Rezensionen

Rezensionen Helga König

Rezension:Das Alphabet der kleinen Freuden (Gebundene Ausgabe)

Das erste Buch von Max Kruse habe ich vor gut zwei Jahren rezensiert. Es handelte sich hierbei um Die Tage mit Jantien, einen sehr schönen Roman, den ich gerne gelesen habe. Heute nun, das bemerkenswerte Büchlein "Das Alphabet der kleinen Freuden".

Ich bewundere die Lebensklugheit des über 90 jährigen Autors Max Kruse, dessen Eltern die Puppenkünstlerin Käthe Kruse und der Bildhauer Max Kruse waren. Der hochgeehrte Schriftsteller schreibt in seinem Buch über all jene Dinge, die bei uns Menschen Freude auslösen.

Seine Themen sind: Anfangen, Briefe, Charme, Denken, Erinnerung, Freundschaft, Gedichte, Hoffnung, Interesse, Jugend, Küssen, Lesen, Morgen, Nachgeben, Opfern, Pfeifen, Quatschen, Reisen, Sehen, Schweigen, Trinken, Unterhaltung, Versuchen, Wünschen und Zärtlichkeit.

Kruse lässt uns wissen, dass Leser nach seinen Erfahrungen mit fortschreitendem Alter bevorzugt Tagebücher, Memoiren und Briefe bedeutender Menschen lesen, möglicherweise noch lieber als Romane. Dabei hebt er hervor, dass im Brief, der an ein Gegenüber gerichtet ist, sich die Menschen am persönlichsten ausdrücken, mit dem gesamten Reichtum ihres Herzens, mitunter nur in wenigen Worten, (vgl.: S.11). Er reflektiert die Situation, in der man Briefe schreibt und weshalb man sich schriftlich sogar an ein Gegenüber richtet, das mitunter Wand an Wand mit uns wohnt.

Ich kannte einen Menschen, der sehr viel Wert auf die Erinnerung legte. Kruse meint Erinnerung vermöge uns zu helfen, eine schlimme Zeit zu überstehen, weil sie in der Lage sei, trübe Tage zu erhellen. Damit hat er nicht Unrecht. Wer sich in der Vergangenheit bewegt, hat nichts wirklich verloren, sondern gewinnt täglich alles neu. Doch wie ist es mit dem Jetzt? Beginnt man es möglicherweise nicht wirklich wahrzunehmen, wenn man seinen Blick allzu sehr ins Gestern lenkt?

Sehr gut gefallen haben mir Kruses Gedanken zur Freundschaft. Es stimmt, ein Leben ohne starke Freundschaft ist arm und zwar arm vor allem am eigenen Herzen, an der Liebes- und Ausstrahlungsfähigkeit. Wenn man schon ein wenig älter ist, dann erkennt man, dass Freundschaft beinahe mehr ist als Liebe, wie der Autor so treffend bemerkt. Es fehle das Begehren, der Anspruch, doch die höchste Form der Liebe sei jene, wenn die Liebenden auch Freunde geworden sind. Das kommt vor. Dies kann ich bestätigen. Bejahen kann ich auch, dass dann das Beste gewonnen ist.

Beim Lesen der vielen tiefsinnigen Gedanken, wird mir mal wieder klar, wie wichtig es besonders in jungen Jahren ist, Menschen mit Lebenserfahrung zuzuhören und von ihnen zu lernen.

Lassen Sie bitte nachstehende Sentenz Max Kruses auf sich wirken und ziehen Ihre Schlüsse daraus:

"Hoffnung ist das einzige wirklich sichere Heilmittel bei Niedergeschlagenheit, bei Depressionen und Traurigkeit, deswegen sollte man sich darin üben zu hoffen. Lernt hoffen!" (Zitat: S.37)

Empfehlenswert.
 
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Rezension:Die schönen Tage von Aranjuez: Ein Sommerdialog (Taschenbuch)

Peter Handke lässt eine Frau und einen Mann im vorliegenden Text miteinander plaudern. Diese Plauderei findet an einem schönen Sommertag auf einer Terrasse statt. Ein sachter Sommerwind rhythmisiert die Szenerie. Die beiden Personen soll man sich zeitlos denken und offenbar nicht grundlos, wie der Dialog deutlich macht.Gespräche dieser Art gibt es sicher seit Anbeginn der Zeiten.


 Ein Mann berichtet von seinen Erkundungen der Welt, in diesem Fall von einer Reise nach Aranjuez und von seinen Beobachtungen, die er macht, während er auf der Terrasse sitzt. Der Welterklärer und alte Jäger bekundet fast nebenbei "Es war ein Falke. Die Bussarde und Milane kreisen hoch über den Bäumen. Es sind die Falken, die durch die Wälder schießen wie Pfeile, einmal oben zwischen den Kronen, einmal unten zwischen den Stämmen. Nicht bloß einmal bin ich auf einen toten Falken gestoßen, der in einen Baum geknallt war. Ein kranker? Zu alt? Zu jung?- Deine erste Nacht mit einem Mann?"(Zitat: S. 8)


Wer Männer kennt, wird lächeln, die alten Jäger beobachten Frauen mit dem gleichen Blick wie Falken ihre Beute und erkunden im Gespräch deren sexuelle Vita zumeist recht rasch, um sich ein Bild zu machen, wie sie vorgehen können. Dabei legt Handkes Adam in diesem Sommerdialog Wert darauf, von Eva beim Erzählen von keinen Problemen behelligt zu werden. Typisch.

Die Frau berichtet, macht ihm klar, dass sie stets nur an Männern interessiert war, denen der Blick des Jägers fehlte. Sie sagt "Zuallererst hatte mich an ihnen jeweils etwas angezogen, was fehlte- was nicht da war(...)Ihnen fehlte und das zog mich zu ihnen und gab mir Vertrauen, jener Blick, der sagte:"Ich will dich. Ich will dich haben. Ich kann dich haben. Wie ich alle Frauen haben kann. Auch dich. Sogar dich!". Es mangelte ihnen zuinnerst, der Blick des Jägers, oder Wilderes..."(Zitat: S. 44). Für die Frau hieß Liebe in ihrer Lebensrückschau "Ergriffenheit von diesen zerbrechlichen Männern, von ihnen allen." (Zitat: S. 47). Dabei hielt diese Frau sich nicht der Liebe wert, weil sie sich als Frau als Mangel begriffen hat, (vgl.: S.49).

Die Frau haderte demnach ihr Leben lang mit sich und ihrem Umfeld. Fast meint man, dass sie der Generation Handkes angehört, eine Frau des Umbruchs ist, die die Bedeutung von Liebe für sich neu erkennen und definieren muss. Ihr Blick auf die Männer treibt sie ins Alleinsein "Frau eines konstanten Kummers, die ich war damals. Die Gegenwart eines Mannes, von Zeit zu Zeit:ja. Aber die Gegenwart eines Mannes war nie die Lösung. Und ja: der Körper des Mannes, sein Geschlecht, wenn`s dir beliebt, war immer eine Überraschung, immer- aber nie eine gute. Ein Gleichgewicht, und so viel mehr als bloß ein Ausgleich, ein Gegengewicht zur unguten Überraschung, und unendlich mehr als bloß ein Gegengewicht, hätte sich eingestellt durch die Liebe." (Zitat.: S.55)

Zu dieser Liebe ist diese Eva nicht fähig gewesen, möglicherweise, weil sie sich selbst noch nicht angenommen hatte, sich in ihrem Frausein als Mangel empfand. Solange Frauen sich als nicht gleichwertig begreifen, kann es in Aranjuez keine Sommerresidenz mehr für einen König und eine Königin geben. Eine Zukunft für sie in Gemeinsamkeit wird es erst dann möglich sein, wenn Adam und Eva sich in Liebe zueinander wenden und wirklich nur dann, ansonsten ist Alleinesein angesagt.

Empfehlenswert.

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Rezension:«Sire, ich eile ...»: Voltaire bei Friedrich II. Eine Novelle (Gebundene Ausgabe)

"Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltest du auch sagen." (Voltaire),

Hans Joachim Schädlich schenkt mit seiner Novelle "Sire, ich eile" seinen Lesern einen spannenden Leseabend, indem er nicht nur die Beziehung zwischen dem französischen Philosophen Voltaire und dem preußischen König Friedrich II. jeglicher Verklärung entzieht, sondern der Geliebten Voltaires, der schönen Intellektuellen Émile du Chatelet, ein ihr angemessenes Denkmal setzt.

Natürlich ist es kein Fehler im Vorfeld zur Novelle, etwas über die beiden berühmten Herren gelesen zu haben, am besten zwei Biographien, dazu noch den berühmten Briefwechsel. Aber auch ohne solche Vorinformationen wird sehr schnell klar, dass es zwischen diesem freiheitsliebenden Philosophen und dem machtorientierten preußischen König ein letztes Verständnis nicht geben konnte.

Gefallen hat mir, wie Schädlich den Spannungsbogen aufbaut und wie Friedrich zunächst um die intellektuelle Gunst Voltaires buhlt, natürlich keineswegs uneigennützig. Machtmenschen sind bekanntermaßen nicht in der Lage, uneigennützige Freundschaften zu schließen. Das Leben ist für sie ein Schachbrett, auf dem alle Figuren ihren Platz haben und entsprechend eingesetzt werden. Die Figuren haben kein Mitspracherecht, auch nicht, wenn sie Voltaire heißen.

Der Franzose ist von Anfang an skeptisch und schreibt am 16.12. 1740 "Der König von Preußen hält sich für einen ziemlich zivilisierten Mann, doch unter der dünnen Außenhaut des Ästheten liegt...die Seele eines Schlachters." (Zitat: S. 55). Dass Voltaire mit dieser Analyse Recht behielt, zeigt der Verlauf der Geschichte.

Ich werde mich hüten, die 141 Seiten umfassende Novelle hier nachzuerzählen. Man erfährt dort natürlich auch von Voltaires Schriften und davon, dass sein Freiheitsverlangen und Fortschrittsglaube der Kirche und den Staatsautoritäten selbst in Frankreich nicht angemessen erschien. Man liest von der großen Liebe zwischen ihm und Émilie, einer Frau, die die Schriften von Leibnitz und Newton las und physikalische Experimente unternahm und lt. Schädlich eine Vorläuferin von Albert Einstein war. Kant schrieb im Hinblick auf diese offenbar sehr schöne Frau: "Der Vorzug des Verstandes und der Wissenschaft setzt sie über alle übrigen ihres Geschlechtes und auch über einen großen Theil des anderen hinweg."(Zitat: S. 27). Dass diese hochintelligente, analytisch sehr befähigte Frau, die wahren Beweggründe Friedrichs zur Freundschaft mit Voltaire sehr früh schon erahnte, wundert mich nicht.
In der Novelle werden die tatsächlichen Beweggründe Friedrichs im Hinblick auf Voltaire sehr gut herausgearbeitet und man staunt keineswegs, dass Friedrich seinen "Grammatiker" Voltaire nur eine Zeitlang mit der "königlichen Samtpfote" streichelte, jene Samtpfote, die wie Schädlich so treffend bemerkt, eine Tigertatze war, deren Hieb auch Voltaire zerschmettern konnte.
Zerschmettert hat Friedrich Voltaire letztlich nicht, doch mithin stellte sich alles anders dar als Voltaire aufgrund der brieflichen Umwerbungen des preußischen Königs im Vorfeld hat hoffen dürfen. Aber lesen Sie bitte selbst....

Am Ende der Novelle wartet der Autor mit umfangreichem Quellenmaterial auf und dokumentiert damit, dass er seinen Lesern nichts vom "Pferd" erzählt hat, was aber keineswegs heißen soll, dass Schädlich sich die Sentenz Voltaires, die Sie der Kopfzeile meiner Rezension entnehmen können, beim Schreiben nicht in ihrer Gesamtheit zu Herzen genommen hat.

Empfehlenswert.
 
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Rezension:30 Glücksfälle der Weltliteratur (Gebundene Ausgabe)

Gestern Abend hatte ich Gelegenheit im Literaturhaus in Frankfurt im Rahmen der Veranstaltung "Streitfall- Autoren in der Kontroverse", Erhellendes zu Tilmann Spenglers spannend zu lesendem Buch "Wahr muss es sein, sonst könnte ich es nicht erzählen", seitens des Autors und der Mitdiskutanten auf dem Podium zu hören. Das Buch hatte ich die Vortage ausführlich gelesen, um dem Redefluss der Diskussionsteilnehmer besser folgen zu können.

Nicht unerwähnt möchte ich dabei lassen, dass Tilman Spengler, ein hochironischer Zeitgenosse mit trockenem Humor ist, der mich aufgrund seiner umfassenden Bildung, die alles andere als bildungsbürgerlich daherkommt, beeindruckt. Der promovierte Sinologe hat übrigens am Max-Planck-Institut für Sozialwissenschaften sowie an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften geforscht.

Seinem Buch liegen fünfzehnminütige Fernsehsendungen des BR-Alpha zugrunde, die ich leider bislang noch nicht gesehen habe. Dort versucht Spengler offenbar jeden Montagabend einem, wie er im Vorwort schreibt, "erinnerungswilligen Publikum", ein paar Glücksfälle der Literatur ins Gedächtnis zu rufen. Im Buch wird eine Vielzahl der Glücksfälle wiedergegeben. Geordnet geht es dabei tatsächlich nicht zu. Das allerdings gefällt mir gerade.

Tilmann Spengler begreift sich bei seinen Autoren- und Buchvorstellungen, in denen er stets sehr viel Anekdotisches über die Autoren einfließen lässt, als "Schwungbursche" für Literatur. Er möchte durch seine Essays Menschen zum Wiederlesen motivieren, wobei sein Buch weit mehr darstellt als eine Lesehilfe, denn es ist für sich genommen bereits ein erzählerisches Highlight.

Der am Starnberger See lebende "Schwungbursche" macht neugierig auf:

Miguel de Cervantes" und "Don Quijote von der Mancha", Emily Bronte und "Sturmhöhe", Rainer Maria Rilke und "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Virginia Woolf und "Mrs. Dalloway", Jonathan Swift und "Gullivers Reisen", Molière und "Der eingebildete Kranke", Arthur Schnitzler und "Sterben", "Leutnant Gustl" sowie "Reigen", Émile Zola und "Die Rougon-Macquart", Lew Tolstoi und "Kindheit und Jugend", "Krieg und Frieden" sowie "Anna Karenina", Marcel Proust und "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", Hermann Melville und "Mobby Dick", "Bartleby der Schreiber", Nikolai Gogol und "Der Revisor", "Die Toten Seelen", Theodor Fontane und "Effi Briest", Wolfram von Eschenbach und "Parzifal", Dante Alighieri und "Die Göttliche Komödie", Sophokles und "Antigone", Johann Wolfang Goethe und "Die Leiden des jungen Werther", "Novelle", Bettine von Arnim und "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde", Franz Kafka und "Die Verwandlung", "Der Prozess" sowie "Das Schloss", Fjodor Dostojewski und "Arme Leute", "Schuld und Sühne/Verbrechen und Strafe", Graham Green und "Die Kraft und die Herrlichkeit", "Der dritte Mann", "Unser Mann in Havanna", Oscar Wilde und "Das Bildnis des Dorian Gray", "Ernst sein ist alles", Thomas Mann und "Buddenbrooks", "Betrachtungen eines Unpolitischen" sowie "Doktor Faustus", Michel de Montaigne und "Essais", Anton Tschechow und "Die Möwe", Luigi Pirandello und "Sechs Personen suchen einen Autor","Einer, keine hunderttausend", Albert Camus und "Die Pest", Oskar Maria Graf und "Wir sind Gefangene", "Das Leben meiner Mutter", James Joyce und "Dubliner", "Ulysses", William Faulkner und "Schall und Wahn" sowie "Licht im August".

Ich habe die fokussierten Autoren und Werke bewusst alle aufgelistet, damit Sie wissen, wozu hier motiviert werden soll. Tilmann Spengler erzählt immer voller Esprit, auf hohem Niveau, in bemerkenswert schnörkelloser, schöner Sprache. Dabei deckt sich sein Auftritt im Literaturhaus übrigens mit seinen geschriebenen Worten. Das will ich nicht unerwähnt lassen.

Neugierig auf die Werke machen nicht zuletzt die zum Teil recht kuriosen Charakterisierungen der Autoren. Ich zitiere mal, ein Beispiel aufzeigend, den Beginn des Essays zu Rainer Maria Rilke und "Die Aufzeichungen des Malte Laurids Brigge":"Was hält man wohl von einem jungen Dichter, der einen Brief an seinen Verleger mit den Worten schließt: "Ich selbst spreche nicht ins Telephon...Wenn sie aber telephonisch antworten, so kann ja der Portier die Antwort für mich aufnehmen."

Man mag vielleicht denken: So ganz bei Trost kann dieser Kerl nicht sein. Oder man denkt neidvoll: So ein Selbstbewusstsein hätte auch ich gerne, vielleicht nicht immer, doch in den entscheidenden Momenten. Vielleicht aber denkt man auch: Ein Dichter muss so etwas dürfen." (Zitat: S.36)

Ja, ein Dichter darf Allüren haben, er benötigt sie sogar, um sich abzugrenzen vom Alltäglichen, wenn er Nichtalltägliches schaffen will. Uns Lesern steht es nicht an, über die Allüren von Künstlern zu richten, bewundern allerdings müssen wir Allüren und Verschrobenheit auch nicht. Hinnehmen genügt.

Ich kenne zwar alle Autoren im Buch, aber nicht alle Werke. "Anna Karenina" auf so wenige Worte zusammenzustutzen, hat mir fast den Atmen geraubt. Hier bewundere ich das Selbstbewusstsein Spenglers besonders bei seinem saloppen Urteil "Anna Karenina bleibt am Ende nur noch Selbstmord". Ach, ja?  Diese Ansicht muss man nicht teilen, oder?

Mein ganz großes Lob gilt Spenglers Essay über Oskar Wilde und zwei seiner Werke, (siehe oben). Dass der hochironische Spengler, Wilde in seiner differenzierten Substanz besonders gut auszuloten vermag, kann ich sehr gut verstehen, denn die beiden sind, was den Wortwitz angeht, ganz klar Wahlverwandte im Geiste.

Empfehlenswert.

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Rezension: Der Winkeladvokat- Monsieur Rainer

Wenn man den Roman von Monsieur Rainer mit dem Titel „Der Winkeladvokat“ zum ersten Mal in den Händen hält und kurz reflektiert, worauf man sich bei diesem Buch eigentlich einlässt, könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass es sich hierbei um die Beweihräucherung des Berufsstandes der Anwaltschaft handelt, der im akademischen Ranking immer noch hoch angesiedelt ist.

Das Image wird zuweilen nur durch einige geldgierige, verlogene und betrügerische Vertreter dieses Berufsstandes angekratzt. Ansonsten erwartet man smarte, Porsche fahrende, mit dunklem Tuch ausgestattete Anzugträger, die nichts erschüttern kann, zumindest keine kleinen, dicklichen, bebrillten Staatsanwältinnen oder Richterinnen. Allenfalls die jungen, mittlerweile attraktiven Referendarinnen könnten sie gelegentlich aufs Glatteis führen.

Ja, die Liebesabenteuer eines solchen Draufgängers hinter gediegenen Anwaltstüren, der selbstverliebt ironisch gelegentlich sich als Winkeladvokat vorstellt, verspricht schon Kurzweiliges.

Auch der Name des Autors „Monsieur Rainer“ ist zweifellos ein Pseudonym. Will er damit Diskretion gegenüber der weiblichen Mandantschaft beweisen oder sich gar vor den Nachstellungen der Obrigkeit schützen, falls nicht immer alles nach Recht und Gesetz gelaufen ist?

Alles weit gefehlt.

Monsieur Rainer, der bekannte Autor der wunderbaren „Commissaire Carlucci“- Kriminalromane oder auch des intelligenten, zeitkritisches Buches „Wehrt Euch!“ beschreibt hier in Romanform das dramatische Leben eines jungen Mannes, der gepeinigt durch seine gefühlskalten Juristeneltern, es vorzieht, lieber in die französische Fremdenlegion abzuhauen, als gedemütigt und geprügelt zu werden, da die Noten des Reifezeugnisses nicht den Vorstellungen seiner Erzeuger entsprechen.

Hier trainiert er seine Stärken und wird zum harten, angstfreien Kämpfer ausgebildet. Hier aber auch wird sein unbedingter Wille geprägt, es seinen familiären Peinigern mit gleicher Münze heimzuzahlen. Nach seiner Entlassung aus der Legion studiert er Jura in Nizza und Tübingen. Sein einziges Ziel ist es, diesem menschenverachtenden Staatsanwalt und dieser kalten hochnäsigen Richterin, diesen zwei Personen, die sich seine Eltern nennen, alles das zurückzuzahlen, was diese im Laufe vieler Jahre an ihrem Sohn verbrochen haben.

Als er endlich als Anwalt im gleichen Landgerichtsbezirk wie dieses “ehrenwerte“ Juristenpaar zugelassen wird, glaubt er die Zeit der Rache sei gekommen.

Monsieur Rainer stellt hier einen glänzend geschriebenen Roman vor, einerseits perfekt recherchiert, was die gerichtliche Praxis anbelangt, so dass der Leser auf eine abgeschlossene juristische Ausbildung mit anschließender anwaltlicher Tätigkeit schließen kann.

Doch auch die Erfahrungen, die sein Protagonist in den verschiedenen Gerichtssälen dieses Landes gemacht hat, dokumentiert profunde Kenntnisse der Materie. Dieses alles bindet der Autor in die tiefe Emotionalität des jungen Mannes ein, dem das Schicksal so viele Härten auferlegt hat. Die schönen Seiten des Lebens kommen allerdings auch nicht zu kurz, wenn der ehemalige Fremdenlegionär an seine geliebte Cote d` Azur zurückkehrt, nach Nizza, wo sein Leben als Student sich durchaus angenehm gestaltete.

Alles in allem haben wir es mit einem Roman zu tun, der voll Herzblut geschrieben, auch durchaus biographische Züge aufweisen könnte und deutlich zeigt, wie kalt und herzlos Menschen, zumal gutbetuchte Juristen sein können. Wie aussichtslos es ist, gegen verlogene Strukturen zu kämpfen, erfährt unser Protagonist permanent, zumal wenn man von blindem Hass geleitet wird.

Ach ja, und ob unser Romanheld immer nur gegen das Böse kämpft oder ob er auch Gefühle und Leidenschaften seitens der holden Weiblichkeit entgegengebracht bekommt, müssen sie durch die Lektüre selbst herausfinden. Es ist fast zu vermuten.

Ich möchte dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

Helga König

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Rezension: Börne-Das große Lesebuch (Broschiert)

Herausgeberin dieses Lesebuchs ist Inge Rippmann. Sie stellt eine große Anzahl von Texten des in Frankfurt am Main geborenen deutschen Intellektuellen Ludwig Börne (eigentlich Löb Baruch, 1786-1837) vor, wodurch man einen breitgefächerten Eindruck dieses Denkers jüdischer Herkunft erhält, dessen Schriften sich in erster Linie gegen die politische und kulturelle Reaktion wandten.

Die Herausgeberin hebt gleich zu Beginn hervor, dass Börne kein Dramatiker wie Büchner, kein Lyriker wie Heinrich Heine, kein epischer Schriftsteller wie der von ihm verehrte Jean Paul gewesen sei. Sein Ruhm sei zunächst der Aktualität verpflichtet gewesen.

Den letzten Seiten des Buches hat man übrigens Gelegenheit, sich einen Überblick über das Leben und Werk Börners zu verschaffen, bei dem sich das Stichwort "Freiheit" durch sein, wie Rippmann nicht unerwähnt lässt, "schmales, jedoch formal wie inhaltlich breit gefächertes Oeuvre verfolgen" lässt.

Börne verbarg seine radikal-oppositionelle Kritik in der Regel in Feuilletons, Kritiken und Kurzgeschichten. Davon erhält man in dem Lesebuch einen recht guten Eindruck.

1830 begab sich der Frankfurter nach Paris und widmete sich nach zwei ausgedehnten Schweizreisen zwischen 1832-1834 intensiven Studien der Französischen Revolution. Börne soll wie die meisten seiner liberalen Zeitgenossen die Julirevolution zunächst als entscheidende Zeitenwende begrüßt haben. Dabei befreite ihn sein neu gewählter Wohnort Paris sowohl inhaltlich als auch stilistisch vom Zensurdruck.

In seinen "Pariser Briefen" ließ es die Leser an seiner aktuellen Lektüre teilhaben und klagte u.a. mit satirischer Geste die unverantwortliche Politikabstinenz von Goethe, Schiller und anderen Geistesgrößen der Klassik an.
Sein Seitenblick auf Heine soll stets wach geblieben sein. Hier soll es enorme Konkurrenzgefühle gegeben haben, die schließlich in "feindseliger, von ihrem unterschiedlichen Revolutionsverständis gespeister Gehässigkeit" endeten.

Das Lesebuch stellt Texte von Börne vor, die ihn als Anwalt und Kritiker der Juden, als kritischen Patrioten, als Literatur- und Theaterkritiker, als Vorkämpfer für die Pressefreiheit, als radikalen Demokraten, als Flaneur und Musikfreund, als Goethe-Gegner, als Zeitgeschichtenschreiber, als Satiriker und in anderen Rollen zeigen.

Als ich die Texte, die seine Beziehung zu Heine verdeutlichen, las, sah ich erneut, wie kontraproduktiv Konkurrenzdenken ist und wie viel mehr es doch bringt, wenn kluge Geister gemeinsam an einem Strang in eine Richtung ziehen.

Empfehlenswert.

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Rezension:Der alte Mann und das Meer: Bild Nobelpreis Bibliothek (Gebundene Ausgabe)

Dieses optisch überaus gelungene Buch, das der sogenannten "Nobelpreis- Bibliothek" entnommen ist, habe ich auf der Frankfurter Buchmesse in die Hand gedrückt bekommen. Es wurde an alle Messebesucher, die an dem entsprechenden Stand vorbei schlenderten, kostenlos ausgehändigt.

Über Hemingway und seinen 1952 veröffentlichten Roman "Der alte Mann und das Meer" gibt es nichts mehr zu sagen. Den kleinen Roman habe ich in meinen bisherigen Leben mehrfach gelesen. Er beeindruckt mich noch immer. Wie ich meiner Reclamausgabe entnommen habe, las ich den Text als Zwölfjährige das erste Mal.

Ich werde den Inhalt des Buches nicht zusammenfassen, sondern nur die nüchterne Sprache Hemingways loben. Beispiel: "Es ist ein herrlicher Fisch, und ich muss ihn kleinkriegen, dachte er. Er darf nie erfahren, wie stark er ist oder was er tun könnte, wenn er loszöge. Wenn ich es wäre, würde ich jetzt alles auf eine Karte setzen und losziehen, bis was reißt. Aber gottlob sind sie nicht so klug wie wir, die sie töten, obwohl sie edler und fähiger sind," (Zitat. Seite 61).

Die Zuspitzung auf das Existenzielle macht den eigentlichen Reiz des Romans aus und das wird nicht nur in dem Satz deutlich, wo der alte Mann im Hinblick auf die Haie sagt: "Ich werde sie bekämpfen bis ich tot bin",(Zitat: S. 115).

Man muss wissen, welche Fische man zu fangen gedenkt und man muss seine Kräfte und die Gefahren genau einschätzen können. Das ist nicht einfach. Nur jene, die wirkliche Jäger sind, wissen um diese Dinge und verlieren nicht ihre glückliche Hand bei ihrem Tun. Schwäche wird immer bestraft. Das ist die Botschaft, die durch die Zuspitzung auf das Existentielle, zum Ausdruck gebracht wird. Hemingway ist kein Autor für weichgespülte Leser, aber er spricht durchaus auch Personen an, die keine extremen Stärkeverherrlicher sind. Immerhin.

Das Hardcover-Bändchen in der Farbe Weiß mit goldenen Lettern und einem goldenen Lesebändchen wirkt nebst durchsichtigem Schutzumschlag betont edel. Bestens ist die Kurzbiographie am Anfang und auch die präzise Inhaltsangabe.

Diese Ausgabe des Buches empfehle ich gerne weiter, weil sie meinen bibliophilen Neigungen entgegenkommt.

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Rezension: Egon Friedell- Vom Schaltwerk der Gedanken- Essays

Dieser Essayband des Kosmopoliten jüdischer Herkunft Egon Friedell enthält Essays zu Geschichte, Philosophie, Religion, Theater und Literatur.


Von den mehr als 60 Essays habe ich mit besonderem Interesse Friedells Reflektionen zu "Anna Karenina" gelesen. Der Essayist macht darauf aufmerksam, dass Tolstoi uns in diesem Roman in die Elemente des mikroskopischen Sehens unterweist und dass dies der pädagogische Wert aller großen Kunstwerke sei, (vgl.: S.294). Ich gebe zu, dass ich darüber bislang noch nicht nachgedacht habe, jedoch blitzschnell literarische Kunstwerke vor meinem geistigen Auge diesbezüglich "abscannte" und feststellen musste, dass Friedell Recht hat. Speziell trifft es auf Werke Dostojewskis zu, wie ich meine, aber auch auf jene von Balzac und auf jene von Thomas Mann. Man denke an den "Tod in Venedig".

Die Betrachtungen zu "Das Bild des Dorian Gray" bringen es auf den Punkt. Es ist tatsächlich unbegreiflich, wie man finden konnte, das dieser Roman unmoralisch sei und es stimmt auch, dass ganz gleich ob man ihn als Autobiographie, als Erbauungsschrift, als Parabel und als Aphorismensammlung auffasst, man immer richtig liegt. Doch derjenige, der das Buch als prächtige Scharade begreift, wird wohl am besten erkannt haben, was das Buch wirklich ist, so Friedell und auch das ist wahr.

Beim Lesen des Buches ist mir aufgefallen, dass ich mir zunächst jene Essays vornahm, die sich mit meinen Lieblingen befassten, dazu gehören Voltaire, Wolfgang Amadeus Mozart, Goethe und Schiller, Honore de Balzac, Gustave Flaubert, Jean Rousseau, Ralph Waldo Emerson, die Maler der Renaissance, Shaw, Wilhelm Busch, Lichtenberg und Michel de Montaigne. Alle diese Essays fanden inhaltlich meine volle Zustimmung, jedoch auch die Essays, zu Personen, die ich wohl niemals favorisieren würde, wie beispielsweise Richard Wagner. Auch diesen Essay habe ich mit großem Genuss gelesen und das will etwas heißen. Die Lust an der Intellektualität des Textes von Friedell war größer als meine Abscheu vor Wagner.

Leider ist es inhaltlich unmöglich, auf all die 60 Essays einzugehen. Gefallen haben mir tatsächlich alle und zwar wegen ihrer Weltläufigkeit und hohen, durch nichts eingegrenzten Intellektualität.

Ich möchte an dieser Stelle ein paar Sätze aus dem Essay zitieren, die uns alle nachdenklich stimmen sollten: "Aller Nationalismus und Patriotismus enthält nämlich ein Element der Isolierung, des Hasses und mit Hass kann man weder malen noch denken noch dichten, noch überhaupt etwas schaffen. Künstler können nicht polemisieren, befeinden: Sie sind Verklärer und Rechtfertiger alles Lebens. Sie verstehen ja nur darum von der Welt und ihrem Lauf mehr als andere, weil sie sie lieber haben; sie können nur darum alle menschlichen Empfindungen nachgestalten, weil sie alle als berechtigt anerkennen. Der Hass ist niemals zeugungsfähig, sondern immer nur die Liebe." (Zitat: S. 289).

Dem ist nichts hinzuzufügen, vielleicht nur, dass den wahren Künstlern meine ganze Liebe gilt.

PS: Am Ende des Buches hat man Gelegenheit die wichtigsten Lebensdaten des 1878 geborenen und 1938 verstorbenen Intellektuellen nachzulesen und sich in einem acht Seiten langen Beitrag von Wolfgang Lorenz über Egon Friedell kundig zu machen, der nach dessen Meinung eines vor allem war: ein dramatischer Denker.
Empfehlenswert.

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Rezension:Die Maske (Gebundene Ausgabe)

Dass der mittlerweile 85 jährige Siegfried Lenz ein großartiger Erzähler ist, dokumentiert er erneut in seinen, in diesem Buch vorliegenden fünf Erzählungen.

Der Stil dieses Ostpreußen hält mich nach wie vor gefangen, denn beim Lesen spüre ich noch immer diese eigenwillige Magie, mittels welcher Lenz seine Leser zu bezaubern vermag.

Bereits die erste Erzählung "Rivalen" ließ mich nachdenklich zurück. Was will der Erzähler uns mit auf den Weg geben? Hat er eine Botschaft in diesem Text versteckt?

Es geht um die Gefühlslage eines nicht mehr jungen Museumswärters und um seine Verliebtheit in ein Gemälde, das eine sehr schöne Frau zeigt.

Der in seinem Leben bislang unbescholtene Mann nutzt eine Gelegenheit, das Gemälde in seinen Besitz zu bringen, nicht weil er sich den Wertgegenstand aneignen möchte, sondern weil er den Anblick dieser schönen Frau nicht verlieren will, denn es wurden gerade andere Gemälde aus dem Museum entwendet. Kann er sicher sein, dass mit diesem Gemälde nicht Analoges geschieht?

Detlev Krells heimliche Freude ist der Anblick dieser Frau. Dieser Anblick lässt ihn vielleicht für Momente am Tag wieder jung sein, gibt ihm Kraft, den Alltagstrott zu überstehen.

Was für Detlev Krell der Anblick der schönen Frau auf dem Gemälde ist, mag für uns der allmorgendliche Anblick eines hübschen Mannes oder eine ebenso hübschen Frau auf eine Litfaßsäule sein, die uns auf dem Weg zum Arbeitsplatz entgegenlachen, sprich etwas eigentlich Imaginäres, was dennoch Glücksgefühle hervorruft.

Krells Gattin, die von der Freude ihres Mannes beim Anblick der Frau erfährt, reagiert hochgradig eifersüchtig, weil sie sich mit dieser Frau zu vergleichen anschickt und schließlich aus der Eifersucht heraus, destruktiv zu agieren beginnt. Negative Handlungen solcher Art finden täglich viele Millionen Male statt und das seit Jahrtausenden bereits. Doch die Menschen lernen daraus nichts. Sie hören nicht auf, sich zu vergleichen. Sie hören auch nicht auf, ihrem geliebten Partner sogar harmlose Träume zu zerstören, wenn sie das Gefühl haben, dass sie nicht den Mittelpunkt dieser Träume verkörpern. Sie zerstören selbst solchen Träume, deren Inhalt dem Träumenden noch nicht einmal klar sind, weil die Träume sich, wie das mystische Avalon in Nebel hüllen, damit der Träumende sich vor sich selbst nicht rechtfertigen muss.

"Rivalen" ist eine wirklich gelungene Erzählung, die trotz des fiktiven Inhalts ganz nah an der Wirklichkeit angesiedelt ist und die leise Bitte enthält, dem Herzens-Du alle Träume einfach zu lassen als Zeichen dafür, dass man es wirklich liebt, vor allem aber dessen Gegenliebe nicht pausenlos infrage stellt.

In der zweiten Erzählung, sie trägt nicht grundlos den Titel die "Die Maske", berichtet der Ich-Erzähler, ein junger Student, der die Semesterferien bei seinem Großvater, einem Kneipenbesitzer auf einer Insel zubringt, von seinem Verliebtsein in eine hübsches Mädchen, namens Lene, die auf dieser Insel lebt. Es geht in besagter Erzählung nicht nur um die Liebe, sondern auch um Tiermasken, die aus einem Container eines Schiffes stammen. Unter diesen Masken verbergen die Gäste in der Kneipe vergnügt ihre Gesichter. Sie verhalten sich schlagartig anders und zwar so, wie sie vielleicht gerne sein würden, es sich aber nicht getrauen.

Authentisches Verhalten, das eigentlich das Ablegen von Masken erforderlich macht, ist in der Erzählung von Lenz erst möglich, nachdem man sein Antlitz hinter einer Maske versteckt. Wer sich schon länger im Internet aufhält, weiß um diese Dinge und hat Gelegenheit, das wahre Ich von Menschen in ihren Tarnkappen kennenzulernen. Nicht immer ist das wahre Ich liebenswert, besonders dann nicht, wenn es Kindheitsverletzungen nicht verarbeitet hat.

Dennoch, es scheitert stets alles, wenn man sich nicht zur Authentizität entschließt, speziell in der Liebe, die stets heilend wirken kann. Das wird in dieser Erzählung von Siegfried Lenz deutlich.

Auch die weiteren drei Erzählungen befassen sich mit Verhaltensmustern von Menschen. Es führt allerdings zu weit, jetzt dies hier alles auszubreiten. "Der Entwurf" hat mich übrigens besonders berührt. Hier geht es darum, Distanz zu sich selbst und seiner momentanen Situation zu gewinnen. Wohl dem, der die Gnade hat, ein begabter Schriftsteller zu sein......

Den Kernsatz der Erzählungen habe ich zum Ende der 5. Erzählung gefunden. Er lautet: "Das Schicksal verzichtet oft auf Kommentare, es begnügt sich damit zuzuschlagen", (Zitat: S.123). Vielleicht ist es die Aufgabe eines guten Erzählers, durch seine Erzählungen die Kommentare zu liefern. Siegfried Lenz kommentiert mitfühlend und deshalb lese ich ihn immer wieder gerne.

Empfehlenswert.

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Rezension:Ein abenteuerliches Herz: Ernst-Jünger-Lesebuch (Broschiert)

"Der Wein hat Europa stärker verändert als das Schwert. Immer noch gilt er als Medium kultischer Wandlungen."

(Zitat: Ernst Jünger, Seite 249 aus "Annäherungen. Drogen und Rausch")

Sofern Sie sich einen Überblick über die Literatur Ernst Jüngers verschaffen möchten, sollten Sie sich mit diesem Lesebuch auseinandersetzen, das Heinz Ludwig Arnold herausgegeben hat und zwar mit spannend zu lesenden persönlichen Erinnerungen an den Schriftsteller, die er den ausgewählten Texten voranstellt.

Man hat Gelegenheit sich mit vielen Texten Jüngers zu befassen, darunter auch "In Stahlgewittern", "Das Abenteuerliche Herz" in der Fassung von 1929 und 1938, "Auf den Marmorklippen" und die "Gläsernen Bienen".

Jüngers Denken finde ich in erster Linie subtil. Stilistisch ist er natürlich brillant. Das will ich an dieser Stelle an einem Beispiel deutlich machen: "Die weibliche Energie ist stärker, wenn auch weniger sichtbar, all die männliche. Sie ist durchdringend, minder sprunghaft, waltender. Sie ist biegsamer und doch härter als die berühmte Stahlklinge. Aber wie Stahl hat sie diese Tugend nicht von Anfang an besessen, sondern erworben, indem sie im kalten Bade geschreckt wurde."
(Zitat: S. 350, aus : "Eine gefährliche Begegnung").

Wir sehen also, Jünger schreibt nicht nur exzellent, sondern er war ein vortrefflicher Beobachter. Grund genug sich mit ihm zu befassen, auch wenn uns seine Beobachtungen "In Stahlgewittern" interpretatorische Magenschmerzen bereiten.

Empfehlenswert.

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