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Rezension: #Blumenspiel, #Hajo_Steinert, #Roman, #Penguin_Verlag

#Hajo_Steinert, der in Köln lebende Autor dieses Romans arbeitete von 1986 bis 2016 in der Literatur-Redaktion des Deutschlandfunks. 2015 erschien sein Roman "Der Liebesidiot", den ich leider bislang noch nicht gelesen habe. 

Aufmerksam wurde ich auf das vorliegende Buch auf #Twitter, wo ich erstmals das Cover sah und durch den Begriff "#Blumenspiel" neugierig wurde. 

Wie man auf einer der letzten Seiten des Werkes im Hinblick auf Geschichtliches erfährt, wurden die "Kölner Blumenspiele" von Johannes Fastenrath (1839-1908)- er war Schriftsteller, Jurist und Übersetzer aus dem Spanischen- einst in Köln gegründet und fanden zwischen 1899 und 1914 alljährlich im Kölner #Gürzenich statt. Veranstaltet wurden sie von der Literarischen Gesellschaft in Köln. Dabei wurde jährlich ein "Jahrbuch der Kölner Blumenspiele" herausgegeben. Diese Werke dienten Hajo Steinert als historische Quelle für seinen Roman, dessen Handlung allerdings frei erfunden ist. 

Im Klappentext wird bereits hervorgehoben, dass es sich bei "Blumenspiel" um einen turbulenten und detailliert recherchierten #Epochenroman aus der Zeit des #Jugendstils und der #Reformbewegung handele und schlussendlich um eine Liebeserklärung des Autors an die Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den blühendsten Deutschlands gehört habe.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Weshalb? Weil es zwei Handlungsorte gibt. Einerseits #Cöln, das war von 1857 bis 1919 die amtlich vorgeschriebene Schreibweise für die rheinische Metropole #Köln, andererseits #Ascona und dort der spektakuläre #Monte_Verità. 

Für die beiden Protagonisten, den Portraitmaler und Kunstschmied Heinrich und die schöne, kreative, dabei sehr lebenslustige Näherin Hedwig wird der Monte Verità zum Berg ihrer eigenen, nicht miteinander kompatiblen Wahrheiten....

Davor gibt es eine Vielzahl von emotionalen Verwicklungen, wie sie bei jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen in allen Zeiten üblich sind, wenn auch die Kulissen sich ändern. 

Eine Fülle von lokalen und darüber hinausgehenden historischen Details sind in das Buch eingebunden, was den Leser zu aufmerksamem, geduldigen Lesen ermahnt, zumal, wenn man nach einem nicht sofort erkennbaren philosophischen Tiefgang des Romans forscht und wissen möchte, was der Autor seinen Lesern neben dem historischen Detailgemälde und den Liebesgeschichten vermitteln möchte. 

Hajo Steinert fängt den damaligen Zeitgeist gekonnt in seine Sprache ein. Deshalb erinnert sein Text an Texte von guten Autoren aus der damaligen Zeit- ja, ich nenne an dieser Stelle gerne Thomas Mann, aber ohne dessen Poesie in seiner Novelle "Tod in Venedig".

"Blumenspiel" zwingt, wie bereits erwähnt, zur Konzentration aufgrund der vielen Details, bei denen ich mich immer wieder fragte, ob man diese tatsächlich wissen muss und wie junge, internetaffine Leser  damit zurecht kommen. 

Nicht unerwähnt lässt der Autor den "Deutschen Lärmschutzverband", der einst vom Philosophen #Theodor_Lessing gegründet wurde und dem Heinrich beitritt als er nach Cöln kommt. Die Sehnsucht nach Stille, auch vielleicht  nach Idylle, zeigen, dass diese jungen Menschen auf den Lärm und die Gewalt des ersten Weltkriegs nicht vorbereitet waren, es klüger gewesen wäre, sich an den Lebensformen der Pazifisten, Künstler und Schriftsteller und auch Alternativen vom Monte Verità  zu orientieren, dort lieber nackt in der Sonne zu tanzen als sich wie Heinrich noch jung an Jahren im September 1914 als Soldat in der Schlacht an der Marne erschießen zu lassen oder wie Hedwig einen Monat später in Cöln noch blutjung die Augen für immer zu schließen, vielleicht ahnend, was kommt. "Blumenspiele" waren es nicht.

Sehr empfehlenswert
Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Blumenspiel: Roman

Rezension: Auf der Suche nach dem Paradies –Claudia Jürgens- Edition Zeitblende

Das vorliegende, seitens Sarah Winter sehr ansprechend illustrierte Buch trägt den Untertitel von Traumorten, Seelenverwandten, Lebensentwürfen und dem kleinen alltäglichen Glück.

Claudia Jürgens, die seit vielen Jahren als Lektorin tätig ist, spürt in diesem Werk also dem Phänomen des Paradieses nach. Das geschieht durch einen bemerkenswerten Essay und 49 Texte  von namhaften Autorinnen und Autoren über das Suchen und Finden dessen, was für die ein oder anderen der Himmel auf Erden darstellt. 

Dazu kommen 10 ganzseitige, farbige Illustrationen von Sarah Winter und ca. 50 Vignetten.

Im Rahmen von insgesamt sieben Kapiteln hat man Gelegenheit teilweise sehr poetische Texte niveauvoller Autoren und Autorinnen zu lesen, unter ihnen Rose Ausländer, Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane, Elias Canetti, Platon, Rainer Maria Rilke, Mario Vargas Llosa, Amoz Oz, Hermann Hesse, Hannah Arendt, Carolin Emcke und Hanna Mina. 

Gedichte und Auszüge aus Prosatexten findet man bereits im ersten Kapitel, das unter dem Begriff "Das Paradies im Anderswo" die entsprechenden Texte zusammenbindet. Alle Autoren (m/w) im Buch werden biografisch kurz skizziert. Dazu erfährt man stets Textgeschichtliches vor Beginn eines jeden Textes. Vorgestellt werden u.a. Arbeiten, die Goethes aber auch Fanny Lewalds Italiensehnsucht dokumentieren. 

Man liest über die unterschiedlichsten Paradiesvorstellungen und bleibt beim ersten Blättern als Musikliebhaber (m/w) vielleicht bei Hanna Mina haften, weil dort die "Rettung in der Musik" versprochen wird. Die syrische Schriftstellerin Hanna Mina erzählt von der Kraft der Musik in ihrem Roman "Sonne". Daraus wird dem Leser ein kleiner Auszug präsentiert. Hier erfährt man, dass es so wichtig ist, Dinge mit ganzer Seele zu tun, denn "wenn du einer Sache nicht deine ganze Seele hingibst, gibt sie sich dir auch nicht hin." In Paradiese Einlass zu finden,  erfordert also Hingabe.

Paradiese mögen für die einen Sehnsuchtsorte, Zuflucht und Zuhause, für die anderen Natur und die Genüsse des Alltags sein, wie die Texte dokumentieren. Sie sind aber auch Orte des Schaffens, des Darbietens und Genießens, der Freundschaft, Liebe und Erotik. Platon schrieb bereits darüber und Rilke dachte in einem seiner Texte schon die Liebenden als gegenseitige Ergänzung zum Ganzen. 

Was noch? Das Paradies als Märchen und romantische Verklärung, auch als negative Utopie aber als auch Chance...., auch das wird thematisiert. Man hat also die Auswahl. Das Paradies besticht durch seine Vielfalt. Die Vielfalt sind ein Gegenstand der Texte, die Lust auf das jeweilige Gesamtwerk machen. 

Auch Bücher können ein Paradies sein, eine interessante Möglichkeit in andere Denkwelten zu gelangen, um sich auf diese Weise neue Räume zu erschließen im durchaus Möglichen, wenn man es zulässt.

Auch ein kleiner Auszug aus dem Roman "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf wurde nicht vergessen. Hier las ich u.a. die Sätze:

"Früher suchten sich Liebespaare vor der Trennung einen Stern, an dem sich abends ihre Blicke treffen konnten. 

Was sollen wir uns suchen? 

"Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen" sagte Manfred spöttisch. 

Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer? "Doch" sagte sie leise. "Der Himmel teilt sich zuallererst.“ 

So ist das mit den Paradiesen, seit der Baum der Liebe abgeholzt worden ist. 

Maximal empfehlenswert.

Helga König

Maximal empfehlenswert.

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Auf der Suche nach dem Paradies: Von Traumorten, Seelenverwandten, Lebensentwürfen und dem kleinen alltäglichen Glück

Rezension: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt- Peter Stamm - S.Fischer

Der Schweizer Autor #Peter_Stamm hat mit "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" im vergangenen Jahr seinen 6. Roman vorgelegt und den "Schweizer Buchpreis 2018" dafür erhalten. 

Stilistisch ist der Text so beeindruckend, dass die Romanhandlung für den Leser (m/w) beinahe an Bedeutung verliert, es sei denn, er setzt sich gerne mit philosophischen Fragen auseinander. 

Wie sehr sind wir in unseren Entscheidungen durch unseren Charakter, unsere Erziehung und unsere Erfahrungen tatsächlich geprägt? Könnte man, wenn man im Leben eine 2. Chance erhielte und dann andere Entscheidungen träfe, andere Fehler machte, zu einem anderen Schicksal gelangen? Oder bringen ein bestimmter Charakter, unsere Erziehung als auch unsere spezifischen Erfahrungen letztlich immer ein analoges Schicksal hervor?  Vor allem, ist ein bestimmter Schicksalsverlauf notwendig, um der zu werden, als der man gedacht ist? Beispielsweise als ein Schriftsteller wie im Falle des Protagonisten Christoph und seines jüngeren, Doppelgängers Chris? 

Ich möchte die teilweise - in meinen Augen-  etwas verwirrende Romanhandlung nicht nacherzählen. Erinnert hat sie mich vom Grundgedanken her an das Drehbuch zum Tatortkrimi "Murmeltier" mit Ulrich Tukur, der jetzt im Februar 2019 bei ARD gerade ausgestrahlt wurde. Interessanterweise blieb auch hier der Protagonist trotz diverser Handlungsmöglichkeiten, letztlich der, als der er gedacht ist: Als ein Vorzeige-Kommissar, der aufgrund seines Wesens, in der Lage ist, perfekt einen Fall zu lösen. 

Ein Schriftsteller benötigt "jahrelanges Bemühen" und "ewiges Scheitern", weil diese ihm zum Erfolg verhelfen, das weiß Christoph und erzählt in seinen Selbstreflektionen auch von seinen persönlichen Erfahrungen. Er überlegt zudem, weshalb er überhaupt zu schreiben begonnen hat und vermutet: "Vielleicht hatte ich deshalb zu schreiben begonnen, um die Landschaft, die Sicherheit meiner Kindheit wiederzugewinnen, aus der ich mich selbst vertrieben hatte". 

In diesem Satz outet sich Christoph als ein verunsicherter Mensch. Verunsicherung und Zweifel sind Notwendigkeiten, um über die Sinnhaftigkeit des Lebens, auch des eigenen, nachzudenken und Geschehenes eventuell zu verstehen. Alles deutet darauf hin, dass die Verunsicherung nicht die Ursache war, sondern nur eine der vielen Geburtshelfer für das,  als das er gedacht  ist.

Man erlebt, indem man mit Christoph durch seine Vergangenheit streift, auch seine unglückliche,  aber genau so notwendig verlaufende Liebensgeschichte mit Magdalena, erlebt, ferner in der Parallelgeschichte, die junge Lena, die im Hinblick auf die Bestimmung von Chris, ebenfalls "nur" ein hilfreiches Mittel für die Geburt und Entwicklung eines Schriftstellers ist. Dabei sind es in beiden Fällen keineswegs die Männer, die die Frauen bewusst zweckentfremden, sondern das Schicksalsprogramm, das im Hintergrund abläuft. 

"Glück macht keine guten Geschichten" lässt Peter Stamm seinen Protagonisten äußern. Deshalb auch dürfen entscheidende Liebesgeschichten eines Schriftstellers letztlich nicht positiv verlaufen, tun sie es doch, ist im Schriftsteller keine Sehnsucht mehr vorhanden.  Diese ist aber notwendig, um etwas wirklich Überzeugendes zu Papier zu bringen. Bereits Goethe hat besagtes Phänomen gekannt. "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß wie ich leide..."(oder im Klartext: ...weiß, warum ich schreibe). 

Doch lesen Sie selbst. Gute Romane lassen viele Interpretationen zu...   

Maximal empfehlenswert 

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt: Roman

Rezension: #Stella -#Takis_Würger- Hanser

Der Autor von "#Stella" ist der Journalist #Takis_Würger. Sein Roman basiert auf der Lebensgeschichte der Jüdin #Stella_Goldschlag, die, nachdem die Nazis sie gefoltert hatten und damit drohten ihre Eltern ins KZ zu schaffen, sich bereit erklärte, andere Juden zu denunzieren und damit dem Gas auszuliefern. 

Dieses perfide Verfahren der Denunziation, weil man den Schmerz nicht mehr aushielt, wurde schon zu Zeiten der Hexenverbrennungen in Deutschland erfolgreich eingesetzt und führte dazu, dass immer mehr Frauen und Männer damals dem Feuer übergeben wurden und dort bei lebendigem Leibe qualvoll verbrannten. So wurden aus immer mehr Opfern  Täter.

Dass die Nazis aus allen Zeiten die Schlechtigkeiten von Menschen abkupferten, ist jedem bekannt, der sich mit Geschichte befasst hat. Aus Opfern Täter zu machen, passte in ihr Programm der totalen Zerstörung des Humanitätsgedankens. 

Der Leser wird Zeuge, was Stella angetan wird, durchlebt ihre Schmerzen und lernt auch den Folterer Stellas kennen, der ein typischer Vertreter der #Banalität_des_Bösen ist, über die die Philosophin #Hannah_Arendt einst einen wichtigen Aufklärungsbericht geschrieben hat. 

Unterbrochen wird das Handlungsgeschehen stets durch Fallbeschreibungen von Personen, die durch Stellas Denunzierungen in die Hände der Nazis gelangten als auch von Aufzeichnungen über historische Ereignisse in einzelnen Monaten des Jahres 1942. Es war übrigens das Jahr als in München #Hans_Scholl und #Alexander_Schmorell die Widerstandsgruppe "#Weiße_Rose" gründeten und deutsche Polizisten alle männlichen Bewohner des Ortes #Lidice in Tschechien ermordeten sowie die Frauen und Kinder von dort in Konzentrationslager verschleppten. 

Die Angst vor dem mörderischen Tun der Nazis schüchterte viele Menschen unterschiedlicher Gesinnung damals ein. Das wird in diesem Buch sehr gut aufgezeigt. So gab es denn auch Personen, die aus der Angst heraus plötzlich böse handelten. Stella war ein solcher Mensch.  

Der Philosoph #Friedrich_Wilhelm_Nietzsche sagte einst "Drei Viertel alles Bösen, das in der Welt getan wird, geschieht aus Furchtsamkeit" und trifft genau damit den Punkt, in dem es auch in dem vorliegenden Roman meines Erachtens geht. 

Nur wenige besitzen die Kraft, sich der Folter sehr lange auszusetzen und  nicht viele gehen furchtlos in den Tod. Kann man ihnen deshalb einen Vorwurf machen? Natürlich sträubt sich in solchen Fällen bei jungen Menschen ganz besonders vehement der Überlebenstrieb, so auch bei der Protagonistin. 

Stella ist kein Monster, auch wenn sie monströs handelt, sondern nach wie vor ein Opfer, das von den Nazis immer mehr in die Inhumanität getrieben wird, solange bis sie – ganz so wie im Stockholm- Syndrom beschrieben - sich mit ihren Peinigern irgendwann gemein macht und selbst als es - nach ihrem Denkmodus-  nicht mehr nötig war zu denunzieren, weiter denunziert. 

Das ethische Problem mit dem Stella konfrontiert wurde, konnte sie nicht lösen, weil jede Entscheidung, die sie hätte treffen können,  zu Unrecht führte. Stella ist  damit eine tragische Gestalt, die bis zum Schluss ein Opfer der Nazis bleibt. Diese haben sich ihrer Seele bemächtigt. Sie weiß es. Im Traum spricht sie das Wort "Seele" nicht grundlos aus und zwar in Jiddisch: "Neschume".

Takis Würger transportiert die ethische Problematik, mit der sich der Leser befassen soll, sehr  geschickt über die Lektüre einer Liebesgeschichte, die ich nicht als seicht abtun möchte, sondern als gekonnten strategischen Kunstgriff, um auf das Buch mit schwerer Kost neugierig zu machen.

Der zurückhaltende Schweizer Großbürgersohn Friedrich verliebt sich in Berlin in Kristin, die sich ihm nicht sofort als Jüdin Stella outet und ist fasziniert von ihrer Lebenslust. Diese Lust am Feiern, am Champagnertrinken, am Tanzen und am Sex betäubt ihre Angst und ihren Schmerz ebenso wie es das Medikament, das sie deshalb einnimmt. 

Sie schiebt auf diese Weise die bedrohliche Dauerrealität weg und lebt nur im Moment, in dem der ruhige, vornehme Friedrich ihr Ruhepol ist. 

Dass die Frau, die die Vorlage für den Roman bildet, fünf Mal in ihrem Leben verheiratet war und schließlich in den 1990er Jahren in Freiburg Selbstmord begangen hat, wundert mich nicht. Stellas "Neschume" hat keine Ruhe gefunden bis das von den Nazis gepeinigte Opfer aus dem Fenster sprang. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Überall im Handel erhältlich.
Onlinebestellung: Hanser oder Amazon
Stella

Rezension: #Serotonin - #Michel_Houellebecq- #Dumont

#Michel_Houellebecqs Bücher sind immer ein wenig spektakulär, immer ein wenig hellsichtig, immer ein bisschen überzogen, dabei sehr wortgewaltig, natürlich in dunklen Farben gemalt, halten bestimmte Facetten des Zeitgeists fest und schreien von Mal zu Mal mehr nach "Serotonin". 

Sein 46 Jahre alter Protagonist - Florent-Claude- im vorliegenden Roman nimmt reichlich von diesem Antidepressivum, genannt "Captorix", weil ihn offenbar sein sinnentleertes Leben müde hat werden lassen. 

Florent-Claudes Hauptaugenmerk gilt den Frauen, genauer dem Sex mit unterschiedlichen Frauen und deren teilweise ziemlich pervertierten sexuellen Anwandlungen, die ich mir erspare, hier verkürzt wiederzugeben. Das Kreisen um sexuelle Erinnerungen oder Fantasien ist offenbar der Einnahme des Antidepressivums geschuldet, das ihm tatsächlich die letzte Manneskraft raubt und ihn immerfort berauschter fabulieren und noch depressiver werden lässt. Nichts geht mehr. 

Florent-Claude wirkt auf mich sehr autistisch. Er hat keine wirklichen Beziehungen zu Menschen, keine Freunde, die ihn über schwierige Zeiten tragen könnten. Alles, was er unternimmt, verschafft ihm keinen wirklichen Genuss. Vielleicht noch ein gutes Essen, das manche ja als Sex des Alters bezeichnen. Florent-Claude ist mit seinen 46 Jahren steinalt, denn er hat keine Träume mehr.

Houellebecq macht sich meines Erachtens lustig über seinen Protagonisten, dem es einfach an Power fehlt. Mehr als eine Generation älter, kreiert er mit ihm eine Figur, die nicht sein kann, was sie möglicherweise sein möchte, nämlich entspannt und voller Lebensfreude. 

Florent-Claudes Reflektionen über die Liebe dokumentieren, dass er im Grunde ein liebesunfähiger Schwätzer ist, dem es an emotionaler Tiefe mangelt. Seine rein körperliche Fixierung auf Frauen ist enervierend, seine Respektlosigkeit ihnen gegenüber zeigt, welch Geistes Kind er ist. Ebenfalls enervierend sind seine Vorurteile im Hinblick auf Menschen aus anderen Kulturkreisen. 

Dass dieser Protagonist nicht gut auf die Bürokratie der EU zu sprechen ist, wundert nicht. Doch faktisch ist auch sie für ihn ein Randthema wie alles andere auch. Florent-Claude ist übersättigt wie viele seiner Gesellschaftsschicht und seines Alters und alles andere als sexy. Eine gelbe Weste oder ein roter Schal würde ihn wie viele andere auch nicht zum Leben erwecken. Maskerade. Event. Viel Lärm um nichts - außer der gähnenden inneren Leere.

Florent-Claude ist viel zu müde, um sich auf irgendetwas einzulassen. Der ewige Schlaf wäre natürlich eine Lösung, speziell wenn man sich nicht wirklich auf das Leben einlassen möchte, sondern nur daran herummäkelt. Mit einem Wort  dieser Protagonist ist degeneriert. Den Voyeuristen zu geben, ist immer zu wenig. Da hat Houellebecq schon Recht und genau darin besteht m.E sein kritischer Ansatz.


Empfehlenswert.

Helga König

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Serotonin: Roman

Rezension: 1913- Was ich unbedingt noch erzählen wollte- Florian Illies S. Fischer

Florian Illies war Leiter des Feuilletons und Literaturchef der ZEIT. Seit 2011 arbeitet er im Auktionshaus Grisebach in Berlin. Der Autor hat zuletzt mit "1913. Der Sommer des Jahrhunderts" international auf sich aufmerksam gemacht. Dieses Werk führte monatelang die Spiegel-Bestsellerliste an und wurde bislang in 27 Sprachen übersetzt. 

Mit seinem neuen Buch "1913- Was ich unbedingt noch erzählen wollte" bringt er den Lesern mittels thematisch höchst unterschiedliche Episoden Ereignisse nahe, die sich in den einzelnen 12 Monaten besagten Jahres  zugetragen haben. Es sind kürzere und längere Texte, in denen er diese Begebenheiten erzählt.

Maler wie Henri Matisse oder Ludwig Kirchner kommen zur Sprache und man liest  u.a. eine Episode, die sich Anfang Februar 1913 in Lissabon zutrug. Protagonist dieser Episode ist der Dichter Fernando Pessoa.

Was kommt dann und dann und dann..? Ein bunter Reigen an Ereignissen, die Ausdruck des damaligen Zeitgeists  sind.

Elegant und sehr weltläufig reiht sich Episode an Episode. Manche muten wie Randnotitzen an, so etwa die Zeilen "Scott F. Fitzgerald bekommt keinen Studienplatz in Havard (er muss nach Princeton). Aber T.S. Eliot darf ab Sommer 1913 in Harvard studieren."Solche Notizen machen neugierig. Man möchte mehr über die Hintergründe erfahren und auch, welche Konsequenzen dies für den Lebensweg der beiden Autoren hatte.

Sehr ansprechend fand ich die Geschichte, die wie folgt beginnt: "Am 6. April darf Lou Andreas-Salomé zum letzten Mal das Kolleg von Sigmund Freud in Wien stören. Na ja stören, eher beehren. Freud schenkt ihr einen Strauß frischer Rosen zum Abschied. Die mittelalten Herren sind entzückt über die blitzgescheite Gasthörerin. Und Lou Andreas-Salomé weiß, dass die Zeit bei Freud in Wien der Wendepunkt in ihrem Leben ist, wie sie abends in ihr Tagebuch schreibt…."

So geht es dann weiter Episode um Episode und man beginnt irgendwann zu erfassen, dass alles miteinander in Verbindung steht auf geheimnisvolle Weise. Die Verbindung wird durch den Zeitgeist hergestellt, der einen nie enden wollenden Sommer suggeriert.

Die Wimperntusche wurde im Frühling 1913 erfunden. Die Augen der Frauen wurden nun ausdrucksvoller, lange bevor man Greta Garbo zu einer entsprechenden Stilikone machte. Alles beginnt irgendwann und nichts geschieht ohne Grund. .

Dann kam der Sommer 1913 und mit diesem erwarten die Leser erneut unendlich viele Episoden.

Arthur Rubinstein kommt zur Sprache, er galt als der größte Pianist des Jahres 1913 aber auch Helena, die den gleichen Nachnamen trug, ist ein Thema. Sie war mit Arthur nicht verwandt, galt bemerkenswerter Weise im gleichen Jahr als die größte Kosmetik-Unternehmerin. Karrieren im Bereich des Künstlerischen und des Schönen, Karrieren zu Zeiten des Friedens, denkt man. Immer wieder kommen berühmte Maler zur Sprache. Sie und die Schriftsteller aber auch die Musiker wirken wie liebevolle Beschützer dieses Jahres, das das letzte Friedensjahr vor dem 1. Weltkrieg war. Dann ging das Licht für  drei Jahrzehnte aus.

Neugierig macht ein etwas längerer Text, der mit den Zeilen beginnt: "Ultima hieß die Frau des schwedischen Arztes Axel Munthe,……" Ach ja, "Das Buch von St Michele", der ein oder andere wird sich noch daran erinnern....

Der Zeitgeist des Jahres 1913 durchzieht all diese Episoden. August Macke wusste noch nicht, dass er bald sterben wird. Er zeichnet in diesem Sommer allerdings Pferde, auf denen Soldaten sitzen. Vorahnungen? Wer weiß das schon.

Der Zeitgeist hält inne am Monte Verità, der ersten deutschen Aussteigerkolonie und ist beeindruckt von der Avantgarde, die er  dort in sich aufnimmt wie alles, was geschieht im Hier und Jetzt des Jahres 1913. Die Avantgarde erhellt in den 1920ern dann zumindest die Nächte der Zeit, die ab 1914 immer dunkler wird.

#Florian_Illies hat alles Mögliche für einen Momentlang im Fokus: "Ende September schreibt Auguste Rodin aus Paris an Vita Sackville nach London....." Und an anderer Stelle "In Paris arbeitete Mata Hari weiterhin an der allmählichen Einführung der Nacktkultur." Und Arthur Schnitzlers "Liebelei" kommt ins Kino,...."Auch das ist Zeitgeist.  Konnte man in einem solch lebenszugewandten Klima die heraufziehende Kriegslüsternheit erahnen? Schon, sofern man politisch hellwach war. Berta von Suttner war es übrigens.

Alles, was man liest, deutet nicht auf einen abscheulichen Krieg hin. Die Menschen gehen ihren intellektuellen oder künstlerischen Beschäftigungen nach, verschließen sich nicht dem Neuen, feinden einander nicht an, sind kreativ und weltoffen.

Sehr schön in diesem Zusammenhang ist nachstehende Episode: "Ein Franzose und ein Deutscher in der Blüte ihrer Jahre spazieren an diesen ersten Frühlingstagen einträchtig an der Seine entlang. Sie gehen in ein Café, setzen sich nach draußen in die Sonne, trinken erst einen Rosé und dann noch einen und noch einen. Sie teilen alles, sogar ihre Freundinnen, etwa die Pariser Malerin Maire Laurencin oder Franziska von Reventlow, die wilde Münchner Gräfin, und ihre Erlebnisse ohnehin…“

Während ich dies lese, frage ich mich wie konnte der unsägliche Hass entstehen, der dazu führte, dass die Menschen sich schon ein Jahr später gegenseitig qualvoll umbrachten, anstelle in der Sonne zu sitzen und ein Glas Rosé miteinander zu trinken? Die Historiker glauben es zu wissen, die Poeten und Künstler werden es nie verstehen. Ich übrigens auch nicht.

Sehr empfehlenswert.

 Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte: Die Fortsetzung des Bestsellers 1913

Rezension: Die Früchte der Sehnsucht- Emily Find

"Emily Find" ist das Pseudonym einer erfolgreichen Sachbuchautorin und Psychologin. Zwei Bücher von ihr habe ich rezensiert und diese nicht grundlos weiter empfohlen. 

Der vorliegende Roman beruht auf einer wahren Begebenheit. Hier berichtet die Icherzählerin Nadine, eine Marketingexpertin, von ihrer Fernbeziehung zu einer Facebookbekanntschaft namens Jannis. Dieser versteht es, ihr brillant den Kopf zu verdrehen und das keineswegs aus Zuneigung.

Dessen Botschaften zu lesen, ist höchst spannend und lehrreich, weil sie die Strategie sichtbar machen, mit der bestimmte Männer im Internet versuchen, Frauen einzulullen. Dabei muss es keineswegs unbedingt um finanzielle Vorteile gehen. Es genügt ja eigentlich schon, wenn jemand Macht und Kontrolle über die Gefühle einer Frau haben möchte.

Jede Frau, die in Facebook angemeldet ist, kennt die Anfragen von angeblichen Schiffskapitänen, geschiedenen oder verwitweten Unternehmern aus den USA etc., die man klugerweise sofort löscht, um nicht abgenervt zu werden, die aber leider von einsamen Frauen oder solchen mit mangelndem Selbstwertgefühl nicht selten akzeptiert werden und die ihnen alsdann großen Schaden bringen können. 

Emily Find zeigt in ihrem Roman wie ein Manipulator vorgeht, welche Worte er verwendet, wie subtil er sich in das Herz einer Frau hineinarbeitet, den Verstand weichklopft, um sie so zum Spielball seiner Interessen zu machen. 

Das klingt dann beispielsweise, nachdem Nadine Jannis in einer Mail ihre Schattenseiten gebeichtet hat, wie folgt: "Meine Liebe. Ich bin älter als 40 und erwarte von Dir nicht, dass Du perfekt bist. Was sind schon ein paar Jahre? Und was haben Kilos mit meiner Zuneigung zu dir zu tun? Ich habe inzwischen verstanden, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen, liebevolle Seiten und weniger liebevolle Seiten hat. Ich weiß, dass wir alle verletzlich sind und aus Verletztheit andere angreifen oder uns zurückziehen. Außerdem wollen wir alle anerkannt und geliebt werden und schwindeln daher manchmal. Auf deinem Foto siehst du bezaubernd aus- so frisch, freudvoll und natürlich. Gerade weil du ehrlich bist und all dieses schreibst, bist du in meinem Herzen. Alles Liebe Jannis."

Jannis gelingt es, immer mehr von Nadine in Erfahrung zu bringen, indem er sich ihr Vertrauen erschleicht und kann sie auf diese Weise immer besser manipulieren. In lichten Momenten zweifelt sie zwar an seinen ehrlichen Absichten, stellt ihn als real existierende Person aber nicht in Frage. Was alles möglich ist, erfährt sie  mit der Zeit erst und mit ihr die Leser.

Durch ein Seminar über Manipulationstaktiken, an dem sie teilnimmt, werden ihr schließlich die Augen geöffnet. Hier lernt sie die 7 Gebote der Manipulation kennen und begreift die Vorgehensweise von Jannis endlich.

Wie Internetbetrug mit entsprechenden Geldforderungen auf der Ebene von Facebookbekanntschaften funktionieren kann, wird durch diesen Roman anhand eines sehr gut beschrieben Beispiels sichtbar gemacht, ersichtlich auch wird, was sich in einer durch Manipulation irregeleiteten Gefühlswelt einer Frau ereignen kann, wenn sie sich von ihren Begierden, Sehnsüchten und Fantasien dominieren lässt.

Die Romanform zu wählen, um diese wahre Begebenheit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, halte ich für sehr sinnvoll, weil die Leserinnen sich in die Ich-Erzählerin hineinfühlen können und mit ihr einen Lernprozess durchleben, der sie immun macht für Schmeicheleien der dritten Art.

Sehr empfehlenswert

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Die Früchte der Sehnsucht: Nach einer wahren Begebenheit

Rezension: Der Duft des Lebens- Clara Maria Bagus- Ullstein leben

Dies ist das zweite Buch von Clara Maria Bagus, das ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiere. Ihr Erstlingswerk "Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen" sorgte 2016 bereits für viel Beachtung in den Medien. Clara Maria Bagus ist übrigens der Künstlername der Autorin, die in den USA und in Deutschland Psychologie studiert hat und einige Zeit in der Hirnforschung tätig war. 

Ort und Zeit der Romanhandlung sind nicht näher bestimmt. Was man jedoch gleich zu Beginn erfährt, ist, dass es sich um "eine Stadt ohne Ahnungen handelt". In besagter Stadt werden im Laufe der Geschichte, sich das Gute und Böse aufeinander zu bewegen, um- wie in allen Zeiten- miteinander zu ringen, genauso wie es offenbar deren Bestimmung ist.

Einer der Protagonisten ist Aviv, ein sympathischer Mensch, der mit vielen Tugenden und Begabungen ausgestattet ist. Seine leibliche Mutter verstarb einst im Kindbett. Seinen Vater kennt Aviv nicht, erfährt erst nach dessen Ableben, wer er war.

Großgezogen wird Aviv von seiner Hebamme, die ihm eine liebvolle Mutter und Weisheitslehrerin ist. Aviv, der nicht weiß, dass sein Vater einst als Professor Philosophie lehrte, wird ein handwerklich sehr begabter Glasbläser und erinnerte mich spontan an Hermann Hesses "Goldmund", obgleich er im Gegensatz zu diesem, den Ort seiner Herkunft nicht verlässt, so doch aber wie dieser seine Erkenntnisse durch praktische Erfahrung erwirbt und sich in seinem Verhalten und Tun um die Vollkommenheit seiner Seele bemüht.

Protagonist des Bösen ist der renommierteste Arzt der Stadt mit Namen Arthur Benjamin Kaminski, dessen Großvater ein Physiker war. Dieser fand das aggressive, zerstörerische Wesen seines kleinen Enkels so befremdlich und unmenschlich, dass er das Kind in Absprache mit seinem Sohn, dem Vater des kleinen Psychopathen, im Alter von neun Jahren ins Waisenhaus verbannte. Sich nun abgelehnt fühlend, wurde Arthur Benjamin "zu einem Menschen mit einer starren Unbeugsamkeit. Keinen seiner Entschlüsse ließ er sich von anderen ausreden und sich rein gar nichts vorschreiben."

Der später bestens ausgebildete Arzt gilt alsbald als Meister seines Fachs. Es wird ihm viel "Bewunderung, Respekt und Ehrfurcht" entgegengebracht, allerdings "war er zu wenig Mensch, um gemocht zu werden." Wie alle Psychopathen hatte auch er stets alles unter Kontrolle. Klug genug, um den Unterschied zu anderen Menschen zu begreifen, bemerkt er, dass "etwas Lebendiges, Warmes, Farbiges, Sinnhaftes" in seinem Wesen fehlte, das all die anderen Menschen hatten, doch er offenbar seelenlos war. Deshalb sucht er ehrgeizig nach einer Möglichkeit, sich das Beste der Seelen seiner Mitmenschen einzuverleiben, um so vollkommen zu werden. 

Während sich Aviv also um seelische Vollkommenheit bemüht, in dem er Gutes tut, strebt Kaminski sie an, indem er andere bestiehlt, später sogar ermordet, um an ihre Seele zu kommen. Dass dies der Weg nicht sein kann, leuchtet ihm allerdings nicht ein. Getrieben vom Mangel, erlebt man Kaminski ähnlich wie Jean-Baptiste Grenouille in Patrick Süßkinds Roman "Das Parfüm", der dort ohne Geruch zu Welt kommt, als Person, dem der Zugang zum Du völlig fehlt. 

Kaminski glaubt mit dem letzten Hauch eines Menschen dessen Seele habhaft zu werden und plant, diese in kleinen Glasbehältnissen zunächst aufzubewahren, um später sein egoistisches Vorhaben, durch die fremden Seelen zu einem zufriedenen Menschen zu werden, umsetzen zu können. So lernen Kaminski und Aviv sich kennen, weil der Arzt in der Glasbläsermanufaktur, in der Aviv arbeitet, die Behältnisse für den letzten Hauch der in seinen Händen Sterbenden ordert. 

Von den spannend zu lesenden Ereignissen im Buch möchte ich allerdings hier nicht zu viel verraten, wohl aber auf die vielen Reflektionen hinweisen, die das Buch durchziehen und mich immer wieder an die Weisheiten Coelhos erinnern, allerdings ohne dass diese gedanklich sich gleichen. So liest man beispielsweise: "Vorschnelles Urteilen, wenn man die Hintergründe nicht kennt, ist Diebstahl. Man beraubt diese Menschen um die Möglichkeit, gesehen zu werden, wie sie wirklich sind. Damit ist man selbst nicht besser als der Verurteilte." (…) "Weißt du, Aviv, einer der dunkelsten Momente im Leben eines Menschen ist, wenn sich alle von ihm abwenden."

Diese Reflektionen, deren Absicht nicht die Exkulpation der Romanfigur Kaminski ist, sondern wohl eher dabei hilft, zu unterscheiden, ob ein Mensch aufgrund der Umstände oder seines Wesens abgründig handelt oder ob beides vielleicht eine Rolle spielt, scheinen mir wichtig zu sein.

Ich möchte noch ein wenig aus der Gedankenwelt des Buches von Clara Maria Bagus an dieser Stelle offenbaren, indem ich einige bemerkenswerte Sätze, davon gibt es erfreulich viele, daraus zitiere: "Was macht ein Leben zu dem, auf das man am Ende blickt? Ist es lediglich die Summe aus getroffenen und versäumten Entscheidungen? Sind es unmerkliche Strömungen, die uns in die Richtung treiben, die wir nie einschlagen wollten? Ist es der Zufall, der uns dann und wann aus den unüberschaubaren Möglichkeiten des Lebens befreit? Die Launen des Schicksals, die unser Leben in so viele Stücke schneiden können, das es sich hinterher nicht mehr zusammensetzen lässt?"

Bei solchen Fragen innezuhalten und nachzudenken, lohnt, nicht nur, um die Personen im Buch besser zu begreifen, sondern vor allem, uns selbst und all jene, mit denen wir im Laufe unseres Lebens zu tun haben, vielleicht zu verstehen. Weisheitslehre, ist auch dies: "Der schlimmste Tod ist der Tod der Seele, der bei manchen Menschen dem Sterben des Körpers lange vorausgehen kann. Sie sterben am bloßen Sein. Vielmehr als Sinnleere braucht es dafür nicht."

Ein großes Thema in "Der Duft des Lebens" ist die Mitmenschlichkeit und deren abgründiger Gegensatz, der nicht wenig mit der Beschaffenheit der Seele zu tun hat. Das hat Clara Maria Bagus überaus gut herausgearbeitet. Damit stellt sie ihre analytischen Fähigkeiten unter Beweis. Gibt es von Geburt an seelenlose Menschen oder ist ein Psychopath wie Kaminski das Produkt seiner negativen Erfahrungen, das Ergebnis vieler Traumata? Der Roman fordert uns hier zum Nachdenken und vor allem zum Nachempfinden auf. 

Am Ende dieses sehr poetisch geschriebenen Buches weiß man vor allem mehr über den "Duft des Lebens", der in allem was Seele hat, vorhanden zu sein scheint. Man erkennt, dass der Duft, je intensiver und wohlriechender er verströmt, umso mehr im ethisch Guten verwurzelt ist. Dass dieses Gute jeden Augenblick lebt und alles erblühen lässt, was vom dem Duft berührt wird, macht ihn besonders geheimnisvoll, ganz so wie die "blaue Blume" der Romantik. 

In einer Zeit, in der der "Duft des Lebens" immer mehr verkümmert, weil jene, die ihn kultivieren, als Träumer oder Spinner belächelt werden, ist ein Buch wie jenes von Clara Maria Bagus geradezu ein Geschenk der Erkenntnis. Eintauchen und ein Seelenbad nehmen. Was kann es Besseres geben? 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich.

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Der Duft des Lebens: Roman

Rezension: Eine Frau von Geist- Vita Sackville-West

Der Untertitel dieser Erzählung "Der geheimnisvolle Zauber des Puppenhauses von Königin Mary" zeigt bereits an, worum es in diesem Buch inhaltlich geht: Um das berühmte Puppenhaus für die britische Königin Mary nämlich, das 1921 nach einer Idee von Prinzessin Marie Louise von Schleswig-Holstein entworfen wurde. 

171 Autoren wurden seitens Marie Luise jeweils um einen exklusiven Beitrag zur Bibliothek des Puppenhauses gebeten. Vita Sackville-West war zu diesem Zeitpunkt schon eine etablierte Autorin, die bereits im Komitee des PEN Club einen Platz innehatte und zudem durch ihre Herkunft prädestiniert war, eine Einladung zu erhalten, da sie die Tochter von Lord Sackville of Knole war. 

Der Text, den Vita Sackville-West für die Bibliothek des Puppenhauses schrieb und der im Gerstenberg-Verlag erstmals einer breiten Leserschicht zugänglich gemacht wird, ist eine  kurzweilige Humoreske, deren Inhalt ich hier allerdings nicht wiedergebe, um die Neugierde auf das kleine Werk nicht zu mindern.

Nicht unerwähnt aber soll bleiben, dass die hübschen Illustrationen von Kate Baylay die fantasievolle Geschichte visualisiert und sie zum Leben erweckt. 

Im Nachwort von Matthew Dennison erfährt man Wissenswertes über die Autorin und ihre Werke, die alle autobiographischen Elemente aufweisen, wie er festhält. Dabei sei die Erzählung "Die Frau von Geist" trotz ihrer skurrilen Prämisse keine Ausnahme. 

Aber lesen Sie selbst… 

Sehr empfehlenswert 

Helga König
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Eine Frau von Geist: Der geheimnisvolle Zauber des Puppenhauses von Königin Mary

Rezension: Familiäre Verhältnisse- Sophie Bassignac

Die Autorin dieses humorvollen, etwas skurrilen Romans ist die in Paris lebende Französin Sophie Bassignac. Die Schriftstellerin hat bereits drei Romane geschrieben. Dabei wurde ihr 2013 erschienene Roman "Vielleicht ist es Liebe" mit dem Literaturpreis "Madame Figaro" ausgezeichnet. Die hier vorliegende Publikation "Familäre Verhältnisse" war in Frankreich 2016 ein Bestseller und Kritikererfolg. 

Erzählt werden die recht absurden Geschehnisse in einer Großfamilie auf dem Land. Dort trifft Isabelle jedes Jahr ihre eigenwillige Verwandtschaft. Mit von der der Partie ist Pierre, ein junger Nachrichtenjournalist, der in diese sehr talentierte Frau schwer verliebt ist. 

Zu Beginn des Romans werden die vier Generationen der Dynastie der Pettigrews vorgestellt. Das auch ist nicht unwichtig bei all den Akteuren in dem temporeichen Text. Isabelle gehört  übrigens der 3. Generation an. Wer nun einen Roman im Pilcher-Strickmuster erwartet, wird enttäuscht werden, denn alle Mitglieder dieser Dynastie, das wird rasch klar, fallen aus dem Rahmen der Konvention. 

Liberal und dabei sehr verschroben, entfaltet sich bei den agierenden Personen ein Zusammenleben, das für konventionell tickende Menschen mehr als nur gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Bassignac treibt mit viel Wortwitz und Humor die Geschichte voran, die aus zahllosen skurrilen Einzelbegebenheiten besteht. Diese fügen  sich zu dem zusammen, was der Volksmund "mit leben und leben lassen" umschreibt und  veranschaulichen wie erfrischend gelebte Toleranz sein kann. 

Für Pierre ist dies alles ungewohnt. Ob er am Ende des Romans etwas Entscheidendes hinzugelernt hat?

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Familiäre Verhältnisse