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Rezension: Das Wunder des San Gennaro. (Taschenbuch)

"Das Wunder des San Gennaro" ist ein im Grunde handlungsarmer, dafür jedoch hochgradig gedanklicher Roman, der sich mit dem zweifelnden Individuum in der vermassenden Welt der Diktaturen befasst.
Anfang der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gelangen zwei Intellektuelle, ein Mann und eine Frau, - Flüchtlinge aus Osteuropa - nach Neapel. Sie empfinden sich selbst als "displaced persons", Menschen, die nirgends mehr wirklich ankommen wollen und können, weil sie endgültig und bedingungslos ihre Heimat, die man in erster Linie als geistige zu begreifen hat, verloren haben.



Die Nazi-Zeit und den Stalinismus haben sie erlebt, wie auch überlebt und haben mit ansehen müssen, wie die europäische Kultur, die auf der Freiheit des Individuums beruht, zu Grabe getragen worden ist. In Dialogen mit einem Franziskanermönch übt der eine harsche Kritik am Faschismus als auch am Kommunismus und entlarvt die grenzenlosen Machtbestrebungen der Akteure beider Ideologien, von denen man die versprochene Erlösung nicht zu erwarten hat. Den Intellektuellen quält die Frage, wie man die allgemeine Hoffnungslosigkeit auflösen kann. Italien ist das Land der Heiligen und der Wunder. So erlebt man etwa am 19. September das Wunder des San Gennaro.

Aufgrund eines irritierenden Glaubensaktes der Wundergläubigen beginnt das erstarrte, in einem Behältnis aufbewahrte Blut des Märtyrers zu quellen. Von diesem Wunder lässt sich der Intellektuelle inspirieren. Er kommt zu dem Ergebnis, dass er, den Märtyrern gleich, durch Selbstopferung seine Mitmenschen von dem Übel der Vermassung zu erlösen vermag. Beseelt von dieser Erkenntnis handelt er.....


Marai zeichnet wunderbare Miniaturen Italiens, beschreibt die Freundlichkeit der dort lebenden Menschen und zeigt, wie großzügig die Armen Neapels gegenüber Fremden sind. Der Autor spricht über ein altes, reifes Volk, das gelernt hat die Chancen des Augenblicks zu nutzen und durch seine Wundergläubigkeit die Hoffnung nie zu verlieren.Dieses faszinierende Buch hat der große ungarische Schriftsteller in erster Linie den armen Leuten Posillipos gewidmet, die er zu Beginn der 50er Jahre, während seines Italienaufenthaltes kennen- und schätzen gelernt hat.

Rezension:Am liebsten nach Süden: Unterwegs in Europa (Gebundene Ausgabe)

"Am liebsten im Süden" enthält Reiseerinnerungen der Schriftstellerin Sybille Bedford, die vor zwei Jahren im Alter von 94 Jahren in London verstorben ist. Sofern Leser die hervorragenden Romane Bedfords noch nicht kennen, es handelt sich hierbei um Milieustudien der Upperclass, werden sie dennoch bei der Lektüre dieses Buches sehr rasch feststellen, dass es sich bei dieser Schriftstellerin um eine hochgebildete, sehr kultivierte Intellektuelle handelte, die das "Savoir-vivre" zu schätzen wusste und als Weinkennerin wie auch Liebhaberin feiner Gaumengenüsse gerne im Kreise von Freunden das Leben genoss.

Bedford scheint den Dichter Arthur Rimbaud geschätzt zu haben, denn sie stellt ihren Reisereportagen ein Gedicht dieses Poeten voran. Ihre Erinnerungen beginnen mit einer Reportage aus dem Jahre 1948 und enden mit einem Reisebericht aus dem Jahre 1978. Interessant ist es auszuloten wie sich der Blickwinkel beim Reisen seitens dieser Dame im Laufe der Jahre verändert. 1948 auf Capri berichtet sie von ihrer Begegnung mit der Kriegsreporterin Martha Gellhorn. Von ihr ist sie begeistert, weil sie alle Eigenschaften einer Frau besitzt, die bei einem Betrachter das Gefühl hinterlassen unter einem "Tausendfünfhundert-Watt-Kronleuchter" (Zitat Bedford) zu stehen. Ihr Capri-Bericht steht letztlich noch unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges.
Auch ihre Reise, die sie 1953 in die Schweiz unternimmt, zeigt nur verhaltene Lebenslust. Dies ändert sich allerdings einige Jahre später deutlich.

Sehr bemerkenswert sind ihre Reiseschilderungen aus dem Jahre 1961. Sie reist nach Frankreich sowie Italien und gibt der Reportage nicht grundlos den Titel "Die Kunst des Reisens". Für Bedford bedeutet Reisen zunächst einmal eine Auseinandersetzung des Ichs mit der Welt. Sie erläutert dezidiert, woraus diese Welt für sie besteht und was das Ich möchte. Die Schriftstellerin hat demnach eine konkrete Vorstellung von dem, was sie will, gleichwohl räumt sie ein, dass sie auch das Unerwartete finden möchte, das allerdings nicht irritieren darf. Reisen soll ein harmonischer und damit ein angenehmer Zustand sein. Sie reflektiert das Reisen in vorangegangen Zeiten und befasst sich mit dem Begriff des Komfort, der ihr nicht unwichtig ist, um in der Folge über die Hotels, Restaurants, das Essen und den Wein zu schreiben, den Dingen, denen bei ihrer damaligen Reise das Hauptaugenmerk galt.

Ihre lukullischen Betrachtungen in der Normandie habe ich mit großem Interesse gelesen, nicht zuletzt, weil ich Ende der 70er Jahre als Studentin durch die Normandie trampte und teilweise - obschon zwei Jahrzehnte vergangen waren - ähnliche Erfahrungen sammeln konnte. Sie schreibt über den Cidre und meint er begünstige eine grüblerische, mürrische, suizidale Form von Trunkenheit und ist skeptisch im Hinblick auf den normannischen Hang zur Butter und Sahne. Ihre Bedenken gipfeln in der These, dass Gefräßigkeit und Habgier oft an in Hand in Hand gehen. Eine wahrlich subtile Spitzzüngigkeit gegenüber den Bewohnern der Normandie. Sie reist vom Norden Frankreichs in den Süden, fährt weiter nach Italien, schreibt vom Wein und den landestypischen Speisen, um schließlich Rom und Florenz zu besingen. Die Portraitskizze Dänemarks im Jahre 1962 thematisiert Eigentümlichkeiten dieses Landes, hat die Architektur im Auge und geht der Frage nach, ob die Dänen schon immer ein friedliebendes Volk gewesen sind. Haben die Dänen religiöse Toleranz praktiziert?

Es ist unmöglich all die im Buch beschriebenen Reisen hier kurz zu skizzieren, allerdings möchte ich noch einige Worte zu der Reportage "La Vie de Chateau" sagen. Diese Reportage ist übrigens auch als Einzelband im Handel erhältlich. 1978 reist Sybille Bedford nach Bordeaux, um dort an einer Weinverkostung teilzunehmen. Sie verkostet bei Lafite und bei Chevalier: Latour, Margaux, Mouton..., die Premier Grand Crues der Region. Nicht unerwähnt lässt sie dabei, dass ihre wahre Liebe, dem Medoc, dem Graves, dem Pomerol und dem Sauterne gehört. Bedford hatte einen ausgereiften Weingeschmack, das lässt sich nicht bezweifeln. Das Buch ist ein Lese-Highlight für Menschen, die das schöne Leben lieben. Einen Satz der Grande Dame möchte ich zum Schluss zitieren, der mir besonders gut gefallen hat: "Venedig ist eine Stadt für das Auge, ein Ort ekstatischer Streifzüge, ein Ort des Begehrens."

Empfehlenswert.

PS: Die Übersetzung der Reisereportagen aus dem Englischen von Matthias Fienbork ist stilistisch ein Hochgenuss. Überzeugen Sie sich bitte selbst.

Rezension: Der Flug der Königin- Tomas Eloy Martinez

Der neue Roman des lateinamerikanischen Schriftstellers Tomas Eloy Martinez spielt im Journalistenmilieu Argentiniens während der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dr.Camargo, der Protagonist, ist Chefredakteur einer bedeutenden argentinischen Zeitung, ein gefürchteter Intellektueller, der sich erfolgreich bemüht, politischen Ungereimtheiten und Korruptionsfällen jedwelcher Art nachzugehen und diese ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.


Der beruflich talentierte Mann verfügt in seiner Persönlichkeit allerdings über eine Fülle psychischer Schwachstellen, deren Ursachen, wie der Autor den Leser wissen lässt, in dessen Kindheit liegen. Camargo empfindet sich von seiner Mutter im Stich gelassen, nachdem diese sich von seinem Vater getrennt hat, ohne daraufhin Camargo in ihr weiteres Leben einzubinden. Dies kann der Sohn nicht verzeihen. Verraten fühlt er sich. Dennoch ist er sein ganzes Leben auf der Suche nach der großen Liebe seiner Kindheitstage.

Als Dr. Camargo an seinem Arbeitsplatz auf die begabte, junge Journalistin Reina Remis aufmerksam wird, verliebt er sich in sie und fördert ihre Karriere. Immer intensiver versucht er Reina in seinen Bann zu ziehen und sie dabei in jeder Hinsicht zu kontrollieren. Doch Reina geht, ziemlich überstürzt, eine Beziehung zu einem kolumbianischen Journalisten ein. Beim Versuch mit Camargo zu brechen, entgleist dieser daraufhin psychisch und hat nur noch eines im Sinn: er will Reina zerstören, um sich ihr anschließend gönnerhaft zuwenden zu können. Ob seine perfide Strategie aufgeht, erfährt der Leser auf den letzten Seiten des Romans....

Dr. Camargos Kontrollzwänge, deren tiefere Ursache, wie Martinez mutmaßt, Verlassenssängste sind, zeigen sich nicht nur in seiner Liebesbeziehung. Auch an seinem Arbeitsplatz agiert dieser Mensch nahezu psychopathisch und hat keine Probleme damit seine Macht zu missbrauchen, wenn es darum geht alles im Griff zu behalten.

Neben der Rahmenhandlung, in der sich der Autor unter anderem mit "machismo" und in dessen Folge eindringlich mit der Würde der Frau auseinandersetzt, befasst sich Martinez in diesem Buch außerdem mit Waffenhandel, den unzähligen Facetten von Korruption seitens der politischen Elite Argentiniens und den verheerenden Folgen für die Nation. Auch spricht der Autor die Mittel an, mit denen das Volk durch die herrschende Klasse manipuliert wird. Religiöse Täuschungsversuche sind in einem Land , in dem der Glaube eine zentrale Rolle spielt, eine Möglichkeit das Volk auf seine Seite zu ziehen. Wie der Autor bedeutet, macht der Präsident dieses Staates davon ungeniert Gebrauch. Eine Besonderheit des Romans zeigt sich in der fortwährenden Duplizität von Ereignissen oder Personen. Durch diesen Kunstgriff scheint der Autor zeigen zu wollen, dass dies, was sich im Roman ereignet, überall und immer wieder geschehen kann.

Ein empfehlenswerter Roman, eines bemerkenswerten Schriftstellers.

Rezension:Ein liebender Mann (Gebundene Ausgabe)


Ich erlaube mir meiner Rezension zu Martin Walsers Buch "Ein liebender Mann" in dem der Schriftsteller der letzten Liebe Goethes nachspürt, einen Auszug aus Wikipedia voranzustellen. Hier erfährt man Fakten zu Person Ulrike von Levetzow, der Frau, die Goethe in unvorhersehbare Gefühlsaufwallungen versetzte und Walser zum Schreiben seines neuen Romans veranlasste. Ich finde diese Fakten sollten dem Leser nicht vorenthalten werden:


"Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) verliebte sich im Jahr 1821 während eines längeren Kuraufenthaltes im mondänen Marienbad in die erst siebzehnjährige Ulrike von Levetzow. Zum letzten Mal in seinem Leben verspürte er "eine große Leidenschaft". Auslöser dafür war mit einiger Gewissheit auch sein Wunsch, die starken Affekte seiner Jugend wieder zu erlangen. Goethe setzte sich zeitlebens nicht ausreichend mit Endlichkeit und Tod auseinander, die Sterblichkeit des Menschen - und damit auch seine eigene - wurden von ihm verdrängt. Dies zeigt sich besonders plakativ darin, dass er selbst den Tod ihm nahestehender Personen schlicht nicht zur Kenntnis nahm.

Somit lässt sich das Ansinnen, als über Siebzigjähriger mit einer fast noch Jugendlichen eine Liebesbeziehung einzugehen, als Versuch der Flucht vor Alter und Tod deuten. Bei einem Zusammentreffen zwei Jahre später (1823) veranlasste Goethe Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828), in seinem Namen um die Neunzehnjährige zu werben. Seinen Schmerz über die Abweisung des Heiratsantrags drückte Goethe in seiner "Marienbader Elegie" aus, mit deren Niederschrift er bereits im September 1823 während der Abreise von Böhmen nach Thüringen begann und von deren Existenz Ulrike von Levetzow erst nach Goethes Tod erfuhr. Goethe trug in sein Tagebuch am 19. September 1823 ein: "Die Abschrift des Gedichts vollendet." Der "Elegie" stellte er das dem Tasso entlehnte Motto voran: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt / Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide."

Ulrike von Levetzow gab später in ihren kurzen "Erinnerungen an Goethe" an, dass sie "gar keine Lust zu heiraten" verspürt habe, und tatsächlich blieb sie bis zu ihrem Lebensende unverheiratet. Dass ihr ein Liebesverhältnis zu Goethe nachgesagt wurde, ärgerte sie, und sie wies es deutlich zurück. Demnach habe sie Goethe bloß "wie einen Vater" lieb gehabt. Noch im Alter schrieb sie in einer autobiografischen Skizze eine Art Gegendarstellung, um "all die falschen, oft fabelhaften Geschichten, welche darüber gedruckt wurden" zu widerlegen und klarzustellen: " keine Liebschaft war es nicht." ("An der Aussage ändert auch die von manchen als "entlarvend" interpretierte doppelte Verneinung nichts. Diese ist eher als eine Verstärkung des Gemeinten anzusehen.", FAZ vom 7.3.08).


Rezension:

Martin Walser kennt diese Fakten natürlich, aber er weiß auch, dass in Goethes Tagebuchaufzeichnungen von seinem Marienbader Aufenthalt nirgendwo ein Wort über seine Liebe zu Ulrike festgehalten wurde. Offenbar vermied Goethe geradezu ängstlich , den Aufruhr seines Herzens zu verraten. Somit hatte Walser als Erzähler der Geschichte Glück, weil er aufgrund des Mangels an Informationen in den Tageaufzeichnungen bei dem, was sich in Marienbad zutrug, Erzählspielraum geschenkt bekam. Er konnte die Ereignisse, die zur "Marienbader Elegie" führten, gewissermaßen neu erfinden.

Walser berichtet von Kurleben in Marienbad, von Goethes Freude, fernab von seinen Verpflichtungen in Weimar die Tage zu genießen. Seine Schwiegertochter Ottilie führt sich in Weimar wie eine unduldsame, resolute Ehefrau auf und lässt ihm dort kaum Freiräume. Diese genießt Goethe umso mehr in seiner alljährlichen Kur. "Marienbad das war nicht die Welt. Die von Tannen bewachten Höhen, die es umgaben, schützen es vor Weimar, also vor der Welt. "( S. 52)

Der rüstige Witwer ist während der Erzählzeit 73 Jahre alt.. Walser analysiert nicht, weshalb der jungendliche Greis sich in ein 19 jährige Mädchen verliebt, sondern beschreibt feinsinnig das Verliebtsein des betagten Dichters. Das gelingt dem Schriftsteller hervorragend. Goethe war in seinem Leben oft verliebt und hat dieses Verliebtsein vor aller Welt zelebriert. " Auf die Frauen sei es bei ihm ja nie angekommen, er habe immer eine gefunden, die er mit seinen Phantasien auftakeln konnte ", lässt Walser die Schiller-Witwe von Lengenfeld über Goethe sagen. Nun hat er sich in Ulrike verliebt und leidet im gleichen Maße , wie er es als junger Mann tat. Noch immer empfindet er Leiden als schmutzig. Er weiß seit Werther, dass es, wenn es aussichtslos geworden ist, keine andere Reinigung mehr gibt als den Tod. Goethe flüchtete stets ins Schreiben.

Walser lässt den Dichter sagen : " Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin. Ich weiß es auch nicht. " (S. 98) Goethe ahnt, dass man sich in diesem Alter daran gewöhnen muss, nicht mehr, nie mehr geliebt zu werden und resümiert: " Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben." ( S. 69) Der Dichterfürst möchte sich mit seinem Wissen nicht zufrieden geben, er möchte die Frau, in die er sich verliebt hat, heiraten, aber er weiß, dass nichts grotesker sein kann als sich nackt " neben die in ihren Gliedern herrlich dahinschwingende Ulrike zu wünschen." (S. 71) Walsers Goethe ist sehr kritisch mit sich selbst, gleichwohl ist er ein Liebender, der sich nach der Frau, in die er sich verliebt hat, sehnt. ("Meine Liebe weiß nicht, das ich über siebzig bin.")

Goethe bemüht sich um aufrechte Haltung, will imponieren, ist eifersüchtig , flirtet mit dem jungen Mädchen und interpretiert, wie alle Verliebte es tun, mehr in die Gesten der Angebeteten, als tatsächlich vorhanden ist. Die Zeit als Frau von Stein zu ihm sagte " Sie küssen geistreich mein Herr " ist ein halbes Jahrhundert vorbei, aber Goethes Fühlen hat sich nicht verändert. Er ist neu entflammt und hofft , dass der Werbebrief zum Erfolg führt. Sein Herz ist unendlich jung, viel jünger als das Herz Ulrikes. Sie ist eine sachliche , ernsthafte junge Frau, ganz anders als der Rokoko- Mensch Goethe. Das Rokoko habe sich nie ernst genommen, so Walser. Goethe glaubt, dass durch Ulrike in sein Leben Ernst gekommen sei. Vielleicht beruht sein Ernst auf der Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit.

Als Goethe wieder zurückgekehrt ist nach Weimar hat er die " Marienbader Elegie" ( Walser hat den Text in seinen Roman integriert) schon geschrieben . Nun verfasst er Briefe an Ulrike und leidet an seiner Sehnsucht. Seine Gedanken sind bei diesem jungen, für ihn unerreichbar gewordenen Mädchen. Walser beendet seinen Roman mit folgendem Satz: " Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er , von wem er geträumt hatte."

Mir hat dieser Schlusssatz, der für viele provozierend und degoutant erscheint, gefallen, weil Walser damit deutlich macht, dass Goethes Verliebtsein kein gedankliches Konstrukt war, sondern ein Gefühl, dass seinen ganzen Körper erfüllte.

Ein schöner Roman.
Empfehlenswert.

Überall im Buchhandel erhältlich-

Rezension:Isabel oder Der Duft der Liebe (Gebundene Ausgabe)

Der niederländische Schriftsteller Tomas Lieske hat mit " Isabel oder der Duft der Liebe " einen historischen Roman vorgelegt, der sowohl stilistisch als auch inhaltlich - ich denke nicht zuletzt an die subtilen psychologischen Charakterstudien - auf dem Niveau der historischen Romane Stefan Zweigs oder Lion Feuchtwangers angesiedelt ist. In meinen Augen handelt es bei diesem Buch um ein Meisterwerk, das von Christiane Kuby in einer geradezu poetischen Sprache ins Deutsche übersetzt worden ist.
Worum geht es?

Die Romanhandlung spielt im 16. Jahrhundert. Der Ich-Erzähler Marnix de Veer , dessen Hauptinteresse der Mathematik , Architektur und Mechanik gilt , ist Bürger der Stadt den Haag. Dort lernt er den 21 jährigen, zukünftigen König Philipp II von Spanien kennen. Philipp II (1527- 1598), Sohn von Kaiser Karl V regierte von 1556 bis zu seinem Tode die Großmacht Spanien. Verheiratet war er mit Maria von Portugal (gest. 1545), mit Maria I Tudor (gest. 1558) mit Elisabeth von Valois (gest.1568) und schließlich mit Anna von Österreich (gest. 1580). Über all diese Frauen erfährt man im Roman Näheres.

Felipe ( so die Schreibweise Philipps II im vorliegenden Roman) erbte von seinem Vater Spanien mit den Kolonien in Amerika, die Niederlande, Burgund, Mailand, Neapel, Sizilien und Sardinien. Der Niederländer Marnix de Veer tritt wegen seiner überragenden Kenntnisse in die Dienste Felipes und wird dessen loyalster Diener und Freund. Anfänglich stehen die Sterne ungünstig für eine tiefe Freundschaft, weil Felipe seinem Freund die Geliebte entzieht, und sie zu seiner Konkubine macht. Marnix braucht lange um seinen Groll auf Felipe zu dämpfen.

Es handelt sich bei dieser Frau um die Hofdame Isabel Osorio, die sich Felipes Begierden und Wünschen unterwirft und über Jahrzehnte mit ihm eine Sonderbeziehung pflegt, die über das normale Konkubinendasein hinausgeht. Marnix vergisst die zwölf Liebesnächte mit Isabel sein ganzes Leben nicht und hört nicht auf sich nach ihr zu sehnen, denn im Gegensatz zu allen anderen Frauen, die ihm zuvor begegneten, umgibt diese Frau der Duft der ewigen Liebe, durch den er an sie für immer gebunden sein wird......

De Veer analysiert Felipes generelle Verhaltensweise, anderen mit Interesse, Freundlichkeit und Liebe zu begegnen. Er weiß, dass dieser sich besagtes Handlungsmuster nicht aus Nächstenliebe zugelegt hat, sondern um im Gegenzug Aufmerksamkeit, Gehorsam und Liebe zu verlangen. Macht, so lässt Marnix die Leser wissen, bedeutete für Felipe die Möglichkeit, mit Millionen Untertanen in Kontakt zu treten. Deshalb hörte er stets zu, deshalb versuchte er, den anderen so gut wie möglich zu verstehen und immer dann, wenn es sich um eine junge Frau handelte mit ihr beizuschlafen. Marnix , der Freund des Königs vermutet, dass Filipe am liebsten mit all seinen Untertanen ins Bett gegangen wäre, um zu demonstrieren ( nicht zu beweisen), dass er ein guter König war.

Jemand, dem Felipe sein Ohr geliehen hatte, musste allerdings davon ausgehen, dass er irgendwann eine Gegenleistung einforderte. Der König verlangte letztlich immer Gehorsam, und sparte auch seinem Freund Marnix nicht aus. Diese Lektion lernte Marnix als der König ihm die schöne Isabel nahm. Felipe vergaß nie seine Macht zu zeigen und klare Grenzen zwischen sich uns allen anderen Menschen im Reich zu ziehen. Alles in allem war Felipe in den Augen de Veers sowohl im Körper als auch in der Seele ein Ritter aus längst vergangenen Zeiten, während Marnix aufgrund seines Habitus und seiner Bildung wohl eher einem Vertreter der Renaissance entsprach. Unabhängig von seinen ehelichen Verpflichtungen galt Philipp als aufregender, hinreißender, ausdauernder Liebhaber, der seine Bettgespielinnen immer auf den Gipfel der Lust führte, aber im Gegenzug den unausgesprochenen Auftrag erteilte ihn zu lieben und auf ewig seine Königswürde anzubeten. Mit einem Wort alles, was Felipe tat, diente seiner Machentfaltung.

De Veer berichtet auch von seinem eigenen Tun bei Hofe. Er hatte die Hauptverantwortung für die Bibliotheken und war zunächst Erzieher von Felipes missratenem Sohn Carlos, der in seiner Boshaftigkeit und Abgefeimtheit vortrefflich charakterisiert wird. Viel später wird er Erzieher von Felipes beiden Töchtern. Diese Aufgabe bereitet ihm viel Freude und entschädigt den zu diesem Zeitpunkt bereits betagten Mann für den Verlust Isabels vor langer Zeit.

Sehr gut werden die Intrigen bei Hofe fokussiert. Marnix weiß sich umgeben von Habsucht, Machtgier und Korruption. Auf Aufstiegschancen lauerten alle und bereichern wollten sich ebenfalls alle. Um ihre Ziele zu erreichen waren alle Hofleute bereit selbst die heiligsten Prinzipien zu verraten. Marnix erwähnt das listige Spiel des Schmeichelns und Stehlens auf allen Ebenen, auch thematisiert er die öffentliche Treue und den heimlichen Verrat, die liebkosende rechte und die zuschlagende linke Hand. Die drei Namen der Leidenschaft, die den spanischen Hofadel antrieb waren Geld, Macht und Gier.

De Veer kapselte sich gegen diese Umwelt ab, er war, wie er selbst resümiert zu feige dagegen anzugehen. Marnix begleitet Felipe dessen ganzes Leben hindurch und so man liest natürlich auch von den politischen Maßnahmen des Königs, aber auch seinen Ehen und erfährt schließlich nicht zuletzt den wahren Grund, weshalb Marnix seinem Freund das Zerschlagen des Bandes zwischen ihm und seiner großen Liebe vergeben konnte.....Felipe wird mit zunehmendem Alter von Malaria, Typhus, Gicht und der Ruhr geplagt und verbringt die letzten drei Lebensjahre qualvoll leidend in seinem Bett. Die Ausdünstungen im Zimmer sind kaum zu ertragen, doch Marnix , sein Freund verlässt ihn nicht.

Ein packend geschriebener, sehr dichter Roman. Ein gelungenes Sittengemälde der Gepflogenheiten am Hofe Philipps II . Sehr empfehlenswert.

Rezension: Am Hang- Markus Werner


Kann Hass eine Vorbedingung von Liebe sein? Diese und viele andere Fragen werden an einem Tisch in einem Restaurant im Tessin zwei Abende lang erörtert. Begegnet sind sich dort, offenbar rein zufällig, Thomas Clarin, ein junger Scheidungsanwalt und Thomas Loos, ein in die Jahre gekommener Altphilologe. 

Die beiden Herren führen einen hochinteressanten Dialog, der eine Vielzahl alltagsphilosophischer Problemkreise berührt. Vorrangiges Gesprächsthema allerdings sind Reflexionen über die Ehe, die Liebe, Seitensprünge, Verlassenheit und Tod. Die beiden Tischpartner vertreten in diversen Punkten sehr gegensätzliche Ansichten. Dies hängt nicht zuletzt mit den unterschiedlichen Lebenserfahrungen, über welche die Protagonisten immer wieder berichten, zusammen.


Während der offenkundig verwitwete Altphilologe das Hohelied der Minne anstimmt und die Achtung, damit wohl auch das bedingungslose Ja dem Du gegenüber, in den Vordergrund einer Beziehung stellt, ist Clarin von dererlei Vorstellungen überfordert. Er bevorzugt stattdessen lockere Beziehungen ohne Gefühlstiefe, ohne großes Engagement. Auf solche Weise, glaubt er, könne man Tragödien verhindern. Wie sich die beiden Standpunkte zueinander verhalten, was diese beiden gebildeten Herren umtreibt und möglicherweise verbindet, erschließt sich erst ganz allmählich auf den letzten Seiten dieses Buches.

Für den neugierigen Leser nur so viel: Einer der Schlüsselsätze dieses klugen, gleichwohl auch spannenden Romans ist meines Erachtens folgender: "Wenn Du einen Riesen siehst, so frage dich zuerst, ob es sich um den Schatten eines Zwerges handelt." Gewollte Maskarade, Vermummungskunst und schließlich Enttarnung sind die eingesetzten Mittel dieses wunderbaren Autoren, um zu zeigen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt und selten etwas so ist , wie es scheint.

Sehr empfehlenswert.

Helga König

Rezension:Mätressen, Kurtisanen und Geliebte - Ein Lesebuch

" Monsieur, ich kann in der Sache mit dem "Dictionnaire Encyclopédique" nichts unternehmen: man sagt, es gäbe in diesem Buch Lehrsätze, die im Widerspruch zur Religion und zur Autorität des Königs stehen. Wäre dem so, müßte man es verbrennen. Ist dies nicht der Fall, so müsste man den Verleumder verbrennen. Doch unglücklicherweise beschuldigen die Kirchenmänner Sie und wollen nicht unrecht haben. Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll, aber ich weiß, welche Partei ich ergreife; nämlich mich in keiner Weise einzumischen: die Priester sind gefährlich..." (Zitat: Briefbeginn des Briefes von Madame de Pompadour an Denis Diderot, 1754)


Dieses Lesebuch enthält ausgewählte Auszüge aus Texten von Dichtern, Schriftstellern und Briefeschreibern.

Besagte Textauszüge charakterisieren die Persönlichkeit von berühmten Mätressen, Kurtisanen und Geliebten auf subtile Weise.

Die Herausgeberin Bettina Hesse hat das Lesebuch in die Kapitel: "Verführer", "Wahlverwandschaften","Den Teufel im Leib" und "Schlimme Liebschaften" untergliedert.

Die Textstellen aus Frank Wedekinds "Der Verführer", Gustave Flauberts "Madame Bovary", einer Romanfigur, mit der ich nichts anfangen kann, aber auch eine sehr gut gewählte Textstelle aus Anton Tschechows "Die Dame mit dem Hündchen" sind mehr als nur zufriedenstellend gewählt. Das Gleiche gilt für Goethes "Wahlverwandschaften" und Theodor Fontanes "Effi Briest". Ich kenne nicht alle angeführten Werke, möchte sie hier auch nicht auflisten. Bei Leo Tolstois "Anna Karenina" hätte ich mich zu einer anderen Textstelle für die Charakterisierung des Wesens Annas entschieden, aber auch die gewählte ist o.k. und lässt das Wesen Annas gut erkennen. Bestens ausgesucht ist die Textstelle aus Zolas "Nana".

Es ist nicht einfach in Romanen genau den Punkt auszuloten, der dem unbedarften Leser den Charakter einer Romanfigur nahebringen könnte, besonders wenn die Persönlichkeit vielschichtig angelegt ist, wie beispielweise bei Anna Karenina.

Amüsiert habe ich den Auszug aus Clelands "Die Memoiren der Fanny Hill" gelesen. Dieses Buch, so musste ich mich erinnern, las ich mit meiner Schulfreundin Ingeborg während des Physikunterrichtes als 15 jährige unterm Tisch. Dass der Text Eingang in das Lesebuch fand, wundert mich jetzt doch. Das Textniveau lässt sich nicht mit Texten von Tolstoi und Flaubert oder Goethe vergleichen.

Völlig abgefahren liest sich der "Vertrag zwischen Sacher-Masoch und Wanda von Dunajew" von Leopold von Sacher-Masoch. Der Text beginnt mit "Mein Sklave! Die Bedingungen, unter welchen ich Sie als Sklave annehme und auf meinen Seiten dulde, sind folgende: Ganz bedingungsloses Aufgeben Ihres Selbst. Sie haben keinen Willen mehr außer mir. Sie sind in meinen Händen ein blindes Werkzeug, das ohne Widerrede alle meine Befehle vollzieht.....Sie dürfen weder Sohn, Bruder noch Freund sein, nichts als mein im Staub liegender Sklave......" Dr. Leopold Ritter von Sacher-Masoch unterschreibt den Vertrag, so viel nur.

Fragt man sich doch, ob dies die geheimen Wünsche akademischer Männer grundsätzlich sind und Sacher-Masoch gewissermaßen ein Sprachrohr für alle darstellt. Kann das sein? Irgendwie irrirtiert mich der Gedanke.

Lobend erwähnen möchte ich die Briefe von Madame Pompadour, die darin zeigt, dass sie eine sehr gebildete, hochintelligente Frau war. Besonders ihr Briefe an Voltaire, an de Montesquieu und Diderot zeigen das Format ihrer Persönlichkeit.

Unmöglich alle Textstellen zu nennen oder gar auf diese näher einzugehen. Alles in allem wurde eine gute Auswahl getroffen. Das Lesebuch empfehle ich insofern gerne.












Rezension: Diese Liebe: Roman (Gebundene Ausgabe)

Der italienische Schriftsteller Roberto Controneo erzählt die Geschichte von Anna und Edo.
Anna ist eine junge Lehrerin als sie Edo kennen lernt, er ein passionierter Fußballspieler mit intellektuellen Interessen. Zu Beginn des Romans ist Edo für Anna allerdings nur noch eine Traumfigur, die sie nicht aufzugeben bereit ist, weil sie Edo aus tiefstem Herzen liebt. Eines Nachts verschwindet er aus ihrem Wirkungskreis. Zu diesem Zeitpunkt leidet er an einer unerklärlichen Amnesie, die man in Rom in einem Krankenhaus behandeln möchte. Edo verlässt dieses Krankenhaus, ohne behandelt zu werden und taucht seitdem nicht mehr auf. Keiner kann sich sein Verschwinden erklären.

Anna und Edo betreiben bis zu dem Vorfall im Süden Italiens gemeinsam eine Buchhandlung und sind glücklich verheiratet. Aus ihrer Ehe gehen zwei Töchter hervor. Controneo beschreibt den innigen Alltag der beiden, die Nähe, Edos Vorliebe für Lyrik, an der er Anna teilhaben lässt, schließlich die Poesie ihres Zusammenlebens, ihre tiefe Verbundenheit, ihre Liebe. Edo lebt in jeder Zelle Annas und das ändert sich auch nicht als er aus ihrem Gesichtskreis verschwindet. In ihrem Herzen wohnt er bis zum Ende des Romans und darüber hinaus. Edo ist für Anna in all den Jahren seines Fortseins spürbar nah. Das Band zwischen den beiden hat nicht aufgehört zu existieren. Sie führt immer wieder innere Dialoge mit ihm.


Zweimal im Jahr wäscht sie seine Kleider und hofft auch nach 23 Jahren auf seine Rückkehr.
In all der Zeit möchten ihr nahe stehende Personen sie dazu zu überreden ein neues Leben zu beginnen, doch Anna ist zufrieden mit dem Zustand des Ausharrens, nicht zuletzt, weil sie die Hoffnung niemals aufgegeben hat und mit der Hoffnung ihre Liebe zu Edo nicht. Anna ist sich sicher, dass die Poesie zum Gedächtnis ihres Lebens wurde. Edo, ein Mann, der die Poesie so sehr liebte, ist ein Teil von ihr.

Wird Controneo dem Leser zum Ende des Romans eine Erklärung für Edos Verschwinden geben? Benötigt man eine solche Erklärung überhaupt?

Goethe sagt im Tasso: " Wir hoffen immer, und in allen Dingen ist es besser hoffen als verzweifeln." Anna bestätigt mit der Art, wie sie mit dem Verschwinden ihres geliebten Mannes umgeht, Goethes Aussage. Anna ist nicht unglücklich, nachdem Edo verschwindet, denn sie sieht in seinem Verschwinden nichts Endgültiges. Sie hofft. Diese Hoffnung verleiht ihr Lebensmut, den sie braucht um die Buchhandlung weiterzuführen und ihre Kinder großzuziehen. Die Hoffnung lässt sie nicht verzweifeln. Man kann nur um Tote trauern, nicht aber um Lebende. Das weiß Anna.


Ein nachdenklicher Roman, in einer schönen Sprache, voller Posie.


Rezensionen. Romane und Erzählungen (Gebundene Ausgabe)- Gautier

Das vorliegende Buch umfasst 1350 Seiten. Drei Monate habe ich daran gelesen und bedauere an dieser Stelle keine episch breit angelegte Rezension zu all den Romanen und Erzählungen Theophile Gautiers schreiben zu können, da dies eindeutig die begrenzte Seitenzahl einer Amazon - Rezension sprengen würde.

Der französische Schriftsteller und Kritiker Theophile Gautier (1811- 1872) wurde von Charles Baudelaire als " vollendeten Magier der französischen Literatur " bezeichnet.
Gautier ist überaus sprachgewaltig und verfügt über eine überbordende Phantasie. Seine phantastischen Erzählungen machen auch vor dem Okkulten nicht halt und fokussieren ferner die Schattenseiten der Seele. Stilistisch ist Gautier exzellent. Ihn zu lesen bereitet Freude.

Sein Roman " Mademoiselle de Maupin " (1835) verficht die Unabhängigkeit des Künstlers von Moral und Gesellschaft. Das Vorwort dazu ist die erste Programmschrift des " L `art pour L`art ". Dabei handelt es sich eigentlich um eine von V. Cousin stammende Formel für eine Kunsttheorie, die in Frankreich 1930- 1870 verbreitet war und am entschiedensten von Gautier vertreten wurden. Danach ist Kunst Selbstzweck, losgelöst von moralischen, politischen oder sonstigen außerkünstlerischen Zielsetzungen und wirkt durch ästhetische Gestaltung.
In Frankreich waren u.a. Flaubert, Baudelaire und Huysmanns Anhänger dieses Konzepts, in England O. Wilde und in Deutschland der Kreis um Stefan George. Das Konzept war mitbestimmend für viele nachfolgende künstlerische Richtungen, z. B. für den Symbolismus, den Formalismus und die Neuromantik.

Neben dem Vorwort von Prof. Dr. D. Oehler beinhaltete das Buch folgende Romane und Erzählungen des großen Meisters :
Das Nachtigallennest - Omphale. Eine Rokokogeschichte - Mademoiselle Maupin. Doppelliebe - Die verliebte Tote - Das Hündchen der Marquise - Die goldene Kette oder Der geteilte Liebhaber - Fortunio - Die Opiumpfeife- Eine Nacht mit Kleopatra - Das goldene Vlies - Der Mumienfuß - Der zwiefache Ritter - Die tausendundzweite Nacht - König Kaundaules - Der Klub der Haschischesser - Die unschuldigen Lüstlinge - Das Lusthaus am Wasser- Militona - Die vertauschten Paare - Das Kind mit den Schuhen aus Brot - Jeane und Jeanette - Arria Marcella - Avatar - Jettatura - Der Roman der Mumie- Kapitän Fracasse. Erster Band - Kapitän Fracasse . Zweiter Band - Spirita.


Damit Sie einen Eindruck von Gautiers Stil erhalten, zitiere ich die Anfangszeilen aus " Mademoiselle de Maupin ": " Du klagst, lieber Freund, über meine Schreibfaulheit.- Was könnte ich Dir denn schreiben, außer dass ich mich wohl befinde und Dir immer gleich zugetan bin? - Dieses sind nur Nachrichten, die Dir kaum überraschend sein dürften, und die bei meinem Alter und Deinen vorzüglichen Eigenschaften zu erwarten stehen, so dass es mir fast lächerlich vorkommt, ein elend Blatt Papier hundert Meilen weit reisen zu lassen, um nichts anderes zu künden. So viel ich auch nachdenke , nichts weiß ich zu erzählen, dass der Mitteilung wert wäre; mein Leben ist das einförmigste von der Welt und seine Öde scheint sich nicht aufhellen zu wollen....... "

Ich empfehle die Lektüre wärmstens.


Rezension:Bibliothek Arabischer Klassiker: 8 Bände (Gebundene Ausgabe)

Diese Kasette enthält acht Bänden arabischer Klassiker, hervorragend übersetzt von namhaften Wissenschaftlern, wie Prof. Dr. Gernot Rotte, Dr. Hartmut Fähnrich und Dr. Annemarie Schimmer:

Ibn Ishaq: "Das Leben des Propheten"

Abu L-Faradsch: "Und der Kalif beschenkte ihn reichlich"

Al-Qazwini: "Die Wunder des Himmels und der Erde"

Al-Hamadhani "Vernunft ist nichts als Narretei"

Ibn Challikan "Die Söhne der Zeit"

Ibn Dschubair: "Tagebuch eine Mekkapilgers"

Ibn Iyas: "Alltagsnotizen eines ägyptischen Bürgers"

Usama Ibn Mundquidh "Im Kampf gegen die Kreuzritterheere"


Ibn Iyas beschreibt sehr spannend in seinen "Alltagsnotizen eines ägyptischen Bürgers" den letzten Herrscher der Mameluken, mit dem die mehr als zweihundertfünfzigjährige Mameluken-Herrschaft über Ägypten und Sirien zu Beginn des 16. Jahrhundert zu Ende ging.

Lesenswert auch ist " Das Leben des Mohamed" von Ibn Ishaq, der im 8. Jahrhundert bereits über Mohammed berichtete, keineswegs in verklärter Art und Weise, sondern er zeigt, dass der Begründer des Islam ein irdisches Wesen war, das göttliche Botschaften verkündete. So liest man hier: "Als Gott seine Religion weiter verbreiten, seinen Propheten stärken und sein Versprechen ihm gegenüber einlösen wollte, machte sich Mohammed während der Wallfahrtszeit auf, um sich wie jedes Jahr bei dieser Gelegenheit den arabischen Stämmen anzubieten....."

Packend erzählt ist Ibn Munquidhs " Ein Leben im Kampf gegen Kreuzritter". Dieses Buch hat mich deshalb sehr interessiert, weil man hier einen anderen Blickwinkel auf die damaligen Geschehnisse erhält. Durch diesen Text bekommt man eine Vorstellung von der Mentalität, den Sitten und den Freuden und Nöten der muslimischen Ritter im 12. Jahrhundert und beginnt den Mythos der katholischen Kreuzritter zu relativieren.

Dschubair verdeutlicht in seinem " Tagebuch eines Mekkapilgers" wie die arabische Welt in ihren Zentren zu Zeiten der Kreuzzüge aussah. Sein Buch gilt als eine der berühmtesten Reisebeschreibungen des arabischen Mittelalters. Es war keinesfalls ungefährlich zur damaligen Zeit von Granada über Alexandria und Kairo nach Mekka zu reisen. Das wird bei der Lektüre dieses Buches deutlich.

Sehr beeindruckt hat mich das Werk " Und der Kalif beschenkte ihn reichlich". Hier erhält man einen sehr schönen Überblick über das arabische und frühislamische Leben und seine Sitten. Biographien, Anekdoten, Gedichte und Lieder bekannter Sänger, Poeten , Kalifen und Sklaven lassen ein Bild entstehen, das für den heutigen Leser
einer entrückten Traumwelt gleichkommt.

So liest man hier u.a. ein sehr schönes Gedicht von Abu L-Atahija (748-828 n.Chr.)

Das Leben lässt dich deinen Tod vergessen!
Du möchtest bleiben, hier, in dieser Welt.
Willst du dich ganz auf sie verlassen,
wo du doch siehst, wie jeder Bund in ihr zerfällt?!
Du hast dich auf das Leben, auf die ganze
Länge seiner Dauer eingestellt.
Siehst du nicht, dass auch die Eltern lebten
und dass der Tod sie jetzt schon längst umschlossen hält?
Sind sie dir denn etwa keine Warnung?
Glaubst du, dass der Tod sich dir nicht zugesellt?

Empfehlenswert.