Die Mutter erzählt zunächst vom schwierigen Aufbau des Geschäftes nach der Flucht aus dem Osten, das ihr Mann und sie ihr Leben lang geführt hatten, erzählt vom täglichen Verzicht und von der Tatsache, dass sie und ihr Ehemann sich nicht schonten, um wieder auf die Beine zu kommen. Einfach war es nicht, denn ihr Gatte hatte im Krieg einen Arm verloren. 

Die Ich-Erzählerin berichtet auch von den kleinen Freuden, den ersten Sammeltassen, dem ersten Kostüm, dem ersten Wohlstand, der sich im Kauf eines Elektroherdes und eines Klaviers, das für den Sohn  gedacht war, zeigte. Über all den Momenten der Freude aber lag ein spürbarer Schatten und der begründete sich in ihrer Vergewaltigung zu Ende des Krieges durch drei russische Soldaten. 

Ihr Gatte musste  diese mehrfache Vergewaltigung  mit ansehen und konnte die Gedemütigte nicht retten. Die schüchterne Frau verführte damals unmittelbar nach diesem Ereignis ihren jungen Ehemann zum Beischlaf, weil sie Angst hatte, aufgrund der Vergewaltigung geschwängert worden zu sein. Sie hoffte, dass im Falle einer Schwangerschaft, es unklar blieb, wer der Vater sei. Naiv wünschte sie, dadurch ihre Beziehung zu retten. 

Wie sich alsbald herausstellte, war sie tatsächlich schwanger. Die Vaterschaft blieb ungeklärt. Der Sohn erfuhr zeit seines Lebens nie von den Geschehnissen seiner Zeugung in der Hölle von Konin im heutigen Polen. Die Tatsache, dass das Paar keine weiteren Kinder bekam, deutet darauf hin, dass die Liebesbeziehung durch die Verdrängung der dramatischen Ereignisse zerbrochen war.

Die trauernde Mutter beichtet selbst dem in ihren Armen ruhenden verstorbenen Sohn nicht ihre Scham, die sie aufgrund der Vergewaltigungen ihr ganzes Leben über hatte, sondern bekennt diese erst als sie das Totenzimmer geschlossen hat. Sie und ihr Mann schämten sich beide des damaligen Ereignisse wegen und verbargen die Scham voreinander. Dadurch konnten sie aber nicht mehr zueinander finden und waren füreinander verloren. Das Kind konnte sie nicht erlösen und zwar des Zweifels wegen, so das späte Bekenntnis der Mutter. 

Man muss sich natürlich die Frage stellen, ob die Frau von ihrem Ehemann in ihrem Trauma allein gelassen wurde als er Jahre später einen Vaterschaftstest erwünschte. Sie verweigerte übrigens den Test. 

Meiner Erfahrung nach führt Ungewissheit in diesen Dingen stets zu angespannter Sprachlosigkeit und unterschwelliger Aggression. Ich kannte eine Familie, die zerbrach an einer solchen Lebenslüge. Offen mit dem was war umzugehen, gibt die Chance für einen Neuanfang. Alles andere bedingt ein Leben in einem Totenhaus. 

Eine sehr berührende, zum Nachdenken  anregende Erzählung. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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