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Rezension:Monsieur Teste (Gebundene Ausgabe)

Paul Valery 1871-1945 war Professor für Poetik am College de France. Er veröffentlichte zunächst Lyrik, setzte aber bald seine Bemühungen den reinen, von allen Gefühlen gelösten Geist zu ergründen, in Prosaform fort. Sein philosophischer Text "Monsieur Teste", den man als Aneinanderreihung von Dialogen, Essays und Aphorismen werten muss, ist wohl das fiktive intellektuelle Ich Valerys. Aus heutiger Sicht scheint es ein wenig absonderlich, Geist von Gefühl fiktiv trennen zu wollen und die Wechselwirkung nicht von vornherein als gegeben zu akzeptieren. Valery teilt dem Leser mit, dass dieser imaginäre Teste dem Zufall entsprungen und dass alles, was er an Geist besitzt oder besaß letztlich zufallsbedingt sei.

Teste ist ein von seinen Ideen, seinem Gedächtnis beobachteter, ja belauerter Mensch, dessen Denken von seinen Gefühlswerten getrennt ist. Welche Konsequenz dieses Phänomen allerdings auf Testes Handlungsmuster hat, kann man dem Text nur sehr schwer konkret entnehmen. Valery lässt den Leser wissen, dass im ganzen Wesen von Monsieur Teste kein Körnchen Hoffnung ist. Das dürfte eine der fatalen Folgen reiner technischer Intelligenz sein, wenn es diese denn bei einem Menschen gäbe.
Banale Anmerkung von der Rezensentin: Lebende Menschen sind immer beseelt, unbeseelte Menschen sind tot und können demnach nicht mehr denken.

Valery versteigt sich in die Vorstellung, dass Teste der Herr des Geistes ist, dem man kein seelisches Ungemach, keine innwendigen Schatten zuschreiben kann und ebenfalls nichts, was von Instinkten der Furcht oder Begehrlichkeit herrührt, wie auch nichts, was auf Nächstenliebe gerichtet wäre. Infolge seiner Emotionslosigkeit ist Teste weder gut noch böse, schlau, zynisch oder anderes. Er beschränkt sich darauf zu wählen. Während er wählt, verbindet er einen Augenblick und sich selbst zu einer gefälligen Einheit. Dadurch, dass er keine Gefühle hat, kann er wirklich sehen und demnach frei entscheiden. Der beseelte Mensch ist immer ein durch seine Gefühle in seinen Handlungen beeinflusster Mensch, nur der absolut vergeistigte Mensch ist frei in seinen Entscheidungen. Demnach also ist keiner frei. Warum artikuliert Valery solche logischen Schlußfolgerungen nicht? Vielleicht ist es aber dieser Wunsch nach Freiheit, der Valery nach fiktiven Auswegen suchen und ihn sagen lässt: "Etwas in uns, oder mir, empört sich gegen die erfinderische Macht, welche die Seele über den Geist ausübt."

Klarheit des Denkens ist meines Erachtens letztlich nur möglich, wenn man sich der Wechselwirkung von Geist und Psyche bewusst wird.

Wenn Valery Teste sagen lässt: Meine "Seele beginnt genau an dem Punkt, wo ich nichts mehr verstehe, wo ich nichts mehr vermag, wo mein Geist sich selbst den vor ihm liegenden Weg versperrt." wünscht man Teste, dass er sofort mit zwei Dutzend guten Psychologiebüchern ausgestattet wird.

Testes Gedankenwelt bleibt mir fremd.

Schön allerdings ist Valerys Sentenz:

"Du steckst voller Geheimnisse, die du Ich nennst.
Du bist Stimme deines dir Unbekannten."

Diese Geheimnisse zu lüften macht allerdings Intellekt und Emotion erforderlich.
Freuen wir uns , dass es so ist!

Ich unterstelle Valery, dass ihm diese Tatsache bewusst war und er aus mir bislang nicht nachvollziehbaren Gründen eine Hypothese in den Raum stellt, die sich so nicht verifizieren lässt.

Rezension: Menander und Glycerion: Ein Liebesroman in Briefen (insel taschenbuch) (Taschenbuch)

Meine Neugierde hinsichtlich dieses Romanes wurde durch einen Hinweis auf der Rückseite des Buchdeckels geweckt. Dort liest man folgende Zeilen: - Mit diesem Liebesroman in Briefen ist "eine der schönsten Liebesgeschichten in deutscher Sprache" (Jan Philipp Reemtsma ) wiederzuentdecken.-

Der Verfasser des Romans C.M Wieland (1733- 1813) war Dichter des Rokokos und der deutschen Aufklärung, einer der vier Vorklassiker, Professor für Philosophie in Erfurt und Prinzenerzieher in Weimar. Er begründete den deutschen Bildungsroman. Reemtsma berichtet im Nachwort vom intellektuellen Schaffen dieses Dichters.

Die Romanhandlung spielt in der Antike. Der griechische Dichter und Frauenliebling Menander verliebt sich in das Bildnis der hübschen Glycera, einer jungen Kränzehändlerin, die allem Schönen, nicht zuletzt auch der Dichtung Menanders sehr zugetan ist.

Als der Dichter das Mädchen persönlich kennen lernt, verlieben sich die beiden sofort ineinander und werden ein Paar, wie man dem Briefwechsel, den die beiden mit Freunden und auch miteinander führen, entnehmen kann.

Obgleich Menander völlig angetan ist von der Schönheit, der Seele und dem Geist der attraktiven Glycera ist er ihr untreu, weil er den Reizen anderer Frauen letztlich nicht widerstehen kann, auch wenn diese ihm weniger zu bieten haben als seine Idealfrau.

Gleichwohl reagiert er voller Eifersucht, wenn andere Männer sich der Kränzehändlerin nähern. Die kluge Glycera weiß: "Die Freundschaft allein kann beständig sein. Die Liebe ist es nie, denn sie ist bloße Täuschung." ".......Unbeständigkeit und Untreue ist etwas, worauf du rechnen musst, sobald du der Liebe eines Mannes Gehör gibst". "...alles, was in der Liebe über den Genuss der Sinne hinausgeht" ist "eitel Zauberwerk und Selbsttäuschung."

Glycera ist Menander trotz seiner amorösen Unbeständigkeiten eine gute Freundin, zeigt Verständnis, lässt ihn gewähren, intellektualisiert ihre Beziehung, verliebt sich in der Folge aber in Hermotimus .

Als Menander davon erfährt wünscht er sich diese "zur Beharrlichkeit im Lieben ausdrücklich zugeschnittene" Person zu sein, um auf jene Weise von der von ihm idealisierten Glycera erneut tief geliebt zu werden. Menander ahnt, dass er mit seinen eigenen Verhaltensmustern die Liebe einer Glycera nicht abermals gewinnen kann, weil er letztlich ihre zarten Empfindungen nicht wirklich zu schätzen und zu erwidern in der Lage ist..... Bedingungslose Liebe bedarf der bindungslosen Gegenliebe um hell zu erglühen. Diese Botschaft vermittelt Wieland in seinem Liebesroman.

Bemerkenswert in diesem Buch sind die Betrachtungen über Liebe und Täuschung aber auch Freundschaft und deren Grenzen.

Empfehlenswert.

Helga König

Überall im Handel erhältlich.

Rezension:Black Box DDR: Unerzählte Leben unterm SED Regime (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch berichtet anhand von 33 exemplarischen Porträts vom Unrecht in der ehemaligen DDR. Das, was den fokussierten Personen geschah, mussten in der DDR leider viele ertragen. Thematisiert werden u.a. anhand der Geschichte der Magdalene Riecken die Aktion "Ungeziefer" des Ministeriums für Staatssicherheit. Damals mussten im Mai und Juni 1952 ohne Angabe von Gründen 8000 Menschen ihre Häuser und Höfe verlassen. Großes Unrecht geschah auch Franz Itting, der sein Lebenswerk 1950 in Thüringen zurückließ, nachdem man dort gegen ihn im Rahmen eines Schauprozesses zu Felde gezogen war.

Ab Mitte 1945 waren in elf Speziallagern der Sowjetischen Besatzungszone 157.000 Menschen inhaftiert. Bei diesen Lagern handelte es sich teilweise um ehemalige Konzentrationslager. Im Rahmen eines Berichtes wird von einem der Haftkinder, der kleinen Waldtraud, erzählt. Deren Mutter wurde aus Gründen, die sie nie begriffen hatte, vom sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Tochter kam im Gefängnis zur Welt.

Man liest ferner vom Jugend-Widerstand an Schulen und an Universitäten der SBZ in den 1950er Jahren, auch von den Militärtribunalen. Bis 1955 wurden 3000 Todesurteile vollstreckt. Die »Eberswälder Gruppe« ist ein Beleg dafür, dass schon zu Beginn der DDR Willkür und Terror herrschte. Man liest des Weiteren von Bruno Goldhammer, einem Kommunisten jüdischer Herkunft. Was man all diesen Menschen antat, zeigt welch Geistes Kind die SED-Diktatur war.

Nicht ausgespart bleibt die Zwangskollektivierung auf dem Land und die Ereignisse des 17. Juni 1953. Damals beteiligten sich 1,5 Millionen Ostdeutsche am Volksaufstand. Man erfährt am Beispiel von Helmut Schmidt wie man mit Zeugen Jehovas umging und liest von dem grauenvollen Haftbedingungen im Zuchthaus Bautzen.

Es folgen Berichte über Berichte, die verdeutlichen, dass es sich bei der DDR um einen Unrechtsstaat gehandelt hat. 625.000 inoffizielle Mitarbeiter waren bereit ihre Mitmenschen zu bespitzeln, ist das nicht unglaublich?

Rezension: Ehrenwort - Ingrid Noll

Es dauert nur wenige Zeilen und man ist zurück in der Welt der Ingrid Noll, in der Welt, die sich dadurch auszeichnet, dass im bürgerlichen Milieu, sich hinter den Kulissen des täglichen Lebens Abgründe auftun, die die Autorin in der ihr eigenen Art kompromisslos dazustellen versteht.

"Ehrenwort" ist der 12. Roman der wunderbaren Ingrid Noll, die mal wieder an der Bergstraße eine Familienidylle zerpflückt, um die menschlichen Untiefen der einzelnen Familienmitglieder in dem ihr eigenen schwarzen Humor vor dem Leser auszubreiten.

Es sind nicht die Geschehnisse der Protagonisten, die den eigentlichen Spaß am Lesen dieses Buches ausmachen, nein, es ist die trockene Sprache des Realistisch-Sarkastischen, die die große Schar der Noll-Jünger immer mehr ansteigen lässt.

Die geschätzte Autorin befasst sich dieses Mal mit der uns alle betreffenden Problematik der Altenpflege. Was passiert, wenn der 90 jährige Großvater nach einem häuslichen Unfall das Leben seiner Kinder und Enkel dominiert, weil er pflegebedürftig bei seinen Kindern aufgenommen werden muss? Welche Auswirkungen zeigen sich bei den Nachkommen, wenn vermeintlich eine nicht zu unterschätzende Erbschaft winkt?


Hier zeigt Noll schonungslos offen wie jedes betroffene Familienmitglied die Sache im ureigensten Sinne, für sich zu lösen versucht. Erstaunliches wird dem Leser dabei aufgetischt.


Wer die liebliche Bergstraße kennt, mag nicht glauben, dass hinter der Fasade eines wohlgestalteten Bürgerhauses Dinge geschehen, die man hier nie vermuten würde. Dieses alles jedoch ficht den lateingewandten nörgelnden Großvater mitnichten an. Er, der altgediente Kriegsveteran, weiß die Seinen zu schützen. Veni, vidi, vici.


Rezension:Jesabel: Roman (Gebundene Ausgabe)


Die 1903 geborene russisch-jüdische Schriftstellerin verstarb 1942 in Auschwitz. Dieses frühe Meisterwerk befasst sich mit dem Jugendwahn einer sehr schönen, reichen dazu noch intelligenten Frau, die alle Chancen gehabt hätte im Laufe ihres Lebens ihre Persönlichkeit breit gefächert zu entwickeln, sich stattdessen aber in Abgründe verstrickte, weil sie sich zwanghaft über ihr Äußeres definierte und aus ihrer Selbstbezogenheit nicht herausfand..

Die Romanhandlung nimmt im Gerichtssaal ihren Anfang. Dort ist die nunmehr sechzigjährige Gladys Eysenach angeklagt, ihren 20 jährigen Liebhaber ermordet zu haben.... Gladys gehörte der umherschweifenden, kosmopolitischen Gesellschaftsklasse an. Man lernt sie als junge Frau kennen, liest wie sie damals wegen ihrer Schönheit angebetet wurde und wie sie es genoss begehrt zu werden. Sie berauscht sich an dem Einfluss, den sie auf Männer hat und will das Gefühl immer wieder aufs Neue auskosten, auch noch als in die Jahre gekommene Frau. Gladys ist unfähig zu lieben, ihre Gedanken kreisen immer nur um sie selbst und um die Macht auf das andere Geschlecht.

Diese glanzvolle Dame der Gesellschaft hatte eine Tochter, die sie im Zustand eines Kindes hält, weil sie nicht ertragen kann eine erwachsene Tochter an ihrer Seite zu haben. Überall wittert sie Konkurrenz und hat Angst, zum alten Eisen zu gehören. Das 18 jährige Mädchen verliebt sich und möchte heiraten. Die Mutter verbietet die Eheschließung, keineswegs wegen des Alters von Marie - Therese, sondern weil Gladys nicht Schwiegermutter werden möchte.

Der junge Mann fällt im 1. Weltkrieg, doch Marie-Therese ist schwanger und ihre Mutter drängt auf Schwangerschaftsabbruch, in erster Linie, weil Gladys unter keinen Umständen Großmutter werden möchte. Marie - Therese bringt entgegen den Wünschen ihrer Mutter das Kind zu Welt, verblutet allerdings bei der Geburt. Der Enkelsohn überlebt.

Gladys will das Kind am gleichen Tag noch aus dem Hause haben, übergibt es einer Amme, zahlt und vergisst die ganze Angelegenheit recht schnell, indem sie sich am gesellschaftlichen Leben berauscht. Es vergehen Jahre, in denen Gladys ihren Alterungsprozess durch immer jüngere Liebhaber zu betäuben sucht und den Anblick im Spiegel kaum noch erträgt, obschon sie nach wie vor eine attraktive Frau ist. Mittlerweile ist sie 60 Jahre alt, noch immer durchtanzt sie die Nächte, will gefallen, tut alles für ihr Aussehen. Da jedoch taucht ihr Enkel auf....

Ein packender, auf hohem Niveau geschriebener Roman, der an Aktualität nichts verloren hat, wenn man bedenkt, was neuerdings alles unternommen wird, um den Anschein äußerer Jugend zu bewahren... doch die Seele lässt sich nicht betrügen, sie altert unaufhaltsam und erkrankt, insbesondere, wenn man sie daran hindert den gestellten Lebensaufgaben gerecht zu werden. Oskar Wilde hat sich mit diesem Problem bereits vortrefflich auseinandergesetzt. Ein Thema, dem sich jede Generation neu stellen muss.

Empfehlenswert.

Rezension:Wie ich lernte, die Frauen zu lieben. Die amourösen Erinnerungen des Andras Vajda (Gebundene Ausgabe)

"Alles kommt von anderen zu uns...
Sein heißt jemanden gehören." (Jean Paul Sartre)

Stimmt das wirklich, was Sartre hier gedanklich festhält ?

Der Protagonist dieses zu Recht hochgelobten Romanes ist der in die Jahre gekommene Philosophieprofessor Andras Vajda. Dieser erinnert sich an die Zeiten von seiner Puberträt an bis etwa zu seinem 40. Lebensjahr und hier in erster Linie an seine vielen Frauenbeziehungen. Ein hübsches Kind scheint der Ungar Andras gewesen zu sein, den die Freundinnen seiner Mutter gerne an ihre Brust drückten und im Pubertierenden schließlich den sexuellen Hunger- insbesondere auf reifere Frauen- weckten.
Als Andras während des Krieges von seiner Mutter getrennt wird, und viele Tote sieht, bildet sich bei ihm die Einstellung eines Libertins heraus. Er konstatiert, dass Menschen, die zu viele Leichen gesehen haben, offenbar die Hemmungen vor lebenden Körpern verlieren. Im Flüchtlingslager lernt er Prostitution kennen und arbeitet für die Amerikaner als Übersetzer, Mittelsmann und Kuppler. Er erkennt, dass die Werte, die Frauen in heimischer Umgebung wichtig waren, in den Flüchtlingslagern nicht von Belang sind. Diese Frauen fragen nun errötend Vajda - nicht selten in Gegenwart ihrer schweigenden Ehemänner und Kinder - ob die Soldaten Geschlechtskrankheiten hätten und was sie ihnen bieten könnten.
Die Frauen prostituieren sich primär um ihre Familien vorm Verhungern zu retten, sind gewissermaßen aufopferungsvolle Göttinnen der Tugend.


Der Ich-Erzähler Andras lässt aber nicht unerwähnt, dass die Amerikaner häufig jünger und hübscher waren als die Ehemänner und die Stunden mit den Liebhabern unter Umständen durchaus auch eine amüsante Abwechslung darstellen konnten. Dererlei Betrachtungen seitens des Protagonisten haben niemals einen süffisanten, entwertenden Charakter, denn Andras liebt die Frauen mit all ihren Stärken und Schwächen. Er ist geradezu vernarrt in das weibliche Geschlecht.


Er ist insofern der ideale Frauenmann, aus dessen Munde das ungarische Kosewort "mein süßes Fleisch" die von ihm geliebten Frauen keineswegs nur auf ihren Körper reduzierte. Noch bevor Andras die Uni besucht, erkennt er, dass gleichaltrige Mädels aufgrund seiner ungestümen sexuellen Lust nicht die geeigneten Partnerinnen für ihn sein können. Ständig an ihre Junfernschaft denkend, teilweise verklemmt und in der Folge frigide, stehen sie im Grunde seiner Jungmänner - Promiskuität im Wege. Deshalb wendet er sich Frauen in den mittleren Jahren zu, die seinen sexuellen Appetit teilen und diesen ungehemmt durch gemeinsames Tun befriedigen möchten.


Während er immer wieder erotische Beziehungen zu verheirateten Frauen eingeht, von denen er weiß, dass sie nur die Lust mit ihm genießen, aber keine Ehe mit ihm eingehen wollen, befasst er sich in seinem Studium beinahe beiläufig, wie es scheint, mit den Schriften Kierkegaards, aber auch mit der elenden Lage Ungarns in den 50er Jahren und berichtet von der Geschichte der Niederlagen und vom Überleben seiner Landsleute, deren Köpfe voller Katastrophen sind, die sie beinahe vernichtet hätten. Noch als Andras seine Doktorarbeit zu Sartres "Theorie der Selbsttäuschung, angewandt auf seine eigene Philosophie" verfasst, gelten seine primären Gedanken fleischig weichen Lippen, festen Brüsten, den Innenseiten der Schenkel und der Quelle des Mysteriums Frau.


Diese Quelle immer wieder neu zu entdecken und ihr lustvoll zu huldigen ist das wahre Bestreben des jungen Vajdas, der fast ein wenig resigniert zu Ende des Romans resümiert: "Aber die Abenteuer eines Mannes im mittleren Alter sind eine andere Geschichte."

Ein kurzweiliger, keinesfalls frauenfeindlicher Roman, von gedanklich hohem Niveau.

Empfehlenswert!

Rezension:Schweigeminute (Gebundene Ausgabe)- Siegfried Lenz

Bevor ich diese wundervolle Novelle von Siegfried Lenz heute früh gelesen habe, blätterte ich zunächst in dem schmalen Büchlein und blieb an folgenden Sätzen hängen: "Sie lächelt wirklich, sagte sie,"

Hier richtet eine Liebende ihren Blick völlig auf ihr Herzens - Du und vermag das, was dieses an sie aussendet vollständig wahrzunehmen. Lächeln, nicht nur mit den Augen, sondern mit der gesamten Haut als Einladung zur körperlichen Liebe und seelischen Verschmelzung. Ein sehr schönes, poetisches Bild.

Der 18 jährige Christian geht auf der Gedenkfeier zum Tod seiner Geliebten seinen Erinnerungen nach. Einen Sommer lang waren Stella und Christian ein Liebesspaar. Ihre innige Zuneigung durften sie allerdings öffentlich nicht zeigen, denn die schöne Stella war zeitgleich Christians Englischlehrerin. Die Novellenhandlung spielt irgendwo an der Ostsee.

Lenz zeichnet sprachlich eine Fülle wunderschöner Küstenimpressionen, die die Plattform der zarten Liebesgeschichte bilden. Allein das Meer ist tückisch und entreißt zum Ende des Sommers dem Liebenden seine große Liebe. Stella verunglückt und kann nur noch in seinem Herzen fortleben.

Die Novelle des Ostpreußen Siegfried Lenz erinnert mich stilistisch an den Roman "Wellen" des Ostpreußen Eduard von Keyserling. Es ist eine ganz ähnliche Melancholie, die über dem Erzählten liegt, eine Gefühlslage, die möglicherweise nur ostpreußische Seelen hervorzubringen vermögen. Christians Mutter, die im Sommer ein unverfängliches Foto der beiden Liebenden betrachtet, spürt die innere Bindung des Paares "Wie sie dasitzen am Strand, vergnügt Hand in Hand, mit seiner Lehrerin Hand in Hand, und wie sie sich anschauen: Du musst glauben sie hätten aufeinander gewartet."

Christian und Stella haben aufeinander gewartet, doch sie sind sich in der falschen Zeit und am falschen Ort begegnet. Durch Stellas Tod allerdings kann ihrer beider Liebe unsterblich werden.

Empfehlenswert.

Rezension:Das Buch Ich # 9: Eine Reportage (Gebundene Ausgabe)

Der Schriftsteller Richard Powers berichtet in dieser Reportage von der Entschlüsselung seines Genoms. Er erhält die Chance als 9. Mensch auf dieser Erde dieses vollständig entschlüsselt zu bekommen.

Zunächst ist er sich nicht sicher, ob er überhaupt wissen möchte, was seine Gene über ihn verraten. Der Mensch hat etwa 6 Millionen Genbausteine. Das so genannte diploide Genom enthält fast so viele Einzelinformationen, wie es Menschen auf der Erde gibt. Powers unterstreicht, dass man, um das Genom eines einzelnen Menschen zu veröffentlichen, 12 000 Bücher von etwa 250 Seiten mit jeweils 500 000 Buchstaben benötigt.

Kritisch hinterfragt der Autor, ob wir alle tatsächlich bereit sind, mit all unseren genetischen Risiken und Charaktereigenschaften konfrontiert zu werden, ob wir wirklich so weit sind, unser genetisches Erbe publik zu machen "unsere Daten in den großen Informationsfluss der genetischen Erkenntnis einzuspeisen?"

Powers fragt sich, ob Genforscher je nach in der Lage sein werden, aus den Allelen eines Menschen etwas über dessen Persönlichkeit herauszulesen. Dabei denkt er an geheimnissvolle Eigenschaften wie Wärme, Spontanität, Humor etc. ,(vgl:S.398).

Wie dem auch sei, irgendwann hält er einen USB-Stick mit seinen persönlichen Gendaten in den Händen und fragt sich, was er nun tatsächlich Neues weiß. Er schreibt: "Ich weiß jetzt, dass ich 248 genetische Varianten in mir habe, die mein Risiko erhöhen an ungefähr 77 Krankheiten zu erkranken. Der alte, müde Rat jedes Arztes -essen Sie gesünder, bewegen Sie sich mehr, leben Sie entspannt, nehmen sie Anteil an der Welt- bekommt plötzlich auf der Molekülebene eine neue Autorität.." Sind solche Infos eine Drittelmillion Dollar wert, rätselt am Ende der Reportage Richard Powers.

Eine Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt, wie ich finde, obschon sich ein Nein einfach über die Lippen bringen ließe.

Ein Text, der zum Nachdenken anregt.


Rezension:Am Beispiel meines Bruders (Gebundene Ausgabe)

In seinem neuen Buch befasst sich Uwe Timm (Jahrgang 1940) mit seiner Herkunftsfamilie. Eindringlich hinterfragt er das Denken und Handeln seines um viele Jahre älteren Bruders, der Mitglied der SS-Totenkopfdivision war und reflektiert am Beispiel seines Vaters "die kranke Generation , die ihr Trauma" (nicht länger als Herrenmenschen gesehen zu werden) "im Wiederaufbau verdrängten."
Ausschlaggebend für das Buch waren, laut Timm, die Tagebuchaufzeichnungen und Feldbriefe seines Bruders, die dieser aus der Ukraine schrieb und in denen er "geschliffen" und enthumanisiert durch seine "SS-Elite"-Ausbildung, monoton den Kriegsalltag schildert, ohne sich dabei in Details zu verstricken. Sein konkretes Tun bleibt nebulös.



Uwe Timm, der sich intensiv mit den Machenschaften der Soldaten in Russland und der Ukraine befasst hat, weiß um den Massenmord in Babij Jar, einer Schlucht in der Nähe von Kiew. Dort wurden 33 771 Juden seitens eines Sonderkommandos eines deutschen Polizei-Regimentes exekutiert. Zu welchen Handlungen war sein Bruder fähig? Timms Bruder starb, aufgrund seiner schweren Kriegsverletzungen, im Jahre 1943 und wurde irgendwo in der Nähe von Minsk beerdigt. Sein Tagebuch endet mit dem Hinweis, dass er es "für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen"

Die Elterngenerationen verdrängte nach dem Ende der Nazi-Zeit die Gräueltaten, welche seitens der Deutschen, während des 2.Weltkrieges, begangen worden waren und schwieg. Der Autor analysiert Verstocktheit und Trotz, aufgrund politischer und mentalitätsmäßiger Entmachtung. Doch nach 1945 war die Herrenmensch-Attitüde noch lange nicht untergegangen und der "Mythos Blut" genügte, um zum Herrenvolk zu gehören. Der Herrschaftsanspruch, so Timm, wurde nun zu Hause, im Privaten ausgelebt.


Die Vätergeneration existierte vom Erzählen und Verschweigen. Man suchte nach Ausflüchten und Erklärungen, weshalb der Krieg verloren war. Die Frage nach Schuld wurde nicht gestellt und die Gründe für Grausamkeit und Tod wurden auch nicht ermittelt. Timms Vater, der nach dem Kriege eine kurzfristige materielle Blüte, bedingt durch ein prosperierendes Kürschner-Geschäft, erlebt, stürzt, als die wirtschaftliche Situation sich verschlechtert, in den sozialen Abgrund. Er stirbt daraufhin, - noch nicht alt- und hinterlässt seiner Frau und seinen Kindern eine Fülle von Problemen. Uwe Timm hat sich das Bedrückende seiner Jugend von der Seele geschrieben. Gleichwohl spürt man, dass er, wie viele seiner Generation, im Grunde keine wirklichen Antworten auf die Verrohung und die mangelnde Vernunftsorientierung der Nazi- Generation findet.

Ein unbedingt empfehlenswertes Buch!

Rezension: "Die Fremde"- Sandor Marai

Victor Askenasi ist eine Kapazität im Fachbereich Orientalistik. Viele Jahre hat er als Professor an der Sorbonne gelehrt und ein großbürgerliches Leben geführt. Die Affäre mit der Tänzerin Eliz hat ihn offenbar aus der Bahn geworfen. Freunde und seine Ehefrau Anna befürworten eine Reise, die ihn an die dalmatinische Küste verschlägt. Dort gelingt es ihm allerdings nicht zu sich und seinem bürgerlichen Leben zurückzufinden. Er wird immer gereizter, will sich im Grunde nicht nur der Konventionen, sondern wohl auch seinem bisherigen Leben entledigen. Victor hält innere Monologe, rebelliert und begeht im Wahn einen Mord.



Der Sprachwissenschaftler zerbricht daran, dass er die Sprache seines Lebens nicht zu deuten vermag und letztlich das Glück, das er offenbar sucht, nirgendwo finden kann. Askenasi versucht das Fremde, das ihn quält und zum Wahnsinn treibt, zum Schweigen zu bringen und tötet daraufhin eine ihm völlig fremde Frau. Durch diese absurde Tat gerät er schließlich restlos in den Zustand des Wahnsinns. Ein beklemmender, irritierender Roman, dessen großes Thema die Verzweiflung eines Menschen an sich selbst ist. Der Text wirkt düster und ohne einen Schimmer Hoffnung. Mir erscheint das Buch irgendwie fragmentarisch. Kein Roman für trübe Tage!