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Rezension: Teleny. Der Priester und der Messnerknabe. Nachw. Glaser, Horst Albert (Gebundene Ausgabe)

Ein Kuss ist etwas mehr als der erstbeste sinnliche Kontakt zweier Körper, es ist der Hauch zweier verliebter Seelen" (Wilde) 

Der vorliegende Liebesroman "Teleny" erschien 1893, ein Jahr bevor man Oscar Wilde wegen homosexueller Vergehen den Prozess machte und ihn zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilte. Im lustfeindlichen, doppelmoraligen, spätvictorianischen England jener Tage galt dieser Text als skandalös und wurde auch noch später lange Zeit von den Herausgebern der Werke Oscar Wildes übergangen.

Wilde beschreibt in diesem Roman die innige Liebesbeziehung des französischen Dandy Camille und des ungarischen Pianisten Teleny. Die beiden Protagonisten sind Anfang zwanzig. Camille ist sexuell noch gänzlich unerfahren, Teleny , wie sich herausstellen wird, bisexuell. Camille verliebt sich während eines Konzertes in Teleny, der ihn unerwartet während eines nächtlichen Spaziergangs küsst und ihn auf diese Weise sexuell entflammt. Camille kann nur noch an den Pianisten denken, sehnt sich nach seiner Nähe, verbietet sich allerdings zunächst gedanklich sexuelle Begehrlichkeiten . Dennoch begreift der junge Mann jetzt, weshalb er Frauen gegenüber bislang keine wirklichen erotischen Ambitionen hegen konnte. Trotz dieser Erkenntnis unternimmt er geradezu verzweifelte Versuche sich lustvoll die Sexualität mit dem weiblichen Geschlecht zu erschließen, aber es gelingt ihm nicht, denn seine Gedanken sind stets bei Teleny.

Durch seine starke Zuneigung hellsichtig geworden, sieht er diesen beim Liebesspiel mit einer schönen Frau und stirbt beim Anblick der ausführlich beschriebenen Handlungen tausend Tode. Als Camille dann noch feststellen muss, dass Teleny eine Affäre mit einem anderen Künstler hat, den Camille von Kindesbeinen an kennt, entschließt es sich Selbstmord zu begehen, wird jedoch von Teleny daran gehindert.

Der Pianist gesteht dem Dandy seine leidenschaftliche Liebe, bekundet, dass er während sexueller Handlungen mit Dritten nur an ihn gedacht habe. Durch dieses ehrlich gemeinte Geständnis bewirkt er, dass die beidseitige Liebe alsbald ihren Ausdruck in einer sie beide vollkommen erfüllenden Sexualität findet, die trotz häufiger Kopulationen sogleich immer wieder neues gegenseitiges Begehren hervorruft.
Obgleich die beiden ganz offensichtlich verrückt aufeinander sind und voneinander nicht lassen können, führt ihre Romanze zu einem tragischen Ende, weil die Zeit für ihre homoerotische Beziehung mit enormer Gefühlstiefe wohl noch nicht reif war.

Als Gegenbild zu dieser wahren Liebe, in der Seele, Geist und Körper heftigst zueinander streben, beschreibt der Autor für die victorianische Zeit geradezu schonungslos sexuelle Handlungen zwischen Prostituierten im Bordell, ebensolche während einer Orgie unter Homosexuellen, desweiteren beschreibt er detailliert sexuelle Handlungen zwischen Mann und Frau, bei denen die Liebe nicht beidseitig vorhanden ist. Er thematisiert sogar Vergewaltigung, um die Abgründe von sexuellem Tun aufzuzeigen, das aus reinem Triebverhalten hervorgehen kann.
Ziel dieser Beleuchtungen , die vordergründig den Anschein erwecken, als habe Wilde beabsichtigt ein pornographisches Werk zu Papier zu bringen, ist meines Erachtens darzustellen, worin sich sexuelle Handlung, die nicht Ausdruck einer innigen Seelenbeziehung ist, von solcher unterscheidet, die auf gegenseitiger , inniger Liebe beruht.

Solch eine leidenschaftliche Liebe, gleichgültig ob zwischen gleich- oder gegengeschlechtlichen Menschen kann sich für Wilde nur in jungen Jahren ereignen:

" There ist a love that is to last,
When the hot days of youth are past"

Empfehlenswert



Rezension: De Profundis- Oscar Wilde

"Wenn er sagt "Vergebt euren Feinden", so meint er nicht, den Feinden zuliebe, sondern sich selbst zuliebe und weil die Liebe schöner ist als der Hass." (Oscar Wilde)

Der englische Dramatiker und Erzähler Oscar Wilde (1854-1900) wurde 1895 wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Reading verbüßte.

"De Profundis" ist der ergreifende Prosatext, den Oscar Wilde während seines Aufenthaltes in Reading an seinen Geliebten Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, verfasste. 

In diesem Text reflektiert er seine Beziehung zu seinem Geliebten und befasst sich darüber hinaus mit Fragen zur Kunst und zur Religion.

Seine Beziehung zu Bosie nennt er im Brief geistig erniedrigend. Er beklagt, dass der Geliebte nie elegant mit Ideen spiele, sondern nur mit radikalen Ansichten auftrumpfen könne und Bosie sich stets zwischen ihn und seine Kunst gedrängt habe. Lord Alfred interessierte sich, wie Wilde schreibt, nur für seinen Magen und seine Marotten. Der Dichter macht sich Vorwürfe, dass er Bosie damals nicht das Haus verboten hatte und bekennt sich zur eigenen Schwäche. Er resümiert, dass bei einem Künstler Schwäche ein Verbrechen sei , wenn diese Schwäche die schöpferische Phantasie lähme.

Als Hauptfehler Bosies nennt er dessen Eitelkeit und seine Beziehungslosigkeit zum Geld und bezieht sich damit auf eine entsprechende Charakteranalyse von Lord Alfreds Mutter. Ausführlich beschreibt Wilde die ausschweifenden Gepflogenheiten seines Geliebten, um ihn damit zu konfrontieren und zum Nachdenken anzuregen.

Schenkt man Wilde Glauben, so war Bosie ein Mensch, der seine Gefühle nicht beherrschen konnte, "die sich bald in langem schmollendem Schweigen äußerten, bald in jähen fast epileptischen Wutanfällen." Wilde konstatiert, dass er nur die Möglichkeit hatte Bosie nachzugeben oder ihn aufzugeben. Aus tiefer, wenn auch verfehlter Zuneigung, aus großer Nachsicht mit Bosies Unausgeglichenheit und seinen Schwächen, aus seiner ihm eigenen sprichwörtlichen Gutmütigkeit und keltischen Trägheit, aus der Aversion des Künstlers gegen derbe Auftritte und rüde Ausdrücke aus seiner zu jenem Zeitpunkt typischen Unfähigkeit, jemanden etwas nachzutragen, verließ Wilde seinen Geliebten nicht, wie er resümierend schreibt. Wilde sieht sich als Opfer in den Händen des launischen Lord Alfred, dem er vorwirft: "Nachdem Du mein Genie, meine Willenskraft und mein Vermögen in Beschlag genommen hattest, verlangtest Du in blinder, unersättlicher Gier meine Existenz."

Der Zuchthaussträfling stellt fest, dass er im Konflikt zwischen Bosie und dessen Vater aufgerieben wurde, seinen Kopf und seine Urteilsfähigkeit verlor und ihn besagte Tatsache schließlich in die Strafanstalt brachte.

Immer wieder erfährt man an Beispielen wie erbärmlich selbstbezogen und eitel sich Bosie in der Beziehung zu Wilde verhielt und ihn - seinen Gönner - nicht selten im Stich ließ, wenn er seelischen Beistand nötig hatte.

Wilde sieht die geistige Seichtheit seines Geliebten und hält diesen nicht für würdig für die Freundschaft und Liebe zu ihm, gleichwohl weiß er: " Doch die Liebe feilscht nicht auf dem Markte und rechnet nicht auf der Krämerwaage. Ihre Freude besteht wie die Freuden des Intellekts darin, dass sie sich lebendig weiß. "Wilde resümiert, dass Bosie sein Feind war: "Ein Feind, wie kein Mensch in je gehabt hatte. Ich hatte Dir mein Leben geschenkt, und um die niedrigsten, aller menschlichen Leidenschaften zu befriedigen; Hass, Eitelkeit und Gier, warfst Du es weg. In weniger als drei Jahren hast Du mich vollständig ruiniert. "

Wilde ist nicht bereit, Bosie für das, was er ihm antat, zu hassen, er möchte ihn weiterhin lieben, um die Tage im Gefängnis zu überstehen. Deshalb beschließt er,  in Bosie ebenfalls einen Leidenden zu sehen.

Im Leid sieht Wilde eine Wunde, die unter der Berührung einer fremden Hand zu bluten beginnt, ja selbst unter der Hand der Liebe von neuem aufbricht, wenn auch nicht schmerzt.

Für Wilde ist das Leid die vornehmste Gemütsbewegung, deren Menschen fähig sind, zugleich auch Urform und Prüfstein aller großen Kunst.

Das Geheimnis des Lebens sei Leiden. Hinter allem verberge sich nur dieses. In dieser Erkenntnis sieht man Oscar Wildes gedankliche Nähe zum Buddhismus sehr deutlich.

Wilde hält fest, dass er alles verloren habe, ihm allerdings die Demut geblieben sei, deren hohen Wert er im Zuchthaus erst wirklich erkennt.

Er reflektiert in der Folge die direkte Verbindung des Lebens Christus mit dem Leben des Künstlers und zeigt auf, weshalb er Christus für den größten Individualisten hält. Seine Begründung hierfür lautet "Seine Demut ist, wie die Unterwerfung des Künstlers unter jede Art von Erfahrung, nur eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Christus ist auf der Suche nach der Seele des Menschen.... Er tut das, weil man sich der eigenen Seele nur dadurch bewusst wird, dass man sich aller fremden Leidenschaften entäußert, aller angelernten Bildung und aller irdischen Güter, mögen sie gut oder schlecht sein."

Über seine im Zuchthaus gewonnene Demut, gelangt Wilde zu dem innersten seiner Seele, deren Feind er solange war und die ihn als Freund erwartete. Der brillante Denker schreibt, dass die Berührung mit der eigenen Seele den Menschen einfältig mache wie ein Kind, was er nach Christus Worten auch sein solle. Wilde nennt es tragisch, wie viele Menschen bis zu ihrem Tode nie ihre Seele besaßen.

Diese Nähe zu seiner Seele macht Wilde unfähig zu hassen. Er liebt und möchte Bosie den Sinn des Leids nahe bringen und ihm klar zu machen, dass Hass, intellektuell betrachtet, die "Ewige Verneinung" verkörpert, dass Hass vom Standpunkt der Emotion betrachtet eine Art Auszehrung ist, die alles tötet, nur nicht sich selbst.

Wilde hat im Rahmen des langen Briefes seine Opferhaltung aufgegeben und durch seine klare Absage gegenüber dem Hass sich zur Liebe und zur Selbstverwirklichung bekannt.

Großartig.

Lesenswert auch ist die dem Text angefügte "Ballade vom Zuchthaus Reading" und die Interpretation des Gedichtes durch Jorge Luis Borges.

Überall im Handel erhältlich