Dieses Blog durchsuchen

Rezension: Sofia- Erica Brühlmann- Jecklin- Zytglogge

Die Autorin dieses 10 CD umfassenden Hörbuchs mit dem Titel "Sofia- eine Frau aus dem Prättigau“ ist die Graubündnerin Erica Brühlmann-Jecklin. Ihr Roman erschien erstmals 2009 als gebundenes Buch. 

Der CD-Box ist eine Code-Karte beigefügt. Damit hat man die Möglichkeit, den gesamten Roman auch als MP3- Datei herunterzuladen. Die einzelnen CDs sind in wieder verschließbare Hüllen verpackt, in die man die CDs nach dem Hören erneut hineinschieben kann und sie auf diese Weise vor Staub und Kratzer zu schützen vermag. Eine lobenswerte Maßnahme.

Der Schauspieler Peter Kner liest mit angenehmer Stimme, einfühlsam den beeindruckenden Text, der sowohl inhaltlich als auch stilistisch mit feinen Linien das Leben von zumeist nicht wohlhabenden Selbstständigen und ihren Kindern nachzeichnet, deren Wurzeln im Prättigau in der Schweiz zu finden sind. 

Mit einem "goldenen Löffel" im Mund wurde keiner der Hauptfiguren geboren, auch die Protagonistin Sofia nicht. 

Das Prättigau, so entnimmt man dem Hörbuch, ist ein Tal des Flusses Landquart im Schweizer Kanton Graubünden und Teil der Region Prättigau/Davos. Die Familiengeschichte beginnt im Jahre 1897 mit der ersten fokussierten Generation. Hier hört man zunächst wie  Karl, ein junger Maler und Karolina, ein hübsches Zimmermädchen sich kennenlernen. Die beiden sind die zukünftigen Eltern von Sofia. Volkslieder ersetzen beim Einander-näher-kommen eigene Worte. Volkslieder sind das Kommunikationsinstrument, das die beiden schließlich zueinander führt.  

Der Kutscher Johannes und die Köchin Maria lernen sich 1899 kennen. Es sind die Eltern von Peter, dem späteren Ehemann von Sofia. Der Vater von Johannes ist ein armer Bergbauer. Johannes träumt von einem weniger beschwerlichen Leben als es sein Vater hat, schafft es aber nicht, seinen Lebenstraum umzusetzen und übernimmt dessen Last nach dessen frühem Tod gemeinsam mit Maria, während Karl und Karolina ihren eigenen Weg gehen. 

Karl eröffnet ein Malergeschäft, zudem betreiben die beiden alsbald ein Wirtshaus, dem eine Pension angeschlossen ist. Beide Paare werden Eltern einer großen Kinderschar, wie das in jenen Zeiten in ganz Europa nicht nur in ländlichen Gebieten üblich war. 1913 kommt das "Sommerkind" Sofia zur Welt, dessen Leben mehr als 90 Jahre andauern sollte. 

Die Eltern nennen dieses Kind Sofia, weil der Name "Weisheit" bedeutet und Karl glaubt, dass dieser Name das Mädchen beschützen wird. 

Karl, ein kluger, verantwortungsbewusster Mann, ist politisch interessiert, diskutiert gerne und stellt Betrachtungen über das Weltgeschehen an. Er weiß schon 1913, dass es Krieg geben wird und richtet sich darauf ein.  

Die Autorin hat offenbar viel recherchiert, um möglichst realistische Verhaltensmuster der Menschen im Prättigau nachzuzeichnen, die damals als nicht wohlhabende Selbstständige ihre Familien ernährten und mit harter Arbeit, jedoch geringen materiellen Mitteln ihren Kindern eine Zukunft verschaffen wollten. Die Genauigkeit vieler Details spricht für sich.

Man erfährt, welche Auswirkungen der 1. Weltkrieg in der neutralen Schweiz hatte und wie er von den Menschen im Prättigau wahrgenommen wurde aber auch, dass die Prättigauer den Krieg nicht wollten. Die Männer mussten an der "Grenze des Weltbrands" ihren Militärdienst und ihre Frauen die beschwerliche Arbeit in den kleinen Familienbetrieben, trotz ihrer vielen Kinder nun alleine verrichten. 

Gut ging es den Leuten in diesem ländlichen Gebiet der Schweiz nicht. Hier räumt die Autorin also mit einem Vorurteil im Hinblick auf die reiche Schweiz im letzten Jahrhundert auf. Reich waren weiß Gott nicht alle.

Brühlmann-Jecklin lässt in die spannende Erzählung immer wieder politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse einfließen, die sich auch auf diese entlegene Gegend in Graubünden auswirkten, trotz der Neutralität der Schweiz. 

Sehr gut sind Verhaltensmuster der Kinder untereinander geschildert. Gut auch ist erzählt, wie es schließlich dazu kommt, dass Sofia sich beim Tanzen in Peter, den Sohn des Bergbauern Johannes verliebt, den sie mit "Schmetterlingen im Bauch" Anfang der 1930er Jahre  heiraten wird. Vier Jahre später stirbt Karl, der Vater Sofias. 

Peter versteht Sofias ethische Einwände im Hinblick auf das, was im Nazi-Deutschland mit den Juden geschieht, nicht. Der Bergbauernsohn ist  kein nachdenklicher Mensch. Dass aus ihm später ein Trinker wird, der Sofias Leben zur Hölle macht, ahnt man zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. 

Das Leben der beiden besteht wie bei fast allen anderen Erwachsenen im Buch aus Arbeit, um in erster Linie die vielen Kinder, die im Laufe der Ehe das Licht der Welt erblicken, zu ernähren. Je mehr Peter zum Alkoholiker mutiert, umso intensiver lastet die Verantwortung für die Familie auf Sofia. 

Erica Brühlmann- Jecklin verdeutlicht facettenreich die seelischen Nöte ihrer Protagonistin, die trotz ihrer Gottesgläubigkeit sich entschließt, eines ihrer Kinder abzutreiben, sich unsäglich für ihren immer mehr in die Trinkerei abrutschenden Ehemann schämt, der sie im Delirium verprügelt und mit seiner Gewalttätigkeit zur Gefahr nicht nur für sie, sondern auch für ihre Kinder wird. 

Sie braucht Ewigkeiten bis sie den Entschluss fasst zu gehen, um ihre sieben Kinder alleine groß zu ziehen. Dabei bahnt sie ihnen - sich selbst vergessend- einen Weg, der jedoch nicht immer dort endet, wo man ihn vermuten könnte… 

Der Roman ist an keiner Stelle sentimental. Die Authentizität der Gefühle beeindruckt. Nichts wird beschönigt, auch nicht die Leere, die sich bei Sofia einstellt, nachdem Peter durch sein Verhalten ihre Liebe zu ihm zerstört hat. 

Man wird Zeuge der Resilienz und des Mutes dieser Frau, die es schafft, ohne staatliche Hilfe ihren Kindern einen vernünftigen Start ins Leben zu ermöglichen und man wird auch Zeuge davon, wie Sofia am Ende ihres Lebens keineswegs verbittert, sondern immer weiser werdend, ihrem Namen alle Ehre erweist. Wollte ihr Vater sie mit dem Namen schützen, ist es ihr aufgrund ihrer Klugheit gelungen, sich vor Bitterkeit zu bewahren, weil sie grenzend ziehend, vergeben konnte.

Sofia hadert nur ein einziges Mal mit ihrem nicht einfachen Leben, dessen Inhalt eindeutig ihre Kinder sind. Die Kreativität, die sie entwickelt, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Nachkommen zu verdienen, ist bewundernswert. An ihrem Beispiel wird  begreifbar, wie notwendig die Emanzipation der Frau nicht nur in der Schweiz im letzten Jahrhundert war, wie wichtig auch Empfängnisverhütung ist, die überall auf der Welt nicht selten das Ende von Not und Elend bedeuten kann. 

Schon seit Langem hat mich kein Roman mehr so sehr bewegt wie dieser. "Sofia" in die Reihe üblicher Frauenromane einzureihen, hieße, ihn in seiner Tiefe nicht ausgelotet zu haben. Der Stoff eignet sich für einen niveauvollen Film mit sehr guten Darstellern und hat mich, was seinen Beginn anbelangt, an den Roman "Schlafes Bruder" denken lassen. 

Erica Brühmann-Jecklin bietet mit ihrem Hörbuch den Lesern anspruchsvolle Literatur, von der ich mir wünsche, dass sie Thema auch in der Talk-Show von #Markus_Lanz wird, der als Südtiroler den Inhalt der geschilderten Welt sicher besonders gut nachvollziehen und vor großem Publikum einfühlsam zur Sprache bringen kann. 

"Sofia, eine Frau aus dem Prättigau" hat es verdient, auf großer Bühne kommuniziert zu werden 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König


Das Hörbuch  ist überall im  Fachhandel erhältlich

Onlinebestellung: Amazon

Rezension: Alma- Dagmar Fohl- Gmeiner

Dagmar Fohl, die Verfasserin dieses sehr berührenden Romans hat Geschichte und Romanistik in Hamburg studiert und als Historikerin sowie Kulturmanagerin gearbeitet. Heute lebt Fohl als freie Autorin in der Hanse-Stadt. Dort schreibt sie Romane über Menschen in Grenzsituationen. 

Das Vorwort zu diesem Buch stammt von Ester Bejarano. Sie war einst Sängerin und Akkordeonistin des Mädchenorchesters von Ausschwitz und ist heute Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. Bejarano beginnt ihr Vorwort mit dem Satz  "Wir erleben weltweit eine Zeit der Fluchtbewegungen" und beendet es mit dem Wunsch "Möge der Roman etwas bewirken in den Zeiten zunehmender Entmenschlichung“. 

Dazwischen dann liest man Reflektionen der Gegenwart und der Vergangenheit und wird neugierig auf diesen Roman, dessen Titel zwar ein Frauenname ist, der sich inhaltlich aber mit der Lebensgeschichte des assimilierten Juden und Cellisten Aaron Stern befasst.

Dessen Vater betreibt in der 2. Generation einen Musikhandel.  Aaron berichtet zunächst von seinen Eindrücken in der NS-Zeit als Schüler nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze und wie damals der Hass seiner Mitschüler und einiger Lehrer auf Juden und damit auch auf ihn wuchs. Er erzählt wie er allmählich immer mehr ausgegrenzt wurde, nach der Obertertia das Gymnasium verließ und bei seinem Vater eine Lehre als Musikalienhändler begann. 

Aaron berichtet von den Schikanen der Nazis in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg, auch wie sein Vater misshandelt wurde und eine schwere Herzattacke erlitt, woraufhin Aaron 1937 im Alter von 20 Jahren den Musikhandel vollständig übernahm. Zu diesem Zeitpunkt lernt er Leah kennen. Sie ist drei Jahre älter als er.  Die beiden verlieben sich ineinander Als Leah schwanger wird, beschließen sie Deutschland zu verlassen.  Ihr Vorhaben führt sie nach großen Schwierigkeiten bis an die Küste Kubas. Die zu früh geborene, schwache Tochter haben sie schweren Herzens in einer deutschen Familie zurückgelassen. Eine falsche Geburtsurkunde soll die kleine Alma dort schützen. 

Aaron schreibt von den traurigen Begebenheiten und den Ängsten der Menschen auf dem Schiff, nicht zuletzt als man den Passagieren dort die Einreise verweigert. Man nimmt Anteil an der leidvollen  Odyssee von Aaron und Leah,  die im Konzentrationslager Auschwitz endet. 

Aaron überlebt die Zeit dort und auch  jene in Bergen-Belsen, dem Ort des Grauens, dessen Leichenberge zu Kriegsende die Welt erschütterten.  Auch darüber schreibt Aaron, für den die KZ-Tortur mit Verlust von allem, was ihm etwas bedeutet hat, endet. Aaron ist  nun Mitte 20. 

Nach 1945 erlebt Aaron weiterhin viel Ungutes. Hierzu gehört nicht zuletzt auch das Verhalten der Deutschen, die von all der Entmenschlichung nichts gewusst haben wollten.  Jetzt sucht der Vater seine Tochter, hört von ihrem Tod in der Ostsee,  ist untröstlich, doch dann kommt alles anders…. 

Musik  ist das versöhnende Element und  das Sinnstiftende, das über sinnentleerte Zeiten trägt.

Der Roman ist sehr flüssig und packend geschrieben. Dabei sind Figuren glaubhaft charakterisiert und der historische Hintergrund schonungslos ausgelotet. Man fühlt den Schmerz Aarons, begreift jene KZ-Häftlinge, die aufgrund ihrer Hoffnungslosigkeit Suizid begingen und stellt sich erneut die Frage, wie diese perverse  Entmenschlichung damals überhaupt möglich werden konnte und ob die Gefahr besteht, dass  ein solches Unrecht sich in Europa erneut zutragen könnte?

 "Alma" ist ein Roman, den ich allen wärmstens ans  Herz lege. Er ist ein wichtiges Dokument, das wachrüttelt und uns bewusst macht, in welchen Zeiten wir leben aber auch wogegen wir uns aussprechen müssen:  Es ist der wachsende Rechtsradikalismus, der ohne Zweifel erneut ins Verhängnis führen kann. 

Verschenken Sie das Buch möglichst oft. Es schafft Bewusstsein. Dies  ist derzeit bitter  notwendig.


Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Handel erhältlich
Online Gmeiner oder Amazon

Rezension: Der jüngere Bruder- Uwe Prell- C.M. Brendle Verlag

Uwe Prell arbeitet als freiberuflicher Dramaturg, Redakteur und Autor. Neben seiner beruflichen und literarischen Tätigkeit wurde er im Fach Politikwissenschaften promoviert und in Neuerer Geschichte habilitiert. 

Sein Roman "Der jüngere Bruder" spielt in den  Jahren 1967 und 1977 in der Bundesrepublik Deutschland und befasst sich mit einer möglichen Ursache, die junge Menschen zu vermeintlichen Mittätern oder Sympathisanten der Roten Armee Fraktion (RAF) gemacht haben könnte: Angepasstheit an überkommene Verhaltensmuster. 

Im Frühling 1977 wurde in Karlsruhe vom "Kommando Ulrike Meinhof" Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft von einem Motorrad aus in ihrem Auto erschossen. Allerdings wurde der Täter bis heute nicht zweifelsfrei identifiziert. 

Volker Löffler, der Protagonist in Uwe Prells Roman, ist der Freund des jüngeren Bruders eines möglichen Beteiligten des Mordanschlags. Wegen der vermuteten Nähe zu Edgar wird er von der Polizei verhört.

Wie schon erwähnt, spielt der Roman auf zwei Zeitebenen. Diese wechseln immerfort und machen deutlich, dass die späteren Ereignisse ohne die früheren so hätten nicht stattfinden können, sie eine Folge von unreflektiertem, vorangegangenem Handeln darstellen.

Man erlebt Volker und seinen Freund Achim Höger sowie dessen älteren Bruder Edgar im Jahre 1967. Volker und Achim sind noch halbe Kinder, aber in ihrer Freizeit bereits der "bündischen Jugend" angeschlossen. Dort ist  auch der ältere Bruder als Scout aktiv. 

Wissen sollte man, dass die bündische Jugend eine Jugendbewegung  ist, die schon in der Weimarer Republik entstand und einst das Menschenbild eines Mannes als Ritter pflegte, der sich freiwillig der Disziplin und Selbstdisziplin unterordnet und im Dienst seines Bundes und dessen Zielen steht. Die Bündischen waren offenbar bestrebt, Gruppen zu bilden, die den Charakter eines Lebensbundes hatten, das heißt, Treue und ein Füreinander-Einstehen bis ans Lebensende waren selbstverständlich.

In der NS-Zeit wurden die Bündischen verboten, weil sie in direkter Konkurrenz zu der Hitler-Jugend standen. Wie man Wikipedia entnehmen kann, warfen Ende des Dritten Reichs Kritiker der Bündischen Jugend vor, "Steigbügelhalter des Nationalsozialismus gewesen zu sein, indem sie ähnliches Gedankengut wie "Führen und Folgen", "soldatische Tugenden" oder Patriotismus transportierte." 

Unklar ist offenbar, ob die bündische Jugend heute noch fortbesteht. In Prells Roman tut sie es. Hier erlebt man dieses "Führen und Folgen" innerhalb der von ihm beschriebenen bündischen Gruppe und sieht wie die Gruppenmitglieder besagte soldatische Tugenden, sprich Kameradschaft, Entschlussfreude, Standfestigkeit, Tapferkeit und Durchhaltevermögen erlernen. Das, was in der Gruppe geschieht, will so gar nicht in die Zeit passen, in der man in der damaligen Studentenbewegung eine freie Erziehung propagierte und "Love and Peace" ein zentrales Lebensmotto vieler junger Menschen war. Offenbar lebt das Bündische von Generation zu Generation in der fokussierten Region fort  - ungeachtet des Zeitgeistes- , ganz ähnlich wie bestimmte Verhaltensmuster in  Burschenschaften. 

Nach der Lektüre des Buches wird klar, dass es diese alten Verhaltensmuster sind, die die drei Jungs zu einer verschwiegenen Schicksalsgemeinschaft zusammenschweißte, die vielleicht ungewollt politisch agierte, ohne möglicherweise tatsächlich politisch motiviert zu sein. Sang man 1932 bei den Bündischen  noch "Wenn die bunten Fahnen wehen", sang man 1970 stattdessen "Let it be", doch man passte das Gruppenverhalten nicht dem veränderten Zeitgeist an und lebte letztlich auch die immer gleichen Konflikte aus.

Die Ermordung Siegfried Bubacks durch Mitglieder der Roten Armee Fraktion war der Auftakt des Terrorjahres 1977, der im sogenannten "Deutschen Herbst" gipfelte. Buback einst Mitglied der NSDAP, wurde dennoch 1953 Staatsanwalt und 1974 Generalbundesanwalt. Bereits vor seiner Amtszeit war er für die Fahndungen nach führenden RAF-Terroristen der ersten Generation verantwortlich. Das machte ihn zum idealen Feindbild der Terroristen der II. Generation, die ungleich gewalttätiger den Kampf gegen das Establishment fortsetzten, weil  sie  von Rachegedanken durchdrungen, völlig emotional reagierten. 

Edgar, Achim oder auch Volker - keine Täter-  haben in der bündischen Jugend Verhaltensmuster gelernt, die sie zu geeigneten Handlagern militanter Gruppierungen machte, ohne politisch motiviert zu sein. Willige Helfer gab es auch in der NS-Zeit zur Genüge. Diese wurden damals in der Hitlerjugend herangezogen, in der ähnliche Ideale wie in der bündischen Jugend hochgehalten wurden. 

Sowohl Volker als auch Edgar trauern nicht erkennbar um den Freund und Bruder Achim, der bei einem Motoradunfall ums Leben kommt. Das ist erschreckend. Diese Unfähigkeit zu trauern haben die beiden mit der Nazigeneration gemeinsam und dies hängt wohl in erster Linie mit einer falsch verstandenen Selbstdisziplinierung zusammen, die sie von ihrem Selbst und damit auch von ihrer inneren Stimme getrennt hat.

Uwe Prell transportiert in seinem Werk den Zeitgeist jener Tage, der sehr widersprüchlich und nicht auf Konsens ausgerichtet war, weil Sprachlosigkeit einen Dialog nicht nur zwischen den Generationen nahezu unmöglich machte, sondern auch weil alte Strukturen überall verdeckt, das Liberale hemmend, fortlebten.

Was fehlt, ist eine wirkliche Nähe zum Du. Sie kann nicht durch Kameradschaft ersetzt werden. Das zeigt sich auch im Umgang mit Lydia, die von den drei jungen Männern mehr als Trophäe, denn als Mensch, der geliebt werden möchte, gesehen wird.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Handel erhältlich

Onlinebestellung: C.M.Brendle und  Amazon


Rezension: Die Spionin- Paulo Coelho- Roman. Diogenes

Der Autor dieses Romans ist der Brasilianer #Paulo_Coehlo. Seine Bücher wurden in 81 Sprachen der Welt übersetzt und haben bislang eine Auflage von über 210 Millionen Exemplaren erreicht. Der Romancier hat zudem weltweit die meisten Follower in den sozialen Medien.  

Die Protagonistin des Romans "Die Spionin" ist die niederländische Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle (1876-1917), die einst den Künstlernamen Mata Hari trug. Das Leben und Schicksal dieser Tänzerin wurde 1931 bereits erstmals verfilmt. Seither verbindet man Mata Haris Aussehen mit der Schönheit von Greta Garbo, die im damaligen Film die Hauptrolle spielte. Blättert man zunächst in Coehlos Roman, entdeckt man diverse Abbildungen der Künstlerin, die fast ein wenig enttäuschen, weil das geistige Auge diese Fotos ungewollt mit Filmbildern der  göttlichen Garbo vergleicht. 

Was ließ Margaretha Geertruida Zelle, die auf ihrem Hochzeitsfoto als 18 jährige neben ihrem 21 Jahre älteren, glatzköpfigen Ehemann ungemein bieder erscheint, so über sich hinauswachsen, dass halb Europa ihr  später zu Füßen lag? Coehlo beantwortet diese Frage, indem er seine Protagonisten selbst zu Wort kommen und erzählen lässt.

Als Schülerin wird Margaretha vom Direktor der Schule, die sie besuchte, vergewaltigt und begreift den Offizier, der um ihre Hand anhält, zunächst als ihre Rettung. Mit ihm geht sie nach Niederländisch-Ostindien und muss dort ihren krankhaft eifersüchtigen Mann ertragen, der sie sexuell demütigt.

Sie lernt auf Java Ausdruckstänze kennen, die sie später in Europa berühmt machen werden, trennt sich von ihrem Mann und wird Tänzerin für klassisch-orientalischen Tanz. Jetzt lebt sie von Männern, die Gunst und Juwelen als Gegenleistung für Zärtlichkeit und Lust akzeptieren. Doch da hat sie den Zugang zu ihrem Körper schon lange verloren und setzt ihn nur noch gewinnbringend ein. 

Coehlo lässt die Tänzerin sagen: "Fast alle Männer, die ich kennengelernt habe, schenken mir Schmuck, gaben mir einen Platz in der Gesellschaft und nie habe ich bereut, sie kennengelernt zu haben- mit einer Ausnahme: der Direktor meiner Schule in Leiden, der mich vergewaltigte, als ich sechszehn war." Dieser Satz kann als Schlüsselsatz gedeutet werden, um die Persönlichkeit dieser durch die Vergewaltigung entseelten Frau zu begreifen.

Man erlebt Mata Haris Verwandlung hin zur "weiblichsten aller Frauen, deren Körper imstande war, unfassbare Tragödien darzustellen", wie die Presse damals schrieb und lernt ihren Freiheitsdrang zu verstehen, den sie im Tanz auslebte. 

Sie habe nicht Liebe, sondern Freiheit gesucht, weil sie gewusst habe, dass die Liebe komme und gehe, sagt sie nicht grundlos.

Irgendwann ist man Mata Hari in Paris, wo sie ihre Glanzzeiten erlebt, überdrüssig. Sie begibt sich nach Berlin, um dort ihr Glück erneut zu versuchen und wird später angeblich Doppelagentin, um ihr Leben in schwierigen Zeiten finanzieren zu können. 

Nach ihrer Verhaftung bestreitet sie bis zum Schluss die Agententätigkeit, wird aber des Hochverrats angeklagt und schließlich hingerichtet. 

Coehlo zeichnet das Bild einer tapferen Frau, die von sich selbst sagt, dass sie im falschen Jahrhundert geboren worden sei, sie letztlich Opfer einer Justiz war, die sie dafür abstrafte, dass sie frei sein wollte, dass sie mit Männern Sexualbeziehungen eingegangen war, deren Ruf um jeden Preis gewahrt werden musste. Das war nur möglich war, wenn sie von der Bildfläche verschwand. 

Mata Hari wurde, wie so viele Frauen vor und nach ihr, Opfer von Intrigen. Sie war eine Männer-Fantasie und wurde von Männern  genau dafür hingerichtet.

Ob Mata Hari oder Gräfin von Reventlow oder wie sie alle hießen, keine konnte ungestraft frei, vor allem sexuell frei sein in jenen Tagen als Doppelmoral angesagtes Programm war. Was ihnen blieb war, die Konsequenzen für ihren Freiheitsdrang, ohne zu jammern, zu akzeptieren, um auf diese Weise ihren Selbstwert nicht zu verlieren.

Der Text  ist flüssig geschrieben, lässt Poesie bei allem Realismus nicht vermissen und eignet sich in einer Nacht "verschlungen" zu werden.   

Empfehlenswert 

Helga König

Das Buch ist überall im Handel erhältlich
Onlinebestellung: Diogenes oder Amazon