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Rezension: #Stella -#Takis_Würger- Hanser

Der Autor von "#Stella" ist der Journalist #Takis_Würger. Sein Roman basiert auf der Lebensgeschichte der Jüdin #Stella_Goldschlag, die, nachdem die Nazis sie gefoltert hatten und damit drohten ihre Eltern ins KZ zu schaffen, sich bereit erklärte, andere Juden zu denunzieren und damit dem Gas auszuliefern. 

Dieses perfide Verfahren der Denunziation, weil man den Schmerz nicht mehr aushielt, wurde schon zu Zeiten der Hexenverbrennungen in Deutschland erfolgreich eingesetzt und führte dazu, dass immer mehr Frauen und Männer damals dem Feuer übergeben wurden und dort bei lebendigem Leibe qualvoll verbrannten. So wurden aus immer mehr Opfern  Täter.

Dass die Nazis aus allen Zeiten die Schlechtigkeiten von Menschen abkupferten, ist jedem bekannt, der sich mit Geschichte befasst hat. Aus Opfern Täter zu machen, passte in ihr Programm der totalen Zerstörung des Humanitätsgedankens. 

Der Leser wird Zeuge, was Stella angetan wird, durchlebt ihre Schmerzen und lernt auch den Folterer Stellas kennen, der ein typischer Vertreter der #Banalität_des_Bösen ist, über die die Philosophin #Hannah_Arendt einst einen wichtigen Aufklärungsbericht geschrieben hat. 

Unterbrochen wird das Handlungsgeschehen stets durch Fallbeschreibungen von Personen, die durch Stellas Denunzierungen in die Hände der Nazis gelangten als auch von Aufzeichnungen über historische Ereignisse in einzelnen Monaten des Jahres 1942. Es war übrigens das Jahr als in München #Hans_Scholl und #Alexander_Schmorell die Widerstandsgruppe "#Weiße_Rose" gründeten und deutsche Polizisten alle männlichen Bewohner des Ortes #Lidice in Tschechien ermordeten sowie die Frauen und Kinder von dort in Konzentrationslager verschleppten. 

Die Angst vor dem mörderischen Tun der Nazis schüchterte viele Menschen unterschiedlicher Gesinnung damals ein. Das wird in diesem Buch sehr gut aufgezeigt. So gab es denn auch Personen, die aus der Angst heraus plötzlich böse handelten. Stella war ein solcher Mensch.  

Der Philosoph #Friedrich_Wilhelm_Nietzsche sagte einst "Drei Viertel alles Bösen, das in der Welt getan wird, geschieht aus Furchtsamkeit" und trifft genau damit den Punkt, in dem es auch in dem vorliegenden Roman meines Erachtens geht. 

Nur wenige besitzen die Kraft, sich der Folter sehr lange auszusetzen und  nicht viele gehen furchtlos in den Tod. Kann man ihnen deshalb einen Vorwurf machen? Natürlich sträubt sich in solchen Fällen bei jungen Menschen ganz besonders vehement der Überlebenstrieb, so auch bei der Protagonistin. 

Stella ist kein Monster, auch wenn sie monströs handelt, sondern nach wie vor ein Opfer, das von den Nazis immer mehr in die Inhumanität getrieben wird, solange bis sie – ganz so wie im Stockholm- Syndrom beschrieben - sich mit ihren Peinigern irgendwann gemein macht und selbst als es - nach ihrem Denkmodus-  nicht mehr nötig war zu denunzieren, weiter denunziert. 

Das ethische Problem mit dem Stella konfrontiert wurde, konnte sie nicht lösen, weil jede Entscheidung, die sie hätte treffen können,  zu Unrecht führte. Stella ist  damit eine tragische Gestalt, die bis zum Schluss ein Opfer der Nazis bleibt. Diese haben sich ihrer Seele bemächtigt. Sie weiß es. Im Traum spricht sie das Wort "Seele" nicht grundlos aus und zwar in Jiddisch: "Neschume".

Takis Würger transportiert die ethische Problematik, mit der sich der Leser befassen soll, sehr  geschickt über die Lektüre einer Liebesgeschichte, die ich nicht als seicht abtun möchte, sondern als gekonnten strategischen Kunstgriff, um auf das Buch mit schwerer Kost neugierig zu machen.

Der zurückhaltende Schweizer Großbürgersohn Friedrich verliebt sich in Berlin in Kristin, die sich ihm nicht sofort als Jüdin Stella outet und ist fasziniert von ihrer Lebenslust. Diese Lust am Feiern, am Champagnertrinken, am Tanzen und am Sex betäubt ihre Angst und ihren Schmerz ebenso wie es das Medikament, das sie deshalb einnimmt. 

Sie schiebt auf diese Weise die bedrohliche Dauerrealität weg und lebt nur im Moment, in dem der ruhige, vornehme Friedrich ihr Ruhepol ist. 

Dass die Frau, die die Vorlage für den Roman bildet, fünf Mal in ihrem Leben verheiratet war und schließlich in den 1990er Jahren in Freiburg Selbstmord begangen hat, wundert mich nicht. Stellas "Neschume" hat keine Ruhe gefunden bis das von den Nazis gepeinigte Opfer aus dem Fenster sprang. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Überall im Handel erhältlich.
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Stella

Rezension: #Serotonin - #Michel_Houellebecq- #Dumont

#Michel_Houellebecqs Bücher sind immer ein wenig spektakulär, immer ein wenig hellsichtig, immer ein bisschen überzogen, dabei sehr wortgewaltig, natürlich in dunklen Farben gemalt, halten bestimmte Facetten des Zeitgeists fest und schreien von Mal zu Mal mehr nach "Serotonin". 

Sein 46 Jahre alter Protagonist - Florent-Claude- im vorliegenden Roman nimmt reichlich von diesem Antidepressivum, genannt "Captorix", weil ihn offenbar sein sinnentleertes Leben müde hat werden lassen. 

Florent-Claudes Hauptaugenmerk gilt den Frauen, genauer dem Sex mit unterschiedlichen Frauen und deren teilweise ziemlich pervertierten sexuellen Anwandlungen, die ich mir erspare, hier verkürzt wiederzugeben. Das Kreisen um sexuelle Erinnerungen oder Fantasien ist offenbar der Einnahme des Antidepressivums geschuldet, das ihm tatsächlich die letzte Manneskraft raubt und ihn immerfort berauschter fabulieren und noch depressiver werden lässt. Nichts geht mehr. 

Florent-Claude wirkt auf mich sehr autistisch. Er hat keine wirklichen Beziehungen zu Menschen, keine Freunde, die ihn über schwierige Zeiten tragen könnten. Alles, was er unternimmt, verschafft ihm keinen wirklichen Genuss. Vielleicht noch ein gutes Essen, das manche ja als Sex des Alters bezeichnen. Florent-Claude ist mit seinen 46 Jahren steinalt, denn er hat keine Träume mehr.

Houellebecq macht sich meines Erachtens lustig über seinen Protagonisten, dem es einfach an Power fehlt. Mehr als eine Generation älter, kreiert er mit ihm eine Figur, die nicht sein kann, was sie möglicherweise sein möchte, nämlich entspannt und voller Lebensfreude. 

Florent-Claudes Reflektionen über die Liebe dokumentieren, dass er im Grunde ein liebesunfähiger Schwätzer ist, dem es an emotionaler Tiefe mangelt. Seine rein körperliche Fixierung auf Frauen ist enervierend, seine Respektlosigkeit ihnen gegenüber zeigt, welch Geistes Kind er ist. Ebenfalls enervierend sind seine Vorurteile im Hinblick auf Menschen aus anderen Kulturkreisen. 

Dass dieser Protagonist nicht gut auf die Bürokratie der EU zu sprechen ist, wundert nicht. Doch faktisch ist auch sie für ihn ein Randthema wie alles andere auch. Florent-Claude ist übersättigt wie viele seiner Gesellschaftsschicht und seines Alters und alles andere als sexy. Eine gelbe Weste oder ein roter Schal würde ihn wie viele andere auch nicht zum Leben erwecken. Maskerade. Event. Viel Lärm um nichts - außer der gähnenden inneren Leere.

Florent-Claude ist viel zu müde, um sich auf irgendetwas einzulassen. Der ewige Schlaf wäre natürlich eine Lösung, speziell wenn man sich nicht wirklich auf das Leben einlassen möchte, sondern nur daran herummäkelt. Mit einem Wort  dieser Protagonist ist degeneriert. Den Voyeuristen zu geben, ist immer zu wenig. Da hat Houellebecq schon Recht und genau darin besteht m.E sein kritischer Ansatz.


Empfehlenswert.

Helga König

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Serotonin: Roman

Rezension: 1913- Was ich unbedingt noch erzählen wollte- Florian Illies S. Fischer

Florian Illies war Leiter des Feuilletons und Literaturchef der ZEIT. Seit 2011 arbeitet er im Auktionshaus Grisebach in Berlin. Der Autor hat zuletzt mit "1913. Der Sommer des Jahrhunderts" international auf sich aufmerksam gemacht. Dieses Werk führte monatelang die Spiegel-Bestsellerliste an und wurde bislang in 27 Sprachen übersetzt. 

Mit seinem neuen Buch "1913- Was ich unbedingt noch erzählen wollte" bringt er den Lesern mittels thematisch höchst unterschiedliche Episoden Ereignisse nahe, die sich in den einzelnen 12 Monaten besagten Jahres  zugetragen haben. Es sind kürzere und längere Texte, in denen er diese Begebenheiten erzählt.

Maler wie Henri Matisse oder Ludwig Kirchner kommen zur Sprache und man liest  u.a. eine Episode, die sich Anfang Februar 1913 in Lissabon zutrug. Protagonist dieser Episode ist der Dichter Fernando Pessoa.

Was kommt dann und dann und dann..? Ein bunter Reigen an Ereignissen, die Ausdruck des damaligen Zeitgeists  sind.

Elegant und sehr weltläufig reiht sich Episode an Episode. Manche muten wie Randnotitzen an, so etwa die Zeilen "Scott F. Fitzgerald bekommt keinen Studienplatz in Havard (er muss nach Princeton). Aber T.S. Eliot darf ab Sommer 1913 in Harvard studieren."Solche Notizen machen neugierig. Man möchte mehr über die Hintergründe erfahren und auch, welche Konsequenzen dies für den Lebensweg der beiden Autoren hatte.

Sehr ansprechend fand ich die Geschichte, die wie folgt beginnt: "Am 6. April darf Lou Andreas-Salomé zum letzten Mal das Kolleg von Sigmund Freud in Wien stören. Na ja stören, eher beehren. Freud schenkt ihr einen Strauß frischer Rosen zum Abschied. Die mittelalten Herren sind entzückt über die blitzgescheite Gasthörerin. Und Lou Andreas-Salomé weiß, dass die Zeit bei Freud in Wien der Wendepunkt in ihrem Leben ist, wie sie abends in ihr Tagebuch schreibt…."

So geht es dann weiter Episode um Episode und man beginnt irgendwann zu erfassen, dass alles miteinander in Verbindung steht auf geheimnisvolle Weise. Die Verbindung wird durch den Zeitgeist hergestellt, der einen nie enden wollenden Sommer suggeriert.

Die Wimperntusche wurde im Frühling 1913 erfunden. Die Augen der Frauen wurden nun ausdrucksvoller, lange bevor man Greta Garbo zu einer entsprechenden Stilikone machte. Alles beginnt irgendwann und nichts geschieht ohne Grund. .

Dann kam der Sommer 1913 und mit diesem erwarten die Leser erneut unendlich viele Episoden.

Arthur Rubinstein kommt zur Sprache, er galt als der größte Pianist des Jahres 1913 aber auch Helena, die den gleichen Nachnamen trug, ist ein Thema. Sie war mit Arthur nicht verwandt, galt bemerkenswerter Weise im gleichen Jahr als die größte Kosmetik-Unternehmerin. Karrieren im Bereich des Künstlerischen und des Schönen, Karrieren zu Zeiten des Friedens, denkt man. Immer wieder kommen berühmte Maler zur Sprache. Sie und die Schriftsteller aber auch die Musiker wirken wie liebevolle Beschützer dieses Jahres, das das letzte Friedensjahr vor dem 1. Weltkrieg war. Dann ging das Licht für  drei Jahrzehnte aus.

Neugierig macht ein etwas längerer Text, der mit den Zeilen beginnt: "Ultima hieß die Frau des schwedischen Arztes Axel Munthe,……" Ach ja, "Das Buch von St Michele", der ein oder andere wird sich noch daran erinnern....

Der Zeitgeist des Jahres 1913 durchzieht all diese Episoden. August Macke wusste noch nicht, dass er bald sterben wird. Er zeichnet in diesem Sommer allerdings Pferde, auf denen Soldaten sitzen. Vorahnungen? Wer weiß das schon.

Der Zeitgeist hält inne am Monte Verità, der ersten deutschen Aussteigerkolonie und ist beeindruckt von der Avantgarde, die er  dort in sich aufnimmt wie alles, was geschieht im Hier und Jetzt des Jahres 1913. Die Avantgarde erhellt in den 1920ern dann zumindest die Nächte der Zeit, die ab 1914 immer dunkler wird.

#Florian_Illies hat alles Mögliche für einen Momentlang im Fokus: "Ende September schreibt Auguste Rodin aus Paris an Vita Sackville nach London....." Und an anderer Stelle "In Paris arbeitete Mata Hari weiterhin an der allmählichen Einführung der Nacktkultur." Und Arthur Schnitzlers "Liebelei" kommt ins Kino,...."Auch das ist Zeitgeist.  Konnte man in einem solch lebenszugewandten Klima die heraufziehende Kriegslüsternheit erahnen? Schon, sofern man politisch hellwach war. Berta von Suttner war es übrigens.

Alles, was man liest, deutet nicht auf einen abscheulichen Krieg hin. Die Menschen gehen ihren intellektuellen oder künstlerischen Beschäftigungen nach, verschließen sich nicht dem Neuen, feinden einander nicht an, sind kreativ und weltoffen.

Sehr schön in diesem Zusammenhang ist nachstehende Episode: "Ein Franzose und ein Deutscher in der Blüte ihrer Jahre spazieren an diesen ersten Frühlingstagen einträchtig an der Seine entlang. Sie gehen in ein Café, setzen sich nach draußen in die Sonne, trinken erst einen Rosé und dann noch einen und noch einen. Sie teilen alles, sogar ihre Freundinnen, etwa die Pariser Malerin Maire Laurencin oder Franziska von Reventlow, die wilde Münchner Gräfin, und ihre Erlebnisse ohnehin…“

Während ich dies lese, frage ich mich wie konnte der unsägliche Hass entstehen, der dazu führte, dass die Menschen sich schon ein Jahr später gegenseitig qualvoll umbrachten, anstelle in der Sonne zu sitzen und ein Glas Rosé miteinander zu trinken? Die Historiker glauben es zu wissen, die Poeten und Künstler werden es nie verstehen. Ich übrigens auch nicht.

Sehr empfehlenswert.

 Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte: Die Fortsetzung des Bestsellers 1913

Rezension: Die Früchte der Sehnsucht- Emily Find

"Emily Find" ist das Pseudonym einer erfolgreichen Sachbuchautorin und Psychologin. Zwei Bücher von ihr habe ich rezensiert und diese nicht grundlos weiter empfohlen. 

Der vorliegende Roman beruht auf einer wahren Begebenheit. Hier berichtet die Icherzählerin Nadine, eine Marketingexpertin, von ihrer Fernbeziehung zu einer Facebookbekanntschaft namens Jannis. Dieser versteht es, ihr brillant den Kopf zu verdrehen und das keineswegs aus Zuneigung.

Dessen Botschaften zu lesen, ist höchst spannend und lehrreich, weil sie die Strategie sichtbar machen, mit der bestimmte Männer im Internet versuchen, Frauen einzulullen. Dabei muss es keineswegs unbedingt um finanzielle Vorteile gehen. Es genügt ja eigentlich schon, wenn jemand Macht und Kontrolle über die Gefühle einer Frau haben möchte.

Jede Frau, die in Facebook angemeldet ist, kennt die Anfragen von angeblichen Schiffskapitänen, geschiedenen oder verwitweten Unternehmern aus den USA etc., die man klugerweise sofort löscht, um nicht abgenervt zu werden, die aber leider von einsamen Frauen oder solchen mit mangelndem Selbstwertgefühl nicht selten akzeptiert werden und die ihnen alsdann großen Schaden bringen können. 

Emily Find zeigt in ihrem Roman wie ein Manipulator vorgeht, welche Worte er verwendet, wie subtil er sich in das Herz einer Frau hineinarbeitet, den Verstand weichklopft, um sie so zum Spielball seiner Interessen zu machen. 

Das klingt dann beispielsweise, nachdem Nadine Jannis in einer Mail ihre Schattenseiten gebeichtet hat, wie folgt: "Meine Liebe. Ich bin älter als 40 und erwarte von Dir nicht, dass Du perfekt bist. Was sind schon ein paar Jahre? Und was haben Kilos mit meiner Zuneigung zu dir zu tun? Ich habe inzwischen verstanden, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen, liebevolle Seiten und weniger liebevolle Seiten hat. Ich weiß, dass wir alle verletzlich sind und aus Verletztheit andere angreifen oder uns zurückziehen. Außerdem wollen wir alle anerkannt und geliebt werden und schwindeln daher manchmal. Auf deinem Foto siehst du bezaubernd aus- so frisch, freudvoll und natürlich. Gerade weil du ehrlich bist und all dieses schreibst, bist du in meinem Herzen. Alles Liebe Jannis."

Jannis gelingt es, immer mehr von Nadine in Erfahrung zu bringen, indem er sich ihr Vertrauen erschleicht und kann sie auf diese Weise immer besser manipulieren. In lichten Momenten zweifelt sie zwar an seinen ehrlichen Absichten, stellt ihn als real existierende Person aber nicht in Frage. Was alles möglich ist, erfährt sie  mit der Zeit erst und mit ihr die Leser.

Durch ein Seminar über Manipulationstaktiken, an dem sie teilnimmt, werden ihr schließlich die Augen geöffnet. Hier lernt sie die 7 Gebote der Manipulation kennen und begreift die Vorgehensweise von Jannis endlich.

Wie Internetbetrug mit entsprechenden Geldforderungen auf der Ebene von Facebookbekanntschaften funktionieren kann, wird durch diesen Roman anhand eines sehr gut beschrieben Beispiels sichtbar gemacht, ersichtlich auch wird, was sich in einer durch Manipulation irregeleiteten Gefühlswelt einer Frau ereignen kann, wenn sie sich von ihren Begierden, Sehnsüchten und Fantasien dominieren lässt.

Die Romanform zu wählen, um diese wahre Begebenheit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, halte ich für sehr sinnvoll, weil die Leserinnen sich in die Ich-Erzählerin hineinfühlen können und mit ihr einen Lernprozess durchleben, der sie immun macht für Schmeicheleien der dritten Art.

Sehr empfehlenswert

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Die Früchte der Sehnsucht: Nach einer wahren Begebenheit

Rezension: Der Duft des Lebens- Clara Maria Bagus- Ullstein leben

Dies ist das zweite Buch von Clara Maria Bagus, das ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiere. Ihr Erstlingswerk "Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen" sorgte 2016 bereits für viel Beachtung in den Medien. Clara Maria Bagus ist übrigens der Künstlername der Autorin, die in den USA und in Deutschland Psychologie studiert hat und einige Zeit in der Hirnforschung tätig war. 

Ort und Zeit der Romanhandlung sind nicht näher bestimmt. Was man jedoch gleich zu Beginn erfährt, ist, dass es sich um "eine Stadt ohne Ahnungen handelt". In besagter Stadt werden im Laufe der Geschichte, sich das Gute und Böse aufeinander zu bewegen, um- wie in allen Zeiten- miteinander zu ringen, genauso wie es offenbar deren Bestimmung ist.

Einer der Protagonisten ist Aviv, ein sympathischer Mensch, der mit vielen Tugenden und Begabungen ausgestattet ist. Seine leibliche Mutter verstarb einst im Kindbett. Seinen Vater kennt Aviv nicht, erfährt erst nach dessen Ableben, wer er war.

Großgezogen wird Aviv von seiner Hebamme, die ihm eine liebvolle Mutter und Weisheitslehrerin ist. Aviv, der nicht weiß, dass sein Vater einst als Professor Philosophie lehrte, wird ein handwerklich sehr begabter Glasbläser und erinnerte mich spontan an Hermann Hesses "Goldmund", obgleich er im Gegensatz zu diesem, den Ort seiner Herkunft nicht verlässt, so doch aber wie dieser seine Erkenntnisse durch praktische Erfahrung erwirbt und sich in seinem Verhalten und Tun um die Vollkommenheit seiner Seele bemüht.

Protagonist des Bösen ist der renommierteste Arzt der Stadt mit Namen Arthur Benjamin Kaminski, dessen Großvater ein Physiker war. Dieser fand das aggressive, zerstörerische Wesen seines kleinen Enkels so befremdlich und unmenschlich, dass er das Kind in Absprache mit seinem Sohn, dem Vater des kleinen Psychopathen, im Alter von neun Jahren ins Waisenhaus verbannte. Sich nun abgelehnt fühlend, wurde Arthur Benjamin "zu einem Menschen mit einer starren Unbeugsamkeit. Keinen seiner Entschlüsse ließ er sich von anderen ausreden und sich rein gar nichts vorschreiben."

Der später bestens ausgebildete Arzt gilt alsbald als Meister seines Fachs. Es wird ihm viel "Bewunderung, Respekt und Ehrfurcht" entgegengebracht, allerdings "war er zu wenig Mensch, um gemocht zu werden." Wie alle Psychopathen hatte auch er stets alles unter Kontrolle. Klug genug, um den Unterschied zu anderen Menschen zu begreifen, bemerkt er, dass "etwas Lebendiges, Warmes, Farbiges, Sinnhaftes" in seinem Wesen fehlte, das all die anderen Menschen hatten, doch er offenbar seelenlos war. Deshalb sucht er ehrgeizig nach einer Möglichkeit, sich das Beste der Seelen seiner Mitmenschen einzuverleiben, um so vollkommen zu werden. 

Während sich Aviv also um seelische Vollkommenheit bemüht, in dem er Gutes tut, strebt Kaminski sie an, indem er andere bestiehlt, später sogar ermordet, um an ihre Seele zu kommen. Dass dies der Weg nicht sein kann, leuchtet ihm allerdings nicht ein. Getrieben vom Mangel, erlebt man Kaminski ähnlich wie Jean-Baptiste Grenouille in Patrick Süßkinds Roman "Das Parfüm", der dort ohne Geruch zu Welt kommt, als Person, dem der Zugang zum Du völlig fehlt. 

Kaminski glaubt mit dem letzten Hauch eines Menschen dessen Seele habhaft zu werden und plant, diese in kleinen Glasbehältnissen zunächst aufzubewahren, um später sein egoistisches Vorhaben, durch die fremden Seelen zu einem zufriedenen Menschen zu werden, umsetzen zu können. So lernen Kaminski und Aviv sich kennen, weil der Arzt in der Glasbläsermanufaktur, in der Aviv arbeitet, die Behältnisse für den letzten Hauch der in seinen Händen Sterbenden ordert. 

Von den spannend zu lesenden Ereignissen im Buch möchte ich allerdings hier nicht zu viel verraten, wohl aber auf die vielen Reflektionen hinweisen, die das Buch durchziehen und mich immer wieder an die Weisheiten Coelhos erinnern, allerdings ohne dass diese gedanklich sich gleichen. So liest man beispielsweise: "Vorschnelles Urteilen, wenn man die Hintergründe nicht kennt, ist Diebstahl. Man beraubt diese Menschen um die Möglichkeit, gesehen zu werden, wie sie wirklich sind. Damit ist man selbst nicht besser als der Verurteilte." (…) "Weißt du, Aviv, einer der dunkelsten Momente im Leben eines Menschen ist, wenn sich alle von ihm abwenden."

Diese Reflektionen, deren Absicht nicht die Exkulpation der Romanfigur Kaminski ist, sondern wohl eher dabei hilft, zu unterscheiden, ob ein Mensch aufgrund der Umstände oder seines Wesens abgründig handelt oder ob beides vielleicht eine Rolle spielt, scheinen mir wichtig zu sein.

Ich möchte noch ein wenig aus der Gedankenwelt des Buches von Clara Maria Bagus an dieser Stelle offenbaren, indem ich einige bemerkenswerte Sätze, davon gibt es erfreulich viele, daraus zitiere: "Was macht ein Leben zu dem, auf das man am Ende blickt? Ist es lediglich die Summe aus getroffenen und versäumten Entscheidungen? Sind es unmerkliche Strömungen, die uns in die Richtung treiben, die wir nie einschlagen wollten? Ist es der Zufall, der uns dann und wann aus den unüberschaubaren Möglichkeiten des Lebens befreit? Die Launen des Schicksals, die unser Leben in so viele Stücke schneiden können, das es sich hinterher nicht mehr zusammensetzen lässt?"

Bei solchen Fragen innezuhalten und nachzudenken, lohnt, nicht nur, um die Personen im Buch besser zu begreifen, sondern vor allem, uns selbst und all jene, mit denen wir im Laufe unseres Lebens zu tun haben, vielleicht zu verstehen. Weisheitslehre, ist auch dies: "Der schlimmste Tod ist der Tod der Seele, der bei manchen Menschen dem Sterben des Körpers lange vorausgehen kann. Sie sterben am bloßen Sein. Vielmehr als Sinnleere braucht es dafür nicht."

Ein großes Thema in "Der Duft des Lebens" ist die Mitmenschlichkeit und deren abgründiger Gegensatz, der nicht wenig mit der Beschaffenheit der Seele zu tun hat. Das hat Clara Maria Bagus überaus gut herausgearbeitet. Damit stellt sie ihre analytischen Fähigkeiten unter Beweis. Gibt es von Geburt an seelenlose Menschen oder ist ein Psychopath wie Kaminski das Produkt seiner negativen Erfahrungen, das Ergebnis vieler Traumata? Der Roman fordert uns hier zum Nachdenken und vor allem zum Nachempfinden auf. 

Am Ende dieses sehr poetisch geschriebenen Buches weiß man vor allem mehr über den "Duft des Lebens", der in allem was Seele hat, vorhanden zu sein scheint. Man erkennt, dass der Duft, je intensiver und wohlriechender er verströmt, umso mehr im ethisch Guten verwurzelt ist. Dass dieses Gute jeden Augenblick lebt und alles erblühen lässt, was vom dem Duft berührt wird, macht ihn besonders geheimnisvoll, ganz so wie die "blaue Blume" der Romantik. 

In einer Zeit, in der der "Duft des Lebens" immer mehr verkümmert, weil jene, die ihn kultivieren, als Träumer oder Spinner belächelt werden, ist ein Buch wie jenes von Clara Maria Bagus geradezu ein Geschenk der Erkenntnis. Eintauchen und ein Seelenbad nehmen. Was kann es Besseres geben? 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Der Duft des Lebens: Roman

Rezension: Eine Frau von Geist- Vita Sackville-West

Der Untertitel dieser Erzählung "Der geheimnisvolle Zauber des Puppenhauses von Königin Mary" zeigt bereits an, worum es in diesem Buch inhaltlich geht: Um das berühmte Puppenhaus für die britische Königin Mary nämlich, das 1921 nach einer Idee von Prinzessin Marie Louise von Schleswig-Holstein entworfen wurde. 

171 Autoren wurden seitens Marie Luise jeweils um einen exklusiven Beitrag zur Bibliothek des Puppenhauses gebeten. Vita Sackville-West war zu diesem Zeitpunkt schon eine etablierte Autorin, die bereits im Komitee des PEN Club einen Platz innehatte und zudem durch ihre Herkunft prädestiniert war, eine Einladung zu erhalten, da sie die Tochter von Lord Sackville of Knole war. 

Der Text, den Vita Sackville-West für die Bibliothek des Puppenhauses schrieb und der im Gerstenberg-Verlag erstmals einer breiten Leserschicht zugänglich gemacht wird, ist eine  kurzweilige Humoreske, deren Inhalt ich hier allerdings nicht wiedergebe, um die Neugierde auf das kleine Werk nicht zu mindern.

Nicht unerwähnt aber soll bleiben, dass die hübschen Illustrationen von Kate Baylay die fantasievolle Geschichte visualisiert und sie zum Leben erweckt. 

Im Nachwort von Matthew Dennison erfährt man Wissenswertes über die Autorin und ihre Werke, die alle autobiographischen Elemente aufweisen, wie er festhält. Dabei sei die Erzählung "Die Frau von Geist" trotz ihrer skurrilen Prämisse keine Ausnahme. 

Aber lesen Sie selbst… 

Sehr empfehlenswert 

Helga König
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Eine Frau von Geist: Der geheimnisvolle Zauber des Puppenhauses von Königin Mary

Rezension: Familiäre Verhältnisse- Sophie Bassignac

Die Autorin dieses humorvollen, etwas skurrilen Romans ist die in Paris lebende Französin Sophie Bassignac. Die Schriftstellerin hat bereits drei Romane geschrieben. Dabei wurde ihr 2013 erschienene Roman "Vielleicht ist es Liebe" mit dem Literaturpreis "Madame Figaro" ausgezeichnet. Die hier vorliegende Publikation "Familäre Verhältnisse" war in Frankreich 2016 ein Bestseller und Kritikererfolg. 

Erzählt werden die recht absurden Geschehnisse in einer Großfamilie auf dem Land. Dort trifft Isabelle jedes Jahr ihre eigenwillige Verwandtschaft. Mit von der der Partie ist Pierre, ein junger Nachrichtenjournalist, der in diese sehr talentierte Frau schwer verliebt ist. 

Zu Beginn des Romans werden die vier Generationen der Dynastie der Pettigrews vorgestellt. Das auch ist nicht unwichtig bei all den Akteuren in dem temporeichen Text. Isabelle gehört  übrigens der 3. Generation an. Wer nun einen Roman im Pilcher-Strickmuster erwartet, wird enttäuscht werden, denn alle Mitglieder dieser Dynastie, das wird rasch klar, fallen aus dem Rahmen der Konvention. 

Liberal und dabei sehr verschroben, entfaltet sich bei den agierenden Personen ein Zusammenleben, das für konventionell tickende Menschen mehr als nur gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Bassignac treibt mit viel Wortwitz und Humor die Geschichte voran, die aus zahllosen skurrilen Einzelbegebenheiten besteht. Diese fügen  sich zu dem zusammen, was der Volksmund "mit leben und leben lassen" umschreibt und  veranschaulichen wie erfrischend gelebte Toleranz sein kann. 

Für Pierre ist dies alles ungewohnt. Ob er am Ende des Romans etwas Entscheidendes hinzugelernt hat?

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Familiäre Verhältnisse

Rezension: Die Sünde der Frau- Connie Palmen- Diogenes

Die niederländische Schriftstellerin Conny Palmen hat ein neues Buch geschrieben. Es trägt den neugierig machenden Titel "Die Sünde der Frau". Das Werk enthält vier Essays über vier berühmte Frauen und zwar über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith. 

Den auf bestimmte Punkte fokussierten Lebensbeschreibungen geht eine "Handreichung" für die Lektüre voran. Dort schreibt Conny Palmen, dass sie in den Beschreibungen der vier Leben versucht habe, eine Erklärung für deren selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Sie fragt, ob es etwas damit zu tun habe, dass der originäre Charakter dieser Personen, ihr origineller Kopf und ihr Talent sie ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben gemacht und sie möglicherweise unter der Außenseiterrolle gelitten hätten. Des Weiteren will sie wissen, ob es damit zu tun habe, ob diese Frauen mit der Freiheit der Selbstbestimmung zugleich die Freiheit suchten, sich zu Grunde zu richten. 

Auffallend ist, dass alle vier Persönlichkeiten quasi ohne Vater aufwuchsen, darüber hinaus eine komplexe Mutterbeziehung besaßen und offenbar genau dies dazu führte, dass sie auf der Bühne einen anderen Namen annahmen. 

Alle vier Frauen haben gewissermaßen Regeln verletzt, indem sie Schranken des sogenannten Anstands, ihres Geschlechts und der herrschenden Moral durchbrachen. Sie taten dies, wie Palmen schreibt, um frei, souverän und autonom zu sein und nach ihren eigenen Regeln leben zu können. 

Im Leben einer solch "sündigen Frau" stehe Maßlosigkeit und Vergeudung mit allen Risiken über der konservativen Selbsterhaltung. Connie Palmen schließt aus ihrer Beschäftigung mit diesen weiblichen Persönlichkeiten zunächst, dass phantasiebegabte Frauen augenscheinlich zu Maßlosigkeit, Verschwendungs- und Genusssucht neigten und sich von einem gefährlichen Leben und dem Tod angezogen fühlten. 

Liest man die biografischen Betrachtungen, dann wird klar, dass bei allen vier Personen durch die Entwicklung ihres Talents ein bestimmter Mangel kompensiert, verdrängt oder verschleiert wird und diese Frauen möglicherweise an ihren erfolgreichen öffentlichen Rollen zerbrachen, da sie sich  als Individuum dort nicht wiederfanden, nicht wiederfinden konnten, weil dessen Entwicklung schon in der Kindheit der Raum fehlte.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Die Sünde der Frau: Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith

Rezension: Olga – Bernhard Schlink- Diogenes

Den neuen Roman mit dem Titel "Olga" von Bernhard Schlink habe ich gelesen und zeitgleich gehört. Dies hat mir einen völlig neuen und dabei spannenden Zugang zu einem Text verschafft. 

Auf 5 CDs warten 354 Hörminuten auf den Romaninteressierten. Im Buch sind es 320 Seiten, die es zu lesen gilt. Man nimmt das Gelesene durch die wunderbare Betonung des Vorlesers Burghart Klaußner auf den CDs viel intensiver wahr, ist neugieriger auf das was kommt, weil die Stimme Klaußners Emotionen transportiert, die man selbstlesend, sich auf den Textinhalt konzentrierend,  wohl eher nicht bemerkt. 

Der Autor  von "Olga"  ist der Verfasser des weltberühmten Romans "Der Vorleser", der in 50 Sprachen der Welt übersetzt und mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. 

Die Romanhandlung beginnt zu Ende des vorletzten Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die aufgrund ihrer Neugierde und intellektuellen Fähigkeiten einen anderen Weg nimmt als er für sie gesellschaftlich vorgesehen ist. 

Olga wird in Schlesien als Arbeiterkind einer polnischen Mutter und eines deutschen Vaters  in Armut geboren und wächst, nachdem die Eltern an Fleckfieber sterben, bei ihrer Großmutter in Pommern auf. Ihr Verhältnis zu ihrer Großmutter ist alles andere als gut, weil diese aus ihr einen Menschen formen möchte, der Olgas Wesen nicht entspricht. 

Ein Lehrer gibt dem einsamen Mädchen Bücher aus der Bibliothek und der Organist lässt sie an der Orgel üben. Sie lernt die beiden Kinder der reichsten Familie im Dorf kennen, kann sich sich mit Herbert und Victoria anfreunden, weil die Geschwister "die Neugier und Bewunderung, mit der Olga sich für ihre Welt interessierte, unwiderstehlich" fanden. 

Olga möchte Lehrerin werden. Dazu muss sie in einer Aufnahmeprüfung die Kenntnisse der oberen Klasse der "Höheren Mädchenklasse nachweisen". Ihr fehlen aber die materiellen Mittel für diese Schule, deshalb entschließt sie sich, die Kenntnisse der oberen Klasse selbstständig anzueignen. Dies gelingt ihr aufgrund ihrer Intelligenz und ihres Fleißes mit Bravour. 

In dieser Zeit entwickelt sich die tragische Liebesbeziehung zu Herbert, der so völlig anders ist als sie, sich nicht für Bücher interessiert, sondern den eine undefinierbare Sehnsucht in die Welt hinaustreibt. Mit Herbert lernt der Leser einen typischen jungen Mann der Zeit vor dem ersten Weltkrieg kennen. Er möchte ein Übermensch werden und "nicht rasten und nicht ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und gegen andere abverlangte."

Olga findet seine Worte zwar hohl, aber das hindert sie nicht ihn zu lieben. Liebe und Anziehung sind eben keine Frage von Gesinnung, sondern der Emotionen, die sich nicht problemlos  steuern lassen. 

Olga wird Lehrerin in Tilsit. Herbert geht nach Afrika und führt als Mitglied einer Schutztruppe Krieg gegen die Herero. Hier skizziert der Autor in wenigen Sätzen die Grausamkeit der damaligen kolonialen Politik. Herbert vermeidet in seinen Briefen die Realität darzustellen. Er möchte Olga in erster Linie imponieren. Für ihn sind die Schwarzen ein Menschenschlag, der noch auf tiefster Kulturstufe steht. Für ihn wäre eine Niederlage ein "furchtbarer Rückschlag im zivilisierten Völkerleben". 

Nach seiner Rückkehr aus Afrika beginnt sein Reiseleben. Die Beziehung zu Olga ist sein Ruhepol, aber diese Verbindung, die nicht in einer Eheschließung münden wird, hindert ihn nicht seine Sehnsucht nach der Ferne auszuleben. 

Das Kind, um das sich Olga sich fortan während ihres Alleinseins  besonders kümmert heißt Eik. Wer dieses Findelkind tatsächlich ist, erfährt man auf den letzten Seiten des Buches. 

Nachdem Herbert Argentinien, Brasilien, die Halbinsel Kola, Sibirien und Kamtschatka bereist hat, plant er eine Reise in die Arktis und sucht Geldgeber für die Expedition. Olga hilft ihm dabei, frei sprechen zu erlernen, damit er in Vorträgen Fürsprecher für seine Expedition werben kann. 1911 findet er in Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg den ersten Förderer. 1913 dann beginnt Herbert die Expedition, von der er nicht mehr zurückkehren wird. 

Man erfährt  in der Folge von  Ereignissen im 1. Weltkrieg und vom sinnlosen Auslöschen einer Generation junger Männer, liest von der nicht enden wollenden Trauer Olgas um ihren Geliebten und  von ihrer einzigen Freude in diesen Jahren, ihrem Zögling Eik, der sich zu ihrem Entsetzen in einen strammen Nazis verwandelt. 

Olga ist sozialdemokratisch eingestellt und weigert sich ihren Schülern Rassenlehre nahezubringen. Mit 53 Jahren wird sie  von den Nazis aus dem Schuldienst entlassen,  nicht nur weil sie taub geworden ist, lernt aber in Breslau in der dortigen Hörschule das Lippenlesen und kann fortan als Näherin ihren Lebensunterhalt verdienen. 

Ihr gelingt 1945 die Flucht in den Westen, weil sie überleben und nicht so enden möchte wie Herbert. Hier arbeitet sie erneut als Näherin für mehrere Familien, erhält schließlich eine kleine Pension und näht nur noch für die Familie des Ich-Erzählers Ferdinand, der im 2. Teil des Buches die tragende Rolle einnimmt. Er ist der Sohn der Familie  und der neue Zögling Olgas. 

Zwischen den beiden entwickelt sich eine herzliche Freundschaft, die bis zum Ableben Olgas bestehen bleibt. Diese berührende Freundschaft der beiden ist intellektueller Natur und offenbart bei allem eine große Seelenverwandtschaft.

Dass Olga schließlich eines tragischen Todes stirbt, verwundert letztlich nicht. Er passt zu dieser Romangestalt. 

Die Romanhandlung endet allerdings nicht mit dem Ableben Olgas. Es folgt eine Art Entschlüsselung ihrer Lebensgeheimnisse durch Briefe, in deren Besitz Ferdinand nach seiner Pensionierung kommt. Diese werden hier in der Rezension natürlich nicht verraten. Durch Olgas Briefe an Herbert, die dieser nie erhalten hat, lernt man die sehr nachdenkliche Frau in ihrer Tiefe kennen und begreift ihre menschliche Größe, mit der sie ihr persönliches Schicksal gemeistert hat. 

Ein großer Roman mit vielen unterschiedlichen Facetten, der in erster Linie eine Verbeugung vor all den mutigen Frauen ist, die sich nicht blenden ließen von der pervertierten Stärkeverherrlichung und Großmannssucht mehrerer Männergenerationen, die im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fanden, aber letztlich in der Gegenbewegung der 1968er Generation auf moralischer Ebene bedenklich gespiegelt wurden. 

Dass das gedankliche Band zu Herbert bis zu Olgas Tod bestehen bleiben konnte, zeigt was geschieht, wenn man mit einem geliebten Menschen über den Tod hinaus noch hadert.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Alltagsfluchten- Geschichten und Atmosphären aus der Gegenwart- #Raimund_Schöll- Wiesenburg

Der Autor dieses Buches, das wunderbare Lyrik- und Prosatexte enthält, ist der gebürtige Münchner Raimund Schöll. Als Soziologe coacht er Führungskräfte, begleitet Organisationen in Veränderungsprozessen und berät Einzelpersonen und Paare in schwierigen Situationen. Dabei ist ihm Schreiben zu seiner zweiten Passion geworden. 

Neugierig auf die Texte hat mich das Cover gemacht. Es erinnert an Werke von Réne Magritte aber auch an Arbeiten von Salvadore Dali. Wer ein solches Cover gestalten lässt, möchte damit vermutlich eine Botschaft vermitteln. Auf diese Botschaft war ich gespannt.

Anstelle eines Vorwortes hat man Gelegenheit, Überlegungen zu Sisyphos von Albert Camus zu lesen, der diesen scheinbar absurd handelnden Menschen als glücklich bezeichnet hat und auch begründet, worin die verborgende Freude dieses Mannes bestand. 

Die rund 140 Texte Raimund Schölls sind in zwei Abschnitte untergliedert. Diese lauten: 

I. Rätselhafthaftes & Schicksalhaftes 

II. Zauberhaftes & Bedenkenswertes 

und beginnen jeweils mit vier Sentenzen. Die Verfasser dieser Zitate sind Ludwig Wittgenstein, Paul Valéry, Eugène Ionesco, Matthias Ohler, Albert Camus, Max Frisch, André Breton und Bruno Latour. 

Diese Personen, aber auch deren Gedanken zeugen vom geistigen Anspruch Raimund Schölls. Zu erfahren, ob er diesem mit seinen Texten gerecht wird, schafft weitere Neugierde und das erste Durchblättern des Buches schenkt dann das Aha-Erlebnis, weil man beim Lesen nicht chronologisch  vorgehen muss, sondern selbst die Reihenfolge entscheiden kann. Das beglückt natürlich. 

Lesen ist immer auch eine Zeitfrage. Worauf lässt man sich an stressigen Tagen ein? Auf längere oder kürzere Texte? Im Buch wird beides geboten und es werden auch Stimmungslagen berücksichtigt. Das Eintauchen in Lyrik bedarf anderer Gefühlsregungen als das Beschäftigen mit Prosa. Kurzum: Man fühlt sich als Leser verstanden und empfindet von daher Freude und Dankbarkeit, noch bevor man sich auf die Texte einlässt. 

Weil ich zunächst wissen wollte, ob der Autor wirklichen Sinn für Poesie hat, las ich zunächst dessen Gedichte und war mehr als nur angetan von der Qualität der Verse. Damit Sie eine Vorstellung davon erhalten, möchte ich eines der Gedichte hier wiedergeben. 

Ein Nachmittag auf Formentera 

Gischtgekrönt spülen 
die grünen Meereswellen 
Spuren aus dem Sand 
Eine Armada 
Grauer stoischer Wolken 
Begleitet ihr Lied 
Das ist der Süden- 
Launisch, divenhaft, verspielt
Feiert er sich selbst. 

Dies ist eine wahrlich gelungene lyrische Miniatur, ein Hohelied auf den Süden, das man immer wieder gerne liest, weil der Minimalismus in Gedichtform die Essenz dessen offenbart, was den Süden ausmacht.

Raimund Schöll nutzt Stilrichtungen der Kunst stilistisch gekonnt für seine Texte. Dabei ist er im Minimalismus ebenso zu Hause wie im Surrealismus und im Realismus. 

Realismus findet sich beispielsweise in der Sentenz, die den Titel - Sie Du Sie- trägt: 

"Für manche bist Du selbst dann ein Sie, wenn du ein Du verspürst. Naturgemäß gilt dies auch umgekehrt."

Doch kommen wir nun zu Raimund Schölls Geschichten, die sich zwischen Minimalistischem, Surrealem und Realem bewegend, als Lesestoff für gedankliche Alltagsfluchten bestens eignen. Im Grunde sollte man jeden Tag nur einen dieser Texte lesen und mit diesem dann ausgiebig gedanklich spazieren gehen. Das nennt man dann wohl Meditation.

Wer schon einmal in Prag war und dazu noch Kafka mag, sollte vielleicht mit dem Text "Prag" beginnen. Diese Geschichte ist sehr dicht geschrieben, dazu minimalistisch und surreal zugleich angelegt. Der Autor skizziert mit einigen Sätzen seine spontanen Eindrücke. Am Anfang fällt noch nichts Surreales oder irgendwie Absurdes ins Auge, obschon es Schöll wenig später dem Leser vor die Nase hält. Zuvor aber liest man folgende Sätze: "Plötzlich ein Gedanke: Lebte nicht Franz Kafka in Prag? Und- kafkaesk. Ach ja, das war es doch!" Raimund Schöll gelingt es in der Folge, wiederum mit wenigen Federstrichen,  die Stadt trotz der Geräuschkulisse, durch die Erwähnung des sensiblen Poeten dem Jetzt so zu entfremden, dass sie am Ende durch die Touristen mit ihren digitalen Klickautomaten kafkaesk erscheint. Das hat der Autor sehr hintersinnig entwickelt.

Wenige Seiten danach hat man die Gelegenheit, einen Essay über die "Sehnsucht" zu lesen. Dieser Essay hat mir besonders gut gefallen. Für den Autor ist Sehnsucht möglicherweise das unbeschreiblichste Gefühl, das wir Menschen entwickeln. So reflektiert er nicht grundlos, wonach wir sehnsüchtig sein können. Interessanterweise benennt er zum Schluss seiner Aufzählung die Sehnsucht nach nicht alltäglichen Gedanken. Eine solche Sehnsucht kennen vermutlich vorrangig Kreative. Es sei die Sehnsucht, die uns zu einem anderen Menschen mache, vielleicht weil sie letztlich Andacht oder auch Meditation sei, so Schöll. Doch ich möchte nicht zu viel verraten. Dieser Text könnte auch von Plutarch stammen, einem Plutarch allerdings mit der Poesie eines Franzosen, denn der Essay ist sehr philosophisch angelegt,  wurde jedoch mit der Leichtfüßigkeit eines Rokoko- Intellektuellen verfasst. 

Dann ist da die Geschichte, deren Titel "Aus" heißt. Es ist eine Geschichte, die sich als verfremdete, traurige Liebesgeschichte entpuppt, ganz beiläufig erzählt. Beeindruckend. 

Die Stoiker scheinen den Verfasser offenbar zu amüsieren, aufgrund ihrer mangelnden Lebendigkeit. Dies macht seine Geschichte "Der Stoiker" deutlich. Lichtgestalten sind sie für Schöll jedenfalls nicht gerade, das entnimmt man übrigens auch meinem ausgewählten Gedicht. Dort spricht der Dichter von "grauen, stoischen Wolken".

Leider ist es unmöglich im Rahmen der Rezension auf all die wunderbaren Texte einzugehen. Von daher freue ich mich schon jetzt auf das Interview mit dem Raimund Schöll.

Sehr angetan bin ich  von der Geschichte "Morgengezwitscher", in der der Autor verdeutlicht, dass sich letztlich alles, wenn auch vielleicht abgewandelt, wiederholt. Sisyphos lässt grüßen.

Eine der Geschichten trägt den Namen "Menschliche Größe". Dieser Essay korrespondiert mit den das Buch einleitenden Überlegungen von Albert Camus. Bezugnehmend auf Sisyphos fragt Raimund Schöll nach der menschlichen Größe, konkret, worin diese eigentlich besteht. Dieser Text ist meines Erachtens der Schlüsseltext zum Buch. Hier reflektiert und bejaht Schöll die Meinung Camus, dass man sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen möge und begründet dies auch. Ich zitiere nachstehend aus dem Text: "Den Stein zu rollen, ihn immer wieder neu ins Rollen zu bringen, ist das Leben und etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Menschliche Größe könnte also darin bestehen, kompromisslos ja zum Leben und seinen täglichen Herausforderungen zu sagen und das Rollen des Steins als tägliche Passion zu verstehen. Dem Absurden, Tragischen und Grotesken, das dabei täglich am Wegesrand lauert, ins Auge zu sehen. Und dass dabei auch Zauberhaftes geschieht, wer mag das ernsthaft leugnen?!"

Der Verlag fasst zusammen "Eine kaleidoskopische Reise durch die Lebensgefühle und Atmosphären unserer Zeit". Genau darum geht es. Raimund Schöll zeigt das Absurde, Tragische, Groteske aber auch das Zauberhafte, das täglich geschieht und verfremdet es zumeist ein wenig, so dass es fast surreal daherkommt und man  als Leser nicht selten auch ein bisschen träumen kann. 

Dabei ist Lebenskunst für den Autor: "Wenn ein Tag schön war, dafür zu sorgen, dass der darauf folgende Tag auch schön wird. Es jedenfalls zu versuchen." Das klingt zuversichtlich und alles andere als melancholisch. Das klingt nach "Carpe diem". Das klingt nach ungebrochener Lebenslust.

Bei all den Absurditäten, die uns täglich begegnen, ein solches Motto für sich und andere zu entwickeln, lässt auf einen Menschen schließen, der in sich ruht und noch immer Freude empfinden kann, ganz so wie Camus Sisyphus, für den sein Stein zu seinem Lebenselixier wurde.  

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Alltagsfluchten: Geschichten und Atmosphären aus der Gegenwart