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Rezension: Alles Boulevard: Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst (Gebundene Ausgabe)

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa wartet in seinem neuen Buch "Alles Boulevard" mit beeindruckenden Essays auf, die dem Leser verdeutlichen, dass Kultur in unseren Zeiten vollständig verramscht wird. Dabei stimmt der Untertitel des Werkes sogleich ein wenig nachdenklich und lässt die Frage aufkommen, habe ich mich bereits verloren und wann ist es geschehen?

Der Autor schreibt, dass die Buchkultur ihre Stellung eingebüßt habe und marginalisiert werde. Diese Entwicklung durften wir hier alle im Netz mitverfolgen und erleben täglich ihre Auswirkungen. Die Buchkultur existiert nur noch am Rande der heutigen Kultur, so Vargas Llosa. Die jetzige Kultur hat fast gänzlich mit der klassischen, humanistischen Bildung gebrochen. Dies muss man einfach zur Kenntnis nehmen.

Unsere Gegenwartskultur steht im Zeichen der Globalisierung. Erstmals wurden in der Geschichte kulturelle Referenzen hervorgebracht, auf die sich Gesellschaften und Individuen aller fünf Kontinente verbindlich beziehen, gleichgültig wie verschieden die jeweiligen Traditionen, Religionen und Sprachen sind. Eine solche Kultur ist nicht länger elitär, gelehrt und exklusiv, sondern stattdessen eine echte Massenkultur. Nun geht es darum, den Menschen zu unterhalten, Vergnügen zu bereiten, eine einfache, allen zugängliche Flucht zu eröffnen, ohne irgendeine Bildung oder kulturelle Orientierung zur Bedingung zu machen. Die Massenkultur entwickelt sich aus der Dominanz des Bildes und des Tons, zum Nachteil des Wortes. Beschleunigt hat sich dieser Prozess durch die sozialen Netzwerke im Internet, (vgl.: S.25).

Vargas Llosa schreibt in der Folge über die Kultur des Spektakels. Darunter zu verstehen ist eine Kultur, in der Unterhaltung das Wichtigste ist, in der Eskapismus und Spaß die allesbeseelenden Leidenschaften darstellen, (vgl.: S.31). All das dürfen wir nicht nur im Internet tagtäglich zu Kenntnis nehmen..

 Einen Satz des Nobelpreisträgers, den ich hier zitieren möchte, ist folgender: "Wenn eine Kultur der Ausübung des Denkens in die Rumpelkammer verbannt und die Gedanken durch Bilder ersetzt werden, sind es Marketingtechniken, die über Wohl und Wehe eines Produktes entscheiden, die konditionierten Reflexe des Publikums, das über keine geistigen und intuitiven Schutzmaßnahmen mehr verfügt, um die Konterbande oder Erpressung zu erkennen, der es zum Opfer fällt," (Zitat S.36).

 Nach einen Jahr Facebook und teilweise sehr guten Erfahrungen mit Künstlern, muss ich in der Gesamtheit meiner Beobachtungen schon feststellen, dass narzisstische Bilderwelten, die seitens gewiefter Marketingstrategen für völlig andere Zwecke eingesetzt werden, mehr als bedenklich sind. Wenn Bilder Sprache ersetzen, kann auf Dauer selbst eine Bildreflektion nicht mehr stattfinden, denn zu dieser benötigt man natürlich Worte. Immer mehr dieser Worte geraten in Vergessenheit.

 Vargas Lllosa hält fest, dass neben der Vermassung Frivolität ein weiteres Merkmal unserer Zeit sei und die Kultur des Seichten und des Flitters, des Klamauks und der Pose nicht genüge, um Gewissheiten und Rituale der Religion zu ersetzen, (vgl.: S. 42). Es ist wohl wahr, in unserer Zeit verschaffen Betäubungsmittel und der Alkohol zeitweilige Ruhe des Geistes. Doch sind diese Sicherheiten und Erleichterungen gleichbedeutend mit dem, was einst durch Gebet und Beichte, die Kommunion und Gebet uns zuteil wurden? Schaue ich mir täglich den Frust und die hohe Aggression vieler Menschen im Netz gerade zum Wochenende hin an, die zu verstärkten Trinkgelagen genutzt werden, dann muss ich bei der Antwort nicht eine Sekunde überlegen. Aus all diesen Menschen schreit die Leere und die Sehnsucht nach Sinn.

Immer häufiger verarmen die Ideen, die ein weiteres Merkmal und treibende Kraft des kulturellen Lebens sind, (vgl.S.45). Unsere Kultur wurde auf dem Altar des Hedonismus geopfert, Spektakel all überall, auch in der Politik.

 Erotik gibt es nicht mehr, so der Autor, sie ist zeitgleich mit der Kritik und der Hochkultur verschwunden, (vgl.S.52). Über die Vorgeschichte dieses Abhandenkommens schreibt Vargas Llosa ausführlich. Ich stimme ihm zu, wenn er resümierend festhält, dass wir, sofern wir möchten, dass die körperliche Liebe dazu beiträgt, das Leben zu bereichern, wir uns von Vorurteilen befreien, jedoch keineswegs von der Form und den Ritualen, die sie veredeln und zu zivilisieren, (vgl.: S.121). Der Autor schreibt u.a. auch über Catherine Millet, einen angesehene Literaturkritikerin in Frankreich und über ihr Buch "Catharine M." und dass hier die Liebe, indem man sie zum Zeitvertreib herabgewürdigt, banalisiert wird, (vgl.: S.133).

 Es ist überall ein Mangel an Ernsthaftigkeit feststellbar. Das zeigen auch seine weiteren Betrachtungen. Wie Vargas Llosa so treffend konstatiert, ist es heute eine Form von Eskapismus, der uns gestattet Problematisches zu ignorieren, Dringliches beiseite zu schieben und in ein "künstliches Paradies" einzutauchen, (vgl.: S.215).

 Leider befürchte ich, man wird diesen Rufer in der Wüste nicht hören, wenn er sagt: "Vertrauen wir einer Software die Bewältigung aller kognitiven Aufgaben an, reduziert dies die Fähigkeit unseres Gehirns, stabile Wissensstrukturen aufzubauen. Mit anderen Worten, je intelligenter der Computer wird, desto dümmer wir selbst." (Zitat S.226).

 Empfehlenswert.

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Rezension: Danke für die Einladung- Hanns-Josef Ortheil

Dass Romancier Hanns-Josef Ortheil kulinarischen Dingen nicht abgeneigt ist, verbirgt er in seinen Romanen nicht, insofern war ich auch nicht überrascht nun ein neues Buch mit dem Titel "Danke für die Einladung" von ihm zu entdecken. Darin befasst er sich ausgiebig mit dem Thema Gastlichkeit und dem Zauber der Hingabe, die ein guter Gastgeber zu verbreiten vermag.

Eingangs bereits vergisst er keineswegs zu erwähnen, dass auch ein Gast seine Pflichten hat. Eine dieser Pflichten besteht darin, ein kleines Geschenk mitzubringen. Ortheil ist davon überzeugt, dass sein neues Buch ein ideales Gastgeschenk ist. Dieser Meinung schließe ich mich nach der Lektüre gerne an.

Das Buch beinhaltet Geschichten, Erzählungen und Überlegungen rund um die Einladung und ist in sechs Abschnitte unterteilt. Diese tragen die Überschriften: 
Das Gastmahl 
Große Tafel 
Bei Goethe zu Gast 
Ideale des Tafelns 
Das Liebesmahl 
Gastgeberfreuden 

Neben den Überlegungen Hanns-Josef Ortheils, die jeden Abschnitt einleiten, hat man Gelegenheit themenbezogene Texte von Homer, P. Ovidus Naso, Petronius, Theodor Fontane, Thomas Mann, Marcel Proust, di Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Caroline Schlegel, Wilhelm Grimm, Friedrich Förster, Carl Holtey, Immanuel Kant, Antonius Anthus, Eugen van Vaerst, Michael Tournier, Julian Barnes, Wäis Kiani, Robert Gernhardt und auch von Ortheil zu lesen.

Der Autor schreibt beispielsweise über die Geburt der frugalen Küche, die auf Philemon und Baucis zurückgeht und durch Schlichtheit besticht. Die Eheleute verzichteten auf Diener, wischten den Tisch mit Minze ab, bevor ihre Gäste kamen und servierten in erster Linie Produkte aus dem Garten. Die beiden waren allerdings wohl eher in der Antike die Ausnahme, denn man verbindet damalige Essgepflogenheiten häufiger mit den opulenten Tafeln eines Trimalchio, die der Schriftsteller Petronius in seinem Text "Das Gastmahl des Trimalchio"(S.23ff) festgehalten hat.

Ortheil erinnert an die bürgerliche, große Festtags-Tafel in seiner Kindheit bei seinen Großeltern, die er als "schwachen Abglanz" der großbürgerlichen Tafeln des neunzehnten Jahrhunderts begreift. Die von ihm näher beschriebene Festtags-Tafel war wohl in den späten 1950er und frühen 1960ern in allen bürgerlichen Familien ähnlich (nichts ging, ohne Markklößchensuppe) und veränderte sich erst allmählich. Reisen in den Süden, aber auch in das Elsass sorgten für eine neue Speisevielfalt, nichs nur wenn Gäste kamen. So meine Bebobachtung.

Sehr schön beschrieben hat Ortheil die Ess-Gepflogenheiten im Hause Goethe in Weimar. Der Dichter hatte nahezu täglich Gäste aus aller Welt und schätzte damals schon die italienische Küche. Mich erstaunt sein Weinkonsum eigentlich nicht, denn er lässt fröhliche Tafelrunden schließen. Seine intellektuelle Leistungsfähigkeit wurde nicht beeinträchtigt. Das hat er hinlänglich dokumentiert. Offenbar brauchte sein Geist den Stoff, um sich kreativ entfalten zu können.

Wilhelm Grimm schreibt über seine Erfahrungen als Gast bei Goethe: "Er war ungemein splendid, Gänseleberpasteten, Hasen und dgl. Gerichte. Er war noch freundlicher, sprach recht viel und invitierte mich immer zum Trinken, indem er an die Bouteille zeigte und leise brummte, was er überhaupt viel thut; es war sein sehr guter Rotwein und er trank fleißig, beßer noch die Frau…",(S. 61)

Ortheil schreibt auch über die neue Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert entstand. Man nannte sie "Gastrosophie". Es handelte sich um vernünftige Überlegungen, was man essen und trinken sollte, dabei sollen Immanuel Kants Reflexionen über "die gute Mahlzeit" eine Art Gründungsurkunde dieses Nachdenkens sein, die – und das unterstreicht Ortheil – "zum Glück nicht aus reiner Theorie hervorging, sondern sich vor allem in die Praxis von Kants eigenen Tischgesellschaften anlehnte," (S.67).

Mit großem Interesse habe ich Immanuel Kants Text "Eine gute Mahlzeit in guter Gesellschaft" gelesen, dem ich in vieler Hinsicht zustimme. Ich liebe Tischgespräche und finde sie auch stets sehr belebend.

Hanns- Josef Ortheils Text "Vom Vergnügen, Kutteln zu kochen" sollte man sich nicht entgehen lassen. Sein Schriftstellerkollege Cees Nooteboom kocht übrigens ebenfalls gerne diese gewöhnungsbedürftige Speise, davon schreibt er in einem seiner Texte, soweit ich mich erinnern kann.

Kutteln aß ich erstmals bei Franz Keller im Rheingau und war überrascht wie gut diese schmecken. Sie selbst zuzubereiten, hätte ich unüberwindliche Berührungsängste, ähnlich jenen, wenn ich einen lebenden Krebs ins kochend heiße Wasser setzen sollte. Dann lieber ein Gastmahl a la Philemon und Baucis .

Ein tolles Buch, das ich gerne weiterempfehle.

   

Rezension:Der Tag ist hell, ich schreibe dir - Tanja Langer

"Ich warf drei Hand voll Erde auf deinen Sarg. Ich warf drei Rosen in dein Grab" (S.383)

Die Autorin dieses hervorragenden Romans - Tanja Langer - war die langjährige Freundin des 1989 ermordeten Bankiers Alfred Herrhausen. Der Romanhandlung setzt sich mit dieser Freundschaft sehr komplex auseinander.

Die Protagonistin Helen lernt kurz vor ihrem Abitur den bereits über fünfzigjährigen Bankier Julius Turnseck kennen. Diese Begegnung liegt zu dem Zeitpunkt als Helen sich entschließt, die Geschichte zu Papier zu bringen, 27 Jahre zurück. Unzählige Briefe hat sie in all den Jahren an Julius geschrieben und gibt dem Leser Einblicke in jene Schriftstücke, die erhalten geblieben sind. Pia, die Gattin des Bankiers händigte ihr diese nebst dem Füller von Julius zwei Jahre nach dem Mord aus. Helen vergisst diese Briefe in den Jahren, die dann folgen und erinnert sich erst wieder dreizehn Jahre später daran, dass sie in ihrem Besitz sind und das auch nur, weil ein Reporter sie aufsuchte und nach Julius fragt.

Die Icherzählerin Helen berichtet zunächst von ihrer Familie, in der sie aufwuchs, von ihrer Arbeit im Restaurant ihrer Eltern, der Gegenwelt zum Gymnasium, das sie mit einem Abiturnotenschnitt von 1,1 verließ. Wenige Tage vor dem Abitur nahm Helen an einer Fernsehsendung teil. Dort wird Julius auf das blitzgescheite Mädchen aufmerksam. Die beiden mögen sich auf Anhieb. Er bittet die Schülerin ihm zu schreiben und sie kommt alsbald seiner Bitte nach. Die junge Helen ist vielseitig interessiert und schreibt ihm von dem, was sie liest und denkt. Sie liest damals Kafka, Kierkegaard, Turgenjew und Camus und grübelt viel, wie sie die Leser wissen lässt.

Als Helen Abitur macht, ist Julius gerade nach Kanada unterwegs. Julius schreibt nur Karten, ansonsten telefoniert er mit ihr. Sie treffen sich fünf Wochen später in einem Hotel in Frankfurt und reden u.a. über Karl Jaspers. Kurz darauf beginnt Helen in München ihr Philosophiestudium. Sie berichtet von ihrer Zeit in München, ihren Begegnungen mit Julius und dessen Gedankenwelt, in die er ihr vertrauensvoll Einblicke gewährt. So sagt er u.a.: "Ein Bankier darf nie die Herrschaft über sich und das Geld verlieren. Wenn er es jemals zulässt, also das Geld oder die Macht von ihm Besitz ergreifen, wird er alles verlieren. Beide, das Geld und die Macht, haben nur einen Sinn, den anderen zu dienen. Sie müssen von einer übergeordneten Idee gelenkt werden." (...) "Es klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, oder altmodisch aber so empfinde ich es nun einmal: Ich möchte, dass es den Menschen in diesem Land gut geht. Und dass unser Land in der Welt geachtet wird." (Zitat. S.99).

Nach der Bankenkrise und all den damit verbundenen Ungeheuerlichkeiten mag man kaum glauben, dass ein Bankier wie Julius nichts anderes als die bloße Fiktion einer hervorragenden Schriftstellerin ist. Wer allerdings die Biografie über Alfred Herrhausen gelesen hat, weiß, dass ein Mensch, der wie Julius dachte und handelte, tatsächlich gelebt hat.

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezension alle die eingefügten Briefe und die Gespräche der beiden zu analysieren. Julius erweist sich als ein sehr interessierter Zuhörer, den erkenntnistheoretische Fragen bewegten, weil sie nach seiner Auffassung den Sinn für Projektionen in die Zukunft schärften. Jene Art von Logik soll er geschätzt haben, die ihn zu ungewöhnlichen Lösungen brachte. Julius vertrat die Ansicht, dass man mit Vernunft alle Probleme lösen könne und dass sie den Menschen zu diesen habe. Diese Überzeugung nannte er seine philosophische Grundhaltung, (vgl.: S.142).

Die Beziehung zwischen Helen und Julius war nicht nur rein intellektuell. Dass die beiden sich auch seelische und körperlich näher kamen, konnte nicht ausbleiben. Gefallen hat mir, wie dezent die Autorin diese Begegnungen beschreibt und damit die Gefühle der Ehefrau von Julius nicht unnötig verletzt.

War Helen eine Art Madame Pompadour? Die in München lebende Philosophiestudentin besuchte recht oft die Alte Pinakothek, um dort einen fiktiven Gedankenaustausch mit Madame Pompadour zu pflegen. Ein Gemälde von Francois Boucher hängt dort im zweiten Stock. Helen glaubt damals, dass sie Antoinette nicht das Wasser reichen kann, aber sie weiß, dass sie ihr in Vielem nicht unähnlich ist. Auch Antoinette las gern, liebte das Theater, die Musik, die Malerei und auch die Philosophie sowie Politik. Doch Helen ist eine junge Frau ihrer Zeit, mit einem völlig anderen Frauenverständnis als es die Rokoko-Dame einst besaß.

 Besonders interessant fand ich Helens Schilderungen der Schulzeit von Julius in der Nazi-Elite-Schule Feldafing. Hier fügt sie Briefe des Schülers ein, die dokumentieren, dass er ganz im Ton der Zeit schrieb und weist darauf hin, dass die Aktivitäten der Geschwister Scholl ganz offensichtlich damals von ihm nicht zur Kenntnis genommen worden sind. Helen fährt nach Feldafing, recherchiert, schreibt dem toten Bankier einen Brief, sehr wohl erkennend, dass sie in einem wortlosen Raum verschollen ist.

Helen schreibt von ihrer persönlichen Entwicklung, ihrem Umzug nach Berlin, ihrem Leben als junge Frau. Vieles aus diesem Leben war ausgeklammert, wenn sie sich mit Julius traf.

In meinen Augen zählen die beiden zu den großen tragischen Liebenden des letzten Jahrhunderts.

Helen berichtet auch von dem Mord an Julius und ihren damit einhergehenden Recherchen und schließlich von dem, was geblieben ist. Seine Stimme in ihrem Herzen.

Ein packender Roman von intellektuellem Tiefgang. Sehr empfehlenswert.
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Rezension: Boca do Inferno: Aleister Crowleys Verschwinden in Portugal (Gebundene Ausgabe)

Dr. Steffen Dix übersetze und editierte im deutschsprachigen Raum einige der wichtigsten Werke des portugiesischen Dichters, Literaturkritikers und Essayisten Fernando Pessoa und befasst sich derzeit mit dessen philosophischen und kunsttheoretischen Fragmenten.

 Das vorliegende Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wird anhand eines Briefwechsels eine sonderbare Begegnung zwischen Fernando Pessoa und Aleister Crowley nachvollzogen. Crowley war ein englischer Magier, der im Spätsommer 1930 einige Wochen mit seiner jungen Geliebten in Portugal verbrachte und am 23. September 1930 dort unter dubiosen Umständen verschwand und zwar an einem außerhalb Lissabons gelegenen Ort, genannt: "Boca do Inferno".

 Das Verschwinden hat damals nicht nur bei der Polizei, sondern auch der internationalen Presse Aufmerksamkeit erregt. Man überlegte, ob es sich um Selbstmord, Mord oder nur eine aberwitzige Posse handelte. Im März 1932 schließlich klärte sich die Angelegenheit auf und zwar aufgrund eines Briefes den Pessoa erhielt.-- Wie Dr. Dix berichtet, wurden im Nachlass des Dichters nicht nur der Briefwechsel, sondern zudem einige Fragmente gefunden, bei dem es sich um einen Ermittlungsbericht eines englischen Privatdetektivs handelte. Diese Dokumente wurden seitens Dr. Dix in eine weitgehend chronologische Abfolge gebracht und sind Gegenstand im zweiten Teil dieses Buches.

Dr. Dix stellt die Geschichte erstmals mittels erzählenden Überleitungen vor in Dokumenten vor, beginnend mit einem Präludium, dem man auch Näheres über Aleister Crowley erfahren kann, der in der heutigen europäischen Kulturgeschichte als eine wohl eher zwielichtige Person betrachtet wird. Wie man erfährt, kannte man Crowley „als hinreichend begabten, aber exzentrischen Dichter und Schriftsteller, als hervorragenden Schachspieler und beachtlichen Alpinisten ebenso, wie er durch seine Mitgliedschaft in verschiedenen Geheimordnen, seine sexuelle Magie mit Partnern beiderlei Geschlechts und seinen respektablen Drogenkonsum berüchtigt war." Sein Vermögen hatte er während seiner vielen Reisen fast vollständig aufgebraucht. Er verstarb 1947 im Alter von 72 Jahren mit den Worten "Ich bin verblüfft".

Diese und viele andere Infos liest man im Vorfeld, bevor man sich auf die Briefe und den Ermittlungsbericht einlassen kann und neben der spannenden Geschichte schlussendlich eine gewisse Vorstellung davon erhält, 
welch Geistes Kind Pessoa war. 

Empfehlenswert. 

Rezension: Die Hure Babylon - Ulf Schiewe

Der Autor Ulf Schiewe hat mit "Die Hure Babylon" seinen dritten historischen Roman vorgelegt.

Bevor ich diesen farbenprächtigen, durchaus nicht unkritischen Roman über den 2. Kreuzzug las, habe ich zunächst den Anhang studiert, sowohl die aufschlussreichen Anmerkungen des Autors als auch das Glossar und das Personenverzeichnis, in dem er die wichtigsten historischen Personen, die im Buch eine Rolle spielen, skizziert und schließlich auch die fikitiven Personen als solche outet.

Arnault de Montalban, der tapfere und dabei äußerst resiliente Protagonist, ist eine Phantasiefigur des Autors. Dieser Adelige ist  im Roman der Geliebte von Ermengarda, der Vizegräfin von Narbona (historische Person, 1127-1197). 

Die Romanhandlung beginnt mit der schönen Romanze der beiden, die eine ehebrecherischer Beziehung zueinander pflegen. Zwei Fehlgeburten Ermengardas lassen Arnault zu der Überzeugung kommen, dass dies eine Strafe Gottes sei. Er entschließt sich Buße zu tun und am 2. Kreuzzug teilzunehmen.

Der berühmte Abt Bernhard von Clairvaux predigt in jener Zeit voller Eifer vom Verlust der Christenstadt Edessa und von den Nöten der Christen in Qutremer, auch wettert er gegen die Türken, die sich erhoben hätten, um das Heilige Land zu bedrohen, (vgl.: S.28). Schiewe zeigt deutlich wie sehr Clairvaux das Volk aufhetzte, indem er die "Türkenbrut" als die Mächte des Satans und als Feinde Gottes bezeichnete, die die ganze Stadt Edessa entvölkert habe, (vgl.: S. 28).

Der Leser wird mit dem Protagonisten und all den anderen vielschichtig angelegten Romanfiguren mit auf den Kreuzzug genommen, erlebt die beschwerliche Reise in das Heilige Land und erhält im Rahmen des abenteuerlichen Handlungsgeschehens immer wieder auch Hintergrundwissen. 1146 entschied sich der französische König Ludwig VII. am Kreuzzug teilzunehmen, auch der deutsche König Konrad der III. war mit von der Partie, die im Jahr 1147 begann und zwei Jahre später ihr unerquickliches Ende nahm.

Schiewe zeigt in seinem Roman, wie die arglosen Christen seitens der Kirchenfürsten und der weltlichen Herrscher durch manipulative Reden gewissermaßen in den Krieg hineingetrieben wurden, wie man  die Kreuzzugteilnehmer gezielt aus Eigeninteresse belog und wie diese verblendeten Menschen zu Tausenden dann sinnlos starben.

Auch Frauen waren bei den Kreuzzügen dabei. Sie mussten damit rechnen, vielfach vergewaltigt zu werden. Schiewe macht das am Beispiel eines  peinigenden Tempelritters fest, dessen Schlechtigkeit ihn als Ausgeburt des Teufels und nicht als jenen auswiesen als das er sich in seinem Gewand ausgab.

Natürlich erlebt man auch Königin Alinor von Frankreich (den meisten wohl eher als Eleonore von Aquitanien bekannt) in diesem Roman. Offenbar hatte sie ein Verhältnis mit ihrem Onkel Raymond in Antiochia. In diesem Zusammenhang bleibt auch die Ehekrise mit Ludwig in Syrien im Erzählgeschehen nicht ausgespart und natürlich liest man auch, welchen Verlauf der Kreuzzug in der Folge nahm.

Immer wieder ist vom Aderlass an Menschenleben die Rede und dass viele Kreuzugteilnehmer an Lungen- und Fleckfieber, an Unterernährung und Erschöpfung starben, (vgl.: S.290). Es bleibt auch nicht unerwähnt, dass der Feldzug, der mit so viel Begeisterung begann, schlecht geplant war und noch schlechter geführt wurde. Man liest von den Seldschuken, die zuschlugen, wie es ihnen gefiel, auch dass die eigenen Anführer sich stritten, grobe Fehler machten und deshalb viele ihr Leben lassen mussten, (vgl.: S.301): mit einem Wort Schiewe hat keinen Lobgesang den 2. Kreuzzug  angestimmt. 

Durch die fiktiven Personen gelingt es dem Autor, all das, was man in Geschichtsbüchern über diesen Kreuzzug liest, mit Leben zu füllen. Der Tod und die Gräueltaten erhalten ein Gesicht und werden greifbar. Menschliche Abgründe, aber auch Mitgefühl und Liebe sind ein Thema für Schiewe, doch vor allem die Enttäuschung derjenigen, die ausgezogen waren, um für Gott zu kämpfen und Edessa zu befreien, damit die christlichen Pilger unbelästigt das Heilige Land zu besuchen vermochten.  Die Kreuzzügler mussten zusehen, wie es der Obrigkeit schließlich unwichtig wurde, Edessa für den Glauben zu verteidigen und  wie  die Anführer das halbe Heer im Stich ließen, aufgrund ihrer Eigeninteressen.

Man liest von den Illusionen, die zerbrachen und von mentalen Veränderungen derer, die überlebten, aber auch von der unzerstörbaren Zuversicht des Protagonisten, der selbst schwer verletzt in einem stinkenden Verlies die Hoffnung nicht aufgab, weil sein Herz voller Liebe zu Ermengarda war, die er unbedingt wiedersehen wollte... 

 Ein berührender Roman, der aufzeigt, dass es keinen Grund gibt, Kreuzzüge zu glorifizieren, aber auch dass Glaube, Liebe und Hoffnung die drei wirklichen göttlichen Tugenden sind, auf die man bauen kann.

 Empfehlenswert.

Links zu  Ulf Schiewe: www.ulfschiewe.de
Ulfs Blog


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Rezension: Briefe an Poseidon - Cees Nooteboom

"Je mehr wir schauen, um so mehr wissen wir. Je mehr wir wissen, um so größer wird das Rätsel."

Der von mir sehr geschätzte niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom wartet in diesem Herbst erneut mit sehr fantasiereichen, sprachlich begnadeten Texten auf, mittels denen er seinen Lesern Einblicke in seinen hochgebildeten Kopf gewährt.

Der das Meer liebende, weitgereiste Niederländer schreibt dem griechischen Meeresgott Poseidon 23 Briefe, die begleitet werden von unzähligen essayistischen Betrachtungen zu Gelesenem, Gesehenem und Erlebten. Interessant dabei sind die Zusammenhänge und Verknüpfungen, die der Autor voller sprachlicher Raffinesse herstellt

Berührt hat mich, dass Nooteboom gleich zu Beginn den von mir ebenfalls sehr geschätzten Schriftsteller Sándor Márai erwähnt und von dessen Selbstmord im hohen Alter berichtet. Márai war Kosmopolit, ganz ähnlich wie Nooteboom. Der Ungar las zu Ende seines Lebens Aristoteles, den griechischen Philosophen, von dem ich gerne wissen würde, wie er über die Briefe an Poseidon denkt. Er kann es mir nicht sagen, denn er lebt nur noch in seinen Büchern. Während ich mir dies bewusst mache, fallen mir sofort wieder die Eingangssätze aus einem der Essays ein. Hier fragt der Nooteboom: "Ist einer, der bereits mehrere Tausend Jahre tot ist, genau so tot wie ein im Vorjahr verstorbener? Gibt es eine Hierarchie im Totenreich, wonach ein älterer Toter einen anderen Status hat als ein Neuankömmling, der noch nicht von der Ewigkeit berührt worden ist, sondern noch nach Zeit riecht, nach Leben?" (S.69). Eine interessante Frage, nicht nur bezogen auf Aristoteles, die uns nicht beantwortet werden kann, weder von Poseidon, noch von einem anderen Gott. Doch wenn die Ewigkeit kein gedankliches Konstrukt der Menschen ist, dann dürfen wir hoffen, dass es dort keine Hierarchien gibt, alles frei von Zeitmustern nebeneinander existiert, ganz ähnlich, wie die vielen Erinnerungen Nootebooms, die er spielerisch in seine Texte einfließen lässt und die sich dort zu etwas Neuem gestalten, das den Leser in den Bann zieht.

 Die fiktiven Briefe an Poseidon bezeugen die umfangreichen Kenntnisse Nootebooms im Hinblick auf die griechische Mythologie, während er in den Essays dazwischen sich u.a. in seinen Erinnerungen im Prado aufhält und sich dabei Gedanken über ein Gemälde von Peter Snayers macht. Das Motiv stammt aus dem Jahre 1641. Sieht der Betrachter nun Geschichte oder Kunst oder beides? Der Essay endet mit dem Satz: "Aber er weiß nichts von dem Atem, der an jenem Morgen aus unseren Mündern drang, nichts von dem Geschrei der Krähen, von dem Hufen der Pferde auf dem gefrorenen Boden." Ja, nicht alle sinnlichen Wahrnehmungen können über die Jahrhunderte hinweg, sei es durch Bilder, Musik oder Bücher transportiert werden. Es bleibt immer etwas in der Vergangenheit zurück als unentschlüsselbares Geheimnis, etwas, was zum Schreiben inspiriert und dem Dichter oder Schriftsteller künstlerische Freiheiten lässt

Nooteboom erzählt Poseidon von einer Zeichnung Leonardo da Vincis, fragt ihn, ob die Götter lesen und ob er Seneca kenne. Hätte der Schriftsteller hier nicht besser den römischen Gott des Meeres "Neptun" gefragt? Vielleicht hätte dieser bereitwilliger geantwortet. Der Niederländer berichtet Poseidon auch von Kafka, der ein bestimmtes Bild von dem griechischen Gott prägte, das wohl über jenes von Homer gesiegt hat und fragt ihn wenig später, wie langsam ein Ertrinkender in die Tiefe des Meeres sinke und ab wann auf ihn seitens der Tiere Jagd gemacht werde. Solche Fragen müsste Poseidon spontan beantworten können, doch er schweigt.

 Ganz sicher ist sich Nooteboom nicht, ob dieser Gott nur eine Kopfgeburt unserer Vorfahren war oder ob er nicht eines Morgens auf einem Felsen dessen Dreizack findet. Doch was dann? Wird es dann ein weiteres Buch geben mit dem Titel "Briefe von Poseidon"? Als Leserin wünsche ich mir dies natürlich sehr.

 Ein wunderbares Buch eines hinreißenden Erzählers.

Helga König

Rezension:Das dreizehnte Kapitel (Gebundene Ausgabe)

Martin Walser hat mit seinem Briefroman "Das dreizehnte Kapitel" keinen Liebesroman, sondern einen Roman über die Liebe vorgelegt. Er nimmt dabei Bezug auf den 1. Brief der Korinther, Kapitel 13, dem Hohelied der Liebe und zeigt anhand seiner Beziehungskonstruktionen, in welcher der Beziehungen man von wahrer Liebe sprechen kann. 

Der wortgewaltige, selbstverliebte Schriftsteller Basil Schlupp ist zu einem Festessen beim Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue eingeladen und zwar gemeinsam mit seiner Ehefrau Iris. Bei Tisch hat er nur Augen für Maja Schneilin, einer Professorin für evangelische Theologie. Sie ist auch verheiratet und ebenfalls mit ihrem ehelichen Pendant zugegen.

Basil, der verbale Verführer, setzt sich in Szene, um die Aufmerksamkeit der blitzgescheiten und dazu offenbar noch optisch attraktiven Theologin zu erringen, doch diese nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Stattdessen konzentriert sie sich höflich auf ihren Tischherrn. Bei ihm handelt es sich um einen Hirnchirurgen, der sie pausenlos mit allerlei Späßchen zu erheitern sucht. 

Der Ich-Erzähler Basil Schlupp beschreibt die Veranstaltung auf Bellevue haarklein im Vorspann zu dem anschließend dargebotenen Briefwechsel und erweist sich hier als gekonnter Chirurg der Szenerie. Wortreich seziert er die Veranstaltung und lässt den Leser an seinen Eindrücken, die nicht frei von Ironie sind, teilhaben.

Der selbstverliebte Gockel pirscht sich im ersten Brief an Maja, diese arglos stimmend, als "verheirateter Mann" heran. Dabei sucht er den gedanklichen Austausch mit ihr und zwar in erster Linie, um sie für sich einzunehmen. Er kann es offenbar nicht ertragen, nicht gesehen zu werden und leidet daran, von Maja übersehen worden zu sein. Seine Bemerkung "Ich sah Sie und war verloren", (Zitat S. 183), sollte man m.E. nicht als Liebeserklärung an Maja auffassen, sondern als Beschreibung eines Gefühlszustandes, den Basil hatte, als ihm nicht die nötige Aufmerksamkeit gezollt wurde. 

Der Schriftsteller beginnt in seinem Briefwechsel sogleich Begebenheiten aus seiner Ehe auszuplaudern und mittels dieses Verrats seine Briefpartnerin allmählich, scheinbar für sich zu gewinnen sowie ferner die Theologin zu analogem Verrat zu motivieren. Das macht er wirklich gekonnt. Der Verrat und die damit verbundene Erhöhung des Gegenübers schafft die Nähe, die der Wortverführungskünstler braucht. Dass er sich an Maja die Zähne ausbeißen wird, ahnt er noch nicht. 

 Natürlich findet der Dialog, der sich zwischen beiden Intellektuellen entspinnt, auf höchstem Niveau statt. Maja bekennt hier u.a. dass eine Empfindung, die religiös genannt werden kann, das Erlebnis vollkommener Geschichtslosigkeit sei. Mit einem Wort, das reine Hier und Jetzt. Ansonsten nichts, (vgl.:S.75). Demnach ist die Liebe für die Theologin eine religiöse Empfindung. Genau diese aber stellt sich bei den beiden Briefeschreibern zueinander nicht ein. 

Zwar sagen sie einander, was sie keinem Dritten sagen können und was sie ungesagt jedoch nicht zu ertragen in der Lage sind, analysiert Maja messerscharf, doch daraus ergibt sich noch lange nicht die seelische Nähe, die Liebe möglich macht. Die Nähe bleibt eine rein gedankliche.

Motiv des Briefwechsels ist für Basil m.E. in erster Linie eine seelische Verletzung, die durch das Verhalten seiner Gattin Iris herbeigeführt wurde, durch die er sich verraten. Basil verrät insofern seine Ehe, weil er sich von Iris verraten fühlt. Das aber wagt er nicht zu sagen und schon gar nicht sich einzugestehen. Der Katholik beichtet der evangelischen Theologin den entdeckten Verrat, den seine Frau an ihm immer wieder begeht, indem sie sich mit ihrer alten Liebe, die mittlerweile schwerkrank ist, stets aufs Neue trifft und dieser Beziehung offenbar ein Buch zu widmen sucht, das den Titel "Das 13. Kapitel" trägt. Immer dann, wenn eine Begegnung mit ihrer alten Liebe stattfand, spricht sie einige Tage nichts mit Basil, tut Buße, wenn man so will, verordnet sich Schweigephasen, um sich dann erneut in ihre Ehe einbringen zu können. Für Iris ist die Liebe demnach ein religiöses Gefühl. 

Sie findet offenbar bei ihrer alten Liebe etwas jenseits allem Geschlechtlichen, was Basil nicht zu geben vermag, denn der Schriftsteller kann zwar prophetisch reden, weiß viele Geheimnisse, hat Erkenntnis, etc., besitzt aber keine erkennbare Liebesfähigkeit und ist klug genug, um zu wissen, dass ihm damit alles fehlt. Maja, auch Iris verfügen über die höheren Gnadengaben, von denen im Hohelied gesprochen wird. Sie ertragen alles, glauben alles, hoffen alles und halten allem stand. 

Der Leser wünscht Basil, dass auch ihm die höheren Gnadengaben zu Teil werden. Dazu ist es aber notwendig, sich seiner Eitelkeiten zu entledigen. Solange ihm dies nicht gelingt, bleiben seine Buchstabenketten Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit. In seiner Wirklichkeit gibt es nur Gedanken an die Liebe, doch Basil ist leider nicht erfüllt von ihr. Insofern ist er eine tragische Gestalt. Empfehlenswert. 

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Rezension:Skidoo: Meine Reise durch die Geisterstädte des Wilden Westens (Gebundene Ausgabe)

Der in der Normandie geborene Schriftsteller lebt in Olten in der Schweiz. Auf seine Homepage zitiert er eingangs die F.A.Z., die über ihn schreibt, dass ihn ganz alte Themen interessieren: die Verheißungen und Hindernisse des Glücks.

Damit hat die F.A.Z nicht Unrecht, auch was das neue, originell aufgemachte Büchlein anbelangt. Hier erzählt Capus u.a. von Menschen, in vergangenen Jahrhunderten in die U.S.A ausgewandert sind und was sie dort erlebten. Es sind Geschichten fernab der Räuberpistolen, die uns in Hollywood-Western einst präsentiert wurden.

So liest man viele Passagen, die nachdenklich stimmen, wie etwa: "Ich stelle mir den Schrecken der ersten Goldgräber von 1849 vor, die noch nie im Leben einen leibhaftigen Bären gesehen hatten, weil sie wenige Monate zuvor noch Straßenbahnschaffner in Nürnberg oder Polizeiwachmeister in Paderborn oder Bauernknecht in Niederbibb waren'.." und hat Gelegenheit alte Bilder zu betrachten von den Menschen, von denen der Autor berichtet.

Besonders nachdenklich hat mich der Bericht über die Hopi gemacht, die mittels einer kleinen Lüge im 16. Jahrhundert, sich weitere zweihundertfünfunddreißig Jahre Ruhe vor den spanischen Invasoren verschafften. Über diese Geschichte ließe sich lange diskutieren.


Die Verheißungen und Hindernisse des Glücks haben in den Siedlerjahren im Wilden Westen Menschen, zu dem werden lassen, was in ihnen steckte. Vielleicht ist es notwendig, an seine Grenzen zu gehen, um den Kern seines Wesens in Erfahrung zu bringen. Wozu sind wir in der Lage und was treibt uns an?

Empfehlenswert.


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Rezension: Joano Strasser: Die schönste Zeit des Lebens (Gebundene Ausgabe)

"Der Traum vom Weggehen, vom leichthändigen Abschiednehmen. Man tritt hinaus aus dem Bannkreis der Nacht in den hellen Tag alle Dinge glänzen, als wären sie soeben erst aus Dunst und Nebel ins Leben gerufen worden." (Zitat S. 95)

Autor dieses Romans ist der Präsident des deutschen P.E.N., Dr. Johano Strasser. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das mich so gefangen genommen hat. Die Handlung ist gesellschaftskritisch angelegt und mit vielen lebensklugen Überlegungen angereichert, wie sie nur ein in die Jahre gekommener Philosoph zu Papier bringen kann.

Protagonist des Romans ist der Zivildienstleistende Robert, der noch nicht genau weiß, was oder ob er überhaupt studieren soll. Der junge Mann ist der Sohn aus unvermögendem Hause. Seine nicht akademisch vorgebildeten Eltern können ihm keine Hilfestellung bei der Berufswahl geben. Roberts Vater ist aufgrund eines Betriebsunfalls in die Frühpension geschickt worden und leidet, weil er sich aufs Abstellgleis geschoben fühlt. Er vermutet gar, man habe seitens der Firmenleitung den Unfall bewusst herbeigeführt, um ihn loszuwerden, noch vor der drohenden Entlassungswelle. Seither macht er sich im nicht abbezahlten Eigenheim nützlich und lebt in ständiger Angst, dass die dafür monatlich notwendigen Raten nicht aufgebracht werden können.

Roberts Mutter geht putzen, um die finanziellen Löcher in der kleinen Familie zu stopfen. Dabei hofft sie, dass es wieder anders wird. Ihr Sohn, der die kleinbürgerliche Enge, die Trostlosigkeit und die Spannungen im Elternhaus schon lange nicht mehr ertragen kann, ist noch nicht ausgezogen, weil er seiner Mutter die letzte Hoffnung, die er letztlich ist, nicht nehmen, möchte. Robert fühlt sich gefangen und sehnt sich nach Freiheit.

Man lernt den jungen Mann als sehr nachdenklich und hilfsbereit kennen und ist erschüttert, von dem was er im Rahmen seines Zivildienstes bei der Betreuung alter Menschen mitunter erleben muss. Über diese Erlebnisse und Erfahrungen kann er mit keinem sprechen und muss dies alles mit sich selbst ausmachen. Vielleicht aber fördert genau das seinen frühzeitigen Reifeprozess.

Seine Freunde sind anders als er selbst. Durch einen dieser Freunde gar gerät er in eine Situation, die ihn in große Gewissenskonflikte bringt. Diesbezüglich erlaube ich mir eine kleine Passage aus dem Roman zu zitieren: "Das Böse ist etwas Dunkles, Drohendes, das um uns herum immer anwesend ist, das plötzlich und ohne Vorwarnung über uns herfällt, eine übermächtige, betäubende Gewalt. Man kann ihm eine Zeitlang aus dem Weg gehen, sich davor ganz schützen kann man nicht. Am besten ist es, man macht sich klein, um nicht aufzufallen, um möglichst unsichtbar zu sein. Und wenn es trotzdem über einen hereinbricht, muss man es über sich ergehen lassen und warten bis es vorbei ist." (Zitat: S. 78).

Dass das Leben Böses und Gutes für jeden von uns bereithält, lernt der Protagonist auf vielfältige Weise schon in seinen jungen Jahren zu begreifen. Zu den positiven Erfahrungen zählt seine erwiderte Verliebtheit in Fari, eine Schönheit persischer Herkunft, die als Krankenschwester arbeitet, jedoch noch weitaus mehr seine Bekanntschaft mit der alten hochgebildeten Jüdin Frau Sternheim, die er als Zivildienstleistender betreut und ihr aus ihren Büchern vorliest.
Durch diese liebenswerte Dame lernt er nicht nur Rilke und andere Dichter sowie Schriftsteller schätzen, sondern auch zu erahnen, was Seelenverwandtschaft bedeutet. Ein solche nämlich bindet ihn an Frau Sternheim, die in ihm auch einen Sohn sieht und ihm nicht nur kluge Ratschläge mit auf seinen Lebensweg gibt. Eine wichtige Erkenntnis ihres Lebens besteht darin, "dass es die Liebe ist, die uns zu uns selber führt: Die Liebe zu den Menschen, zu den Dingen, zur Natur, zur Literatur..."(Zitat: S. 185).

Man freut sich, dass die vermittelten Lebensweisheiten der alten Jüdin bei Robert auf fruchtbaren Boden fallen und er in der Lage ist, dort zu verzeihen, wo andere möglicherweise nicht dazu in der Lage sind. Ein Mensch mit einem solchen Potential an Liebesfähigkeit wird sich so schnell von dem Bösen, dass das Leben für uns alle bereit hält, nicht erschüttern lassen.

Wenn es eine Botschaft in diesem Roman gibt, dann diese, dass wir alle lieben lernen und vergeben sollten.

Empfehlenswert.

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Rezension:Das Alphabet der kleinen Freuden (Gebundene Ausgabe)

Das erste Buch von Max Kruse habe ich vor gut zwei Jahren rezensiert. Es handelte sich hierbei um Die Tage mit Jantien, einen sehr schönen Roman, den ich gerne gelesen habe. Heute nun, das bemerkenswerte Büchlein "Das Alphabet der kleinen Freuden".

Ich bewundere die Lebensklugheit des über 90 jährigen Autors Max Kruse, dessen Eltern die Puppenkünstlerin Käthe Kruse und der Bildhauer Max Kruse waren. Der hochgeehrte Schriftsteller schreibt in seinem Buch über all jene Dinge, die bei uns Menschen Freude auslösen.

Seine Themen sind: Anfangen, Briefe, Charme, Denken, Erinnerung, Freundschaft, Gedichte, Hoffnung, Interesse, Jugend, Küssen, Lesen, Morgen, Nachgeben, Opfern, Pfeifen, Quatschen, Reisen, Sehen, Schweigen, Trinken, Unterhaltung, Versuchen, Wünschen und Zärtlichkeit.

Kruse lässt uns wissen, dass Leser nach seinen Erfahrungen mit fortschreitendem Alter bevorzugt Tagebücher, Memoiren und Briefe bedeutender Menschen lesen, möglicherweise noch lieber als Romane. Dabei hebt er hervor, dass im Brief, der an ein Gegenüber gerichtet ist, sich die Menschen am persönlichsten ausdrücken, mit dem gesamten Reichtum ihres Herzens, mitunter nur in wenigen Worten, (vgl.: S.11). Er reflektiert die Situation, in der man Briefe schreibt und weshalb man sich schriftlich sogar an ein Gegenüber richtet, das mitunter Wand an Wand mit uns wohnt.

Ich kannte einen Menschen, der sehr viel Wert auf die Erinnerung legte. Kruse meint Erinnerung vermöge uns zu helfen, eine schlimme Zeit zu überstehen, weil sie in der Lage sei, trübe Tage zu erhellen. Damit hat er nicht Unrecht. Wer sich in der Vergangenheit bewegt, hat nichts wirklich verloren, sondern gewinnt täglich alles neu. Doch wie ist es mit dem Jetzt? Beginnt man es möglicherweise nicht wirklich wahrzunehmen, wenn man seinen Blick allzu sehr ins Gestern lenkt?

Sehr gut gefallen haben mir Kruses Gedanken zur Freundschaft. Es stimmt, ein Leben ohne starke Freundschaft ist arm und zwar arm vor allem am eigenen Herzen, an der Liebes- und Ausstrahlungsfähigkeit. Wenn man schon ein wenig älter ist, dann erkennt man, dass Freundschaft beinahe mehr ist als Liebe, wie der Autor so treffend bemerkt. Es fehle das Begehren, der Anspruch, doch die höchste Form der Liebe sei jene, wenn die Liebenden auch Freunde geworden sind. Das kommt vor. Dies kann ich bestätigen. Bejahen kann ich auch, dass dann das Beste gewonnen ist.

Beim Lesen der vielen tiefsinnigen Gedanken, wird mir mal wieder klar, wie wichtig es besonders in jungen Jahren ist, Menschen mit Lebenserfahrung zuzuhören und von ihnen zu lernen.

Lassen Sie bitte nachstehende Sentenz Max Kruses auf sich wirken und ziehen Ihre Schlüsse daraus:

"Hoffnung ist das einzige wirklich sichere Heilmittel bei Niedergeschlagenheit, bei Depressionen und Traurigkeit, deswegen sollte man sich darin üben zu hoffen. Lernt hoffen!" (Zitat: S.37)

Empfehlenswert.
 
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