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Rezension: Ich blieb in Auschwitz-Aufzeichnungen eines Überlebenden-Eddy de Wind-Piper

Eddy de Wind (1916-1987), der Autor dieses Buches, war ein niederländischer Arzt jüdischer Herkunft, der die Hölle von Auschwitz überlebt und nach dem Krieg als Psychiater und Psychoanalytiker in seiner Heimat gearbeitet hat. Dabei hat die Behandlung von Patienten, die unter Kriegstraumata litten, den Schwerpunkt seiner Tätigkeit gebildet. 

Eddy de Wind, der gemeinsam mit seiner Frau Friedel 1943 nach Auschwitz verschleppt wurde, erzählt in seinen Aufzeichnungen, was er im Lager erlebte. Er dokumentiert dort die furchtbaren Geschehnisse unmittelbar nach Abzug der Deutschen in einer Kladde, wobei er seinen Erzähler Hans nennt, offenbar um auf diese Weise Abstand von dem täglichen Trauma zu gewinnen, das ihn an diesem horriblen Ort aufgrund des Erlebten befällt. Der Text des KZ-Häftlings wurde nicht verändert und blieb unberührt von sich wandelnden Erinnerungen oder Erkenntnissen. 

Die Nazischergen waren, wie man erfährt, morgens bösartig und abends brandgefährlich, denn dann waren sie zumeist betrunken. Was das real bedeutete, dokumentiert der Autor Seite für Seite. Für einen mitfühlenden Leser wird der Text zu einem Alptraum. Der Abgrund, in den man hier schaut, ist kaum auszuhalten. Das Buch an zwei Abenden zu lesen, ist deshalb unmöglich.

Die Erfahrung von Eddy de Wind: "Der Hang zur Grausamkeit, der bei jedem zivilisierten Menschen von klein und systematisch von der Umgebung und durch Erziehungsmaßnahmen unterdrückt wird, war im deutschen Volk bewusst entfesselt worden. Die nationalsozialistische Moral und der unvermeidliche Alkohol verwandelten die Menschen in Teufel."

Der Schlüsselsatz: "Der Nazi fällt ohne jede Rechtfertigung über wehrlose Opfer her." 

Ich möchte die im Buch aufgezeichneten Grausamkeiten hier nicht näher beschreiben, denn man wird mit so vielen Ungeheuerlichkeiten seitens der Nazischergen konfrontiert, dass man nicht aufhört, sich zu schämen, dass Menschen ihren Mitmenschen dergleichen antun können. 

Doch Auschwitz war, wie de Wind notiert, mehr als nur Quälerei in riesigem Maßstab. Mit seinen Fabriken und Minen sei es ein wichtiger Bestandteil der oberschlesischen Industrie gewesen. Die KZ-Häftlinge waren billige Arbeiter, bekamen keinen Lohn und aßen so gut wie nichts. Sobald sie ausgezehrt und der Gaskammer zum Opfer gefallen waren, "gab es in Europa noch genügend andere Juden und politische Gegner, die sie ersetzen konnten."

Man liest von der Angst und den Selektionen, der fortdauernden Brutalität. Wer die Niedertracht der Nazis anprangerte, hatte in Deutschland keine ruhige Minute mehr und im KZ ohnehin nicht. 

Bei der SS wusste man nie, woran man war, schreibt de Wind und berichtet von deren subtiler Gemeinheit. Sehr gut veranschaulicht er dies am Beispiel des Lagerarztes Mengele, dessen spontanes, fast menschliches Verhalten in einer Ausnahme verdeutlicht, dass er auch anders konnte. Dadurch aber wird erst erkennbar, wie bewusst verwerflich und niederträchtig dieser Satan tatsächlich gehandelt hat. 

Die Geschichte von Friedel und Hans zeigt, was schweres Leid mit einer Liebe machen kann und dass Rettung aus der Hölle nicht zwingend zur Rettung einer Liebe führt.

Zu viel Belastung, egal welcher Art, bewirkt, dass das zu viel Belastete zerbricht. Warum sollte dies in der Liebe anders sein?   

Sehr empfehlenswert, doch kaum auszuhalten. 

Helga König

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Alle Zeit der Welt- Thomas Girst-Hanser



Dr. Thomas Girst, der Autor dieses Werkes, wurde 2016 als "Europäischer Kulturmananger des Jahres" ausgezeichnet.

Das vorliegende Buch enthält 28 kurzweilig zu lesende Geschichten, die von Menschen handeln, die sich Zeit genommen haben und zwar eine solche, die von innen nicht hohl ist. 

Girst stellt fest, dass die Echokammern der Eitelkeit überall in den sozialen Netzwerken kontinuierlich den Performance- und Leistungsdruck fürs optimierte Egobranding aufbauen würden. Dabei befänden sich die Big Five des Silicon Valley – Facebook, Amazon, Microsoft, Googles Alphabet und Apple beim Buhlen um die Gunst der Kunden im konstanten Aufmerksamkeitswettbewerb. Der Autor vergisst nicht zu erwähnen, dass es die Algorithmen ihrer Serviceleistungen sind, die all unsere Wünsche, Schlüsselreize und Instinkte, immer mit dem Versprechen sofortiger Bedürfnisbefriedigung und Genussgratifikation bedienten. 

Nicht wenige Pioniere aus den Silicon Valley würden die in der Ära des Internet grassierende "Zerhackstückelung" unserer Zeit als zwischenzeitlich ernst zu nehmende Gefahr für unsere Gesellschaft wie auch für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sehen. 

Sich Zeit zu nehmen und dabei bei auch Unvollendetes als Dauerzustand anzuerkennen, das haben  selbst einige namhafte Künstler sich erlaubt. 2016 wurden 200 Arbeiten im Metropolitan Museum in New York im Rahmen der Ausstellung "Unfinished. Thoughts left Visible" von der Renaissance bis zu Gegenwart gezeigt, von denen viele nie beendet wurden. So haben selbst Michelangelo, Tizian und Rodin solche Werken hinterlassen. Keiner weiß, weshalb beispielsweise Schubert seine 8. Symphonie unvollendet ließ. 

Wie auch immer, die 28. Geschichten im Buch  sind stets abgeschlossen, auch die Geschichte, die den Titel "Sprezzatura" trägt und in der zu lesen ist, dass interessenlose Lustlosigkeit zu Stumpfsinn und Monotonie führe. Hier zitiert der Autor eine Stelle aus dem "Zauberberg" von Thomas Mann, die ich an dieser Stelle nicht grundlos wiedergeben möchte: 

"Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein."

Sich Zeit zu nehmen, ohne dabei in Lethargie zu verfallen, das ist eine Kulturtechnik, die es zu bewahren oder zu erlernen gilt. Weshalb nicht mit der Lektüre der 28 Geschichten beginnen? 28  Abende sind mehr als ein Tag...

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Eine Frau-Annie Ernaux-Suhrkamp

Dies ist das zweite Buch der französischsprachigen Schriftstellerin #Annie_Ernaux, das ich im Onlinemagazin "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiere. Hat die Autorin sich in ihrem Werk "Der Platz" mit der Beziehung und dem Ableben ihres Vaters auseinandergesetzt, schreibt sie nun in "Eine Frau" über das Leben und den Tod ihrer Mutter, die in ihrer letzten Lebensphase dement wurde.

Annies Mutter, von der man in "Der Platz" bereits erfährt, dass sie ihr Arbeitsleben als Hilfskraft in einer Margarinefabrik begann, betreibt Jahre später dann einen Lebensmittelladen mit Kneipe. 

Sie habe zuallererst ihrer Kundschaft gehört, schreibt die Tochter - dies jedoch nicht beklagend, sondern es nur sachlich feststellend - denn Annie hat nicht vergessen, dass ihre Herkunftsfamilie ihren Lebensunterhalt zu einem nicht geringen Teil den Kunden ihrer Mutter zu verdanken hatte. 

Annie berichtet u.a. von den zwei Gesichtern ihrer Mutter, die sich des Wankelmuts ihrer Kunden bewusst war und sich deshalb bis zur Erschöpfung dafür einsetzte, die Kundenbindung zu stabilisieren. Annies Vater, nicht minder fleißig wie seine Frau, hatte mit dieser in Streitigkeiten nur ein Thema, "wer von beiden mehr arbeitete." Was beide wohl verband, war der Wille, ihrer gesellschaftlichen Herkunft materiell zu entkommen, wobei die Mutter ihr zudem durch Sprachanpassung, Wissensaneignung und verändertes Äußeres zu entkommen suchte. 

Für Annies Mutter war gesellschaftlicher Aufstieg vor allem eine Frage der Bildung, deshalb waren Bücher die einzigen Dinge, mit denen sie behutsam umging. 

Die Mutter unternimmt in der Kindheit und Jugend mit der Tochter immer wieder Dinge, um sie an Geschmack und den Interessen gebildeter Menschen heranzuführen. Erst später erkennt Annie, dass zwischen dem Wunsch nach Bildung und tatsächlicher Bildung Welten liegen. 

Während ihres Studiums dann entfremdet sie sich von ihrer Mutter und verachtet all das, was ihre Mutter als erstrebenswert erachtet, ganz dem Zeitgeist der 68er –Generation entsprechend. Mit ihrem Mann, einem Politologen aus gebildetem Haus, verbindet Annie das gleiche Bildungsniveau und später zudem zwei Kinder. Weshalb diese Ehe auseinander bricht, ist nicht Gegenstand des Buches.  

Sehr einfühlsam schreibt Annie Ernaux über den Weg in die geistige Umnachtung ihrer Mutter Jahre nach dem Tod ihres Vaters und schließlich über deren Tod, mit dem sie die letzte Brücke zu der Welt, aus der sie stammte, wie sie schreibt, verloren habe. 

Annies Mutter ist die eigentliche Heldin des Buches, allein ihrer Hilfsbereitschaft wegen und  ihrer Tatkraft halber, mit der sie ihrer Tochter die Basis für all das schenkt,  damit diese sich intellektuell entwickeln kann.

Der erneut sehr dicht verfasste Text verdeutlicht, dass die Autorin, nach Phasen jugendlicher Renitenz, einen latenten intellektuellen Dünkel im Laufe ihres Lebens entwickelte, der sie von ihrer Herkunftsfamilie entfremdet hat. 

Sie lässt erst als ihre Mutter dement wird, wirkliche Herzensbildung und  damit Reife erkennen, ohne die unser Leben nur Leere für uns bereithält. 

Gefallen haben mir folgende Sätze zum Ende des Buches: 

"Sie starb acht Tage vor Simone de Beauvoir. 
Sie war allen gegenüber großzügig, sie gab lieber, als sie nahm. Ist Schreiben nicht auch eine Form des Gebens?"

Ja, das ist es und das verbindet Annies Mutter mit Simone de Beauvoir, stellt eine versöhnende gemeinsame Augenhöhe her, in der Dünkel keinen Platz mehr hat. Genau so muss es sein, wenn Reife eingekehrt  ist und alles  als miteinander verbunden  begriffen wird.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Der Platz-Annie Ernaux- Suhrkamp

#Annie_Ernaux ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden ist. 

Die Ich-Erzählerin setzt sich in ihrem Text, den sie nach dem Tod ihres Vaters verfasst hat, mit dessen Leben und Herkunft auseinander. Seine Sozialisation begann in einer kinderreichen Landarbeiterfamilie zu Anfang des letzten Jahrhunderts, deren Armut ihn dazu zwang, noch halbwüchsig, sich ebenfalls bei einem Bauern zu verdingen. 

Nur mit viel Selbstdisziplin schaffte er gemeinsam mit seiner Frau, einer fleißigen Industriearbeiterin, den Sprung ins Kleinbürgertum. 

Als ihr Vater im Alter von 67 Jahren stirbt, ist  sie - die Tochter-  bereits Gymnasiallehrern. Über die Klassendistanz, die bereits zu Jugendzeiten zwischen ihr und ihrem Vater stand, wollte sie ursprünglich einen Roman mit ihm als Hauptfigur schreiben, doch es erfasste sie alsbald der Ekel. 

Erst nach dem Ableben des Vaters ist ihr bewusst, dass ein "Roman unmöglich ist." Sie möchte keine "Erinnerungspoesie", kein "spöttisches Auftrumpfen", was sie will und was ihr auch vortrefflich gelingt, ist die "Worte, Gesten, Vorlieben" ihres Vaters zusammenzutragen, das, "was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz", von der auch sie ein Teil gewesen ist. 

Die Leser nehmen Anteil an einem beschwerlichen Leben in der Unterschicht vor und nach dem 1. Weltkrieg in der Normandie. Sie lesen voller Hochachtung, was dieser junge Mann alles in Kauf nimmt, worauf er verzichtet, um gesellschaftlich voranzukommen. Woche für Woche legt er Geld zurück, kann deshalb nach seiner Eheschließung, die gemeinsame Wohnung mit allem, was man braucht, einrichten. Dann macht er sich selbstständig mit einem kleinen Lebensmittelladen. 

Er akzeptiert, dass kinderreiche Arbeiterfamilien bei ihm anschreiben, hat Empathie, aber mit dieser lässt sich bekanntermaßen nicht rasch wohlhabend werden. Er verdingt sich nun als Schichtarbeiter in einer Ölraffinerie, während seine Frau den Laden führt.... Doch ich möchte an dieser Stelle nicht seinen gesamten Werdegang wiedergeben...

Die Tochter, die zum Gymnasium geht, zieht sich immer mehr in ihr Zimmer zurück, liest, lebt in zwei Sprachwelten und genau diese Welten sind es, die in ihrer Erinnerung zu Streit und Ärger mit ihrem Vater führten. 

Die Abnabelung von Eltern wird umso schwerer, auch schmerzhafter, wenn diese zugleich eine Abnabelung von der Gesellschaftsklasse, in die man hineingeboren wurde, bedeutet. 

Kränkungen, Verletzungen, Scham, Wut,  die damit einhergehen, über all das reflektiert die Tochter, die sich bewusst wird, dass erst durch den Tod ihres Vaters, sie nun tatsächlich im gehobenen Bürgertum angekommen ist, kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, weil sie aufgrund ihrer Ausbildung im Grunde ihre Vorfahren verraten hat, auch wenn diese stolz auf ihr Mädchen sind, die es geschafft hat, die zu werden, wofür  die Vorfahren auf vieles verzichtet haben.  Ihr Erbe, das sie an Licht geholt hat durch die Reflexion, heißt  Dankbarkeit und diese Dankbarkeit macht das Buch so wertvoll.

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Don Juan- Peter Handke- Suhrkamp

An einem sonnigen Maiennachmittag wird der Bewohner des Pförtnergebäudes der einstigen Klosteranlage "Port-Royal-des Champs" auf der Ile de France von dem legendären Frauenhelden Don Juan, dem Zeitlosen aufgesucht.  Dieser berichtet  skizzenhaft über seine Erlebnisse der vorangegangenen sieben Tage dem Gastgeber.

Der Autor präsentiert dem Leser in seinem Don Juan eine Person, die keinesfalls frohgemuter Verführer ist, sondern ein trauriger Mensch, der offensichtlich das Begehren der Frauen ganz ungewollt freisetzt. Die Macht kommt über seine Augen.

Man erfährt, dass die ausnahmslos bildhübschen Frauen, sofern er diese anblickt, sofort ihren Herren (nicht Gebieter) in ihm sehen. Retten soll er sie alle, wovor ist den Frauen zunächst selbst nicht klar. Der sich stets treue Don Juan möchte die Frauen nicht besitzen, sondern hofft eigentlich nur, dass sich für Momente die jeweiligen Körper aneinander erfreuen. Auf diese unverbindliche Art und Weise achtet und würdigt er die Frauen als Individuen und genau deshalb schätzen die Damen ihn.

Während der vergangenen Tage war er hauptsächlich in Georgien, Syrien und in Nordafrika unterwegs. Dort begegneten ihm weibliche Wesen, welche die zeitlose "Frauen-Zeit" noch kennen und deshalb den Takt noch nicht verloren haben. In Mitteleuropa wirkt die Gestalt des Don Juan, so wird deutlich, eher lächerlich. Hier begreift man diesen Typus wohl mehr als irgendwie unzeitgemäßen Spinner, den man sich in einem morbiden russischen Fahrzeug oder ähnlichem vorzustellen hat. Zurückziehen möge sich diese schräge Gestalt alsbald in den Kaukasus oder nach Syrien, wo die Pfauen gellen, auch die Truthähne kollern und die schönen Damen - noch immer in einer panischen Welt lebend - von Don Juan gerettet werden möchten, in einer lauen Maiennacht......... 

Ein wunderbar poetischer Text, der Abgesang und Ode an den legendären Frauenhelden zugleich ist.

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Don Juan: (erzählt von ihm selbst) (suhrkamp taschenbuch)

Rezension: #Blumenspiel, #Hajo_Steinert, #Roman, #Penguin_Verlag

#Hajo_Steinert, der in Köln lebende Autor dieses Romans arbeitete von 1986 bis 2016 in der Literatur-Redaktion des Deutschlandfunks. 2015 erschien sein Roman "Der Liebesidiot", den ich leider bislang noch nicht gelesen habe. 

Aufmerksam wurde ich auf das vorliegende Buch auf #Twitter, wo ich erstmals das Cover sah und durch den Begriff "#Blumenspiel" neugierig wurde. 

Wie man auf einer der letzten Seiten des Werkes im Hinblick auf Geschichtliches erfährt, wurden die "Kölner Blumenspiele" von Johannes Fastenrath (1839-1908)- er war Schriftsteller, Jurist und Übersetzer aus dem Spanischen- einst in Köln gegründet und fanden zwischen 1899 und 1914 alljährlich im Kölner #Gürzenich statt. Veranstaltet wurden sie von der Literarischen Gesellschaft in Köln. Dabei wurde jährlich ein "Jahrbuch der Kölner Blumenspiele" herausgegeben. Diese Werke dienten Hajo Steinert als historische Quelle für seinen Roman, dessen Handlung allerdings frei erfunden ist. 

Im Klappentext wird bereits hervorgehoben, dass es sich bei "Blumenspiel" um einen turbulenten und detailliert recherchierten #Epochenroman aus der Zeit des #Jugendstils und der #Reformbewegung handele und schlussendlich um eine Liebeserklärung des Autors an die Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den blühendsten Deutschlands gehört habe.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Weshalb? Weil es zwei Handlungsorte gibt. Einerseits #Cöln, das war von 1857 bis 1919 die amtlich vorgeschriebene Schreibweise für die rheinische Metropole #Köln, andererseits #Ascona und dort der spektakuläre #Monte_Verità. 

Für die beiden Protagonisten, den Portraitmaler und Kunstschmied Heinrich und die schöne, kreative, dabei sehr lebenslustige Näherin Hedwig wird der Monte Verità zum Berg ihrer eigenen, nicht miteinander kompatiblen Wahrheiten....

Davor gibt es eine Vielzahl von emotionalen Verwicklungen, wie sie bei jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen in allen Zeiten üblich sind, wenn auch die Kulissen sich ändern. 

Eine Fülle von lokalen und darüber hinausgehenden historischen Details sind in das Buch eingebunden, was den Leser zu aufmerksamem, geduldigen Lesen ermahnt, zumal, wenn man nach einem nicht sofort erkennbaren philosophischen Tiefgang des Romans forscht und wissen möchte, was der Autor seinen Lesern neben dem historischen Detailgemälde und den Liebesgeschichten vermitteln möchte. 

Hajo Steinert fängt den damaligen Zeitgeist gekonnt in seine Sprache ein. Deshalb erinnert sein Text an Texte von guten Autoren aus der damaligen Zeit- ja, ich nenne an dieser Stelle gerne Thomas Mann, aber ohne dessen Poesie in seiner Novelle "Tod in Venedig".

"Blumenspiel" zwingt, wie bereits erwähnt, zur Konzentration aufgrund der vielen Details, bei denen ich mich immer wieder fragte, ob man diese tatsächlich wissen muss und wie junge, internetaffine Leser  damit zurecht kommen. 

Nicht unerwähnt lässt der Autor den "Deutschen Lärmschutzverband", der einst vom Philosophen #Theodor_Lessing gegründet wurde und dem Heinrich beitritt als er nach Cöln kommt. Die Sehnsucht nach Stille, auch vielleicht  nach Idylle, zeigen, dass diese jungen Menschen auf den Lärm und die Gewalt des ersten Weltkriegs nicht vorbereitet waren, es klüger gewesen wäre, sich an den Lebensformen der Pazifisten, Künstler und Schriftsteller und auch Alternativen vom Monte Verità  zu orientieren, dort lieber nackt in der Sonne zu tanzen als sich wie Heinrich noch jung an Jahren im September 1914 als Soldat in der Schlacht an der Marne erschießen zu lassen oder wie Hedwig einen Monat später in Cöln noch blutjung die Augen für immer zu schließen, vielleicht ahnend, was kommt. "Blumenspiele" waren es nicht.

Sehr empfehlenswert
Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Blumenspiel: Roman

Rezension: Auf der Suche nach dem Paradies –Claudia Jürgens- Edition Zeitblende

Das vorliegende, seitens Sarah Winter sehr ansprechend illustrierte Buch trägt den Untertitel von Traumorten, Seelenverwandten, Lebensentwürfen und dem kleinen alltäglichen Glück.

Claudia Jürgens, die seit vielen Jahren als Lektorin tätig ist, spürt in diesem Werk also dem Phänomen des Paradieses nach. Das geschieht durch einen bemerkenswerten Essay und 49 Texte  von namhaften Autorinnen und Autoren über das Suchen und Finden dessen, was für die ein oder anderen der Himmel auf Erden darstellt. 

Dazu kommen 10 ganzseitige, farbige Illustrationen von Sarah Winter und ca. 50 Vignetten.

Im Rahmen von insgesamt sieben Kapiteln hat man Gelegenheit teilweise sehr poetische Texte niveauvoller Autoren und Autorinnen zu lesen, unter ihnen Rose Ausländer, Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane, Elias Canetti, Platon, Rainer Maria Rilke, Mario Vargas Llosa, Amoz Oz, Hermann Hesse, Hannah Arendt, Carolin Emcke und Hanna Mina. 

Gedichte und Auszüge aus Prosatexten findet man bereits im ersten Kapitel, das unter dem Begriff "Das Paradies im Anderswo" die entsprechenden Texte zusammenbindet. Alle Autoren (m/w) im Buch werden biografisch kurz skizziert. Dazu erfährt man stets Textgeschichtliches vor Beginn eines jeden Textes. Vorgestellt werden u.a. Arbeiten, die Goethes aber auch Fanny Lewalds Italiensehnsucht dokumentieren. 

Man liest über die unterschiedlichsten Paradiesvorstellungen und bleibt beim ersten Blättern als Musikliebhaber (m/w) vielleicht bei Hanna Mina haften, weil dort die "Rettung in der Musik" versprochen wird. Die syrische Schriftstellerin Hanna Mina erzählt von der Kraft der Musik in ihrem Roman "Sonne". Daraus wird dem Leser ein kleiner Auszug präsentiert. Hier erfährt man, dass es so wichtig ist, Dinge mit ganzer Seele zu tun, denn "wenn du einer Sache nicht deine ganze Seele hingibst, gibt sie sich dir auch nicht hin." In Paradiese Einlass zu finden,  erfordert also Hingabe.

Paradiese mögen für die einen Sehnsuchtsorte, Zuflucht und Zuhause, für die anderen Natur und die Genüsse des Alltags sein, wie die Texte dokumentieren. Sie sind aber auch Orte des Schaffens, des Darbietens und Genießens, der Freundschaft, Liebe und Erotik. Platon schrieb bereits darüber und Rilke dachte in einem seiner Texte schon die Liebenden als gegenseitige Ergänzung zum Ganzen. 

Was noch? Das Paradies als Märchen und romantische Verklärung, auch als negative Utopie aber als auch Chance...., auch das wird thematisiert. Man hat also die Auswahl. Das Paradies besticht durch seine Vielfalt. Die Vielfalt sind ein Gegenstand der Texte, die Lust auf das jeweilige Gesamtwerk machen. 

Auch Bücher können ein Paradies sein, eine interessante Möglichkeit in andere Denkwelten zu gelangen, um sich auf diese Weise neue Räume zu erschließen im durchaus Möglichen, wenn man es zulässt.

Auch ein kleiner Auszug aus dem Roman "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf wurde nicht vergessen. Hier las ich u.a. die Sätze:

"Früher suchten sich Liebespaare vor der Trennung einen Stern, an dem sich abends ihre Blicke treffen konnten. 

Was sollen wir uns suchen? 

"Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen" sagte Manfred spöttisch. 

Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer? "Doch" sagte sie leise. "Der Himmel teilt sich zuallererst.“ 

So ist das mit den Paradiesen, seit der Baum der Liebe abgeholzt worden ist. 

Maximal empfehlenswert.

Helga König

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Auf der Suche nach dem Paradies: Von Traumorten, Seelenverwandten, Lebensentwürfen und dem kleinen alltäglichen Glück

Rezension: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt- Peter Stamm - S.Fischer

Der Schweizer Autor #Peter_Stamm hat mit "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" im vergangenen Jahr seinen 6. Roman vorgelegt und den "Schweizer Buchpreis 2018" dafür erhalten. 

Stilistisch ist der Text so beeindruckend, dass die Romanhandlung für den Leser (m/w) beinahe an Bedeutung verliert, es sei denn, er setzt sich gerne mit philosophischen Fragen auseinander. 

Wie sehr sind wir in unseren Entscheidungen durch unseren Charakter, unsere Erziehung und unsere Erfahrungen tatsächlich geprägt? Könnte man, wenn man im Leben eine 2. Chance erhielte und dann andere Entscheidungen träfe, andere Fehler machte, zu einem anderen Schicksal gelangen? Oder bringen ein bestimmter Charakter, unsere Erziehung als auch unsere spezifischen Erfahrungen letztlich immer ein analoges Schicksal hervor?  Vor allem, ist ein bestimmter Schicksalsverlauf notwendig, um der zu werden, als der man gedacht ist? Beispielsweise als ein Schriftsteller wie im Falle des Protagonisten Christoph und seines jüngeren, Doppelgängers Chris? 

Ich möchte die teilweise - in meinen Augen-  etwas verwirrende Romanhandlung nicht nacherzählen. Erinnert hat sie mich vom Grundgedanken her an das Drehbuch zum Tatortkrimi "Murmeltier" mit Ulrich Tukur, der jetzt im Februar 2019 bei ARD gerade ausgestrahlt wurde. Interessanterweise blieb auch hier der Protagonist trotz diverser Handlungsmöglichkeiten, letztlich der, als der er gedacht ist: Als ein Vorzeige-Kommissar, der aufgrund seines Wesens, in der Lage ist, perfekt einen Fall zu lösen. 

Ein Schriftsteller benötigt "jahrelanges Bemühen" und "ewiges Scheitern", weil diese ihm zum Erfolg verhelfen, das weiß Christoph und erzählt in seinen Selbstreflektionen auch von seinen persönlichen Erfahrungen. Er überlegt zudem, weshalb er überhaupt zu schreiben begonnen hat und vermutet: "Vielleicht hatte ich deshalb zu schreiben begonnen, um die Landschaft, die Sicherheit meiner Kindheit wiederzugewinnen, aus der ich mich selbst vertrieben hatte". 

In diesem Satz outet sich Christoph als ein verunsicherter Mensch. Verunsicherung und Zweifel sind Notwendigkeiten, um über die Sinnhaftigkeit des Lebens, auch des eigenen, nachzudenken und Geschehenes eventuell zu verstehen. Alles deutet darauf hin, dass die Verunsicherung nicht die Ursache war, sondern nur eine der vielen Geburtshelfer für das,  als das er gedacht  ist.

Man erlebt, indem man mit Christoph durch seine Vergangenheit streift, auch seine unglückliche,  aber genau so notwendig verlaufende Liebensgeschichte mit Magdalena, erlebt, ferner in der Parallelgeschichte, die junge Lena, die im Hinblick auf die Bestimmung von Chris, ebenfalls "nur" ein hilfreiches Mittel für die Geburt und Entwicklung eines Schriftstellers ist. Dabei sind es in beiden Fällen keineswegs die Männer, die die Frauen bewusst zweckentfremden, sondern das Schicksalsprogramm, das im Hintergrund abläuft. 

"Glück macht keine guten Geschichten" lässt Peter Stamm seinen Protagonisten äußern. Deshalb auch dürfen entscheidende Liebesgeschichten eines Schriftstellers letztlich nicht positiv verlaufen, tun sie es doch, ist im Schriftsteller keine Sehnsucht mehr vorhanden.  Diese ist aber notwendig, um etwas wirklich Überzeugendes zu Papier zu bringen. Bereits Goethe hat besagtes Phänomen gekannt. "Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß wie ich leide..."(oder im Klartext: ...weiß, warum ich schreibe). 

Doch lesen Sie selbst. Gute Romane lassen viele Interpretationen zu...   

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt: Roman

Rezension: #Stella -#Takis_Würger- Hanser

Der Autor von "#Stella" ist der Journalist #Takis_Würger. Sein Roman basiert auf der Lebensgeschichte der Jüdin #Stella_Goldschlag, die, nachdem die Nazis sie gefoltert hatten und damit drohten ihre Eltern ins KZ zu schaffen, sich bereit erklärte, andere Juden zu denunzieren und damit dem Gas auszuliefern. 

Dieses perfide Verfahren der Denunziation, weil man den Schmerz nicht mehr aushielt, wurde schon zu Zeiten der Hexenverbrennungen in Deutschland erfolgreich eingesetzt und führte dazu, dass immer mehr Frauen und Männer damals dem Feuer übergeben wurden und dort bei lebendigem Leibe qualvoll verbrannten. So wurden aus immer mehr Opfern  Täter.

Dass die Nazis aus allen Zeiten die Schlechtigkeiten von Menschen abkupferten, ist jedem bekannt, der sich mit Geschichte befasst hat. Aus Opfern Täter zu machen, passte in ihr Programm der totalen Zerstörung des Humanitätsgedankens. 

Der Leser wird Zeuge, was Stella angetan wird, durchlebt ihre Schmerzen und lernt auch den Folterer Stellas kennen, der ein typischer Vertreter der #Banalität_des_Bösen ist, über die die Philosophin #Hannah_Arendt einst einen wichtigen Aufklärungsbericht geschrieben hat. 

Unterbrochen wird das Handlungsgeschehen stets durch Fallbeschreibungen von Personen, die durch Stellas Denunzierungen in die Hände der Nazis gelangten als auch von Aufzeichnungen über historische Ereignisse in einzelnen Monaten des Jahres 1942. Es war übrigens das Jahr als in München #Hans_Scholl und #Alexander_Schmorell die Widerstandsgruppe "#Weiße_Rose" gründeten und deutsche Polizisten alle männlichen Bewohner des Ortes #Lidice in Tschechien ermordeten sowie die Frauen und Kinder von dort in Konzentrationslager verschleppten. 

Die Angst vor dem mörderischen Tun der Nazis schüchterte viele Menschen unterschiedlicher Gesinnung damals ein. Das wird in diesem Buch sehr gut aufgezeigt. So gab es denn auch Personen, die aus der Angst heraus plötzlich böse handelten. Stella war ein solcher Mensch.  

Der Philosoph #Friedrich_Wilhelm_Nietzsche sagte einst "Drei Viertel alles Bösen, das in der Welt getan wird, geschieht aus Furchtsamkeit" und trifft genau damit den Punkt, in dem es auch in dem vorliegenden Roman meines Erachtens geht. 

Nur wenige besitzen die Kraft, sich der Folter sehr lange auszusetzen und  nicht viele gehen furchtlos in den Tod. Kann man ihnen deshalb einen Vorwurf machen? Natürlich sträubt sich in solchen Fällen bei jungen Menschen ganz besonders vehement der Überlebenstrieb, so auch bei der Protagonistin. 

Stella ist kein Monster, auch wenn sie monströs handelt, sondern nach wie vor ein Opfer, das von den Nazis immer mehr in die Inhumanität getrieben wird, solange bis sie – ganz so wie im Stockholm- Syndrom beschrieben - sich mit ihren Peinigern irgendwann gemein macht und selbst als es - nach ihrem Denkmodus-  nicht mehr nötig war zu denunzieren, weiter denunziert. 

Das ethische Problem mit dem Stella konfrontiert wurde, konnte sie nicht lösen, weil jede Entscheidung, die sie hätte treffen können,  zu Unrecht führte. Stella ist  damit eine tragische Gestalt, die bis zum Schluss ein Opfer der Nazis bleibt. Diese haben sich ihrer Seele bemächtigt. Sie weiß es. Im Traum spricht sie das Wort "Seele" nicht grundlos aus und zwar in Jiddisch: "Neschume".

Takis Würger transportiert die ethische Problematik, mit der sich der Leser befassen soll, sehr  geschickt über die Lektüre einer Liebesgeschichte, die ich nicht als seicht abtun möchte, sondern als gekonnten strategischen Kunstgriff, um auf das Buch mit schwerer Kost neugierig zu machen.

Der zurückhaltende Schweizer Großbürgersohn Friedrich verliebt sich in Berlin in Kristin, die sich ihm nicht sofort als Jüdin Stella outet und ist fasziniert von ihrer Lebenslust. Diese Lust am Feiern, am Champagnertrinken, am Tanzen und am Sex betäubt ihre Angst und ihren Schmerz ebenso wie es das Medikament, das sie deshalb einnimmt. 

Sie schiebt auf diese Weise die bedrohliche Dauerrealität weg und lebt nur im Moment, in dem der ruhige, vornehme Friedrich ihr Ruhepol ist. 

Dass die Frau, die die Vorlage für den Roman bildet, fünf Mal in ihrem Leben verheiratet war und schließlich in den 1990er Jahren in Freiburg Selbstmord begangen hat, wundert mich nicht. Stellas "Neschume" hat keine Ruhe gefunden bis das von den Nazis gepeinigte Opfer aus dem Fenster sprang. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Stella

Rezension: #Serotonin - #Michel_Houellebecq- #Dumont

#Michel_Houellebecqs Bücher sind immer ein wenig spektakulär, immer ein wenig hellsichtig, immer ein bisschen überzogen, dabei sehr wortgewaltig, natürlich in dunklen Farben gemalt, halten bestimmte Facetten des Zeitgeists fest und schreien von Mal zu Mal mehr nach "Serotonin". 

Sein 46 Jahre alter Protagonist - Florent-Claude- im vorliegenden Roman nimmt reichlich von diesem Antidepressivum, genannt "Captorix", weil ihn offenbar sein sinnentleertes Leben müde hat werden lassen. 

Florent-Claudes Hauptaugenmerk gilt den Frauen, genauer dem Sex mit unterschiedlichen Frauen und deren teilweise ziemlich pervertierten sexuellen Anwandlungen, die ich mir erspare, hier verkürzt wiederzugeben. Das Kreisen um sexuelle Erinnerungen oder Fantasien ist offenbar der Einnahme des Antidepressivums geschuldet, das ihm tatsächlich die letzte Manneskraft raubt und ihn immerfort berauschter fabulieren und noch depressiver werden lässt. Nichts geht mehr. 

Florent-Claude wirkt auf mich sehr autistisch. Er hat keine wirklichen Beziehungen zu Menschen, keine Freunde, die ihn über schwierige Zeiten tragen könnten. Alles, was er unternimmt, verschafft ihm keinen wirklichen Genuss. Vielleicht noch ein gutes Essen, das manche ja als Sex des Alters bezeichnen. Florent-Claude ist mit seinen 46 Jahren steinalt, denn er hat keine Träume mehr.

Houellebecq macht sich meines Erachtens lustig über seinen Protagonisten, dem es einfach an Power fehlt. Mehr als eine Generation älter, kreiert er mit ihm eine Figur, die nicht sein kann, was sie möglicherweise sein möchte, nämlich entspannt und voller Lebensfreude. 

Florent-Claudes Reflektionen über die Liebe dokumentieren, dass er im Grunde ein liebesunfähiger Schwätzer ist, dem es an emotionaler Tiefe mangelt. Seine rein körperliche Fixierung auf Frauen ist enervierend, seine Respektlosigkeit ihnen gegenüber zeigt, welch Geistes Kind er ist. Ebenfalls enervierend sind seine Vorurteile im Hinblick auf Menschen aus anderen Kulturkreisen. 

Dass dieser Protagonist nicht gut auf die Bürokratie der EU zu sprechen ist, wundert nicht. Doch faktisch ist auch sie für ihn ein Randthema wie alles andere auch. Florent-Claude ist übersättigt wie viele seiner Gesellschaftsschicht und seines Alters und alles andere als sexy. Eine gelbe Weste oder ein roter Schal würde ihn wie viele andere auch nicht zum Leben erwecken. Maskerade. Event. Viel Lärm um nichts - außer der gähnenden inneren Leere.

Florent-Claude ist viel zu müde, um sich auf irgendetwas einzulassen. Der ewige Schlaf wäre natürlich eine Lösung, speziell wenn man sich nicht wirklich auf das Leben einlassen möchte, sondern nur daran herummäkelt. Mit einem Wort  dieser Protagonist ist degeneriert. Den Voyeuristen zu geben, ist immer zu wenig. Da hat Houellebecq schon Recht und genau darin besteht m.E sein kritischer Ansatz.


Empfehlenswert.

Helga König

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Serotonin: Roman