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Rezension: Danach-Rachel Cusk- Suhrkamp


Rachel Cusk, die Autorin dieses Romans lebt in England und hat bereits zehn Romane sowie vier Sachbücher verfasst. Eva Bonné, die schon zweimal mit dem Hamburger Förderpreis für Literarische Übersetzung ausgezeichnet wurde, hat diesen Roman sehr einfühlsam übersetzt. 

Die Icherzählerin, eine Schriftstellerin, hatte, wie sie schreibt, sich nach der Geburt ihrer Töchter dazu entschieden, in ihrem Beruf weiterzuarbeiten. Ihr Ehemann, ein erfolgreicher Fotograf erklärte sich bereit, Hausmann zu werden. 

Das Buch beginnt mit den Sätzen: "Kürzlich haben mein Mann und ich uns getrennt, und im Laufe weniger Wochen brach unser gemeinsam gestaltetes Leben  auseinander wie ein Puzzle, das in seine Einzelteile zerlegt wird." 

Die Schriftstellerin, eine Intellektuelle, überdurchschnittlich gebildet, versucht zu verstehen, was sich da ereignet hat, reflektiert ihren Feminismus und kommt dabei zum Ergebnis, dass dies, was sie als Feminismus lebte, im Wahrheit eine Ansammlung männlicher Werte war, die ihre Eltern und andere Menschen ihr mit bester Absicht vermacht hatten - das Crossdressingvorbild ihres Vaters, die antifemininen Ideale ihrer Mutter, wie sie sie nennt. Es wird ihr klar, dass sie keine Feministin ist, sondern ein von Selbsthass erfüllter Transvestit. 

Dieser Selbsthass durchzieht das gesamte Buch. Sie erkennt, dass die Frau in ihr im Laufe der Zeit krank geworden ist, weil ihre Belohnung zu gering ausgefallen sei, wie sie es deutet. Sie habe sich aus der Küche und von ihren Kindern ferngehalten, einerseits um der Weiblichkeit ihres Mannes Raum zu lassen, andererseits auch, um ihre männlichen Ansprüche zu besänftigen. 

Die Icherzählerin erkennt, dass sie sich nach jenem Prestige sehnt, das dadurch entstünde, dass man seine Kinder ertrage. Sie ärgert sich, dass der Teil der Hausarbeit, den sie erledigt habe, im Dienst des Prestiges ihres Gatten gestanden und sie darüberhinaus ihre weibliche Seite optisch vernachlässigte habe. Ihre Ehe zerbröselt an ihrer Unzufriedenheit, am Bedürfnis ihre Integrität zurückzugewinnen, wie es scheint. 

Sie unternimmt geistige Spaziergänge ins alte Griechenland und bemüht dort die Sagenwelt, um von hier aus zu Erkenntnissen zu gelangen wie etwa, dass ein Paar, das in der Öffentlichkeit streitet, wie ein blutender Körper anmute. Dabei nennt sie es interessant, wie viel die Menschen verzeihen und tolerieren, so lange sie glauben. Doch sobald sie zweifelten, tolerierten sie nichts mehr. 

Am Beispiel der Griechin Klytaimestra erklärt sie übrigens u.a. den Titel des Buches "Danach". Wo ist das Ereignis, dass zum "Danach" in ihrer Beziehung führte? Um das herauszufinden, empfehle ich den Lesern diese nachdenkliche Lektüre, in der der Schlüssel für offene Fragen vielleicht in nachstehender Passage zu finden ist: 

"Ich stellte fest, dass der Anblick der radelnden Familie das intellektuelle Äquivalent eines starken Drinks erfordert, und ich gönne ihn mir in Form einer antiken Tragödie. Dort gibt es keine aufopfernden Mütter und keine perfekten Kinder, keine beschützerischen, pflichtbewussten Väter und keine öffentliche Moral. Es gibt nur die Gefühle, und den Versuch, sie zu zähmen und zu einer Kraft des Guten umzugestalten. In der stürmischen griechischen Welt der Gefühle, des psychologischen Schicksals und der Verquickung von Sterblichkeit und dem Göttlichen bleibt die Frage nach der Autorität ewig und ungelöst. Es ist eine Frage, die auch mich beschäftigt. Was wird die Autorität sein, und woher soll sie in meinem postfamiliären Haushalt kommen?“ 

Es scheint nicht einfach zu sein, intellektuell und emotional unbeschadet in ein "Danach" zu gelangen, wie dieser Roman verdeutlicht, selbst für sehr nachdenkliche Frauen nicht.

Sehr empfehlenswert. 
Helga König

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Rezension: Die wir liebten-Willi Achten- Piper


Willi Achten, der Autor dieses Romans, lebt im niederländischen Vaals bei Aachen. 

Das Handlungsgeschehen von "Die wir liebten" umfasst die Jahre zwischen 1971- 1976. 

Protagonisten sind die Geschwister Edgar und Roman. 

Edgar, der Ich-Erzähler, wartet mit der packenden Geschichte einer unverbrüchlichen Geschwisterliebe und dem gemeinsamen Ausbruch aus der Provinz auf, in der damals die braune Vergangenheit noch alles andere als aufgearbeitet war. 

Die Gründe für den Ausbruch, der zugleich ein Aufbruch ist, werden im Roman sehr komplex dargestellt, begleitet von Musikstücken, die den Zeitgeist der damaligen, unangepassten Jugend für immer begreifbar machen. 

Die beiden Buben wachsen im Haus ihrer Eltern auf. Dort leben zudem die Großmutter und Tante Mia, deren Bäckereibetrieb vom Vater der beiden Söhne übernommen wurde. Die Ehefrau des Bäckermeisters und Mutter von Edgar und Roman betreibt eine Lottoannahmestelle und ist damit finanziell unabhängig, was der Autor mehrfach betont, wohl deshalb, weil dies zur damaligen Zeit noch nicht unbedingt üblich war. 

Das Familienidyll bröckelt als der Vater sich in die Tierärztin des Ortes verliebt und sich von seiner Frau distanziert. Diese verfällt dadurch immer mehr dem Alkohol, weil sie ihren Kummer verdrängt und mit der Situation nicht zurechtkommt. Sie gehört der Generation an, bei denen Verdrängen zum fatalen Lebensprinzip geworden ist. 

Verlassene Ehefrauen waren zu jener Zeit immer noch gesellschaftlich stigmatisiert, gleichgültig ob sie den Ehebruch des Mannes durch ihr Verhalten forciert hatten oder nicht. Die Stigmatisierung auszuhalten, erforderte viel Kraft, oft zu viel, um das eigene Leben darüberhinaus noch zu meistern. 

Die vergreiste Tante Mia und auch die krebskranke Großmutter sind den Sittenwächtern aus der Nazizeit, es gab sie -zwar äußerlich reingewaschen (Persilschein)- immer noch, ebenso ein Dorn im Auge, wie die zerrüttete Ehe der Eltern. Solche Sündenböcke sind bis heute ein gefundenes Fressen für  Blockwarte aller Art, die  nicht auszusterben scheinen.

Die beiden Jungs mit guten Herzen, - sich selbst überlassen-, landen ihrer Streiche wegen schließlich in einem nahe gelegenen Erziehungsheim, wo sie auf den Grundlagen Schwarzer Pädagogik wie in der NS Zeit auf sadistische Weise abgerichtet werden sollen. 

Ganz allmählich erfährt man mehr über dieses Erziehungsheim, wo zu NS-Zeiten Kinder ermordet wurden, indem man ihnen zu Versuchszwecken Medikamente verabreichte. 

Die alten Kameraden trieben immer noch ihr Unwesen, deckten sich gegenseitig, während Edgar und Roman mancherlei Ungeheuerliches offenlegen, was sie nicht beliebter machte. "Der Bote der schlechten Nachricht…"

Der Schlüsselsatz des Werks lautet übrigens meines Erachtens: 

"Roman ist aus einem besonderen Stoff- dem Stoff, aus dem Widerspruchsgeist und so etwas wie Entschlossenheit und der Mut zur Wahrheit zu stehen. Als Kind hatte Roman geglaubt, unverwundbar zu sein und das Leben sei ein Spiel. Er und ich, wir erkannten lange nicht, welche Kräfte um uns herum wirkten. Kräfte, die uns das Dorf und die Eltern und alle, die wir liebten, nahmen.“ 

Wer so gestrickt ist, hat im Leben stets Probleme und verliert viele und vieles, die bzw. das er liebte. Bleibt festzuhalten: Angepasste Jasager gehen leichter durchs Leben, wenn auch mit krummem Rücken.

Maximal empfehlenswert.
Helga König

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Rezension: André Heller: Zum Weinen schön, zum Lachen bitter- Erzählungen- Zsolnay


Autor dieser Erzählungen ist der Künstler #André_Heller. Er lebt abwechselnd in Wien, Marrakesch oder ist auf Reisen. Seine Erzählungen in diesem Buch stammen aus vielen Jahrzehnten.

Bemerkenswert ist, dass diesem Schriftsteller in all den Jahren die poetische und zugleich polemische  Art zu schreiben nicht abhanden gekommen ist. Sie scheint ein unverbrüchlicher Teil seines Selbst zu sein. 

Die Erzählungen sind nicht nach dem Entstehungsdatum geordnet, so dass man nicht unbedingt beim ersten Text beginnen muss. So schreibt er 1990 in der Erzählung "K. U. K. –Ein Monolog" viel Wissenswertes über einen guten Kellner in Wien, dessen Vorahnungen tief ins "Hellseherische" gehen und lässt ihn erzählen. 

Da liest man dann, diesem fiktiven Kellner in den Mund gelegte Sätze wie etwa, "Neunzig Prozent aller Stammgäste hausen eines Tages auf den Trümmern ihrer ehemaligen Pläne und Begeisterungen"  und denkt "eine ganz schön dreiste Behauptung", mit der der Kellner die Augenhöhe zum Gast verlässt. 

Für diesen Kellner sind nicht die Betrunkenen, sondern die Schikanierer die Ärgsten, "die glauben, sie gelten als Herren, wenn sie jemand den Herren zeigen." Nörgler nerven allerorten, genau aus diesem Grund. Das Schwache gebärdet sich stark. Wer dies erkennt, ist unbeeindruckt.  

Der Autor beobachtet sehr genau, das dokumentieren all seine Geschichten, die einfach Anekdotisches mit Autobiografischem vermischen, die Bilder und Porträts seiner Welt beinhalten, die Vergangenheit in die Gegenwart holen und die Ferne in die Nähe, wie das kurz seitens Zsolnay auf den Punkt gebracht wird. 

Wie poetisch Heller schreibt, zeigt sich besonders in der Erzählung  "Über Clowns" aus dem Jahre 2002. Hier philosophiert er "Aber diese alltägliche Welt, die wir allzu gut zu kennen meinen, es ist dieselbe, die einzige Welt voll Magie, voll unausschöpflichen Zaubers. Wie ein Clown führen wir unsere Bewegungen aus, täuschen wir vor, bemühen wir uns, das große Ereignis hinauszuschieben. Wir sterben in den Wehen unserer Geburt. Wir sind niemals gewesen, wir sind auch jetzt nicht. Wir sind immerzu im Werden, immerzu einsam und losgelöst. Für immer außen.“ Ein  Gedanke, der  unsere Zeit passt und hier an Gewicht bekommt.

Solche Sätze wirken-  gerade jetzt -  lange nach. 

Am Ende der Textsammlung schreibt Franz Schuh über den Autor, dass dieser seinen polemischen Zeiten von früher ade gesagt habe, jedoch seine Erzählungen zu seiner Freude noch genügend polemische Energie hätten, um beim Leser Widerspruch hervorzurufen. Doch um dies zu beurteilen, lesen Sie bitte selbst. 

Sehr empfehlenswert 

 Helga König

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Rezension: Leben in allen Himmelsrichtungen- Andreas Altmann- Reportagen- Piper

#Andreas_Altmann ist einer der renommiertesten deutschen Reisebuchautoren, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, so etwa dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Seume-Literaturpreis und dem Reisebuchpreis. 

In den vorliegenden Reportagen nimmt der Autor die Leser mit in die ganze Welt und lässt sie hier Anteil nehmen, an dem, was er sieht und erlebt, auch welche Menschen ihm begegnen und welche Eindrücke sie bei ihm hinterlassen. Dabei untergliedert er die Reportagen thematisch in neun Kapitel und gibt dem Leser freie Hand, womit er beginnen möchte. 

Im Vorwort bekundet Altmann, dass er stets die liebt, die zum Leben anstacheln und jenen Damen und Herren aus dem Weg geht, die es verhindern. Sein Ziel sei es, ein Lebensbuch nach dem anderen in die Welt zu schicken, in der Hoffnung, dass die Leser sich mitreißen lassen von der Sehnsucht nach Innigkeit und Anderssein. Sein Buch versammelt Geschichten von Leuten, die leben und gelebt haben, nicht selten vom Risiko überschattet. 

Altmann denkt übers Schreiben nach und konstatiert, dass Texte immer besser werden, wenn man sie mit Detailhuberei verschone. Genau das macht seine Texte so lesenswert. Sie befassen sich mit Wesentlichem und entziehen sich jedem Versuch der  Wortschwallerei. 

Ich habe das Buch zunächst durchgeblättert, weil ich mit der Reportage in die Reiseerlebnisse Altmanns einsteigen wollte, die mich von den ersten Sätzen am meisten packte. So entschied ich mich zu "Äthiopien- Eine Reise in tausend Geheimnisse". Den Textbeginn postete ich dieser Tage auf Twitter, um Neugierde auf das Buch zu wecken: "Immer will ich schreiben gegen die Schwerkraft des Herzens. Will zeigen dass die Welt einen Sinn hat und das Menschenleben irgendwo ein Ziel. Wir glauben, dass irgendwann alles gut ausgeht, und jeder so lebt, wie er sich das einst vorgestellt hat. Aber ich strauchle, stündlich. Mein Plädoyer klingt matt. Statt souveräner Rede stottere ich. Jeder Leimsieder weiß es besser, redet eleganter vom Unglück und der Ausweglosigkeit unserer Existenz. Wie ich dann schrumpfe. Jeder Blick auf die Erde. Jede Nahaufnahme beschädigten Daseins gibt ihm tausend Mal recht. Der portugiesische Dichter Fernando Pessoa notierte einmal, dass wir alle zwei Leben haben: "Eines, das wir träumen, und ein anderes, das uns ins Grab bringt." 

Andreas Altmann breitet dann auf wenigen Seiten Geheimnisvolles  aus Äthiopien aus, vergisst dabei den Blick in die Vergangenheit nicht, die das Jetzt dieses Landes verständlich macht. Zeile für Zeile begreift man das Anliegen dieses Reiseschriftstellers mehr:  "Die Welt anschauen: Ziegenböcke, die im Straßengraben kämpfen. Frauen, die im Dorftümpel die Wäsche waschen. Mädchen, die mit Eselskot die Felder düngen. Kuhhirten, die ihre Kalaschnikow reinigen. Mütter, die ihren Kindern- Läuse plagen- eine Glatze schneiden. Eine Greisin, die mir dreimal ins Gesicht spuckt, ah, der Speichel soll Glück bringen. Alte Männer, die ihre Hand heben und "welcome“ rufen.  Jedes Mal überkommt mich in solchen Augenblicken die kleine Lust, mir einen Afrikaner vorzustellen, der mit seinem Rucksack durch Deutschland spaziert und von deutschen Rentnern mit "Willkommen" begrüßt wird."  Er überlässt es dem Leser, darüber kritisch weiterzudenken. Seine Aufgabe: Durch Bilder Denkvorgänge anstoßen. Das gelingt ihm immerfort vortrefflich.

Am nächsten Abend las ich über die Unberührbaren in Indien. Anderen die Würde zu nehmen, ist so alt wie die Welt und Ziel jener, die sich auf Kosten anderer erhöhen wollen.  Unendlich kränkend für alle, die von Geburt an ausgegrenzt werden und denen die Chance genommen wird, ihren Anlagen gemäß zu leben. Sich damit abfinden, gelingt nicht jedem. Gott sei Dank. Manche machen sich auf den Weg und das ist gut so.

Andreas Altmann ist in der Welt zuhause. Sogar die Buchinger Klinik hat er aufgesucht und schreibt über das, was er dort erlebt, ebenso fair beobachtend, wie über Karla Schefter, die in Afghanistan 1989 ein Krankenhaus gegründet hat. 

Von Bagdad nach Trinidad, dann später irgendwann nach Louisiana, auch nach Kapstadt, findet der Leser sich alsbald im Sudan wieder und hier in Mapel, einem Savannendorf, wo "Ärzte ohne Grenzen" und UDA gemeinsam ein Camp aufgeschlagen haben. Sie kümmern sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung und um den Nachschub von Lebensmitteln. 

Der feinsinnige Reporter geht bei seinen Bildern extrem nah heran, um auf diese Weise Vielfalt zu zeigen und an die Mitmenschlichkeit zu appellieren, die an vielen anderen Orten, über die er berichtet,  auch nur selten zu finden ist. 

Andreas Altmann geht gedanklich in die Tiefe und schreibt dabei leichtfüßig, so als sei er durch die Welt getanzt. Er zählt  zu den  besonderen Menschen mit einem harten Geist und einem weichen Herzen. Davon gibt es nicht viele und nur wenige, die so brillant schreiben können wie er. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Mein Fall- Josef Haslinger-S.Fischer



Der Autor des Textes "Mein Fall", der Schriftsteller #Josef_Haslinger, lehrt seit 1996 als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Preise, u.a. den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis. 2010 war er Mainzer Stadtschreiber. 

In seinem neuen Text berichtet er u.a. wie er als Schüler des #Sängerknabenkonvikts Stift Zwettel seitens katholischer Geistlicher sexuell missbraucht und darüberhinaus körperlich gezüchtigt wurde.

Josef Haslinger, geboren 1955 in Niederösterreich, hat sich erst 2018 dazu entschieden, sich an die "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft, eine Initiative gegen Missbrauch und Gewalt" in Sachen Kindesmissbrauch zu wenden. Er schreibt über die Gespräche, die er dort führte und die Entscheidung, das, was er als Kind und Jugendlicher im Zisterzienserkloster erlebte, in einem Buch festzuhalten. Das alles geschieht aber erst, nachdem die Täter alle verstorben waren.

Pater Gottfried, sein damaliger persönlicher religiöser Berater, war wie diverse andere Geistliche pädophil und nutzte seine Position aus, um den kleinen Josef sexuell zu missbrauchen. Haslinger schreibt, dass er glaube, in jener Zeit tief religiös gewesen zu sein, insofern auch sei der Religionslehrer für ihn eine umfassende Autorität gewesen. 

Es scheint nicht so einfach für Josef Haslinger zu sein, die vielen verdrängten Erinnerungen wieder in sein Bewusstsein zu bringen. Lange hatte er sich mit den Tätern identifiziert, sie geradezu in Schutz genommen, wollte sie nicht kompromittieren. Es dauerte Jahre bis er innerlich akzeptierte, dass es keine einvernehmliche sexuelle Beziehung zwischen einem Neunundzwanzigjährigen und einem Elfjährigen geben kann. Haslinger wollte sich nicht ohnmächtig als Opfer begreifen, was er aber faktisch war. 

In einem Artikel, den er für das von Rotraud A Perner herausgegebene Buch mit dem Titel "Kirche-Täter-Opfer" schrieb, meint er, dass er die damaligen sexuellen Übergriffe in gewisser Weise als eine Art Auszeichnung empfunden habe. Da er als Schüler ein sehr religiöser Mensch war, der selbst Priester werden wollte, betrachtet er die einstige "moralische Verstörung" weitaus übler als die "erotische Konfusion". Im Nachhinein denkt er, dass vor allem "das ständige Erniedrigtwerden bis hin zur allgegenwärtigen körperlichen Züchtigung" später seine Hassgefühle hat wachsen lassen. Er interpretiert in seinem Artikel, das Verhalten der Pädophilen in der Sphäre von klösterlicher Gewalt als eine "Oase der Zärtlichkeit". Das Kloster sei ein "Exzess in dieser und jener Richtung" gewesen. Haslingers sexuelles Wohlverhalten sei damit belohnt worden, dass er jemand hatte, der sich um ihn kümmerte. 

Der Autor bindet  auch einen Text des Soziologen Gerhardt Amendt in "Mein Fall" ein, der kritisch mit Haslingers Erinnerungen umgeht und verdeutlicht, weshalb der sexuell Missbrauchte gegen die zugefügte Sexualisierung, den Vertrauensbruch und die Ausnutzung seiner kindlichen Sehnsucht nach Zärtlichkeit noch nicht wortgewaltig protestieren könne, weshalb er seine innere Freiheit so dringend wiederherstellen müsse. 

Muss man Empathie mit den Tätern haben, wenn man weiß, dass Pädophilie und Pädosexualität Persönlichkeitsmerkmale sind, die nicht wegtherapiert werden können? 

Empathie:Ja. Zugeständnisse machen, allerdings: Nein. Das Wohl der Schützlinge steht hier eindeutig im Vordergrund.

Damit dem Leser auch tatsächlich bewusst wird, was man unter sexuellem Missbrauch zu verstehen hat, informiert Haslinger mit der entsprechenden Textstelle aus einem Infoblatt der "Ombudstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch": 

"Sexueller Missbrauch beinhaltet: wenn  Betroffene von Täter/innen 
 zu deren sexueller Erregung 
- beobachtet, berührt oder im Intimbereich angegriffen werden
- zu sexuellen Praktiken gezwungen oder überredet werden 

oder wenn Betroffene gezwungen werden, den Täter/die Täterin
nackt zu betrachten 
oder bei sexuellen Praktiken zuzusehen" 

Haslinger schreibt nicht nur vom sexuellen Missbrauch der Geistlichen, sondern auch davon, dass er Masturbationshelfer bei Mitschülern war und von daher überzeugt gewesen ist, homosexuell zu sein, was aber keineswegs so war. So verwirrt hatten die pädophilen Geistlichen ihn.

Wie der Autor anmerkt, wurde die Hälfte aller kirchlichen Missbrauchsfälle in Einrichtungen von Männerordnen begangen. Offenbar fühlen sich Pädophile von diesen Orten angezogen.

Daneben erlebt Haslinger noch ein schreckliches Bestrafungssystem. Das in "verschiedene Stufen von körperlicher und psychischer Gewalt" untergliedert war. In jener Zeit war dies allerorten üblich und wurde von den Erwachsenen selten in Frage gestellt. 

Auch hier findet man eine Definition in Buch: "Körperliche und seelische Gewalt beinhaltet z.B.: Ohrfeigen, Schläge, absichtliches Stoßen, Würgen, Festhalten, Einsperren, Essen, Getränke und Schlaf entziehen; Verängstigungen, Drohungen, Erpressungen, Verleumdungen, Beschimpfungen, Demütigungen und Verspottung."

Was Josef Haslinger und andere Schüler in jener Zeit ertragen mussten, wird spätestens nach diesem Buch klar. Vor allem, die Wechselwirkung von sexuellen Übergriffen einerseits und Gewalttätigkeiten andererseits zu verarbeiten, dürfte alles andere als  leicht gewesen sein. 

Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Erfahrungen, die in diesem Buch niedergeschrieben sind? Mit Aufklärung und Verboten scheint man das Problem der Pädophilie nicht lösen zu können, da es sich um einen genetischen Defekt handelt. Ein offener Umgang mit allen Missbrauchsfällen ist zwingend notwendig.  Doch auch dies löst das Problem nicht vollständig.

Herrn Haslinger und seinen ebenfalls betroffenen Mitschülern  gilt mein tiefes Mitgefühl. Pädophilen Geistlichen  kann man nur raten, sich  ohne Wenn und Aber an das Keuschheitsgebot zu halten. Das gebietet die Wertschätzung, nicht nur den Kindern gegenüber, sondern auch der Kirche, die durch sie in große Konflikte gerät.

Maximal  empfehlenswert
Helga König

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Rezension: Ich blieb in Auschwitz-Aufzeichnungen eines Überlebenden-Eddy de Wind-Piper

Eddy de Wind (1916-1987), der Autor dieses Buches, war ein niederländischer Arzt jüdischer Herkunft, der die Hölle von Auschwitz überlebt und nach dem Krieg als Psychiater und Psychoanalytiker in seiner Heimat gearbeitet hat. Dabei hat die Behandlung von Patienten, die unter Kriegstraumata litten, den Schwerpunkt seiner Tätigkeit gebildet. 

Eddy de Wind, der gemeinsam mit seiner Frau Friedel 1943 nach Auschwitz verschleppt wurde, erzählt in seinen Aufzeichnungen, was er im Lager erlebte. Er dokumentiert dort die furchtbaren Geschehnisse unmittelbar nach Abzug der Deutschen in einer Kladde, wobei er seinen Erzähler Hans nennt, offenbar um auf diese Weise Abstand von dem täglichen Trauma zu gewinnen, das ihn an diesem horriblen Ort aufgrund des Erlebten befällt. Der Text des KZ-Häftlings wurde nicht verändert und blieb unberührt von sich wandelnden Erinnerungen oder Erkenntnissen. 

Die Nazischergen waren, wie man erfährt, morgens bösartig und abends brandgefährlich, denn dann waren sie zumeist betrunken. Was das real bedeutete, dokumentiert der Autor Seite für Seite. Für einen mitfühlenden Leser wird der Text zu einem Alptraum. Der Abgrund, in den man hier schaut, ist kaum auszuhalten. Das Buch an zwei Abenden zu lesen, ist deshalb unmöglich.

Die Erfahrung von Eddy de Wind: "Der Hang zur Grausamkeit, der bei jedem zivilisierten Menschen von klein und systematisch von der Umgebung und durch Erziehungsmaßnahmen unterdrückt wird, war im deutschen Volk bewusst entfesselt worden. Die nationalsozialistische Moral und der unvermeidliche Alkohol verwandelten die Menschen in Teufel."

Der Schlüsselsatz: "Der Nazi fällt ohne jede Rechtfertigung über wehrlose Opfer her." 

Ich möchte die im Buch aufgezeichneten Grausamkeiten hier nicht näher beschreiben, denn man wird mit so vielen Ungeheuerlichkeiten seitens der Nazischergen konfrontiert, dass man nicht aufhört, sich zu schämen, dass Menschen ihren Mitmenschen dergleichen antun können. 

Doch Auschwitz war, wie de Wind notiert, mehr als nur Quälerei in riesigem Maßstab. Mit seinen Fabriken und Minen sei es ein wichtiger Bestandteil der oberschlesischen Industrie gewesen. Die KZ-Häftlinge waren billige Arbeiter, bekamen keinen Lohn und aßen so gut wie nichts. Sobald sie ausgezehrt und der Gaskammer zum Opfer gefallen waren, "gab es in Europa noch genügend andere Juden und politische Gegner, die sie ersetzen konnten."

Man liest von der Angst und den Selektionen, der fortdauernden Brutalität. Wer die Niedertracht der Nazis anprangerte, hatte in Deutschland keine ruhige Minute mehr und im KZ ohnehin nicht. 

Bei der SS wusste man nie, woran man war, schreibt de Wind und berichtet von deren subtiler Gemeinheit. Sehr gut veranschaulicht er dies am Beispiel des Lagerarztes Mengele, dessen spontanes, fast menschliches Verhalten in einer Ausnahme verdeutlicht, dass er auch anders konnte. Dadurch aber wird erst erkennbar, wie bewusst verwerflich und niederträchtig dieser Satan tatsächlich gehandelt hat. 

Die Geschichte von Friedel und Hans zeigt, was schweres Leid mit einer Liebe machen kann und dass Rettung aus der Hölle nicht zwingend zur Rettung einer Liebe führt.

Zu viel Belastung, egal welcher Art, bewirkt, dass das zu viel Belastete zerbricht. Warum sollte dies in der Liebe anders sein?   

Sehr empfehlenswert, doch kaum auszuhalten. 

Helga König

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Alle Zeit der Welt- Thomas Girst-Hanser



Dr. Thomas Girst, der Autor dieses Werkes, wurde 2016 als "Europäischer Kulturmananger des Jahres" ausgezeichnet.

Das vorliegende Buch enthält 28 kurzweilig zu lesende Geschichten, die von Menschen handeln, die sich Zeit genommen haben und zwar eine solche, die von innen nicht hohl ist. 

Girst stellt fest, dass die Echokammern der Eitelkeit überall in den sozialen Netzwerken kontinuierlich den Performance- und Leistungsdruck fürs optimierte Egobranding aufbauen würden. Dabei befänden sich die Big Five des Silicon Valley – Facebook, Amazon, Microsoft, Googles Alphabet und Apple beim Buhlen um die Gunst der Kunden im konstanten Aufmerksamkeitswettbewerb. Der Autor vergisst nicht zu erwähnen, dass es die Algorithmen ihrer Serviceleistungen sind, die all unsere Wünsche, Schlüsselreize und Instinkte, immer mit dem Versprechen sofortiger Bedürfnisbefriedigung und Genussgratifikation bedienten. 

Nicht wenige Pioniere aus den Silicon Valley würden die in der Ära des Internet grassierende "Zerhackstückelung" unserer Zeit als zwischenzeitlich ernst zu nehmende Gefahr für unsere Gesellschaft wie auch für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sehen. 

Sich Zeit zu nehmen und dabei bei auch Unvollendetes als Dauerzustand anzuerkennen, das haben  selbst einige namhafte Künstler sich erlaubt. 2016 wurden 200 Arbeiten im Metropolitan Museum in New York im Rahmen der Ausstellung "Unfinished. Thoughts left Visible" von der Renaissance bis zu Gegenwart gezeigt, von denen viele nie beendet wurden. So haben selbst Michelangelo, Tizian und Rodin solche Werken hinterlassen. Keiner weiß, weshalb beispielsweise Schubert seine 8. Symphonie unvollendet ließ. 

Wie auch immer, die 28. Geschichten im Buch  sind stets abgeschlossen, auch die Geschichte, die den Titel "Sprezzatura" trägt und in der zu lesen ist, dass interessenlose Lustlosigkeit zu Stumpfsinn und Monotonie führe. Hier zitiert der Autor eine Stelle aus dem "Zauberberg" von Thomas Mann, die ich an dieser Stelle nicht grundlos wiedergeben möchte: 

"Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein."

Sich Zeit zu nehmen, ohne dabei in Lethargie zu verfallen, das ist eine Kulturtechnik, die es zu bewahren oder zu erlernen gilt. Weshalb nicht mit der Lektüre der 28 Geschichten beginnen? 28  Abende sind mehr als ein Tag...

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Eine Frau-Annie Ernaux-Suhrkamp

Dies ist das zweite Buch der französischsprachigen Schriftstellerin #Annie_Ernaux, das ich im Onlinemagazin "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiere. Hat die Autorin sich in ihrem Werk "Der Platz" mit der Beziehung und dem Ableben ihres Vaters auseinandergesetzt, schreibt sie nun in "Eine Frau" über das Leben und den Tod ihrer Mutter, die in ihrer letzten Lebensphase dement wurde.

Annies Mutter, von der man in "Der Platz" bereits erfährt, dass sie ihr Arbeitsleben als Hilfskraft in einer Margarinefabrik begann, betreibt Jahre später dann einen Lebensmittelladen mit Kneipe. 

Sie habe zuallererst ihrer Kundschaft gehört, schreibt die Tochter - dies jedoch nicht beklagend, sondern es nur sachlich feststellend - denn Annie hat nicht vergessen, dass ihre Herkunftsfamilie ihren Lebensunterhalt zu einem nicht geringen Teil den Kunden ihrer Mutter zu verdanken hatte. 

Annie berichtet u.a. von den zwei Gesichtern ihrer Mutter, die sich des Wankelmuts ihrer Kunden bewusst war und sich deshalb bis zur Erschöpfung dafür einsetzte, die Kundenbindung zu stabilisieren. Annies Vater, nicht minder fleißig wie seine Frau, hatte mit dieser in Streitigkeiten nur ein Thema, "wer von beiden mehr arbeitete." Was beide wohl verband, war der Wille, ihrer gesellschaftlichen Herkunft materiell zu entkommen, wobei die Mutter ihr zudem durch Sprachanpassung, Wissensaneignung und verändertes Äußeres zu entkommen suchte. 

Für Annies Mutter war gesellschaftlicher Aufstieg vor allem eine Frage der Bildung, deshalb waren Bücher die einzigen Dinge, mit denen sie behutsam umging. 

Die Mutter unternimmt in der Kindheit und Jugend mit der Tochter immer wieder Dinge, um sie an Geschmack und den Interessen gebildeter Menschen heranzuführen. Erst später erkennt Annie, dass zwischen dem Wunsch nach Bildung und tatsächlicher Bildung Welten liegen. 

Während ihres Studiums dann entfremdet sie sich von ihrer Mutter und verachtet all das, was ihre Mutter als erstrebenswert erachtet, ganz dem Zeitgeist der 68er –Generation entsprechend. Mit ihrem Mann, einem Politologen aus gebildetem Haus, verbindet Annie das gleiche Bildungsniveau und später zudem zwei Kinder. Weshalb diese Ehe auseinander bricht, ist nicht Gegenstand des Buches.  

Sehr einfühlsam schreibt Annie Ernaux über den Weg in die geistige Umnachtung ihrer Mutter Jahre nach dem Tod ihres Vaters und schließlich über deren Tod, mit dem sie die letzte Brücke zu der Welt, aus der sie stammte, wie sie schreibt, verloren habe. 

Annies Mutter ist die eigentliche Heldin des Buches, allein ihrer Hilfsbereitschaft wegen und  ihrer Tatkraft halber, mit der sie ihrer Tochter die Basis für all das schenkt,  damit diese sich intellektuell entwickeln kann.

Der erneut sehr dicht verfasste Text verdeutlicht, dass die Autorin, nach Phasen jugendlicher Renitenz, einen latenten intellektuellen Dünkel im Laufe ihres Lebens entwickelte, der sie von ihrer Herkunftsfamilie entfremdet hat. 

Sie lässt erst als ihre Mutter dement wird, wirkliche Herzensbildung und  damit Reife erkennen, ohne die unser Leben nur Leere für uns bereithält. 

Gefallen haben mir folgende Sätze zum Ende des Buches: 

"Sie starb acht Tage vor Simone de Beauvoir. 
Sie war allen gegenüber großzügig, sie gab lieber, als sie nahm. Ist Schreiben nicht auch eine Form des Gebens?"

Ja, das ist es und das verbindet Annies Mutter mit Simone de Beauvoir, stellt eine versöhnende gemeinsame Augenhöhe her, in der Dünkel keinen Platz mehr hat. Genau so muss es sein, wenn Reife eingekehrt  ist und alles  als miteinander verbunden  begriffen wird.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Der Platz-Annie Ernaux- Suhrkamp

#Annie_Ernaux ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden ist. 

Die Ich-Erzählerin setzt sich in ihrem Text, den sie nach dem Tod ihres Vaters verfasst hat, mit dessen Leben und Herkunft auseinander. Seine Sozialisation begann in einer kinderreichen Landarbeiterfamilie zu Anfang des letzten Jahrhunderts, deren Armut ihn dazu zwang, noch halbwüchsig, sich ebenfalls bei einem Bauern zu verdingen. 

Nur mit viel Selbstdisziplin schaffte er gemeinsam mit seiner Frau, einer fleißigen Industriearbeiterin, den Sprung ins Kleinbürgertum. 

Als ihr Vater im Alter von 67 Jahren stirbt, ist  sie - die Tochter-  bereits Gymnasiallehrern. Über die Klassendistanz, die bereits zu Jugendzeiten zwischen ihr und ihrem Vater stand, wollte sie ursprünglich einen Roman mit ihm als Hauptfigur schreiben, doch es erfasste sie alsbald der Ekel. 

Erst nach dem Ableben des Vaters ist ihr bewusst, dass ein "Roman unmöglich ist." Sie möchte keine "Erinnerungspoesie", kein "spöttisches Auftrumpfen", was sie will und was ihr auch vortrefflich gelingt, ist die "Worte, Gesten, Vorlieben" ihres Vaters zusammenzutragen, das, "was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz", von der auch sie ein Teil gewesen ist. 

Die Leser nehmen Anteil an einem beschwerlichen Leben in der Unterschicht vor und nach dem 1. Weltkrieg in der Normandie. Sie lesen voller Hochachtung, was dieser junge Mann alles in Kauf nimmt, worauf er verzichtet, um gesellschaftlich voranzukommen. Woche für Woche legt er Geld zurück, kann deshalb nach seiner Eheschließung, die gemeinsame Wohnung mit allem, was man braucht, einrichten. Dann macht er sich selbstständig mit einem kleinen Lebensmittelladen. 

Er akzeptiert, dass kinderreiche Arbeiterfamilien bei ihm anschreiben, hat Empathie, aber mit dieser lässt sich bekanntermaßen nicht rasch wohlhabend werden. Er verdingt sich nun als Schichtarbeiter in einer Ölraffinerie, während seine Frau den Laden führt.... Doch ich möchte an dieser Stelle nicht seinen gesamten Werdegang wiedergeben...

Die Tochter, die zum Gymnasium geht, zieht sich immer mehr in ihr Zimmer zurück, liest, lebt in zwei Sprachwelten und genau diese Welten sind es, die in ihrer Erinnerung zu Streit und Ärger mit ihrem Vater führten. 

Die Abnabelung von Eltern wird umso schwerer, auch schmerzhafter, wenn diese zugleich eine Abnabelung von der Gesellschaftsklasse, in die man hineingeboren wurde, bedeutet. 

Kränkungen, Verletzungen, Scham, Wut,  die damit einhergehen, über all das reflektiert die Tochter, die sich bewusst wird, dass erst durch den Tod ihres Vaters, sie nun tatsächlich im gehobenen Bürgertum angekommen ist, kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, weil sie aufgrund ihrer Ausbildung im Grunde ihre Vorfahren verraten hat, auch wenn diese stolz auf ihr Mädchen sind, die es geschafft hat, die zu werden, wofür  die Vorfahren auf vieles verzichtet haben.  Ihr Erbe, das sie an Licht geholt hat durch die Reflexion, heißt  Dankbarkeit und diese Dankbarkeit macht das Buch so wertvoll.

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Don Juan- Peter Handke- Suhrkamp

An einem sonnigen Maiennachmittag wird der Bewohner des Pförtnergebäudes der einstigen Klosteranlage "Port-Royal-des Champs" auf der Ile de France von dem legendären Frauenhelden Don Juan, dem Zeitlosen aufgesucht.  Dieser berichtet  skizzenhaft über seine Erlebnisse der vorangegangenen sieben Tage dem Gastgeber.

Der Autor präsentiert dem Leser in seinem Don Juan eine Person, die keinesfalls frohgemuter Verführer ist, sondern ein trauriger Mensch, der offensichtlich das Begehren der Frauen ganz ungewollt freisetzt. Die Macht kommt über seine Augen.

Man erfährt, dass die ausnahmslos bildhübschen Frauen, sofern er diese anblickt, sofort ihren Herren (nicht Gebieter) in ihm sehen. Retten soll er sie alle, wovor ist den Frauen zunächst selbst nicht klar. Der sich stets treue Don Juan möchte die Frauen nicht besitzen, sondern hofft eigentlich nur, dass sich für Momente die jeweiligen Körper aneinander erfreuen. Auf diese unverbindliche Art und Weise achtet und würdigt er die Frauen als Individuen und genau deshalb schätzen die Damen ihn.

Während der vergangenen Tage war er hauptsächlich in Georgien, Syrien und in Nordafrika unterwegs. Dort begegneten ihm weibliche Wesen, welche die zeitlose "Frauen-Zeit" noch kennen und deshalb den Takt noch nicht verloren haben. In Mitteleuropa wirkt die Gestalt des Don Juan, so wird deutlich, eher lächerlich. Hier begreift man diesen Typus wohl mehr als irgendwie unzeitgemäßen Spinner, den man sich in einem morbiden russischen Fahrzeug oder ähnlichem vorzustellen hat. Zurückziehen möge sich diese schräge Gestalt alsbald in den Kaukasus oder nach Syrien, wo die Pfauen gellen, auch die Truthähne kollern und die schönen Damen - noch immer in einer panischen Welt lebend - von Don Juan gerettet werden möchten, in einer lauen Maiennacht......... 

Ein wunderbar poetischer Text, der Abgesang und Ode an den legendären Frauenhelden zugleich ist.

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Don Juan: (erzählt von ihm selbst) (suhrkamp taschenbuch)