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Rezension: Die Spionin der Charité- Roman- Christian Hardinghaus



Dr. phil. Christian Hardinghaus ist der Autor dieses bemerkenswerten Romans. Er arbeitet u.a. als freier Journallist, Lektor, Autor und beratender Historiker und veröffentlicht Sachbücher als auch Romane.

Der hier vorliegende Roman beruht auf wahren Begebenheiten in der Charité in Berlin zu Zeiten des 2. Weltkriegs, wo sich um den weltberühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch eine Widerstandsgruppe gegen Hitler formierte. Es handelte sich hierbei um den so genannten "Donnerstagsclub". 

Lilly Hartmann, die Sekretärin Sauerbruchs berichtet 30 Jahre später einem Journalisten von dieser Gruppe, von der bislang noch keiner wusste. 

Die junge, gebildete Danzigerin wuchs in einem liberalen Elternhaus auf und wurde von Professor Sauerbruch im Sommer 1940 als Sekretärin eingestellt, womit sie nicht gerechnet hatte. Sie wird Teil der Widerstandgruppe, erlebt den Nazischergen und Mediziner Dr. de Crinis, der ein Menschenverächter ist, Geisteskranke selektiert und Frauen als Objekte seiner sexuellen Gier benutzt. An ihm offenbaren sich die ganze perfide Respektlosigkeit, der Zynismus und die Herrenmenschattitüde der Nazis. 

Lilly lernt den Diplomaten Fritz Kolbe kennen und gewinnt ihn für die Widerstandsgruppe, für die er Spitzeldienste leistet. Die beiden verlieben sich ineinander und leben im fortdauernden Risiko seitens der Nazis aufgedeckt zu werden. Fritz Kolbe weist die Amerikaner immer wieder auf die Ungeheuerlichkeiten in den Konzentrationslagern hin, doch der dortige Geheimdienst scheint in dieser Beziehung nicht zu reagieren. Dass man für die USA skandalöse Unterlagen von ihm, der bereits  lange schon verstorben ist, bei seiner Ehefrau Lilly noch Jahrzehnte nach 1945 vermutet, macht ihr Leben nicht ungefährlich… 

Wie risikoreich es war, während der NS-Zeit Widerstand gegen das Terrorregime zu leisten, dokumentiert Dr. Hardinghaus auch durch Zahlen. Das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hatte zur Folge, dass die Männer des SD und der Gestapo jeden Winkel des Reiches nach Mitwissern durchforsteten. "Polizisten verhörten, folterten, mordeten. Bis Kriegsende wurden über siebentausend Verdächtige verhaftet, die meisten überlebten die Haft nicht. Ernst Kaltenbrunner, der Chef der Sicherheitspolizei und des SED ließ Armeeangehörige aller Ränge vor den Volksgerichtshof zerren. Egal, ob Generalfeldmarschall oder Unteroffizier. Wer das Attentat unterstützt hatte, wer davon gewusst hatte, der wurde vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, öffentlich gedemütigt und hatte keine Chance, einem Todesurteil zu entkommen." (S. 176)

Was mit den Mitgliedern des "Donnerstagsclubs" geschah, können Sie dem lesenswerten Roman entnehmen, der sehr nachdenklich stimmt auch im Hinblick auf den Widerstand gegen den Despoten Putin im Hier und Heute in Russland. Diesen Diktator zu beseitigen, ist gewiss noch problematischer als damals Hitler, weil die Sicherheitsmaßnahmen bedingt durch die Technik ungleich ausgefeilter sind. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Zauberberge-Andreas Lesti- Bergwelten



Dieses Buch des Autors Andreas Lesti trägt den Untertitel "Als es die Dichter und Denker auf die Schweizer Gipfel zog." Untergliedert ist es in einen Prolog drei Kapitel und den Epilog. 

Im Prolog erzählt der Autor von seiner ersten Reise in die Schweizer Alpen im März 2020 als sich plötzlich "ganz Mitteleuropa im Krisenmodus befindet". Lestis Ziel war Davos, Sils Maria und Zermatt, um dort etwas über Thomas Mann, Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno, über Krankheit, Wahnsinn, Schönheit und Tod herauszufinden. 

Erst eineinhalb Jahre später kann er aufgrund von Corona und den damit verbundenen Einreisesperren sein Vorhaben umsetzen. Er reist nach Davos und zwar genauso, "wie es Hans Castrop in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" gemacht hatte“.  Noch immer ist es von Norddeutschland aus eine elfstündige Zugreise, quer durch Deutschland und die Schweiz. Lesti liest im Zug den "Zauberberg", hat allerdings einen Stapel weiterer Bücher im Gepäck, darunter Adornos "Minima Moralia" und Nietzsches "Also sprach Zarathustra", Bücher von Autoren, die vor ihm einst an den Orten waren , wo hin nun möchte:  so u.a. nach Davos. 

Davos war einst eine Hochburg für Tuberkuloseerkrankte und solcher, die sich diesen Anschein geben wollten. Es galt in manchen Kreisen als schick, schwindsüchtig zu sein. 

Der Autor berichtet von dem Mediziner Alexander Spengler, er hatte einst- damals noch als Jurastudent-, an der Märzrevolution von 1848 teilgenommen und war nach Zürich geflohen- ähnlich wie Georg Büchner. Spengler wurde nach seinem Studium Landschaftsarzt in Davos und entdeckte, dass die gute Luft des Ortes Symptome bei vermeintlich Schwindsüchtigen verbesserte. Daraufhin bewarb er, wenn auch vielleicht nicht bewusst-, die gesundheitsfördernde Wirkung des Hochgebirgsklimas. Ein wissenschaftlicher Beweis hierfür gäbe es allerdings bis heute nicht. Selbst nachdem Robert Koch 1882 entdeckte, dass Bakterien Tuberkulose verursachten, glaubten die Menschen, dass Davos der einzige Ort sei, wo man von TBC geheilt werden könne. 

Lesti schreibt, dass die "Weiße Pest", sprich TBC, im 19. und bis zum 20. Jahrhundert die häufigste krankheitsbedingte Todesursache in Europa gewesen sei. Der Autor zieht Parallelen zu Corona, eine Krankheit, die ebenfalls durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. In Künstlerkreisen soll Tuberkulose einst positiv gesehen worden sein, weil man sie als erkenntniserbringend und das Leben intensivierend deutete. 

Lesli schreibt von den Gästen im damaligen Davos und hier allen voran von Thomas und Katia Mann. Das Leben im "Waldhotel", Thomas Mann blieb nur 4 Wochen dort, inspirierte ihn zu seinem Roman Zauberberg. Man liest darüber viel Wissenswertes aber auch wie aus dem Mekka der Schwindsüchtigen die "Sonnenstadt im Hochgebirge" wurde und seither Skifahren sowie Klettern angesagt ist. 

Erstaunt ist man über die vielen Persönlichkeiten, darunter auch Hermann Hesse und Ludwig Kirchner, die der Stadt Glanz verliehen. 

Im 2. Kapitel dann geht es um Sils Maria südlich von St. Moritz, wo der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch Ernst Jünger u.a. Intellektuelle einst hin pilgerten. Im dortigen "Hotel Waldhaus" logiert auch Theodor Adorno und  Albert Einstein, auch Thomas Mann, Friedrich Dürrenmatt, Erich Kästner, Chagall, um nur einige zu nennen. Offenbar fanden alle dort den inspirativen Kick, der ihren Werken den letzten Schliff gaben.

Es ist spannend, sich durch die vielen Anekdoten zu lesen, mit denen man in diesem Buch konfrontiert wird und Einblicke in die Geisteswelt der Dichter und Denker zu bekommen, vor allem auch Buchtipps, die zum Weiterlesen anregen. 

Im 3. Kapitel dann geht es um Zermatt, kein Ort zum kränkeln oder philosophieren...! Hier geht es ums Bergsteigen und um die Erstbesteigung des Matterhorns, aber auch um Adorno, der in Zermatt an einem Herzinfarkt starb. 

Abgerundet durch den Epilog, lässt der Autor eine zufriedene Leserin zurück, die sich keine Sekunde gelangweilt hat und neugierig ist, auf all die Literaturhinweise am Ende des Buches. O.k., das ein oder andere  Buch kennt sie bereits.

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Rückkehr- Willi Achten- Piper


"Sie werden immer seltener" fuhr er fort. "Es handelt sich um Wiesenvögel. Die Messer der Mähdrescher sind gnadenlos, und die Pestizide, die die Bauern auf Feldern und Wiesen ausbringen, tun das ihrige- sie töten Insekten. Und ohne Insekten keine Nahrung für die Vögel. Hört gut zu, das ist der Klang des Sommers. Man wird ihn nicht mehr lange hören. Vielleicht auch hier in den Bergen nicht.“ ("Rückkehr", Willi Achten, S.28) 

Jakob Kilv, der Protagonist dieses bemerkenswerten, neuen  Romans von Willi Achten kehrt nach über zwanzig Jahren zurück in das Alpendorf, wo er seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. Seine Mutter und sein Vater leben nicht mehr. Er zieht in sein Elternhaus, das bereits eine ganze Weile leer stand und beginnt es zu renovieren. Will er bleiben?

Es gibt Klärungsbedarf für Jakob im Hinblick auf die Ereignisse, die einst zu seinem überstürzten Weggang aus dem Bergdorf führten, wo er enge Freunde hatte und wo auch seine Jugendliebe lebte. Alle, bis auf seine Eltern sind noch da. 

Was haben die einstigen, fatalen Geschehnisse mit den Menschen gemacht und um welche Geschehnisse handelt es sich? 

Jakob bewegt sich als Ich-Erzähler auf zwei Zeitebenen. Im Gestern und im Heute. Im Gestern lernen wir u.a. seinen Vater, einen Vogelliebhaber, der ornithologische Schriften anfertigt, kennen. Dessen berufliche Aufgabe besteht darin, Flugzeuge und deren Passagiere vor Vogelschwärmen zu schützen. Bei einem Falkner in den Alpen sucht er nach einer natürlichen Möglichkeit, Singvögelschwärme von den Triebwerken der Flugzeuge zu vertreiben. Man wird Zeuge von dem, was sich beim Falkner zuträgt, lernt die Grausamkeit der Natur kennen, erfährt aber im weiteren Handlungsverlauf auch von der Liebe Jakobs Mutter zur klassische Musik und von den unausgesprochenen Spannungen, die sich aufgrund der unterschiedlichen, vielleicht über Gebühr gerittenen Steckenpferde der Eltern auf Dauer für sie ergeben. Diese, viel Zeit verschlingenden Steckenpferde treiben die Eheleute schließlich auseinander.

Naturschutz ist für Jakobs Vater und Jakobs Freunde ein zentrales Thema. Dabei steht sein Freund Bruno seinem Vater wohl am nächsten, vielleicht weil dieser so ist wie er selbst gerne noch wäre.

Auch Jakobs Mutter fühlt sich zu dem Abenteurer Bruno hingezogen und geht schließlich ein Verhältnis mit ihm ein. Das hat tragische Folgen, denn Jakobs Vater glüht vor Eifersucht… 

Jakob ahnt von diesen Verwicklungen, ist aber zu sehr mit sich und seiner Liebe zu Liv beschäftigt und natürlich mit seinen Umweltaktivitäten, die er gemeinsam mit seinen Freunden unternimmt. An diesen spannend beschriebenen Aktivitäten nimmt der Leser teil. Sie nehmen einen erfreulich breiten Raum der Romanhandlung ein und lassen Bewusstsein für das entstehen, was in den Alpen schief läuft. 

Zwei Skigebiete sollen zusammengelegt werden. Deshalb möchte der "geschäftstüchtige" Bolltner die Kuppe des "Weißkogels" wegsprengen. Hundert Höhenmeter sollen "wegradiert" werden und dabei "einhundertneunzigtausend Kubikmeter Stein und Erde ins Tal donnern". Darüber hinaus soll das neu entstehende Plateau zu einer fahrbaren Hangfläche ausgebaut werden, "inklusive neuer Seilbahnen, Restaurants und Bars oben auf dem geschundenen Berg."

Der Kampf mit Bolltner radikalisiert die Freunde. Das hindert Jakob aber nicht daran, weiterhin in Liv unsterblich verliebt zu sein und es über die Zeiten hinweg zu bleiben. "Sie war die Schöne, die keiner vergisst, die bleibt. In den Träumen.", wird er, zurückgekehrt, denken. Doch er weiß auch "Ich bin ein Gast hier im Dorf, nicht mehr. Wer ist im Leben eines anderen schon mehr als ein Gast? Niemand, der uns bleibt vom ersten bis zum letzten Tag. Niemand, der uns kennt an allen Tagen. Wir teilen bestenfalls ein paar Jahre, Jahrzehnte der Freundschaft, der Liebe, bevor wir uns verlieren. Auf die ein oder andere Art."

Jakob erkennt- zurückkehrt - genau dies aber auch, was einst  zu dem Unheil führte, das ihn all das, was seine Kindheit und Jugend ausmachte, verlieren ließ und ihn mithin seines einstigen Lebensmittelpunktes beraubte. Die Rückkehr hat ihn befreit vom Zweifel eines ungeklärten Gestern.

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Die indische Hochzeit- Geschichten über Liebe, Hoffnung und die Wege zum Glück – Sandra Maxeiner


Sandra Maxeiner ist eine promovierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und ausgebildeter Coach (Freie Universität Berlin). Sie arbeitet seit mehreren Jahren als Sachbuchautorin, Verlagsleiterin und ehrenamtliche Hospizhelferin, des Weiteren ist sie Gründerin des Vereins "Was wirklich zählt im Leben e.V."

Das vorliegende Buch, dies vorab, spricht visuell bereits wegen des lebensfrohen Covers und den hübschen Illustrationen jeweils zu Beginn der zwölf Geschichten an. Dabei ist den Geschichten nicht selten ein Zitat vorangestellt, das bereits erahnen lässt, wohin die Lesereise gehen soll. 

Anstelle eine Vorwortes wird man eingangs mit einem klugen Essay, verfasst von Sandra Maxeiner, überrascht, dessen Titel "Was ist Glück?" trägt. Eingestimmt in den Text wird man dann mit einem Zitat des Philosophen Konfuzius, erst dann beginnen die Reflexionen Dr. Maxeiners. Nach ihrer Meinung kommt die Definition von Glück des französischen Schriftstellers Maurice Barrès unserer täglichen Lebenswirklichkeit am nächsten, denn für ihn ist es "der mutige Wille zu leben, indem man die Bedingungen des Lebens annimmt."

Sandra Maxeiner streift in diesem Essay Grundproblematiken ihrer Geschichten und erwähnt, dass lt. Statistik ein Viertel der Befragten aus heutiger Sicht wichtige Lebensentscheidungen anders fällen würden. Dieser Statistik veranlasste die Autorin dazu, dass einige  ihrer Protagonisten im Buch mit den Entscheidungen ringen, die sie getroffen haben und sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, einen anderen Weg zu gehen. 

Auch erwähnt sie in ihrem Essay, dass sich einige ihrer Protagonisten mit der Vergänglichkeit auseinandersetzen müssen, weil ihr Schicksal sie immer mal wieder mit der Endlichkeit des Daseins konfrontiert. Zudem erwähnt sie den Mitbegründer der Media-Markt-Kette Walter Gunz, mit dem sie bereits 2015 ein Interview realisierte und der jetzt zwei Geschichten zum Buch beigetragen hat. Dessen beruflicher Erfolg beruhte übrigens auf einem Verlust. Glück, so lernt man, geht oft seltsame Wege… 

In ihrem Essay erzählt Sandra Maxeiner auch die Geschichte von "Siddhartha", (übrigens sehr schön geschrieben), welchem Hermann Hesse ein wundervolles Buch gewidmet hat. Sie erwähnt diese Geschichte deshalb, weil sie zeigen möchte, was geschehe, wenn man verbissen nach dem vermeintlichen Glück hinterher jage. Dann nämlich finde man nicht, wonach man suche. 

Es geht in ihren Geschichten auch um neue Wege. Das Buch selbst sei auf einem neuen, dabei vielleicht ungewöhnlichen Weg entstanden. In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch, weshalb das Werk den Titel "Die indische Hochzeit" trägt und wozu ihre Geschichten motivieren sollen. 

Ausgesprochen gut hat mir gefallen, dass im Rahmen einer der Geschichten ein Gedicht von Charlie Chaplin eingebunden ist, das ich bisher noch nicht kannte und dessen Inhalt sich jeder zu Herzen nehmen sollte, der aus seiner Mitte heraus leben möchte.

Die Geschichten beinhalten allesamt lebensphilosophische Betrachtungen, haben also Tiefgang, obgleich sie teilweise fast alltäglich daherkommen. 

Nach einem Nachwort der Autorin hat man Gelegenheit ein Interview, das sie führte, mit dem Glücksforscher Peer Adler zu lesen, welches die ein oder andere Frage, die sich aus ihren  Geschichten ergeben könnte, sehr gut beantwortet. 

Glück, das machen die zwölf Geschichten deutlich, ist facettenreich und offenbart sich nicht selten als Folge sinnstiftenden Tuns. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Das Archiv der Gefühle-Peter Stamm-S. Fischer


Der Protagonist dieses Romans- ein Ich-Erzähler- hat die meiste Zeit seines Lebens als Archivar gearbeitet und setzt diese Tätigkeit sogar fort nachdem er- nach Jahrzehnten akribischen Ordnens - entlassen worden ist. Jetzt pflegt und ordnet er in den Kellerräumen seines ererbten Elternhauses die Papier-Sammlung aus seiner Berufszeit und entzieht sie auf diese Weise der arbeitssinnentleerenden Entsorgung. 

Der Archivar lässt die Leser wissen, dass der wahre Zweck eines Archivs darin bestehe, Ordnung zu schaffen und dass diese Tätigkeit sehr zeitintensiv sei. Diese Zeit nimmt er sich und isoliert sich-  Papiere ordnend - in seinem Elternhaus vollkommen. Dieser Rückzug lässt ihn nur noch träumend in der Vergangenheit existieren.

Wie sehr die Arbeit im Archiv ihn tatsächlich lähmt, d.h. die Liebe zum Leben und zum Lebendigen nicht aufkommen lässt, bemerkt er nicht, denn seine Gedanken und Träume kreisen um seine Klassenkameradin und Jugendfreundin Franziska, die im Gegensatz zu ihm nach dem Abitur eine Lehre als Krankenpflegerin absolvierte, also etwas dem Leben zugewandtes unternahm, während er Geschichte und Philosophie studierte, nicht zuletzt auch in dem vor Leben sprudelnden Paris. Doch selbst diese Stadt kann ihn nicht entzünden.

Franziskas eigentliche Ambition ist es, Sängerin zu werden. Sie schafft es schließlich, durch ihr unverbrüchliches Engagement unter dem Namen „Fabienne“ als Schlagersängerin berühmt zu werden.

Während sie dem Leben zugewandt ist und das Lebendige und damit auch den Erfolg anzieht, bleibt der Archivar in seinen wenig Erfolg versprechenden Ordnungssystemen stecken, wird weder Philosoph noch promoviert er, sondern ist zufrieden, "die immer gleiche Arbeit zu machen, zu lesen, auszuwählen und Ordnung zu schaffen."

Das unterschiedliche Temperament der beiden engen Freunde ließ in jungen Jahren keine Liebesbeziehung zu. Wohl ziehen sie einander an, doch Franziska, die Tatkräftige, weiß, dass ihr Freund ihr letztlich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung als Liebespartner im Weg stünde und behauptet, nachdem sie sich geküsst haben, sie liebe ihn nicht. 

Irgendwann wird der Kontakt loser und bricht schließlich für lange Zeit ab. Beide gehen ihrer Wege, haben Affären, doch keine ihrer Beziehungen ist von Bestand. Der Archivar, der Franziska noch immer zu lieben meint, sammelt alle Zeitungsberichte über sie und ihren beruflichen Erfolg, auch über ihre vielen Affären. 

Ihre Akte, die er in seinem Archiv selbstverständlich auch aufbewahrt hat, enthält Artikel, Interviews, Kritiken und von ihr selbst verfasste Texte, geschrieben in einem Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Immer dann, wenn wieder einmal eine von Franziskas Beziehungen zerbrochen war, durchlebte der fiktiv Liebende glückliche Monate voller Hoffnung, bis ein neuer Mann an ihrer Seite auftauchte, so die Worte des Ich-Erzählers. 

Jahrzehnte nicht gelebten Lebens vergehen, bis er schließlich aufhört, in seinem selbst geschaffenen Gefängnis zu leben, bis er plötzlich lebendig wird und auf diese Weise "Fabienne", - nicht Franziska- anzieht, eine Frau, die viel erlebt und gelebt hat, die weiß, dass in ihrem vergangenen Leben, kein Platz für eine bedingungslose Liebe war, wie sie ihr Jugendfreund von ihr vermutlich eingefordert hätte. Eine solche Liebe hätte sie in der Entwicklung ihres Selbst blockiert. 

Doch wie alles ist auch eine solche Betrachtung der Veränderung unterworfen, denn in einem selbst bestimmten Leben ist viel Platz für eine nicht einengende Liebe, wenn sie sich der Archivierung entzieht und täglich neu gelebt wird… 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Die Enkelin-Bernhard Schlink-Diogenes


Bernhard Schlink hat mit "Die Enkelin" einen überaus komplexen Roman verfasst, der sich mit ideologischen Irrwegen auseinandersetzt und zeigt, was Despotie und Verblendung, Ignoranz aber auch ideologische Verführung, speziell bei jungen Menschen bewirken kann. 

Haltlosigkeit als Folge autoritärer Erziehung wird in unterschiedlichen Schattierungen veranschaulicht, ein Phänomen, das Menschen weit weg von ihrer Mitte und ihren Begabungen irgendwo stranden und zutiefst depressiv werden lässt. 

Die Romanhandlung beginnt mit dem Tod Birgits, der langjährigen Ehefrau des Buchhändlers Kaspar. Die beiden haben sich - damals, noch Studenten- in Ostberlin kennengelernt und ineinander verliebt. Kaspar studierte im Westen, Birgit im Osten der Stadt. Beide schätzten in jenen Tagen bereits die Sprache, vor allem Gedichte, kommen sich intellektuell und schließlich auch emotional über dieses Medium näher. 

Die beiden entscheiden sich für eine gemeinsame Zukunft und Birgit sich zur Flucht aus der DDR. In ihren Aufzeichnungen schreibt sie, dass sie damals in den 1960er Jahren im Osten noch nicht wusste, wie es um die DDR tatsächlich bestellt war, sie aber im Nachhinein froh gewesen sei- bei allen Möglichkeiten, die sich ihr vielleicht dort  geboten hätten, dass sie nicht geblieben sei. Rückblickend resümiert sie: "Die DDR macht mich traurig."

Birgit hat vor ihrem Ableben an einem Roman geschrieben, über dessen Inhalt Kaspar nichts wusste. Als er nun den Inhalt kennenlernt, weiß er, dass Birgits Depressionen mit ihrem Geheimnis zu tun hatten, dass sie seit ihrer Flucht in den Westen mit sich herumtrug. Die Ostdeutsche war nämlich bereits schwanger als sie Kaspar kennenlernte, verschwieg ihm dies aber und brachte das Kind mithilfe einer Freundin zur Welt. Sie vertraut der Freundin, einer Krankenschwester, das Mädchen an, mit der Bitte es in einer "Klappe" abzugeben und bereitet sich in den Monaten danach auf die Flucht in den Westen vor.

Birgit schweigt und handelt aus Angst, dass Kaspar sich von ihr abwenden würde, wenn sie ihm reinen Wein einschenkt. In ihren Aufzeichnungen, die Gegenstand des Romans sind, entnimmt man, wie sehr sie sich mit ihrer damaligen Entscheidung auseinandergesetzte, die sie innerlich mit der Zeit zerrissen hat und  haltlos zur heimlichen Trinkerin hat werden lassen. 

Sie glaubt im Hinblick auf Kaspar: "Manchmal habe ich in den Jahren unserer Ehe gedacht, Kaspar weiß es, tiefdrinnen, tiefdrunten, und hat es vor seinem Leben ebenso verborgen, wie ich es vor meinem Leben verborgen habe. Ich habe gedacht, dass er es mir angemerkt haben muss, dass ich ein Geheimnis verberge, und er aus Liebe nicht daran gerührt hat, bis ihn die Liebe hat wissen lassen, was es ist. Dass er es dann mit mir geteilt hat, man kann ohne Worte und Gesten teilen, und mit mir getragen, und dass er deshalb so behutsam mit mir war. Ich weiß, er war auch behutsam mit mir, weil ihn, was ich gemacht habe, verwirrt hat. Die Buchhandlung verlassen, nach Indien gehen, goldschmieden, kochen, schreiben- und er hat nicht verstanden, was mich getrieben hat, und hat Angst gehabt, es würde mich wegtreiben. Er war auch behutsam, weil er mich nicht verlieren wollte. Aber manchmal dachte ich, das sei nicht alles."

Ihr Geheimnis vertraut Birgit einzig ihrem Computer an. Dort entdeckt Kaspar es nach ihrem Tod und macht sich auf die Suche nach seiner Stieftochter, die ähnlich zerrissen wie ihre Mutter, schließlich Halt bei einem Rechtsradikalen zu finden meint, in dessen ideologische Absurd-Welt abdriftet und diese sogar mitträgt. 

Ihre gemeinsame Tochter  Sigrun erziehen die verblendeten Eltern "völkisch", sprich rechtsradikal und hämmern Nazigedankengut in ihren noch arglosen Kopf ein. Da dieses Mädchen bis dahin keinen Außenkontakt hat, glaubt sie an den Irrsinn.

Kaspar gelingt es mittels Bestechung des geldgeilen Vaters, das Enkelkind in den Ferien loszueisen und zu sich in seine stille Bücherwelt mit zu nehmen. Hier versucht Kaspar ihr aufklärende Literatur und vor allem klassische  Musik näherzubringen. 

Recht bald erhält Sigrun Musikunterricht und rasch stellt sich heraus, dass sie überdurchschnittlich begabt ist. 

Doch selbst die Musik und all das, was  Kaspar Sigrun kulturell entgegenbringt, reichen nicht aus, sie von der ideologischen Gehirnwäsche, in der Nibelungentreue eine zentrale Rolle spielt, zu erlösen….

Kann Kaspar Sigrun dennoch retten? Oder findet die Enkelin letztlich ihren eigenen Weg, weit weg von ihrer völkischen Sozialisation, mündig zu werden? 

Doch lesen Sie bitte selbst… 

Erneut hat Bernhard Schlink Charaktere geschaffen, die ähnlich wie "Die Vorleserin" lange über das Kriterium der selbstverschuldeten Unmündigkeit nachdenken lassen. Sich selbst aus dieser zu befreien, bedeutet letztlich erwachsen und reif für eine Welt zu werden, in  der Humanismus von allen gelebt wird. 

Für Menschen mit autoritärer Sozialisation ist das alles andere als ein Spaziergang bei Sonnenschein...

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: "Wirbelwind an Kapitän"- Cassandra Negra - Jerry Media Verlag


Cassandra Negra ist der Künstlername einer in Wien lebenden, promovierten Wissenschaftlerin. 

In ihrem neuen, belletristischen Roman "Wirbelwind an Kapitän" scheut diese Autorin sich nicht, mit einer Fülle von Klischees zu arbeiten, darüber hinaus auch Worthülsen in den Text einzustreuen, vor denen eingefleischte Intellektuelle üblicherweise schmallippig zurückschrecken, aus Angst ihren diesbezüglichen Ruf zu verlieren. 

Die in Wien lebende Wissenschaftlerin jedoch ist mutig und geht locker mit Sentimentalitäten und Plattitüden aller Art um, weil sie weiß, dass sie zum Leben gehören, auch zum Leben gebildeter Menschen übrigens. Damit outet sie sich als sympathischer Freigeist. 

Nähert man sich unbefangen ihrem Text, stellt man fest, dass Cassandra Negra gekonnt ein Stück Zeitgeist abzubilden vermag und subtil die Realität hinter der Realität sichtbar werden lässt, sprich jene, die keine glatte Fläche verkörpert, keine also, die dem Ideal einer derzeit  gerade zu Ende gehenden Ära  entspricht.

Am Beispiel der Protagonisten Soey, einer 44 jährigen Schriftstellerin und Sebastian, einem 10 Jahre älteren Medizinprofessor werden die Probleme des Kennenlernens und sich Verliebens, - im vorliegenden Fall nicht mehr ganz so junger Menschen- in Zeiten von Corona thematisiert. 

Nicht grundlos fragt die Autorin eingangs bereits: "Welche Chance hat eine junge Liebe in einer Epoche, die geprägt ist von Social Distance, Abstand, Isolation und täglich wechselnden Geboten und Verboten, Quarantänevorschriften, roten Listen, allgemeiner Unsicherheit, Angst und zunehmender Einsamkeit?"

Beantwortet wird diese Frage mittels der Lovestory zwischen den bereits genannten Protagonisten, mit deren Vorgeschichte man zunächst vertraut gemacht wird. Soey hat sich nach einer Fehlgeburt von ihrem Ehemann getrennt, weil dieser sie durch einen Seitensprung tief verletzt hat. Sebastian wurde bereits drei Mal geschieden. Beide haben also Altlasten anzubieten. Nichts Besonderes in diesem Alter. Doch wie gehen sie damit um? 

Beruflich zwar ausgefüllt, wird beiden ihre Einsamkeit in Zeiten von Corona bewusst und sie entscheiden sich, über ein Online-Partnerportal eine neue Liebe zu finden. Ist das überhaupt möglich?

Die Sehnsucht nach der wahren, großen Liebe ist gesellschafts- und bildungsunabhängig und keine Frage des Alters. Diesen Gedanken vermittelt die Autorin im Rahmen der ereignisreichen Handlung, die erstaunlich viele Problemfelder aufgreift. 

So schreibt sie mit Blick auf Sebastian, dass dieser seine eigenen Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche und Träume erfolgreich verdrängt habe,"nur mehr fokussiert darauf, seine Aufgaben zu erfüllen und die Ziele zu erreichen, die sein Beruf ihm vorgaben." 

Cassandra Negra hat das private Glück im Auge, das oftmals beim Karrieremachen auf der Strecke bleibt und zumeist erst in Ausnahmesituationen im Bewusstsein der Karrieristen Geltung erlangt. 

Zu Beginn eines der Kapitel zitiert Cassandra Negra Wilhelm Busch mit den Worten "Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir liebten." Dabei hat  die Liebe- in Sicht der Autorin-  stets seelische, geistige und körperliche Facetten. All diese kommen im Verlaufe der Handlung zum Tragen, wobei übrigens die sexuellen Szenen sehr gut beschrieben, niemals pornografisch wirken. 

Kurzweilig beschreibt Cassandra Negra die Phase des Kennenlernens der beiden  Protagonisten im Rahmen von deren Maildialog. Man spürt, hier stimmt die Chemie, hier bewegen sich zwei Menschen aufeinander zu, die bei allen Träumen und Wünschen die Realität nicht vergessen und diese auch nach wie vor zielstrebig leben. 

Soey muss nicht zum Onkel Doktor aufschauen, denn sie hat selbst genügend Grips anzubieten. Sie braucht keinen Sugar-Daddy, sondern sucht offenbar nach einem Partner, mit dem sie eine Einheit bilden kann. Das funktioniert natürlich nur auf Augenhöhe. 

Der Zufall spielt immer eine Rolle, wenn es um die große Liebe geht, die wie alles im Leben endlich ist. Dieser Zufall kann sich auch in einem Online-Portal ereignen. Was man daraus macht, liegt in der Entscheidung eines jeden Einzelnen. Der Zufall ist stets ein Angebot des Universums, mehr aber nicht. Soey und Sebastian packen ihn entschlossen beim Schopf.

Ein kurzweilig zu lesender Roman, der den Glauben an die wahre Liebe wachhält und bekundet, dass man sich ihr, egal in welchem Alter, nicht verschließen sollte, gleichgültig wie lange sie bleibt. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Vom Aufstehen- Helga Schubert-dtv


Die 1940 geborene Schriftstellerin und Psychotherapeutin Helga Schubert lebte bis 1989 in der DDR und bereitete als Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches die ersten freien Wahlen vor. 

Mit dem vorliegenden Band – 80 Jahre Leben in 29 Erzählungen - hat sie 2020 nach vielen Buchveröffentlichungen und Auszeichnungen in vergangener Zeit und einem Rückzug aus dem literarischen Leben den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. 

Mit dem vorliegenden Text tauchen die Leser in eine Welt ein, die uns fremd und längst vergangen erscheint. Helga Schubert schreibt über ihre Kindheit als Flüchtlingskind und Halbwaise aus gebildetem Hause, schreibt vom Trauma ihres Lebens, dem Tod ihres Vaters, der als Soldat von einer Handgranate zerrissen wurde, erzählt von ihrer Mutter und Großmutter, ihrem Leben als Schriftstellerin in der DDR, in der sie sich eingemauert fühlte, von ihrer Sehnsucht zu reisen, die erst zu dem Zeitpunkt aufhörte, wo es ihr möglich war, dies, wann immer sie wollte, auch zu tun und von ihrem Leben auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern, das für sie zu Zeiten als sie sich noch in der DDR eingesperrt fühlte, nicht denkbar gewesen wäre. 

Die Geschichten spiegeln die Farben einer Zeit, die alles andere als bunt für sie war, sondern in vieler Hinsicht verwirrend absurd. 

Beeindruckt hat mich  besonders nachstehende Passage einer Geschichte, die für das ganze Buch sehr bezeichnend ist: "Als ich nach dem Tod meiner Mutter ihre Wohnung mit über zehntausend Büchern zum ersten Mal allein betrat, um alles zu kündigen, aufzulösen, renovieren zu lassen, die Abstellkammer und der Keller waren bis zur Decke mit Kartons und Papier gefüllt, standen auf ihrem Sekretär noch die beiden Bronzeabgüsse von Ernst Barlach: die Lesende und der Flötenspieler, etwas kleiner als die Originale. Sie hatte sie in Raten jahrelang abbezahlt. Als niemand Ansprüche stellte, nahm ich sie zu mir, beide versunken in ihr Tun, in ihrer eigenen Welt, der Welt der Bücher und der Welt der Musik. Vielleicht wollte meine Mutter, dass ich sie so in Erinnerung behalte. Das alles andere langsam verblasst“. 

Helga Schubert schreibt natürlich über das andere auch und vergisst nicht zu erwähnen, dass ihre Mutter 101 Jahre alt wurde. Sie, Helga, die Tochter, hat eine völlig andere Sozialisation, die in ihr eine merkwürdige Melancholie hat entstehen lassen, die die Leser in den Bann zieht, ohne genau beschreiben zu können, weshalb. Insgesamt ist es ein Buch, das versöhnlich abschließt und der Autorin die Möglichkeit schenkt, unbekümmert neuen Räumen entgegenzugehen. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Noah- Von einem, der überlebte- Takis Würger- Penguin


#Takis_Würger, Autor des empfehlenswerten Romas "Stella", den ich hier auf "Buch, Kultur und Lifestyle" ebenfalls rezensiert habe, erzählt, sehr packend, die Lebensgeschichte des jüdischen Journalisten #Noah_Klieger, der 2018 im Alter von 92 Jahren verstorben ist. 

Takis Würger führte zahlreiche Gespräche mit Noah Klieger, in dessen Einverständnis das vorliegende Buch entstanden ist. Noah, in Belgien als Sohn eines Intellektuellen geboren, fällt früh schon durch seine Intelligenz, Willensstärke und Angstfreiheit auf. Diese Eigenschaften, vor allem aber Fortune, helfen ihm das Lagerleben und die damit einhergehenden Gräuel von Auschwitz zu überstehen. 

Noah, überzeugter Zionist, ist im Krieg Fluchthelfer, gerät in die Hände der Nazis und landet wie seine Eltern, im Konzentrationslager Auschwitz. Dort wird er extrem misshandelt, sieht täglich wie die Nazischergen andere Häftlingen drangsalieren, diese foltern, grausam töten und auf diese Weise ihre niederen Instinkte ungestraft ausleben. Noah erlebt täglich Selektionen, durch die Alte und Kranke ins Gas verurteilt werden und versucht der Selektion zu entkommen. 

Nur wer stark genug ist, um Schwerstarbeit zu erbringen, darf weiterleben und zwar nur solange, bis er keine Kraft mehr hat. Das mörderische System der Nazis beruhte auf gnadenloser Ausbeutung. Die schwerstarbeitenden Juden bekamen noch nicht einmal etwas zu essen, was man als Nahrung hätte bezeichnen konnte und magerten zu lebenden Skeletten ab. 

Noah begegnet u.a. auch dem, für seine Grausamkeit berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele, dessen Verbrechen bis zu seinem Tode ungesühnt blieben und überlebt schließlich, wie durch ein Wunder die Hölle von #Auschwitz.

Er überlebt nach dem Krieg auch die Angriffe der britischen Kriegsschiffe als er mit 4500 Juden mit einem Schiff von Sète nach Palästina gelangen will. Auf diesem Schiff, wo er anheuerte, war keiner der Mannschaft über 30 Jahre alt. Auch diese Zeit auf der "Exodus from Europa 1947", übersteht er wie durch ein Wunder.  Das Schicksal hatte für ihn ein langes, erkenntnisreiches Leben vorgesehen.

Er beginnt, nachdem er in Palästina angekommen ist, sein Leben als einer der bekanntesten israelischen Sportjournalisten. Als Zeitzeuge hielt er zudem in vielen Ländern und Sprachräumen an die Shoah und Alija Bet lebendig. Seine Hoffnung und sein Lebensmut eröffneten ihm immer wieder neue Räume. Seine Botschaft an die Nachwelt lautet deshalb, so meine Interpretation: Niemals aufgeben, egal, was geschieht!

Der Leser erfährt zum Ende des Buches, wann und wo einzelne Protagonisten des Romans verstorben sind. Der Mörder #Josef_Mengele beispielsweise starb 1979 an einem Schlaganfall beim Schwimmen in Brasilien, dem Land, wo er unentdeckt und ungestraft bis zu seinem 67. Lebensjahr weiterlebte. Auch der jüdische Schwimmer Alfred Nakache, der 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit wurde, starb im Alter von 67 Jahren und zwar beim Schwimmen im Mittelmeer an einem Herzinfarkt. 

Das Leben ist nicht fair. Alles ist vom Zufall abhängig. Eine für uns Menschen erkennbare ausgleichende Gerechtigkeit scheint es nicht zu geben. Daran denke ich immer wieder, wenn ich mir den Inhalt des Buches vergegenwärtige und stimme zu.

Noah Klieger stellt viele Fragen während der Gespräche mit Takis Würger, auf die man als halbwegs vernünftiger Mensch keine Antwort findet, denn das Ausmaß an mörderischer Abgründigkeit der Nazis ist weder erklär- noch begreifbar. 

Die Sucht, zu selektieren und ihre Machtgier sadistisch zu befriedigen, das war typisch für Nazis, so lange sie lebten. Das bleibt festzuhalten und auch, dass man Stimmen wie Noah Klieger immer wieder Gehör schenken muss, um wachsam zu bleiben

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Keine Sternschnuppen für Sara? Band 1 - Alles auf Anfang- Cassandra Negra- Jerry Media Verlag



Das ist der erste Band der Roman-Trilogie "Keine Sternschnuppen für Sara?", verfasst von Cassandra Negra. Dieser Band trägt den Untertitel "Alles auf Anfang". 

#Cassandra_Negra ist der Künstlername einer promovierten Wissenschaftlerin, die bereits mehrere Kriminalromane geschrieben hat und als Geschäftsführerin eines Familienunternehmens am Zürichsee lebt. 

Ihr neues Buch handelt von den Verwirrungen des Herzens, aber auch von der Notwendigkeit immer wieder loszulassen, um sich weiterentwickeln zu können. 

Die zentrale Figur des Romans ist Sara, eine attraktive, verwitwete Paartherapeutin in mittleren Jahren, die den Tod ihres Gatten noch nicht verarbeitet hat. Als dann auch noch ihr Vater stirbt, gerät sie in eine Lebenskrise. Halt sucht sie bei ihrem besten Freund, er heißt Kai, einem verheirateten Architekten, mit dem sie schließlich eine Affäre beginnt, ihn innig zu lieben glaubt, bestätigt in dieser Annahme, durch die Chemie im sexuellen Bereich, die hier perfekt stimmt. Die diesbezüglichen Liebesszenen, leicht pornographisch, beschreibt Cassandra Negra ausführlich, was dem Niveau des Buches keinen Abbruch tut, sondern es auf pikante Weise auflockert.

Kai ist nicht gewillt sich von seiner Ehefrau und seinen Kindern zu trennen. Sara erkennt schließlich, dass sie eine Entscheidung treffen muss und entscheidet sich gegen den Fortbestand der Affäre und damit für einen Neuanfang in Avon auf den Outer Banks. 

Auch hier wird sie mit Abschied und Tod, - eines ihrer Lebensthemen offenbar - konfrontiert, d.h. mit einem Muster, das ihr bisheriges Dasein auf beklemmende Weise durchzogen und Schuldgefühle bei ihr ausgelöst hat. 

Durch den 24 jährigen Tom, der an ALS erkrankt ist, lernt sie schließlich, sich dem Loslassen zu stellen, Vergangenes auf liebevolle Weise zu verarbeiten und hinter sich zu lassen. Sie erkennt, dass sie nur auf diese Weise frei wird für neue Bindungen. Es scheint so, als könnte sich eine solche mit Jack entwickeln, einem Witwer, den das Leben bereits hat reifen lassen. Doch da ist immer noch dieses ungeklärte sinnesfrohe, erotisch-leidenschaftliche Verhältnis zu Kai, das das Gegenbild zur Vergänglichkeit verkörpert…

Sara stellt sich im Laufe der Romanhandlung viele Sinnfragen, ist verunsichert, zitiert die Bibel,  Paul Coelho wie auch Khalil Gibran und erkennt "Und vielleicht war ja der Sinn, dass man lernen musste, das Unabwendbare zu akzeptieren, lernen musste, es auszuhalten, durchzuhalten und dennoch zu hoffen wagte." (S.114). 

Auf Seite 177 dann unmittelbar vor dem wunderbaren zwei Seiten umfassenden Gedicht über die Liebe von Khalil Gibran, das die Geisteshaltung des Romans auf den Punkt bringt, fand ich den zentralen Satz des Buches: "Lassen Sie sich niemals, egal von wem auch immer, brechen."

Saras Selbstzweifel und ihre Herzensverwirrungen werden auf wundersame Weise von hilfreichen Menschen, die zur rechten Zeit ihren Weg kreuzen, immer wieder aufgefangen, so dass sie nicht an ihrem Kummer, der ihr gesamtes Leben durchzieht, zerbricht… Doch, was, wenn die Kugel der Liebe zukünftig  möglicherweise die falsche Richtung nimmt? 

Ein flüssig geschriebener Roman, der sich immer wieder mit Sinnfragen des Lebens, die um die Liebe und den Tod kreisen, auseinandersetzt und neugierig auf den 2. Band macht, der  im Oktober 2021  erscheint.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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