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Rezension: Der Buchhändler von Gaza- Rachid Benzine, Roman, Piper


Rachid Benzine, der Autor dieses Romans, zählt zu den angesehensten Politologen und Islamwissenschaftlern Europas. Seine Publikationen - hochgelobte Romane und Sachbücher- wurden in Frankreich und Marokko mit dem nationalen Verdienstorden ausgezeichnet. 

Das vorliegende, zutiefst berührende Buch wurde von Andreas Jandl ins Deutsche übersetzt. Dieser wurde für sein Gesamtwerk mit dem Eugen- Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Der Roman nimmt seinen Anfang im Jahr 2014 in Gaza Stadt. Hier hält sich der Fotojournalist Julie auf, um die damalige Realität dort zu dokumentieren. Auf seinen Erkundungen durch die Stadt trifft er auf den sechsundsechzigjährigen Buchhändler Nabil Al Jaber, der vor seiner Buchhandlung sitzt und in ein Buch vertieft ist. Julie deutet mit Gesten an, dass er den Lesenden fotografieren möchte. Der Buchhändler allerdings sagt, dass es netter sei, sich zunächst ein wenig kennenzulernen, bedeutet ihm, sich hinzusetzen und mit ihm eine Tasse Tee zu trinken. 

Nabil sucht während des Gesprächs ein Buch aus seinen Regalen und gibt es dem Fotografen. Es handelt sich dabei um ein Werk von André Malraux mit dem Titel "So lebt ein Mensch". Nabil hofft, dass Julie es liest, denn wie jedes große Buch sei es Zuflucht und Spiegel zugleich. 

Nun beginnt der Buchhändler  von seinem Leben zu berichten, das nur wenige Glücksmomente kannte, wie er sagt. Doch er hat bei allem Leid, dass ihm widerfuhr, eine Stufe der Weisheit erlangt, die ihn erkennen lässt, dass sein Land "einer Litanei von Vergeltung auf Vergeltung, von sich ansammelndem Hass, von Trauer, die sich auf noch mehr Trauer legt, folgt." Schon sechsundsechzig Jahre bereits seien die Menschen im Gaza "dazu verdammt, umherzuirren, mit einem einzigen Ziel zu überleben, dem Tod zu entkommen." 

Nabil erzählt die Geschichte seiner Familie, ohne Vorwurf den Tätern gegenüber, berichtet vom Lager von Aquabat Jaber, wo er und seine Familie der Hoffnungslosigkeit ausgesetzt waren. Dort waren 10 Tausende von gestrandeten Palästinensern versammelt, "Opfer einer mit blanker Gewalt geschrieben Geschichte." Das ganze Lager, das der Autor einfühlsam beschreibt, sei "zu einem Friedhof zerbrochener Träume und Hoffnungen geworden.“ 

Nabil berichtet von seinem Bruder, dessen Gefühl von Ungerechtigkeit zu Groll und später zu Hass gerann, auf alles, was zum Unglück seiner Vorfahren geführt hatte. Zudem schreibt er wie aus dem Schüler mit aussichtsreicher Zukunft ein obsessiver Mensch voller Trauer und Wut wurde, der zu lesen aufhörte.

Der Buchhändler, er ist übrigens ein Christ, erzählt von seinem Weg, seinen Beziehungen  zu seinem besten Freund und seiner geliebten Frau und ihrer gemeinsamen Liebe zur Literatur. Er erwähnt zahllose Bücher, auch Gedichtbände, die ihn prägten. Seine Erzählungen offenbaren das ganze Leid des palästinensischen Volkes, das sich in seiner Biographie widerspiegelt. 

Nabil, 20 Jahre inhaftiert, verlor alles, was er liebte, geblieben waren ihm die Bücher. Er akzeptiert am Ende seines packend erzählten Berichts über sein Leben, dass Julien in fotografieren darf, wie  er konstatiert: "Verloren zwischen seinen Büchern und verloren in dieser absurden, wütenden unmenschlichen Welt." 

Julien blieb seit 2014 in regelmäßigem Kontakt mit Nabil. Wie alle an dem Ort, wo er lebte, wurde er  2023 durch die israelischen Vergeltungsmaßnahmen ausgelöscht. Hass setzt sich stets über Fairness hinweg, Was bleibt ist unverändert die Erkenntnis: Das Leben ist nicht gerecht.

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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