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Rezension: Die Letzten werden die Ersten sein-Lionel Shriver-Piper



Die Amerikanerin Lionel Shriver, die mit dem "Orange Prize of Fiction" ausgezeichnete Autorin dieses detailreichen Romans, lebt in London und in Brooklyn. 

Kenntnisreich schreibt sie mit "Die Letzten werden die Ersten sein" eine Satire über den Fitnesswahn und die Selbstoptimierung, die nicht nur in den USA den derzeitigen Zeitgeist prägen und selbst in die Jahre gekommene Zeitgenossen gefangen nehmen. 

Protagonisten in dem vorliegenden Roman sind Remington und Serenata, die bereits 32 Jahre ein Paar sind, zwei Intellektuelle, deren Haushalt so Remington, wenn überhaupt, dann höchstens an zu viel Ironie leidet. Das sei eine häufige Krankheit der übermäßig Gebildeten. Mit all dieser arroganten Lustigkeit werde Erschöpfung und Passivität getarnt und dahinter stecke die Angst, sich in die Schusslinie zu begeben. Dies ist ein zentraler Gedanke im Buch, den man auf Seite 233 nachlesen kann.

Worum geht es? Um intellektuelle Wortgefechte, auch um Erschöpfung, um Sinnsuche mittels übertriebenen sportlichen Betätigungen, um Eifersüchteleien, das eigene Altern und das der Beziehung.

Sereneta hat seit frühester Jugend Sport betrieben,- für sich -, nicht um gegen andere zu gewinnen und musste aufhören zu joggen, weil sie ihre Arthrose - bei ihr eine Folge übermäßigen Sports- dazu zwang. Nun hat es ihren Gatten gepackt, nachdem man ihn frühpensionierte. Deshalb möchte er sich durch einen Marathonlauf beweisen, dass er noch nicht zum alten Eisen zählt. 

Serenata reagiert ironisch, oft sogar zynisch, weil sie Sport in einer Gruppe und daraus entstehende Konkurrenz zutiefst ablehnt, zudem etwas neidisch ist, dass ihr bis dahin unsportlicher Gatte jetzt mehr Biss entwickelt als sie, die durch den vielen Sport, den sie ihr Leben lang machte, lädiert ist...Diese Tatsache verletzt ihre Eitelkeit. 

Wie es sich die Handlung weiterentwickelt, wird im Rahmen der Rezension nicht verraten. 

Jeder, der ältere Menschen kennt, die wie besessen in eine Fitness-Bude rennen und sich dort verausgaben, bis der Sportarzt her muss und auch solche kennt, die sich täglich für einen Marathon oder für Fahrradrennen schinden, obgleich sie ihr Leben lang nur am Schreibtisch verbracht haben, wird amüsiert sein von dem hochironischen Roman mit seinen tiefen Weisheiten.

Doch lesen Sie bitte selbst!

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Rezension: Der Aufgang- Stefan Hertmans-Roman- Diogenes


Autor dieses Romans ist der Romancier Stefan Hertmans. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart im niederländisch-sprachigen Raum. 

Die Romanhandlung spielt vorrangig in der NS-Zeit. Protagonisten sind der flämische SS-Offizier Willem Verhulst und seine tiefgläubige Frau Mientje, die Pazifistin ist. 

Stefan Hertmans befasst sich mit der Geschichte der beiden, nachdem er ein altes Haus in Gent erworben hat, in dem diese, was er zuvor nicht wusste, einst gemeinsam mit ihren Kindern gelebt hatten. Dass dieses höchst unterschiedliche Paar überhaupt ein gemeinsames Leben führen konnte, war wohl der Großzügigkeit und Duldsamkeit von Mientje geschuldet. 

Man erfährt von Willems Entwicklung, den gefühlten Demütigungen in der Schulzeit, weil er ein flämisches Kind war, in der Schule seine Algebra-Prüfung vermasselt, weil er das Französisch des Mathematiklehrers nicht versteht. Willem besucht später die Garten- und Landbauschule in Melle bei Gent, treibt sich in proflämischen Studentenclubs herum, tritt einer proflämischen aktivistischen Bewegung bei, die rasch anwächst. 

Man erfährt von dem, was sich in Flandern politisch Ungutes zusammenbraut, auch von deren Vorstellung eines großgermanischen Reichs unter deutscher Führung, liest von Willems erster Liebensbeziehung und schließlich seiner Ehe mit Mientje. 

Willem wird V-Mann bei den Nazis. Er muss über jeden, der ihm oder seinen Mitarbeitern zufolge Widerstand oder abweichendes Verhaltens aufwies, Meldung machen: "England-Sympathisanten, Freimauer, Juden, Sozialisten, volksfeindliche Elemente, Franskiljons, Widerständler, Bolschewisten und- die Besatzungsbehörde bestand darauf- Pfadfinder mit ihrem Pazifismus, Mitglieder eines verdächtigen Billard-Clubs in der Sleepstraat und nicht zuletzt die fanatischen Belgizisten aus dem Ersten Weltkrieg (…)." Auf diese Weise, so schreibt der Autor, sei die "Überwachung der reinen Volksseele zu einem respekteinflößenden Apparat angewachsen." 

Willem hat neben der Ehefrau zudem eine Geliebte, die ideologisch bestens zu ihm passt. Auch diese Untreue duldet Mientje, die versucht, ihre Kinder pazifistisch zu erziehen und sie vom flämischen Nationalismus inklusive Hitlerwahnsinn fernzuhalten. 

Dass ihr dies, trotz deren verblendetem Vater, letztlich gelingt, grenzt an ein Wunder und ist ihrem unverbrüchlich graden Charakter zu verdanken. 

Stefan Hertmans zeigt in seinem hervorragenden Roman hauptsächlich die Verblendung eines Menschen, eines Kollaborateurs, während der Nazi-Zeit in einem europäischen Land, wie man diese Spezies nicht nur in Belgien und Frankreich, sondern auch in Ungarn und anderenorts antraf, zeigt am Einzelbeispiel die Entwicklung hin zur Verblendung und erkennt, dass dieses Phänomen immer wieder auftauchen kann, wenn bestimmte Eckpunkte dies zulassen. Zu diesen gehören natürlich - neben ideologischer Verblendung und Minderwertigkeitsgefühlen auch die verlockende Chance des beruflichen Aufstiegs. 

 Maximal empfehlenswert. 

 Helga König 

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Rezension: Die Spionin der Charité- Roman- Christian Hardinghaus



Dr. phil. Christian Hardinghaus ist der Autor dieses bemerkenswerten Romans. Er arbeitet u.a. als freier Journallist, Lektor, Autor und beratender Historiker und veröffentlicht Sachbücher als auch Romane.

Der hier vorliegende Roman beruht auf wahren Begebenheiten in der Charité in Berlin zu Zeiten des 2. Weltkriegs, wo sich um den weltberühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch eine Widerstandsgruppe gegen Hitler formierte. Es handelte sich hierbei um den so genannten "Donnerstagsclub". 

Lilly Hartmann, die Sekretärin Sauerbruchs berichtet 30 Jahre später einem Journalisten von dieser Gruppe, von der bislang noch keiner wusste. 

Die junge, gebildete Danzigerin wuchs in einem liberalen Elternhaus auf und wurde von Professor Sauerbruch im Sommer 1940 als Sekretärin eingestellt, womit sie nicht gerechnet hatte. Sie wird Teil der Widerstandgruppe, erlebt den Nazischergen und Mediziner Dr. de Crinis, der ein Menschenverächter ist, Geisteskranke selektiert und Frauen als Objekte seiner sexuellen Gier benutzt. An ihm offenbaren sich die ganze perfide Respektlosigkeit, der Zynismus und die Herrenmenschattitüde der Nazis. 

Lilly lernt den Diplomaten Fritz Kolbe kennen und gewinnt ihn für die Widerstandsgruppe, für die er Spitzeldienste leistet. Die beiden verlieben sich ineinander und leben im fortdauernden Risiko seitens der Nazis aufgedeckt zu werden. Fritz Kolbe weist die Amerikaner immer wieder auf die Ungeheuerlichkeiten in den Konzentrationslagern hin, doch der dortige Geheimdienst scheint in dieser Beziehung nicht zu reagieren. Dass man für die USA skandalöse Unterlagen von ihm, der bereits  lange schon verstorben ist, bei seiner Ehefrau Lilly noch Jahrzehnte nach 1945 vermutet, macht ihr Leben nicht ungefährlich… 

Wie risikoreich es war, während der NS-Zeit Widerstand gegen das Terrorregime zu leisten, dokumentiert Dr. Hardinghaus auch durch Zahlen. Das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hatte zur Folge, dass die Männer des SD und der Gestapo jeden Winkel des Reiches nach Mitwissern durchforsteten. "Polizisten verhörten, folterten, mordeten. Bis Kriegsende wurden über siebentausend Verdächtige verhaftet, die meisten überlebten die Haft nicht. Ernst Kaltenbrunner, der Chef der Sicherheitspolizei und des SED ließ Armeeangehörige aller Ränge vor den Volksgerichtshof zerren. Egal, ob Generalfeldmarschall oder Unteroffizier. Wer das Attentat unterstützt hatte, wer davon gewusst hatte, der wurde vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, öffentlich gedemütigt und hatte keine Chance, einem Todesurteil zu entkommen." (S. 176)

Was mit den Mitgliedern des "Donnerstagsclubs" geschah, können Sie dem lesenswerten Roman entnehmen, der sehr nachdenklich stimmt auch im Hinblick auf den Widerstand gegen den Despoten Putin im Hier und Heute in Russland. Diesen Diktator zu beseitigen, ist gewiss noch problematischer als damals Hitler, weil die Sicherheitsmaßnahmen bedingt durch die Technik ungleich ausgefeilter sind. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Zauberberge-Andreas Lesti- Bergwelten



Dieses Buch des Autors Andreas Lesti trägt den Untertitel "Als es die Dichter und Denker auf die Schweizer Gipfel zog." Untergliedert ist es in einen Prolog drei Kapitel und den Epilog. 

Im Prolog erzählt der Autor von seiner ersten Reise in die Schweizer Alpen im März 2020 als sich plötzlich "ganz Mitteleuropa im Krisenmodus befindet". Lestis Ziel war Davos, Sils Maria und Zermatt, um dort etwas über Thomas Mann, Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno, über Krankheit, Wahnsinn, Schönheit und Tod herauszufinden. 

Erst eineinhalb Jahre später kann er aufgrund von Corona und den damit verbundenen Einreisesperren sein Vorhaben umsetzen. Er reist nach Davos und zwar genauso, "wie es Hans Castrop in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" gemacht hatte“.  Noch immer ist es von Norddeutschland aus eine elfstündige Zugreise, quer durch Deutschland und die Schweiz. Lesti liest im Zug den "Zauberberg", hat allerdings einen Stapel weiterer Bücher im Gepäck, darunter Adornos "Minima Moralia" und Nietzsches "Also sprach Zarathustra", Bücher von Autoren, die vor ihm einst an den Orten waren , wo hin nun möchte:  so u.a. nach Davos. 

Davos war einst eine Hochburg für Tuberkuloseerkrankte und solcher, die sich diesen Anschein geben wollten. Es galt in manchen Kreisen als schick, schwindsüchtig zu sein. 

Der Autor berichtet von dem Mediziner Alexander Spengler, er hatte einst- damals noch als Jurastudent-, an der Märzrevolution von 1848 teilgenommen und war nach Zürich geflohen- ähnlich wie Georg Büchner. Spengler wurde nach seinem Studium Landschaftsarzt in Davos und entdeckte, dass die gute Luft des Ortes Symptome bei vermeintlich Schwindsüchtigen verbesserte. Daraufhin bewarb er, wenn auch vielleicht nicht bewusst-, die gesundheitsfördernde Wirkung des Hochgebirgsklimas. Ein wissenschaftlicher Beweis hierfür gäbe es allerdings bis heute nicht. Selbst nachdem Robert Koch 1882 entdeckte, dass Bakterien Tuberkulose verursachten, glaubten die Menschen, dass Davos der einzige Ort sei, wo man von TBC geheilt werden könne. 

Lesti schreibt, dass die "Weiße Pest", sprich TBC, im 19. und bis zum 20. Jahrhundert die häufigste krankheitsbedingte Todesursache in Europa gewesen sei. Der Autor zieht Parallelen zu Corona, eine Krankheit, die ebenfalls durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. In Künstlerkreisen soll Tuberkulose einst positiv gesehen worden sein, weil man sie als erkenntniserbringend und das Leben intensivierend deutete. 

Lesli schreibt von den Gästen im damaligen Davos und hier allen voran von Thomas und Katia Mann. Das Leben im "Waldhotel", Thomas Mann blieb nur 4 Wochen dort, inspirierte ihn zu seinem Roman Zauberberg. Man liest darüber viel Wissenswertes aber auch wie aus dem Mekka der Schwindsüchtigen die "Sonnenstadt im Hochgebirge" wurde und seither Skifahren sowie Klettern angesagt ist. 

Erstaunt ist man über die vielen Persönlichkeiten, darunter auch Hermann Hesse und Ludwig Kirchner, die der Stadt Glanz verliehen. 

Im 2. Kapitel dann geht es um Sils Maria südlich von St. Moritz, wo der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch Ernst Jünger u.a. Intellektuelle einst hin pilgerten. Im dortigen "Hotel Waldhaus" logiert auch Theodor Adorno und  Albert Einstein, auch Thomas Mann, Friedrich Dürrenmatt, Erich Kästner, Chagall, um nur einige zu nennen. Offenbar fanden alle dort den inspirativen Kick, der ihren Werken den letzten Schliff gaben.

Es ist spannend, sich durch die vielen Anekdoten zu lesen, mit denen man in diesem Buch konfrontiert wird und Einblicke in die Geisteswelt der Dichter und Denker zu bekommen, vor allem auch Buchtipps, die zum Weiterlesen anregen. 

Im 3. Kapitel dann geht es um Zermatt, kein Ort zum kränkeln oder philosophieren...! Hier geht es ums Bergsteigen und um die Erstbesteigung des Matterhorns, aber auch um Adorno, der in Zermatt an einem Herzinfarkt starb. 

Abgerundet durch den Epilog, lässt der Autor eine zufriedene Leserin zurück, die sich keine Sekunde gelangweilt hat und neugierig ist, auf all die Literaturhinweise am Ende des Buches. O.k., das ein oder andere  Buch kennt sie bereits.

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Rückkehr- Willi Achten- Piper


"Sie werden immer seltener" fuhr er fort. "Es handelt sich um Wiesenvögel. Die Messer der Mähdrescher sind gnadenlos, und die Pestizide, die die Bauern auf Feldern und Wiesen ausbringen, tun das ihrige- sie töten Insekten. Und ohne Insekten keine Nahrung für die Vögel. Hört gut zu, das ist der Klang des Sommers. Man wird ihn nicht mehr lange hören. Vielleicht auch hier in den Bergen nicht.“ ("Rückkehr", Willi Achten, S.28) 

Jakob Kilv, der Protagonist dieses bemerkenswerten, neuen  Romans von Willi Achten kehrt nach über zwanzig Jahren zurück in das Alpendorf, wo er seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. Seine Mutter und sein Vater leben nicht mehr. Er zieht in sein Elternhaus, das bereits eine ganze Weile leer stand und beginnt es zu renovieren. Will er bleiben?

Es gibt Klärungsbedarf für Jakob im Hinblick auf die Ereignisse, die einst zu seinem überstürzten Weggang aus dem Bergdorf führten, wo er enge Freunde hatte und wo auch seine Jugendliebe lebte. Alle, bis auf seine Eltern sind noch da. 

Was haben die einstigen, fatalen Geschehnisse mit den Menschen gemacht und um welche Geschehnisse handelt es sich? 

Jakob bewegt sich als Ich-Erzähler auf zwei Zeitebenen. Im Gestern und im Heute. Im Gestern lernen wir u.a. seinen Vater, einen Vogelliebhaber, der ornithologische Schriften anfertigt, kennen. Dessen berufliche Aufgabe besteht darin, Flugzeuge und deren Passagiere vor Vogelschwärmen zu schützen. Bei einem Falkner in den Alpen sucht er nach einer natürlichen Möglichkeit, Singvögelschwärme von den Triebwerken der Flugzeuge zu vertreiben. Man wird Zeuge von dem, was sich beim Falkner zuträgt, lernt die Grausamkeit der Natur kennen, erfährt aber im weiteren Handlungsverlauf auch von der Liebe Jakobs Mutter zur klassische Musik und von den unausgesprochenen Spannungen, die sich aufgrund der unterschiedlichen, vielleicht über Gebühr gerittenen Steckenpferde der Eltern auf Dauer für sie ergeben. Diese, viel Zeit verschlingenden Steckenpferde treiben die Eheleute schließlich auseinander.

Naturschutz ist für Jakobs Vater und Jakobs Freunde ein zentrales Thema. Dabei steht sein Freund Bruno seinem Vater wohl am nächsten, vielleicht weil dieser so ist wie er selbst gerne noch wäre.

Auch Jakobs Mutter fühlt sich zu dem Abenteurer Bruno hingezogen und geht schließlich ein Verhältnis mit ihm ein. Das hat tragische Folgen, denn Jakobs Vater glüht vor Eifersucht… 

Jakob ahnt von diesen Verwicklungen, ist aber zu sehr mit sich und seiner Liebe zu Liv beschäftigt und natürlich mit seinen Umweltaktivitäten, die er gemeinsam mit seinen Freunden unternimmt. An diesen spannend beschriebenen Aktivitäten nimmt der Leser teil. Sie nehmen einen erfreulich breiten Raum der Romanhandlung ein und lassen Bewusstsein für das entstehen, was in den Alpen schief läuft. 

Zwei Skigebiete sollen zusammengelegt werden. Deshalb möchte der "geschäftstüchtige" Bolltner die Kuppe des "Weißkogels" wegsprengen. Hundert Höhenmeter sollen "wegradiert" werden und dabei "einhundertneunzigtausend Kubikmeter Stein und Erde ins Tal donnern". Darüber hinaus soll das neu entstehende Plateau zu einer fahrbaren Hangfläche ausgebaut werden, "inklusive neuer Seilbahnen, Restaurants und Bars oben auf dem geschundenen Berg."

Der Kampf mit Bolltner radikalisiert die Freunde. Das hindert Jakob aber nicht daran, weiterhin in Liv unsterblich verliebt zu sein und es über die Zeiten hinweg zu bleiben. "Sie war die Schöne, die keiner vergisst, die bleibt. In den Träumen.", wird er, zurückgekehrt, denken. Doch er weiß auch "Ich bin ein Gast hier im Dorf, nicht mehr. Wer ist im Leben eines anderen schon mehr als ein Gast? Niemand, der uns bleibt vom ersten bis zum letzten Tag. Niemand, der uns kennt an allen Tagen. Wir teilen bestenfalls ein paar Jahre, Jahrzehnte der Freundschaft, der Liebe, bevor wir uns verlieren. Auf die ein oder andere Art."

Jakob erkennt- zurückkehrt - genau dies aber auch, was einst  zu dem Unheil führte, das ihn all das, was seine Kindheit und Jugend ausmachte, verlieren ließ und ihn mithin seines einstigen Lebensmittelpunktes beraubte. Die Rückkehr hat ihn befreit vom Zweifel eines ungeklärten Gestern.

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Die indische Hochzeit- Geschichten über Liebe, Hoffnung und die Wege zum Glück – Sandra Maxeiner


Sandra Maxeiner ist eine promovierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und ausgebildeter Coach (Freie Universität Berlin). Sie arbeitet seit mehreren Jahren als Sachbuchautorin, Verlagsleiterin und ehrenamtliche Hospizhelferin, des Weiteren ist sie Gründerin des Vereins "Was wirklich zählt im Leben e.V."

Das vorliegende Buch, dies vorab, spricht visuell bereits wegen des lebensfrohen Covers und den hübschen Illustrationen jeweils zu Beginn der zwölf Geschichten an. Dabei ist den Geschichten nicht selten ein Zitat vorangestellt, das bereits erahnen lässt, wohin die Lesereise gehen soll. 

Anstelle eine Vorwortes wird man eingangs mit einem klugen Essay, verfasst von Sandra Maxeiner, überrascht, dessen Titel "Was ist Glück?" trägt. Eingestimmt in den Text wird man dann mit einem Zitat des Philosophen Konfuzius, erst dann beginnen die Reflexionen Dr. Maxeiners. Nach ihrer Meinung kommt die Definition von Glück des französischen Schriftstellers Maurice Barrès unserer täglichen Lebenswirklichkeit am nächsten, denn für ihn ist es "der mutige Wille zu leben, indem man die Bedingungen des Lebens annimmt."

Sandra Maxeiner streift in diesem Essay Grundproblematiken ihrer Geschichten und erwähnt, dass lt. Statistik ein Viertel der Befragten aus heutiger Sicht wichtige Lebensentscheidungen anders fällen würden. Dieser Statistik veranlasste die Autorin dazu, dass einige  ihrer Protagonisten im Buch mit den Entscheidungen ringen, die sie getroffen haben und sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, einen anderen Weg zu gehen. 

Auch erwähnt sie in ihrem Essay, dass sich einige ihrer Protagonisten mit der Vergänglichkeit auseinandersetzen müssen, weil ihr Schicksal sie immer mal wieder mit der Endlichkeit des Daseins konfrontiert. Zudem erwähnt sie den Mitbegründer der Media-Markt-Kette Walter Gunz, mit dem sie bereits 2015 ein Interview realisierte und der jetzt zwei Geschichten zum Buch beigetragen hat. Dessen beruflicher Erfolg beruhte übrigens auf einem Verlust. Glück, so lernt man, geht oft seltsame Wege… 

In ihrem Essay erzählt Sandra Maxeiner auch die Geschichte von "Siddhartha", (übrigens sehr schön geschrieben), welchem Hermann Hesse ein wundervolles Buch gewidmet hat. Sie erwähnt diese Geschichte deshalb, weil sie zeigen möchte, was geschehe, wenn man verbissen nach dem vermeintlichen Glück hinterher jage. Dann nämlich finde man nicht, wonach man suche. 

Es geht in ihren Geschichten auch um neue Wege. Das Buch selbst sei auf einem neuen, dabei vielleicht ungewöhnlichen Weg entstanden. In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch, weshalb das Werk den Titel "Die indische Hochzeit" trägt und wozu ihre Geschichten motivieren sollen. 

Ausgesprochen gut hat mir gefallen, dass im Rahmen einer der Geschichten ein Gedicht von Charlie Chaplin eingebunden ist, das ich bisher noch nicht kannte und dessen Inhalt sich jeder zu Herzen nehmen sollte, der aus seiner Mitte heraus leben möchte.

Die Geschichten beinhalten allesamt lebensphilosophische Betrachtungen, haben also Tiefgang, obgleich sie teilweise fast alltäglich daherkommen. 

Nach einem Nachwort der Autorin hat man Gelegenheit ein Interview, das sie führte, mit dem Glücksforscher Peer Adler zu lesen, welches die ein oder andere Frage, die sich aus ihren  Geschichten ergeben könnte, sehr gut beantwortet. 

Glück, das machen die zwölf Geschichten deutlich, ist facettenreich und offenbart sich nicht selten als Folge sinnstiftenden Tuns. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Das Archiv der Gefühle-Peter Stamm-S. Fischer


Der Protagonist dieses Romans- ein Ich-Erzähler- hat die meiste Zeit seines Lebens als Archivar gearbeitet und setzt diese Tätigkeit sogar fort nachdem er- nach Jahrzehnten akribischen Ordnens - entlassen worden ist. Jetzt pflegt und ordnet er in den Kellerräumen seines ererbten Elternhauses die Papier-Sammlung aus seiner Berufszeit und entzieht sie auf diese Weise der arbeitssinnentleerenden Entsorgung. 

Der Archivar lässt die Leser wissen, dass der wahre Zweck eines Archivs darin bestehe, Ordnung zu schaffen und dass diese Tätigkeit sehr zeitintensiv sei. Diese Zeit nimmt er sich und isoliert sich-  Papiere ordnend - in seinem Elternhaus vollkommen. Dieser Rückzug lässt ihn nur noch träumend in der Vergangenheit existieren.

Wie sehr die Arbeit im Archiv ihn tatsächlich lähmt, d.h. die Liebe zum Leben und zum Lebendigen nicht aufkommen lässt, bemerkt er nicht, denn seine Gedanken und Träume kreisen um seine Klassenkameradin und Jugendfreundin Franziska, die im Gegensatz zu ihm nach dem Abitur eine Lehre als Krankenpflegerin absolvierte, also etwas dem Leben zugewandtes unternahm, während er Geschichte und Philosophie studierte, nicht zuletzt auch in dem vor Leben sprudelnden Paris. Doch selbst diese Stadt kann ihn nicht entzünden.

Franziskas eigentliche Ambition ist es, Sängerin zu werden. Sie schafft es schließlich, durch ihr unverbrüchliches Engagement unter dem Namen „Fabienne“ als Schlagersängerin berühmt zu werden.

Während sie dem Leben zugewandt ist und das Lebendige und damit auch den Erfolg anzieht, bleibt der Archivar in seinen wenig Erfolg versprechenden Ordnungssystemen stecken, wird weder Philosoph noch promoviert er, sondern ist zufrieden, "die immer gleiche Arbeit zu machen, zu lesen, auszuwählen und Ordnung zu schaffen."

Das unterschiedliche Temperament der beiden engen Freunde ließ in jungen Jahren keine Liebesbeziehung zu. Wohl ziehen sie einander an, doch Franziska, die Tatkräftige, weiß, dass ihr Freund ihr letztlich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung als Liebespartner im Weg stünde und behauptet, nachdem sie sich geküsst haben, sie liebe ihn nicht. 

Irgendwann wird der Kontakt loser und bricht schließlich für lange Zeit ab. Beide gehen ihrer Wege, haben Affären, doch keine ihrer Beziehungen ist von Bestand. Der Archivar, der Franziska noch immer zu lieben meint, sammelt alle Zeitungsberichte über sie und ihren beruflichen Erfolg, auch über ihre vielen Affären. 

Ihre Akte, die er in seinem Archiv selbstverständlich auch aufbewahrt hat, enthält Artikel, Interviews, Kritiken und von ihr selbst verfasste Texte, geschrieben in einem Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Immer dann, wenn wieder einmal eine von Franziskas Beziehungen zerbrochen war, durchlebte der fiktiv Liebende glückliche Monate voller Hoffnung, bis ein neuer Mann an ihrer Seite auftauchte, so die Worte des Ich-Erzählers. 

Jahrzehnte nicht gelebten Lebens vergehen, bis er schließlich aufhört, in seinem selbst geschaffenen Gefängnis zu leben, bis er plötzlich lebendig wird und auf diese Weise "Fabienne", - nicht Franziska- anzieht, eine Frau, die viel erlebt und gelebt hat, die weiß, dass in ihrem vergangenen Leben, kein Platz für eine bedingungslose Liebe war, wie sie ihr Jugendfreund von ihr vermutlich eingefordert hätte. Eine solche Liebe hätte sie in der Entwicklung ihres Selbst blockiert. 

Doch wie alles ist auch eine solche Betrachtung der Veränderung unterworfen, denn in einem selbst bestimmten Leben ist viel Platz für eine nicht einengende Liebe, wenn sie sich der Archivierung entzieht und täglich neu gelebt wird… 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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