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Rezension: Alles Boulevard: Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst (Gebundene Ausgabe)

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa wartet in seinem neuen Buch "Alles Boulevard" mit beeindruckenden Essays auf, die dem Leser verdeutlichen, dass Kultur in unseren Zeiten vollständig verramscht wird. Dabei stimmt der Untertitel des Werkes sogleich ein wenig nachdenklich und lässt die Frage aufkommen, habe ich mich bereits verloren und wann ist es geschehen?

Der Autor schreibt, dass die Buchkultur ihre Stellung eingebüßt habe und marginalisiert werde. Diese Entwicklung durften wir hier alle im Netz mitverfolgen und erleben täglich ihre Auswirkungen. Die Buchkultur existiert nur noch am Rande der heutigen Kultur, so Vargas Llosa. Die jetzige Kultur hat fast gänzlich mit der klassischen, humanistischen Bildung gebrochen. Dies muss man einfach zur Kenntnis nehmen.

Unsere Gegenwartskultur steht im Zeichen der Globalisierung. Erstmals wurden in der Geschichte kulturelle Referenzen hervorgebracht, auf die sich Gesellschaften und Individuen aller fünf Kontinente verbindlich beziehen, gleichgültig wie verschieden die jeweiligen Traditionen, Religionen und Sprachen sind. Eine solche Kultur ist nicht länger elitär, gelehrt und exklusiv, sondern stattdessen eine echte Massenkultur. Nun geht es darum, den Menschen zu unterhalten, Vergnügen zu bereiten, eine einfache, allen zugängliche Flucht zu eröffnen, ohne irgendeine Bildung oder kulturelle Orientierung zur Bedingung zu machen. Die Massenkultur entwickelt sich aus der Dominanz des Bildes und des Tons, zum Nachteil des Wortes. Beschleunigt hat sich dieser Prozess durch die sozialen Netzwerke im Internet, (vgl.: S.25).

Vargas Llosa schreibt in der Folge über die Kultur des Spektakels. Darunter zu verstehen ist eine Kultur, in der Unterhaltung das Wichtigste ist, in der Eskapismus und Spaß die allesbeseelenden Leidenschaften darstellen, (vgl.: S.31). All das dürfen wir nicht nur im Internet tagtäglich zu Kenntnis nehmen..

 Einen Satz des Nobelpreisträgers, den ich hier zitieren möchte, ist folgender: "Wenn eine Kultur der Ausübung des Denkens in die Rumpelkammer verbannt und die Gedanken durch Bilder ersetzt werden, sind es Marketingtechniken, die über Wohl und Wehe eines Produktes entscheiden, die konditionierten Reflexe des Publikums, das über keine geistigen und intuitiven Schutzmaßnahmen mehr verfügt, um die Konterbande oder Erpressung zu erkennen, der es zum Opfer fällt," (Zitat S.36).

 Nach einen Jahr Facebook und teilweise sehr guten Erfahrungen mit Künstlern, muss ich in der Gesamtheit meiner Beobachtungen schon feststellen, dass narzisstische Bilderwelten, die seitens gewiefter Marketingstrategen für völlig andere Zwecke eingesetzt werden, mehr als bedenklich sind. Wenn Bilder Sprache ersetzen, kann auf Dauer selbst eine Bildreflektion nicht mehr stattfinden, denn zu dieser benötigt man natürlich Worte. Immer mehr dieser Worte geraten in Vergessenheit.

 Vargas Lllosa hält fest, dass neben der Vermassung Frivolität ein weiteres Merkmal unserer Zeit sei und die Kultur des Seichten und des Flitters, des Klamauks und der Pose nicht genüge, um Gewissheiten und Rituale der Religion zu ersetzen, (vgl.: S. 42). Es ist wohl wahr, in unserer Zeit verschaffen Betäubungsmittel und der Alkohol zeitweilige Ruhe des Geistes. Doch sind diese Sicherheiten und Erleichterungen gleichbedeutend mit dem, was einst durch Gebet und Beichte, die Kommunion und Gebet uns zuteil wurden? Schaue ich mir täglich den Frust und die hohe Aggression vieler Menschen im Netz gerade zum Wochenende hin an, die zu verstärkten Trinkgelagen genutzt werden, dann muss ich bei der Antwort nicht eine Sekunde überlegen. Aus all diesen Menschen schreit die Leere und die Sehnsucht nach Sinn.

Immer häufiger verarmen die Ideen, die ein weiteres Merkmal und treibende Kraft des kulturellen Lebens sind, (vgl.S.45). Unsere Kultur wurde auf dem Altar des Hedonismus geopfert, Spektakel all überall, auch in der Politik.

 Erotik gibt es nicht mehr, so der Autor, sie ist zeitgleich mit der Kritik und der Hochkultur verschwunden, (vgl.S.52). Über die Vorgeschichte dieses Abhandenkommens schreibt Vargas Llosa ausführlich. Ich stimme ihm zu, wenn er resümierend festhält, dass wir, sofern wir möchten, dass die körperliche Liebe dazu beiträgt, das Leben zu bereichern, wir uns von Vorurteilen befreien, jedoch keineswegs von der Form und den Ritualen, die sie veredeln und zu zivilisieren, (vgl.: S.121). Der Autor schreibt u.a. auch über Catherine Millet, einen angesehene Literaturkritikerin in Frankreich und über ihr Buch "Catharine M." und dass hier die Liebe, indem man sie zum Zeitvertreib herabgewürdigt, banalisiert wird, (vgl.: S.133).

 Es ist überall ein Mangel an Ernsthaftigkeit feststellbar. Das zeigen auch seine weiteren Betrachtungen. Wie Vargas Llosa so treffend konstatiert, ist es heute eine Form von Eskapismus, der uns gestattet Problematisches zu ignorieren, Dringliches beiseite zu schieben und in ein "künstliches Paradies" einzutauchen, (vgl.: S.215).

 Leider befürchte ich, man wird diesen Rufer in der Wüste nicht hören, wenn er sagt: "Vertrauen wir einer Software die Bewältigung aller kognitiven Aufgaben an, reduziert dies die Fähigkeit unseres Gehirns, stabile Wissensstrukturen aufzubauen. Mit anderen Worten, je intelligenter der Computer wird, desto dümmer wir selbst." (Zitat S.226).

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