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Rezension: Trost- Angelika Klüssendorf- Piper


Angelika Klüssendorf, die Autorin dieses Romans, hat bereits diverse Erzählbände und Romane verfasst und war schon mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2019 wurde sie mit dem Marie- Luise Kaschnitz- Preis ausgezeichnet. 

Das hier vorliegende Buch mit dem Titel "Trost" ließ mich zunächst bei Wikipedia nachschauen, wie man dort den Begriff Trost definiert: "Trost ist zwischenmenschliche Zuwendung an jemanden, der trauert oder anderen seelischen bzw. körperlichen Schmerz zu ertragen hat. Diese Person wird getröstet. Trost kann durch Worte, Gesten und Berührung gespendet werden. Der Schmerz und die Traurigkeit des Getrösteten sollen gelindert werden; er soll spüren, dass er nicht allein gelassen ist; seine seelische Verfassung soll gestärkt werden".

Trost benötigen fast alle Personen in diesem Roman, in dem es vor komplizierten Beziehungen nur so wimmelt. Die zwischenmenschliche Zuwendung untereinander ist dabei zum Teil fragwürdig, dazu  facettenreich wie der Roman selbst, der an zahllosen Klischees entlangschrappt, um sie letztlich feinsinnig zu brechen.

Deutlich wird dies z. B bei Joachim, eine der Hauptfiguren, die um die geistig abwesende Rita kreisen, die von einer Wespe gestochen, als Halbtote im Koma liegt. Spürt sie noch etwas? Spürt sie den Trost von Jane, der Tochter Joachims, zu der sie vormals eine tiefe Bindung hatte? 

Joachim, der eigentlich Trost spenden müsste, immerhin ist er Ritas langjähriger Lebenspartner, sucht vermutlich unbewusst Trost, indem er sich in ein sexuelles Abenteuer mit einer wesentlich jüngeren Frau stürzt. Diese wird ungewollt schwanger und macht Joachim durch diese Tatsache sein Alter-fast 70 Jahre-bewusst. Wer kann ihn trösten? Das im Bauch seiner Mutter heranreifende Kind? Langfristig wohl eher kaum!

Seine erwachsene Tochter Jane, die einzige reife Person unter all den auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen, vermag selbst Trost spenden, wo alle anderen versagen. Eine zutiefst sympathische Romanfigur! Dass Rita sie und nicht Joachim in ihrem Testament begünstigt, wundert mich nicht. 

Über Joachim, den Rita vor dem Wespenstich am liebsten verlassen hätte, liest man: "Ihn quält der Gedanke, dass es den Menschen im Allgemeinen so sehr um Zugehörigkeit geht, dass sie dabei den inneren Kompass verlieren. Wie weit kann Sehnsucht eines Menschen nach dem Dazugehören gehen? Bis zu Vergewaltigungen, zu Folter im Namen des Landes, der Ideologie, der Gruppe? Wenn aber Menschen gar keinen inneren Kompass besitzen, keinen Wunsch nach Integrität, wer hat denn dann versagt? Vater und Mutter? Die Gesellschaft? Oder Gott, den es nicht gibt?"

Eine Frage, über die es sich lohnt nachzudenken und ein Roman, der den Zeitgeist widerspiegelt. Insofern wichtig, wenn auch etwas konstruiert!

Helga König