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Rezension: Lost & Found- Vom Verlieren und Finden der Liebe- Kathryn Schulz- S. Fischer




Kathryn Schulz, die Autorin dieses Buches ist Trägerin des National Magazine Award und wurde 2016 mit dem Pulitzer –Preis ausgezeichnet. Verheiratet ist sie mit der Autorin Casey Cep. Mit ihr lebt sie an der Ostküste von Maryland. 

Der vorliegende Text- ich begreife ihn als Essay, auch wenn er 300 Seiten umfasst-, ist eine Liebeserklärung an ihren verstorbenen Vater und an ihre Frau zugleich.

Im ersten Teil des Buches schreibt sie über "das Verlieren" einen geradezu philosophischen Text von großer Wortgewalt. Sie reflektiert, während sie vom Tod ihres Vaters schreibt und sein Leben den Lesern nahebringt, den Begriff "Verlust". Dabei benennt sie "das gierige Wesen" des Verlusts, von dem sie weiß, dass er unterschiedslos das Triviale und Folgerichtige, das Abstrakte und Konkrete, das lediglich Verlegte und endgültig Verschwundene umfasst. 

Wie sie an anderer Stelle weiterschreibt, empfehle es sich bei alltäglichen Verlusten, Ausgeglichenheit zu kultivieren, um eines Tages in der Lage zu sein, eine ähnliche Gelassenheit aufzubringen, wenn wir etwas Wichtigeres verlören. Ganze spirituelle Traditionen beruhten auf der Idee, sich an nichts zu binden, aus der Überzeugung heraus, dass wir lernen könnten, selbst unseren schwersten Verlusten mit Akzeptanz, Ausgeglichenheit und Anstand zu begegnen. 

Kathryn Schulz schreibt auch über das allgemein schräge, ja absurde Verhalten, das man an den Tag legt, wenn man etwas verlegt hat und es trotz langem Suchen nicht wiederfindet und begründet auch, weshalb das so ist. Etwas zu verlieren, sei etwas zutiefst Demütigendes, dass uns zwinge, unsere eigenen Grenzen anzuerkennen. Verlust könne auch Verheerung bedeuten, die auf unterschiedliche Art ganze Gemeinschaften, ja sogar große Teile der Welt treffen kann und im Vergleich alles andere unbedeutend erscheinen lassen. 

Die vielen Verluste, die mit Krankheit und Alter einhergingen, so mutmaßt die Autorin, letztlich auch am Beispiel ihres Vaters, würden uns unter Umständen helfen, mit dem letzten Verlust Frieden zu schließen. 

Immer wieder umkreist sie mit dem Verlustdenken, den Tod ihres geliebten Vaters und verarbeitet dabei diesen schweren Verlust des von ihr geliebten Menschen. Sie schreibt von ihrer Verwirrtheit, Ängstlichkeit und anderen Seelenzuständen, die sie nach dessen Tod durchlebte, zudem wie sie eine Zeitlang vieles mied, so etwa Bücher und Freude aber auch die Realität in ihrer Gesamtheit. 

Sie fühlte sich im Verlust- so als wäre der Verlust ein Ort innerhalb der physischen Welt, ein Ort an dem die Kompassnadel durchdreht. 

Kathryn Schulz denkt des Weiteren über das Trauern und die Traurigkeit, Gefühlszustände, die  Folge eines Verlustes sind, nach und ist sich bewusst, dass dann, wenn man nicht zu trauern aufhört, der Mensch, den man liebte, irgendwann nur noch aus Trauer bestehe. 

Einen geliebten Menschen zu verlieren, sei eine Erfahrung, die sich nicht auf einen Schlag verarbeiten lasse. Es gäbe Intervalle des Trauerns, doch irgendwann verändert sich etwas und es begänne die Zeit des Findens. 

Dabei gäbe es zwei Möglichkeiten, etwas zu finden: man sucht oder man hat  Glück. Diese beiden Möglichkeiten schlössen sich gegenseitig nicht aus. 

Nun reflektiert die Autorin analog zum Verlust das Phänomen des Findens und Wiederfindens und dass beim Wiederfinden es nicht nur intellektuelle, sondern auch emotionale Hinweise sind, die uns dabei helfen. Sie fragt an einer Stelle dann wie wir die Liebe finden sollen. Sie selbst hat sie immer nur durch Zufall gefunden und sie ist sich sicher, dass es sich bei ihrer großen Liebe, die sie C. nennt nicht um ihr Gegenstück handelt, sondern um einen Menschen, der in seiner Ganzheit besticht.

Mit C. endet die Trauer um den Verlust ihres Vaters. Sie überdenkt Platon, auch Dante, der das Verlieben auf den ersten Blick, modern habe wirken lassen. Kathryn Schulz, deren große Liebe eine Frau ist, macht diese Tatsache nicht zum Thema, sondern schreibt von dem geliebten Menschen, den sie gefunden hat. Dabei ist dessen Geschlecht für den Text unerheblich. 

Sie weiß; "Liebe hat, wie Trauer, die Eigenschaft einer Flüssigkeit. Sie fließt überall hin, füllt jedes Gefäß, sättigt alles." Kathryn Schulz beschreibt, wie sich die Liebe zu C. in beider Leben ausbreitet, schreibt über die Verlustängste, aber auch über die fatale Fähigkeit die Liebe zu verletzen oder zu behindern. 

Wie lässt sich die Liebe bewahren? Auch das ist ein Thema und was man tun kann, um dem Entwurf des Universums, der im Verlieren bestehe, zu entkommen. Vielleicht ist es ja die Erkenntnis, die man auf der letzten Seite des fast 300 Seite umfassenden Essay lesen kann: 

"Unser Weg ist zu kurz und wir verbringen ihn am besten damit, Zeugnis abzulegen von allem, was wir sehen: Wir ehren, was wir für wertvoll halten, wir kümmern uns, um das, was unserer Fürsorge bedarf und wir erkennen, dass wir untrennbar mit allem verbunden sind – auch mit dem, was noch nicht da ist, auch mit dem, was bereits vergangen ist. Wir sind hier, um zu wachen, nicht um zu behalten:" 

Ein großartiges Buch, das man nicht mehr aus der Hand nehmen kann, sobald man es zu lesen begonnen hat.

 Maximal empfehlenswert. 

 Helga König 

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