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Rezension: Literaturland Hessen- Das Lesebuch- Heiner Boehncke/ Hans Sarkowicz

Vor einigen Tagen habe ich "Literaturland Hessen- Literarische Streifzüge durch die Mitte Deutschlands" rezensiert. Die Autoren Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz  haben zu dem wunderbaren Buch noch ein begleitendes Lesebuch auf den Weg gebracht und die  ausgewählten Texte  in 10 Kapitel eingebunden.

Bei den Kapiteln handelt es sich um folgende:

-Literaturstadt Frankfurt
-Mit Goethe durch Hessen
-Von Residenz zu Residenz
-Grimm-Heimat Hessen
-Von den Minnesängern bis Grimmelshausen
-Kreuz und Quer durch Hessens Mitte
-Große Welt reist ins Bad
-Auf den Spuren der Romantiker
-Georg Büchner und der Vormärz in Hessen
-Ein rechtes Paradies. Hessens sonniger Süden

Viele bekannte und weniger bekannte Autoren und Auszüge aus deren Werken lernt man hier kennen. Da die Texte nicht sehr lang sind, eignen sie sich als Bettlektüre. Abend für Abend freut man sich auf einen neuen Text, da diese inhaltlich höchst verschiedene Themen aufgreifen, nicht nur deswegen, weil die Autoren in unterschiedlichen Jahrhunderten lebten, sondern auch  weil sie bemerkenswert unterschiedliche Interessen hatten.

Den jeweiligen Textauszügen sind erläuternde Gedanken vorangestellt, die die Einordnung erleichtern. Ich erwähnte in meiner Rezension "Literaturland Hessen- Literarische Streifzüge durch die Mitte Deutschlands" Bertha Pappenheim. Sie ging als "Anna O." in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Von ihrer Erzählung "Die Erbschaft" wusste ich bis dato ebenso wenig wie von ihrem "Heim des Jüdischen Frauenbunds", das in der Pogromnacht 1938 teilweise zerstört wurde.

"Das Frankfurt-Buch- Achtzig Textbaustein" von Eva Demski hat mir sehr gut gefallen. So kann nur schreiben, wer seine Stadt liebt.

Wunderbare Texte von Goethe warten auf den Leser, der seinen 65. Geburtstag übrigens einst in Wiesbaden feierte, damals auch einige Tage im Sommerhaus der Brentanos im Rheingau weilte und von da aus Ausflüge in die Umgebung machte. Textstellen aus seinem Essay "Der Rheingau" habe ich mit großem Vergnügen studiert, aber auch Briefe aus dem Briefwechsel zwischen Goethe und Marianne von Willemer sind sehr lesenswert.

Auf keinen Fall werde ich hier  all die Autoren aufzählen, die im Buch versammelt sind. Erwähnen möchte ich aber Bonifatius, der im Sommer 751 an Papst Zacharias einen Brief schrieb und dieser Brief als Gründungsurkunde von Fulda gilt. Des Weiteren möchte  ich  auf die "Die blaue Blume" von Novalis hinweisen, weil diese Blume zuerst in einer hessischen Sage über den Odenberg bei Gudensberg erwähnt wird, demnach ebenso hessischen Ursprungs ist,  wie der Beginn der Romanhandlung "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann, den man im Buch ebenfalls nachlesen kann: "Der Rheingau hat mich hervorgebracht,….. "

Gefallen hat mir, dass man die Ballade  "Lore Lay" von Clemens Brentano nicht vergessen hat, die er Jahrzehnte vor Heinrich Heines "Loreley" auf den Weg brachte. Brentano legte seine Ballade in die Zeit der Wirren der Hexenverfolgungen in unserem Land. 

Von Büchner kann man nicht wenige Textauszüge lesen. Der Hessische Landbote bleibt nicht ausgespart. 

Womit aber beginnen? Vielleicht mit Georg Christoph Lichtenbergs "Über die Macht der Liebe" oder vielleicht mit dem Märchen "Brüderchen und Schwesterchen" der Gebrüder Grimm, das wie alle Märchen, uns die Chance bietet,   viel über die Psyche der Menschen und ihre Traumwelten in Erfahrung zu bringen oder  vielleicht  doch  mit  Goethes Gedicht an Marianne?

Liebchen ach! im starren Bande
Zwängen sich die freien Lieder
Die im reinen Himmels-Lande
Munter folgen hin und wider.
Allem ist die Zeit verderblich
Sie erhalten sich allein.
Jede Zeile soll unsterblich
Ewig wie die Liebe  sein.
1815

Empfehlenswert 

Helga König

http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Waldemar_Kramer/Heiner_Boehncke-Hans_Sarkowicz-Literaturland_Hessen-EAN:9783737404594.html

Rezension: Literaturland Hessen- Literarische Streifzüge durch die Mitte Deutschlands- Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz

Autoren dieses beeindruckenden Buches sind Prof. Dr. Heiner Boehncke, der vergleichende Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt/Main lehrt und Hans Sarkowicz, der Leiter des Ressorts Literatur und Hörspiel im Hessischen Rundfunk. "Literaturland Hessen" nennt sich ein Projekt, das seit 2004 von hr –Kultur, der Kulturwelle des Hessischen Rundfunks, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Hessischen Literaturrat getragen wird. 

Erinnert wird an bedeutende Autorinnen und Autoren, an literarische Traditionen, Epochen, Verlage, Dichterhäuser, literarische Orte und Landschaften in Hessen. Das Projekt soll nicht als Literaturgeschichte begriffen werden, sondern soll Hauptlinien der Literatur in Hessen darstellen. Einen Verein der Freunde und Förderer des Literaturlandes Hessen e.V. gibt es übrigens seit 2011.

Das Buch ist in 10 Kapitel untergliedert und enthält eine Fülle von Informationen. Dabei geht es im ersten Kapitel um die Literaturstadt Frankfurt: Von Karl dem Großen bis zur Gegenwart. Seite für Seite lesen sich die Texte spannend. Sei es, wenn es um die Anfänge der Frankfurter Buchmesse geht oder um die Frankfurter Judengasse im Spiegel zeitgenössischer Berichte und man im Rahmen der einzelnen Beiträge auch stets aufs Neue alte Textauszüge lesen kann, die vortrefflich eingebunden, zum Gesamteindruck beitragen.  So liest man u.a. einen Auszug aus Heinrich Heines "Der Rabbi von Bacharach", der gerade einem Pogrom entkommen mit seiner Frau Sara nach Frankfurt an die Pforte des Ghettos kam.

"Aber auch in Frankfurter Kaufläden konnte die Literatur gedeihen. Das zeigt das Beispiel der Geschwister Brentanos…“ So beginnt der Beitrag über die Geschwister Brentano, die sicher vielen bekannt sind, vor allen Bettine, deren Großmutter übrigens die Schriftstellerin Sophie von La Roche war. Bettine, eine großartige Frau, die ihre gesellschaftliche Stellung dazu nutzte, um sich gegen das Elend der Massen ebenso zu engagieren wie für verhaftete Oppositionelle.

Ludwig Börne, auch die Frankfurter Nationalversammlung werden thematisiert und so vieles andere mehr, unmöglich es hier zu benennen. Auf Seite 72 angekommen, lese ich, dass die Frankfurter Kaufmannsfamilie Frank im Sommer 1933 ihre Heimatstadt Frankfurt verließ. Ihre Tochter Anne war gerade 4 Jahre alt. Über Aachen gelangte die Familie nach Amsterdam. Dass Anne 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, ist gewiss vielen bekannt und ihr Tagebuch haben auch nicht wenige gelesen, doch wer weiß schon, wo sie einst in Frankfurt wohnte?

Ich lese hier auch von Bertha Pappenheim, deren jüdisches Kinderheim 1938 niedergebrannt wurde, damals war sie  bereits nach schwerer Krankheit gestorben, nachdem die Gestapo sie 1936 verhaftet hatte. 

Auch über Marcel Reich-Ranicki  wird man informiert. Er begann 1958 bei der FAZ als Rezensent, dann trennten sich die Wege wieder,   denn er wurde 1960-1973 Literaturkritiker der Zeit, anschließend erst Leiter des Literaturblatts der FAZ und ab 1988 dann Moderator des Literarischen Quartetts. 

Was hier im Buch an Information geliefert wird, ist geradezu unglaublich: "Mit Goethe durch Hessen" habe ich besonders aufmerksam gelesen. Sehr gut geschrieben.

Die literarischen Streifzüge führen u.a. nach Kassel, wo einst  auch der Dichter Rilke weilte, nach Arolsen, auch nach Darmstadt, wo sich Goethe oft aufhielt und dort viele Freunde hatte. Karl Krolow starb 1999 in Darmstadt, ein begnadeter Lyriker, dessen Gedichte ich nun erneut lesen werde.

Anregend ist es, durch die Originaltexte im Buch zum Weiterlesen motiviert zu werden. Sei es im Hinblick auf die Gebrüder Grimm oder auch auf Minnesänger, wie etwa Konrad von Bickenbach oder Bligger von Steinach, die mir bislang nicht bekannt waren. 

Grimmelshausen galt im 17. Jahrhundert als einer der bedeutendsten deutschen Dichter. Der Autor des Simplicissimus Teutsch stammt aus Gelnhausen. Ich fand es sehr interessant,  mehr über seine Herkunft zu erfahren, aber auch über sein Leben, weil sich sein Buch auf diese Weise besser erschließt. 

Alle Städte, die hier gestreift werden, kann ich in der Rezension unmöglich aufführen, doch Wetzlar ist ein Muss, schon wegen Goethe, doch auch Bad Soden, Bad Nauheim und Wiesbaden sind eine Fundgrube für einen literarischen Streifzug. Georg Büchner und der Vormärz in Hessen wird sehr gut dargestellt und motiviert, sich in die Thematik zu vertiefen. Dann ist da noch "Hessens sonniger Süden", der mich, die ich dort geboren wurde, natürlich besonders interessiert, hier u.a. Orte wie Trebur und Lorsch, uralte Orte mit großer Geschichte, des Weiteren die Burgen an der Bergstraße, aus einer dieser Burgen stammte der Minnesänger Konrad von Bickenbach. Auf dessen Texte  bin ich besonders gespannt.


Ein gelungenes Buch. Ich empfehle es gerne. 

Helga König


Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Verlag Waldemar Kramer und können das Buch bestellen.http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Waldemar_Kramer/Heiner_Boehncke-Hans_Sarkowicz-Literaturland_Hessen-EAN:9783737404587.html. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension Peter J. König- Montecristo - Martin Suter- Diogenes

Martin Suters Roman "Montecristo", erschienen im Schweizer Diogenes Verlag hätte sich für die Veröffentlichung kein besseres Timing aussuchen können, als die aktuelle Periode um die Verhaftungen und bestürzenden Aufdeckungen rund um den Weltfußballverband FIFA in Zürich. Nicht nur, dass die Thematik dieses Werkes von Suter sich in der gleichen Grauzone und dem kriminellen Milieu bewegt wie die korrupten Machenschaften rund um die FIFA-Zentrale am Zürichberg, nein, auch der Protagonist Jonas Brand ist genau in jener Stadt zuhause. 

Und hier entwickelt sich der Romanverlauf, der ähnlich unglaublich und perfide ist, wie die aktuellen Enthüllungen in Sachen Weltfußball. Ob dies völlig dem Zufall geschuldet ist, oder ob der Schweizer Autor Martin Suter mit "Montechristo" versucht hat, wohlverstandene Andeutungen zu verarbeiten, dies ist letztendlich der Interpretation jedes einzelnen Lesers überlassen. 

Fakt jedenfalls ist, dass die Schweizer Bankenwelt arge Verluste bezüglich ihrer einstmals exzellenten weltweiten Reputation hinnehmen musste, nachdem die US-Finanzbehörden sie öffentlich der Geldwäsche und Steuerhinterziehung angeklagt haben, mit dem Ergebnis alle Konten von amerikanischen Steuerhinterziehern offen zu legen und zukünftig kooperativ mit den US-Behörden zusammen zu arbeiten. Genau dies ist das Milieu, indem sich Suters Roman bewegt, das Milieu der Schweizer Großbanken und ihrer Verstrickungen. 

Der Video-Journalist Jonas Brand, der sich mit Filmgeschichten für das Boulevard über Wasser hält, wird aufgeschreckt durch die Vollbremsung des abendlichen Intercitys, der die Pendler von Zürich nach Basel bringt. Der Speisewagen ist besetzt mit übermüdeten Bankern, die zu ihren Familien zurückkehren. Der abrupte Stop inmitten eines Tunnels und das aufgeschreckte Zugpersonal sind für Brand Zeichen genug, sofort mit seiner Videokamera aktiv zu werden, um einem Schaffner zum nächsten Ausgang zu folgen.

Aus der geöffneten Zugtür sieht er im diffusen Licht eine gekrümmte Leiche neben dem Intercity liegen. Trotz schlechter Bildqualität entscheidet er sich die gespenstige Szene aufzunehmen. Zurück im Speisewagen, verbringt er die anschließende Wartezeit mit kurzen Bildinterviews der Fahrgäste in der Hoffnung, diese bei den aktuellen Nachrichten eines Senders unterzubringen. Dies ist jedoch nicht die Welt, die Jonas Brand sich vorgestellt. Er sieht sich als der geborene Regisseur, der Filmemacher für das ganz große Kino. Schon einmal hat er sich mit seinem Projekt "Montechristo" bei der Schweizer Filmförderung beworben, einer modernen Fassung des Klassikers "Der Graf von Montechristo", leider jedoch mit wenig Erfolg. Aufgeben aber ist seine Sache nicht. Seine Chance wird kommen, da ist sich Brand ganz sicher. 

Der Zufall will es, dass Jonas Brand einige Tage später zwei 100 Franken-Noten in die Hände bekommt, die exakt die gleichen Ziffern haben. Dass hier etwas nicht stimmen kann, ahnt er sofort. Welche blutigen Machenschaften und Betrügereien im ganz großen Stil damit allerdings verbunden sind, die die gesamte internationale Finanzwelt aus den Fugen geraten lassen können, wird ihm auch dann nicht klar, als er überraschend doch noch eine Zusage für sein Filmprojekt "Montechristo" erhält. 

Was seine neue Freundin Marina Ruiz anbetrifft, einer Eventmanagerin, da ist sich Brand allerdings ganz sicher, dass sie in der größten Gefahr seine einzig verbliebene Vertraute ist. Wenn er sich da nicht ein weiteres Mal irrt?

Martin Suter, der Schweizer Erfolgsautor mit Bestsellerqualität und einer riesigen Fangemeinde hat hier erneut einen spannenden Roman verfasst, der so direkt und wirklichkeitsnah erzählt ist, dass der Leser keinen Augenblick zögert, hinter allem vertuschte Realität zu vermuten. Dass die Fiktion des Romans eine derartige Wirklichkeit ausstrahlt, zeigt zum einen die großen schriftstellerischen Fähigkeiten von Martin Suter, zum anderen aber auch wie gut er sich in dem Metier der Schweizer Bankenwelt auskennt oder zumindest wie exzellent er recherchiert hat. Dies gilt auch für das jeweilige Milieu, in dem sein Protagonist sich bewegt. Gleichgültig wo auf der Welt er gerade ist, wie z. B. im Hotel Oriental in Bangkok, immer hat der Leser das Gefühl unmittelbar dabei zu sein. Der Wiedererkennens- Wert ist äußerst faszinierend. 

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Diogenes-Verlag und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern http://www.diogenes.de/leser/katalog/nach_autoren/a-z/s/9783257069204/buch

Rezension: Die Frau auf der Treppe- Bernhard Schlink- Diogenes

Bernhard Schlink wird im Juli 71 Jahre alt. Der Schriftsteller gehört demnach vom Alter her der 68 er Generation an. Als Juraprofessor lehrte der Romancier bis 2009 an der Humboldt-Universität in Berlin Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie und hat mit dem Roman "Der Vorleser" 1995 einen internationalen Bestseller geschrieben, dem andere Bücher und eine Fülle von Ehrungen folgten. 

Mit "Die Frau auf der Treppe" legt Schlink einen Roman vor, der u.a. in der Kunstszene spielt und in dem die 68er-Vergangenheit mit dem Jetzt zeitreisend verquickt worden ist. 

Drei Männer mit ihren egoistischen Ansprüchen tummeln sich um eine vormals schöne, unangepasste Frau, die man als Metapher jener längst vergangenen Zeit interpretieren kann und überleben diese schließlich als in die Jahre gekommenen, wohlsituierten Herren. 

Irene, einst Kunststudentin mit revolutionärem Anspruch, nun Krankenschwester in Australien, scheint- obgleich  jünger als diese Männer, alt geworden und stirbt schließlich an Krebs. 

Weshalb wollen die Männer nach 40 Jahren diese Frau nochmals sehen? Letztlich aus dem gleichen Grund, weshalb andere Trophäen dieser Männergeneration neuerdings vor die Scheinwerfer gezerrt werden. Um sich zu versichern, jene schöne Zeit sei hässlich geworden,  man muss ihr nicht mehr nachtrauern. Auf Bildern konserviert, kann man sich für Minuten zurücksehnen, sich  für Momente nochmals jung fühlen. Doch die Realität zeigt  etwas anderes. Diesen Spuren der Zeit, ja dem Zeitgeist selbst,  kann die Schöne von gestern nicht entgehen. 

Schlink legt der jungen Irene einen Gedanken in den Mund, der zum Schlüssel des Romans wird: "Zum Jungsein gehört das Gefühl, alles könne wieder gut werden, alles, was schief gelaufen ist, was wir versäumt, was wir verbrochen haben. Wenn wir das Gefühl nicht mehr haben, wenn Ereignisse und Erfahrungen unwiederbringlich werden, sind wir alt. Ich habe das Gefühl nicht mehr."

Damals war Irene 20 Jahre alt, doch ihre Zeit war bereits vorbei, sie wusste es, weil der 68er Frühling schon beendet war und genau deshalb alterte sie rasch. Alles hat seine Zeit, auch die wirklichen Protagonisten in der Zeit.

Was den Männern blieb, war der Traum von einer schönen, unangepassten Frau, mit der keiner wirklich längerfristig zu leben gedachte, sondern sie nur ab und an als Gemälde bewundern wollten, von dem man nicht genau sagen konnte, ob es letztlich gnadenlos kitschig war. Ein Gemälde, geschaffen von einem Künstler, dessen kreativste Zeit vor über 40 Jahren schon zu Ende gegangen war....

Haben alle, letztlich auch der Ich-Erzähler, Verrat begangen an der schönen Frau ihrer Jugend-Träume? Diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten.

Ein tiefsinniger Roman. 

Empfehlenswert. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Diogenes und können das Buch bestellen:http://www.diogenes.de/leser/katalog/nach_autoren/a-z/s/9783257069099/buch

Rezension: Reden, die unsere Welt veränderten- Insel

Dieses Buch enthält 64 der berühmtesten Reden aus unterschiedlichen Jahr- hunderten. Dabei führt der britische Historiker und Bestsellerautor Simon Montefiore in dieses beeindruckende Werk ein und verdeutlicht zunächst, was eine große Rede ausmacht.

Nicht zwingend müsse sie ihre Zeit erfassen; durchaus könne sie auch Ausdruck einer großen Lüge sein.

Die vorliegende Sammlung enthält nicht wenige ewige Wahrheiten und die meisten dieser Reden zeichnen sich durch eine einfache, klare Sprache aus

Manchmal ist die Geisteshaltung des Redners durch Wahn gekennzeichnet und so muss mann erkennen, dass Worte durchaus auch Sachverhalte verzerren und verschleiern können, d.h. nicht nur zu enthüllen und zu erleuchten vermögen. Wie Montefiore zutreffend schreibt, offenbaren viele der Reden die Charaktermängel aber auch die Tugenden der Redner. 

Vor allen Reden ist stets der historische Hintergrund skizziert, zudem erhält man einen biografischen Überblick. Auch ein Foto oder Gemäldeabdruck des Redners ist dabei und schließlich die Rede selbst. 

Auf 64 Reden hier näher einzugehen führt zu weit. Natürlich ist es erhellend die Reden der Despoten wie Hitler und Stalin zu lesen, aber berühren können diese nicht. 

Das können  Reden  wie die Neujahrsansprache zur kommunistischen Vergangenheit, vom 1. 1. 1990, von Václav Havel, die ich hier am liebsten vollständig wiedergeben würde und noch mehr die Rede des Friedensnobelpreisträgers Professor Elie Wiesel, die er am 12.4.1999 zu den unheilvollen Ereignissen des 20. Jahrhunderts hielt. 

Aus dieser Rede möchte ich einige Zeilen zitieren: "Gleichgültigkeit löst keine Reaktion aus. Gleichgültigkeit ist keine Reaktion. Gleichgültigkeit ist kein Anfang, sondern ein Ende. Und daher ist Gleichgültigkeit immer der Freund des Feindes, denn er nützt dem Aggressor- nie seinem Opfer, dessen Schmerz noch wächst, wenn er oder sie sich vergessen fühlt. Der politische Gefangene in seiner Zelle, das hungrige Kind, der heimatlose Flüchtling- auf ihre Not nicht zu reagieren, ihre Einsamkeit nicht zu mildern, indem man ihnen einen Funken Hoffnung bietet, heißt sie aus dem Gedächtnis zu tilgen.“ 

Ich empfehle das Buch ausdrücklich zum besseren Verständnis im Hinblick auf Gut und Böse, aber vor allem, um zu erkennen, wodurch sich redliche und dabei sehr mutige Menschen von anderen in Geisteshaltung und  ihren Worten unterscheiden.  

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension Peter J. König: Unterwerfung- Michel Houellebecq - Dumont

Einer der besten zeitgenössischen Schriftsteller Frankreichs, Michel Houellebecq, er wurde bereits mit dem angesehensten Buchpreis ausgezeichnet, den die "Grande Nation" verleiht, nämlich dem "Prix Goncourt", hat in seinem neuen Roman "Unterwerfung" wieder einmal die aktuellen Probleme unserer Zeit in seiner ureigenen Erzählweise angesprochen. Dabei handelt es sich um die kulturellen Auseinandersetzungen, die schon seit einigen Jahren Frankreich erschüttern. Begonnen hat alles mit den Unruhen in den tristen "Banlieues", also den Vorstädten von Paris und anderen großen Städten, wo muslimische Jugendliche auf ihre persönliche Ausweglosigkeit mit Gewaltexzessen antworteten. 

Dieses Szenario hat Houellebecq weiter entwickelt, indem er eine fiktive politische Situation aufzeichnet, wie sie in naher Zukunft sich darstellen könnte. Die zwei großen Parteien auf der rechten und linken Seite des politischen Spektrums, also Konservative und Linke haben sich verschlissen, die größten Chancen bei der bevorstehenden Präsidentenwahl haben der Kandidat der Muslimbruderschaft und Marine LePen vom Front National. 

Houellebecqs Protagonist Francois, ein Hochschullehrer für Literatur, der über das Leben und die Arbeit des dekadenten Schriftsteller Huysmans forscht und lehrt, erlebt direkt den Machtkampf um das französische Präsidentenamt, wobei zwei extreme Anschauungen aufeinanderprallen, die des ultrarechten Front National und die der Muslimbruderschaft mit seinem islamischen Fundamentalismus. 

Im Zuge der Wahl kommt es zu Ausschreitungen, als klar wird, dass der Kandidat der Muslime sich berechtigte Hoffnungen machen kann, die Präsidentschaft zu gewinnen. Frankreich steht am Rande eines Bürgerkrieges. Obwohl dies verhindert werden konnte, kommt es nach dem Wahlsieg der Bruderschaft zu totalen gesellschaftlichen Veränderungen, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfassen. 

Auch Francois ist unmittelbar betroffen, als ihm nahegelegt wird, seine Lehrtätigkeit einzustellen, um in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, da seine Thematik im Sinne des Islam nicht erwünscht ist. Ausgestattet mit einer üppigen Pension macht er sich auf den Weg Frankreich in Richtung Spanien zu verlassen. 

Michel Houellebecq wäre nicht Michel Houellebecq wenn sein Roman "Unterwerfung" nicht wie seine früheren Werke sich durch eine gehörige Portion Provokation, gepaart mit Ironie, einer möglichen Vision und durch eine schonungslose Sprache auszeichnen würde. Wie alle seine früheren Akteure ist auch Francois vom Leben enttäuscht, geradezu angewidert, da helfen auch seine permanenten sexuellen Wechselbeziehungen zu seinen Studentinnen nichts. 

Doch dies ist nur der äußere Rahmen den Houllebecq stets wählt um eine tiefere Problemwelt aufzuzeigen. In "Unterwerfung" sieht der Autor einen Machtkampf der Kulturen heraufziehen und er scheut sich nicht den Ausgang dieser Auseinandersetzung zu thematisieren. Als gesellschaftlicher Vordenker hat Houellebecq es immer verstanden zu polarisieren, ohne Rücksicht auf seine eigene Person. Es ist schon irgendwie schicksalshaft, dass das Erscheinungsdatum zu seinem neuen Roman "Unterwerfung" unmittelbar mit dem Attentat auf die Macher des Satiremagazins "Charlie Hebdo" zusammenfällt, wird dadurch doch die Fiktion des Buches durch die Realität eingeholt. 

So brutal die realen Ereignisse sich darstellen, so schonungslos ist auch die Sprache, die für Houellebecq so typisch ist. Ungeschminkter Realismus, tabulos und direkt, damit tritt der Autor an seine Leser heran. Für viele mag das abstoßend sein, aber hierin liegen die große Stärke und die unverkennbare Einzigartigkeit des Schriftstellers Houellebecq. 

Das Spannungsfeld zwischen dem Sinn des Lebens und einer permanenten Sinnlosigkeit, hierauf versteht sich Houellebecq meisterlich. Hinzu kommt eine große Intellektualität, die dem Leser ständig eigene Fragen stellt, unabhängig von der politisch gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie der Roman zeigt. "Unterwerfung" von Michel Houellebecq, erschienen im Dumont-Verlag ist ein bedeutendes Buch, das durch seine Aktualität einen intellektuellen Beitrag zur jetzigen Situation in der europäischen Gesellschaft leistet. Darüber hinaus zeigt es einen großartigen Houellebecq, der verdeutlicht welchen außergewöhnlichen Rang er in der französischen und europäischen Literatur einnimmt.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

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Rezension: #Kameliendame- Alexandre Dumas

Der junge Bürgersohn Armand Duval verliebt sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris in die schwindsüchtige Kurtisane Marguerite Gautier. Die bildschöne junge Frau wird von diversen Aristokraten auf hohem Niveau finanziert und steht ihnen im Gegenzug als glamouröse Begleiterin fürs Theater und für die Oper, nicht zuletzt jedoch für amouröse Spiele zu Verfügung. 

Marguerite gilt im damaligen Paris als eine der teuersten Mätressen. Armand weiß, dass er alleine ihren hochpreisigen Lebensstandart niemals finanzieren kann und sich diese Frau insofern mit anderen Liebhabern teilen muss. 

Als Marguerite Armands Liebe zu erwidern beginnt und die beiden Verliebten gemeinsam aufs Land gehen, um ihre Zweisamkeit ungestört zu genießen, ermahnt Armands Vater den Sohn aus Vernunftsgründen diese unschickliche Beziehung zu beenden. Doch Armand möchte die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, die zwar den Umgang mit Kokotten erlauben, aber feste Bindungen zu ihnen nicht vorsehen, keinesfalls akzeptieren. Deshalb bittet der alte Duval Marguerite sich der Konvention wegen von Armand zu trennen. 

Aus Liebe zu Armand willigt sie in den Wunsch seines Vaters ein und stirbt kurz darauf nicht zuletzt aufgrund ihres großen Kummers. Als Armand nach dem einsamen Tod seiner Geliebten die wahren Gründe ihrer für ihn bislang nicht nachvollziehbaren Trennung erfährt, ist er untröstlich.... 

Dumas setzt sich in diesem Roman mit der gesellschaftlichen Doppelmoral seiner Zeit auseinander. Er zeigt die Halbwelt, in der nicht nur Maitressen, sondern auch die Spieltische so manchen jungen Mann ruiniert haben und von Haus aus unbegüterte, hübsche Mädchen wegen der subtilen Verlockungen durch den Luxus letztlich ins Elend getrieben wurden. 

Ein immer wieder ergreifender Roman!

Empfehlenswert.

Helga König

Im Fachhandel erhältlich.

Rezension: Die Hexe von Freiburg- Astrid Fritz

Die Germanistin Astrid Fritz befasst sich in ihrem packend geschriebenen Roman mit dem Leben und Sterben der Patrizierin Catharina Stadellmenin. Diese intelligente, couragierte und noch dazu schöne Frau hat in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts in Freiburg gelebt und wurde, im Zuge des allgemeinen Hexenwahns aufgrund von diesbezüglichen Denunziationen inhaftiert, grausam gefoltert und gemeinsam mit zwei weiteren Damen der dortigen Oberschicht 1599 verbrannt.

Geboren als Tochter eines Marienbilder-Malers lebt Catharina zunächst in der Obhut ihres Vaters, der sie - für diese Zeit ungewöhnlich - lesen und schreiben lehrt. Nach dem Tod ihrer Mutter wächst das Mädchen bei ihrer Tante auf, um schließlich nach der unglücklich verlaufenden Liebe zu ihrem Vetter Christoph den Freiburger Zunftmeister der Schlossergilde und späteren Stadtrat Michael Bantzer zu heiraten. Die Ehe mit diesem Mann wird als missraten geschildert; Michael ist gewalttätig. Er demütigt Catharina öffentlich aber auch privat und prügelt sie erbarmungslos.

Als ihr Gatte unerwartet stirbt, erwirbt die Witwe, nach erheblichen Schwierigkeiten mit der Schlosserzunft, die sich die Hinterlassenschaft ihres Mannes zu großen Teilen aneignen möchte, eine Lizenz zum Bierbrauen und versucht auf diese Weise ihr zukünftiges Leben zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt wird Catharina als Hexe denunziert, peinlich verhört und schließlich nach vorheriger Enthauptung , die aufgrund erfolgreicher Fürsprachen erfolgte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Christoph, ihre große Liebe, dem sie nach dem Ableben Michaels erneut begegnet war, erwies sich als wahrliche Stütze in Catharinas letzten Stunden.

Die Autorin hat einen hervorragend recherchierten Roman geschrieben. Sehr detailliert weist sie auf den Unterschied zwischen Land - und Stadtleben in damaliger Zeit hin, richtet ihren Blick auf Wohlstand und Armut, auf diese unüberbrückbaren Gegensätze mit ihren verheerenden Folgen in jener Zeit, so etwa für Kranke oder für Reisende. Vom Damoklesschwert , das über Hebammen hing, spricht die Autorin ebenso, wie über die tötlichen Gefahren, denen Frauen sich aussetzten, wenn sie sich zu Abtreibungen entschieden. Auch vom Zunftwesen ist die Rede, hauptsächlich von den sich daraus ergebenden Zwängen. Gezeigt wird am Beispiel Catharinas, welche Einschnitte in ihr tägliches Leben sie seitens der Gilde ihres Mannes akzeptieren musste.

So gab es demnach für Frauen nicht nur eine individuelle Bevormundung durch den Ehemann, sondern eine allgemeine durch einschlägige Männerbündnisse. Nicht zuletzt befasst sich die Autorin sehr ausführlich mit dem Hexenwahn, der in den Köpfen tobte. Es gelingt ihr, die Infamie aber auch die Absurdität der damaligen Gerichtsverhandlungen vor Augen zu führen und zu zeigen, dass die Chance einen so genannten Hexenprozess heil zu überstehen gleich Null war. Die Ursachen der Denunziationen, so erfährt man, waren in der Regel Neid, absonderliche Sexualprojektionen, der abstruse Zeitgeist und natürlich immer wieder Habgier, denn das Erbe dieser gepeinigten Frauen ging in der Regel an die Kirche oder an die weltliche Obrigkeit.

Der Fall Catharina Stadellmenin ist einer unter 100.000. Er ist exemplarisch für das Unrecht, das im Namen der Justiz an Frauen jener Zeit begangen wurde. 

Ein wirklich empfehlenswerter Roman.

Helga König

Im Fachhandel erhältlich


Rezension:Im Westen Nichts Neues - Erich Maria Remarque

Das von den Nazis verbotene Buch des Schriftstellers Erich Maria Remarque ist ein Anti-Kriegs-Roman, der die grauenhaften Geschehnisse während des 1. Weltkrieges darstellt und zwar aus der Sicht des neunzehnjährigen Soldaten und vormaligen Schülers Paul Bäumer.

Er beschreibt wie ihm zunächst während der soldatischen Grundausbildung, alle kulturellen Neigungen und zivilisatorischen Instinkte abtrainiert werden und am Ende eine bloße Kampfmaschine -statt seiner- zurück bleibt. Die Erlebnisse an der Front, die unentwegte Gegenwart des Todes, die Gasangriffe, der Anblick der Verwundeten, das Töten mit Spaten und Bajonetten, das ohrenbetäubende Geschrei angeschossener, verendender Pferde, das Gewimmer junger, sterbender Menschen, sowie der Hunger führen zu unendlicher Verrohung im generellen Habitus zueinander und dem Ende humanitärer Verhaltensweisen.

Bäumer bemerkt seine innere Wandlung und fragt sich, ob ein Mensch, dessen erste Berufsausübung das Töten seiner Mitmenschen zum Gegenstand hat, in der Folge überhaupt noch zu einem vernunftsorientierten, friedlich-bürgerlichen Leben in der Lage sein kann

Die beschriebenen Kriegsszenen gehen sehr unter die Haut. Man spürt die Angst und den unsäglichen Schmerz der Akteure und wird durch die Brisanz des Grauens geradezu gezwungen die Absurdität zu erkennen, die hinter diesem unendlichen Blutvergießen steht. Remarque zeigt die Schwerverwundeten in den Krankenhäusern, die Qual und die Verzagtheit der Amputierten, die vielen jungen verstümmelten Menschen, deren Leben im Grunde zu Ende ist, noch bevor es begonnen hat.

Mehr als vierzig Jahre hatte die vorherige Generation im Frieden gelebt und benebelt von der, dem 1. Weltkrieg vorausgehenden, Belle Epoque, zu wenig gewarnt vor den Folgen, die sich aus kriegerischen Auseinandersetzungen ergeben, noch dazu mit technisch veränderten Waffen. Die Desillusionierung durch die mörderische Realität hat dann wohl eine ganze Generation geprägt.

Empfehlenswert.

Helga König

Überall im Handel erhältlich.

Rezension: "Über den Hass"- Manès Sperber, Band, 4, Der Kanon- Die Deutsche Literatur-Essays

Man hasst jene Menschen, die man entstellt hat, und man entstellt sie, um sie hassen zu können." (Manès Sperber, S. 463).

Der Philosoph Manès Sperber (1905-1984) hat für seine Werke eine Vielzahl von Auszeichnungen erhalten,  nicht zuletzt auch den Georg-Büchner-Preis und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Im 4. Band der Kassette "Der Kanon"- Die Deutsche Literatur- Essays hat man Gelegenheit seinen Essay "Über den Hass" zu lesen. Wie Sperber gleich zu Beginn schreibt, weiß im Gegensatz zum Hass die Liebe nichts von ihren Gründen und zwar "bis zu jenem Augenblick, in dem sie, um sich zu erhalten, von ihnen zu zehren beginnt; daran stirbt die Leidenschaft." (S. 443).

Hass hingegen suche unaufhörlich nach vernünftigen Gründen. Er möchte nicht Gefühl, vielmehr Überzeugung sein, Überzeugung, die auf einer unwiderlegbaren Erfahrung beruhe. Ein Mensch, der vom Hass verfolgt werde, könne nichts unternehmen, dass ihn in den Augen seiner Feinde weniger hassenwerter erscheinen ließ; er sei ebenso machtlos wie jene Menschen, von denen sich ein Paranoiker verfolgt glaube. 

Während der  "funktionelle Hass" verschwindet, wenn er nicht mehr angestachelt wird, gibt es einen Hass, der seit Jahrhunderten besteht. Er trägt den Namen "Antisemitismus". Über die historischen Wurzeln dieses abgründigen Hasses schreibt Sperber unter anderem in diesem brillanten Essay.

Der Philosoph hält diesen totalen Hass zu Recht für eine dauerhafte und gefährliche Erscheinung und verdeutlicht die Motive, die ich vor einigen Tagen in einem Beitrag zu "Gedanken zur Ethik und Kultur" eingebunden habe und es nicht grundlos erneut tue:

Sperber schreibt den Hass analysierend:

"Nun kann man aber bei jedem vom Hass bessenen Menschen diese besondere Angst feststellen; sie treibt ihn dazu, die Schuld für jene Unsicherheit, welche das Zwielichtige seines Wesens bestimmt, in einem anderen zu suchen. Deshalb hasst er im anderen:

1. Die Eigenschaften und Merkmale, die er selbst nicht oder nur in ungenügendem Maße besitzt, was er als unerträglich empfindet. Daher auch entwertet er diese, indem, er sie in unheimlicher Weise verdächtig macht;

2. die Fehler, von denen er sich selbst befreien möchte. Es fällt ihm leichter, diese bei sich selbst zu entschuldigen und zu verbergen, wenn er sie beim anderen ins Groteske steigert;

3. die Überlegenheit des anderen auf Gebieten, auf denen er sich hoffnungslos unterlegen weiß;

4. die Schwäche, den fehlenden Willen, oder im Gegenteil die Kraft, mit der sich der andere gegen seine Verfolger zur Wehr setzt. In allen drei Fällen findet der Hass die Bestätigung seiner sämtlichen Gründe, indem er bald eine unwürdige Heuchelei vermutet, hinter der sich eine verächtliche Feigheit versteckt, bald einen unergründlichen Hass;

5. Der Mut oder die Fähigkeit, sich Befriedigung zu verschaffen, von denen er zwar träumt, die er zu suchen aber nicht wagt oder die zu erlangen im nicht gelingt.

6. alles, was an den gehassten Menschen sympathisch, ehrbar oder bewundernswert macht, alles, wodurch er den Hass entwaffnen könnte, wird als Verstellung, als Verheimlichung, als verwerflicher Trick oder irreführende List entlarvt: der Hass aber findet in all dem einen zusätzlichen Beweis dafür, dass seine Opfer es "objektiv" verdient, der allgemeinen Verachtung ausgesetzt zu werden.(…)…"(S. 460ff)

Die Logik des Hasses agiere auf zweierlei Arten. Sie totalisiere und atomisiere. Der Mensch, der hasse, entpersönliche den, den er hasst und zwar in affektiver Weise. Da ein Mensch nicht dauerhaft hassen könne, muss man davon ausgehen, dass es sich bei totalem Hass um eine Krankheit, bzw. um partiellen Wahnsinn handele.

"Man hasst jene Menschen, die man entstellt hat, und man entstellt sie, um sie hassen zu können." (S. 463).

Die Ursache besteht darin, durch die absolute Negation des fremden Wertes die absolute Bestätigung des eigenen zu finden, so Sperber. "Der Mensch, der hasst, möchte nicht nur vernichten, sondern er will zudem verachten, die er zu entwerten sucht." (S. 464)

Der größte Triumph eines Menschen, der total dem Hass verfallen ist, sei jener, den Tag zu erleben, an dem die gehasste Person endlich kapituliere und sich offen selbst verachte. In einem solchen Fall würde der Hass   ein wenig gemildert und für kurze Zeit Ruhe finden.

Alle verhöhnten, gehassten Minderheiten können früher oder später feststellen, dass ihre Feinde nicht das Geringste von ihnen wissen, resümiert Manès Sperber.

Die Demagogen unserer Welt schüren Feindschaft und Hass noch immer, natürlich  ihres Vorteils wegen. Wer Hass beseitigen will, muss diesen Hass-Predigern, die  neuerdings auch im Marketing ihr Unwesen treiben, ohne Wenn und Aber den Garaus machen, so mein Fazit.

Ich stimme mit Sperber darin überein, dass abgründig hassende Menschen geisteskrank sind.

Empfehlenswert.

http://www.suhrkamp.de/insel-verlag_67.html