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Rezension:Das Bonus-Geheimnis: und andere Geschichten aus der Business Class (Gebundene Ausgabe)

Martin Suters ironische Kurzgeschichten aus dem gehobenen Management verdeutlichen, dass diese Hierarchieebene noch immer eine Männerdomäne ist, in der vermeintliche Alphamänner in einem geradezu neurotischen geführten Wettbewerb zueinander stehen und darum streiten, wer hier eigentlich der Erfolgreichste von allen ist.

Ihr Erfolg bemisst sich am Geld, an den Gehältern, bemisst sich aber auch an der Höhe ihres Bonus, den ein jeder am liebsten an die große Glocke hängen möchte. Schließlich möchte man zeigen, welch toller Hecht man ist. Statussymbole, wie entsprechende Automobile, klischeehaftes Verhalten - man raucht Cohibas und trinkt uralten Armagnac- sind den Jungs wichtig. Damit verdeutlichen sie, dass sie dazugehören. Ihr Habitus ist geradezu unerträglich stromlinienförmig. Wie Lemminge laufen sie alle in eine Richtung, weit davon entfernt, wirkliche Alphamänner zu sein.


Woran es ihnen fehlt ist Individualität und Kreativität, woran es mangelt ist die Fähigkeit, in der Krise ihren Mann zu stehen. Krisenmanagementaufgaben werden in der Regel an externe Berater vergeben. "Ab einem gewissen Gehaltsniveau stellt sich die Frage der Qualität nicht mehr."( Zitat: Suter)


Suter macht unmissverständlich klar, dass wirkliche Freundschaften unter Kollegen auf der leitenden Angestelltenebene nicht funktionieren. Alle strampeln um die Gunst des Eigentümers einer Firma, der, wenn er intelligent genug ist, es bestens versteht, seinen Vorteil aus dem Konkurrenzgerangel zu ziehen.


Frauen erlebt man in Suters Geschichten als Ehefrauen oder Sekretärinnen, denen sich die Jungs gerne unterwerfen, sofern sie ihr Leben organisieren und ihre Wunden lecken, welche oftmals sehr schmerzen, denn im Kampf um die Position in der Hierarchie sind alle Mittel erlaubt. Hinterhältigkeiten jedweder Art werden eingesetzt, um hierarchisch zu punkten. Kooperation scheint ein Fremdwort zu sein.


Gerade in Zeiten der Krise ist es aber notwendig, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und zwar in die gleiche Richtung. Suters wenig frohe Botschaft aus dem Buch lautet: Die Jungs haben es noch nicht begriffen. Sie haben leider nicht in erster Linie die Sache- das Wohl der Firma-, sondern nur die Befriedigung ihres Egos im Kopf. Die Ergebnisse solchen Handelns darf man derzeit täglich in den Wirtschaftnachrichten verfolgen.


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Rezension:Aussicht auf bleibende Helle: Die Königin und der Philosoph (Gebundene Ausgabe)

Renate Feyls Protagonisten in diesem historisch-philosophischen Roman sind die preußische Königin Sophie Charlotte und der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz.

Die beiden Personen verband eine intellektuelle Beziehung, die von der Autorin als "mariage mystique" stilisiert und vielschichtig thematisiert wird.

Vermählt war Sophie Charlotte mit dem preußischen König Friedrich I, den sie einst als Kurfürst Friedrich III von Brandenburg geheiratet hatte. Dieser Gatte war offensichtlich ein stark auf Prunk und Statussymbole fixierter Mensch, der der Wissenschaft und der Philosophie nur dann etwas abgewinnen konnte, wenn dadurch sein Ansehen bei anderen Herrschern vergrößert wurde. Als Zeitgenosse des Sonnenkönigs Ludwig XIV war er in Vielem ganz Kind seiner Zeit und erfreute sich am liebsten am Jagdvergnügen.

Sophies Sohn war der spätere Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Schon während seiner Kindheit und Jugend irritierte er seine Mutter durch seine starke Neigung zum Militarismus und zum Geiz. Sophie unternahm aber keinen ernsthaften Versuch, ihren Sohn umerziehen zu lassen, sondern ließ den Dingen scheinbar ihren natürlichen Lauf.

Sowohl Sophies Gatte als ihr Sohn blieben ihr wesensfremd. Feyl läßt ihre Protagonistin resümieren, dass ihre Ehe weder glücklich noch fruchtbar gewesen sei.(vgl. S. 200)

Sophie Charlotte war geistig von anderem Kaliber als ihr königlicher Gemahl.

Die Hofzeremonie und all die Repräsentationsspiele, auch die barockenen Gourmetmartyrien ließ sie notgedrungen über sich ergehen, wie die Autorin breitgefächert und amüsant auszuführen weiß. Aber Sophie hatte darüber hinaus intellektuelle Erwartungen ans Leben. Ihr Tendre war die Philosophie.

Geistige Interessen lagen in ihrer Familie. Ihre hochgebildete Mutter hatte schon früh den Mathematiker und Philosphen Leibniz nach Hannover geholt, wo ihn Sophie kennengelernt hatte.

Gottfried Wilhelm Leibniz, der Begründer höherer Mathemathik hatte u.a. Studien vorgelegt, wie man den Seidenanbau entwickeln könne. Er hatte eine Abhandlung über Steuern und eine Denkschrift zur Aufhebung der Leibeigenschaft verfasst, Reformen für die zentrale Gemeindeverwaltung konzipiert und sogar ein Konzept für die Beleuchtung der Residenzstädte entworfen und sich dabei immer und immer wieder mit Philosophie beschäftigt.

Leibniz traf sich regelmäßig mit Sophie Charlotte in "Lietzenburg" und sprach dort mit ihr in erster Linie über philosophische Themen, wie die Autorin den Leser wissen lässt.

Das "Prinzip des Widerspruchs" und "das Prinzip des Grundes" werden im Roman von den beiden Intellektuellen ebenso erörtert, wie der Gottesbegriff. Beide möchten die Bestrebungen der Vernunft unterstützen und gründen in Berlin die "Societät der Wissenschaften". Kepler, Bruno, Galilei, Bacon, Decartes, Spinoza, Hobbes und Locke sind für sie ein Thema. Aber Sophie denkt auch über den Ursprung und die Macht von Vorurteilen nach. Ihr Ziel ist es bleibende Helle zu schaffen und sie ist überzeugt, dass ihr dies gemeinsam mit Leibniz gelingen wird.

Während ihr Gemahl mit seiner Protokollmaitresse täglich eine Stunde in der Öffentlichkeit spazieren geht, eröffnet Leibniz seiner Königin, dass er dabei sei, eine Theodicee zu schreiben, aus der u.a. hervorgehe, wie man die Übel der Welt überwinden könne. Der Philosoph verspricht Sophie alsbald ein druckfrisches Exemplar zukommen zu lassen......

Ein wunderbarer, gedanklich tiefgehender Roman.
Empfehlenswert!


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Rezension:»Ich hatte tausend Leben und nahm nur eins«: Ein Brevier (Gebundene Ausgabe)

Nootebooms Brevier "Ich hatte tausend Leben und nahm nur eins" beinhaltet bemerkenswerte Gedanken und Gedichte dieses sehr nachdenklichen niederländischen Schriftstellers.

Das mehrseitige Vorwort zum Buch hat Nootebooms langjähriger Freund Rüdiger Safranski geschrieben. Er auch hat die Texte ausgewählt. Das Vorwort endet mit der Bemerkung:

"Diese Auswahl präsentiert Nooteboom als Romantiker mit und ohne Ironie, als philosophierenden Poeten, als politisch wachen Zeitzeugen, als Liebhaber von Orten, als Reisenden und als Schriftsteller, der den Zusammenhang zwischen den wirklichen und den imaginären Reisen nicht nur bedenkt, sondern lebt. Auf Nootebooms Spuren kommt man jedenfalls weit herum."

Cees Notebooms Grundthemen in seinen Büchern und Reisebeschreibungen sind das Erleben der Zeit, der Tod und der Prozess des Schreibens als eine Möglichkeit zum Entwurf gleichsam neben der Realität gültiger Wirklichkeiten.

Bevor ich mich in seine Gedanken zu Bildern, Porträts, Charakteren, auch in seine Frage: "Warum Reisen? " und in weitere Gedanken zu Zeiten, Wegen, historischen Augenblicken, Europäischem, Schreiben, Lesen sowie Lieben vertieft habe, las ich zunächst seine Geistesblitze.

Zu jedem einzelnen Bonmot könnte man einen Besinnungsaufsatz schreiben, doch das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Wie viel Dankbarkeit und positive Erfahrung mit der Liebe impliziert der Satz " Wer einmal die Gestalt eines Verliebten angenommen hat, isst und trinkt alles, Teller voll Disteln, Fässer voll Essig "? Wie viel Selbstbeobachtung aber auch gutmütige Akzeptanz gegenüber dem Eigenleben von Gedanken lässt die Sentenz " Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will " erkennen?

Mit jedem einzelnen Geistesblitz zeigt Nooteboom wie tief er über Fragen des Lebens und anderes mehr reflektiert hat.

Wer in der Lage ist in einem knappen Satz all das zu äußern, wofür nicht wenige viele Seiten benötigen, beweist, dass er kein selbstdarstellerischer Schwätzer ist.

Nooteboom ist im Laufe seines Lebens weise geworden. Seine Weisheit beruht auf harter Arbeit an sich selbst und auf seiner brillanten Beobachtungsgabe. Das wird bei der Lektüre des Büchleins unzweifelhaft deutlich.

Der Niederländer beschreibt mit großem Einfühlungsvermögen Gemälde, Bilder und Filme. Besonders gefallen haben mir seine Gedanken zu einem Gemälde, auf dem die preußische Königin Luise von Preußen verewigt worden ist. Nooteboom sagt an einer Stelle, die mich sehr berührt hat, " Ich kenne keine Frau, die so schauen kann. Sehr verwirrend. Dieser Blick ist ausgestorben ". Vielleicht ist im 20. Jahrhundert der einstige Liebreiz von Frauen auf der Strecke geblieben, weil sich ihre Träume verändert haben, wer weiß... Vielleicht ist die Zeit der Unschuld vorbei, wer weiß....

Der Schriftsteller denkt über alte Fotographien nach und setzt sich u .a. mit Ingmar Bergmanns Film " Wilde Erdbeeren " auseinander, den ich vor kurzem rezensiert habe. Nootebooms subtile Betrachtungen zu dem Film haben mich begeistert.

Im Rahmen seiner Portraits und Charaktere bin ich auf eine gedankliche Miniatur gestoßen, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte, weil sie gewiss sehr neugierig auf das Buch macht: " Was machen wir mit den Menschen, denen wir begegnet sind? Sind sie es, die wir manchmal in unsren Träumen sehen? Gesichter, von denen der Name sich abgewetzt hat? Haben sich Spuren von ihnen erhalten?.........Wo bleibt das alles? "

Solche Fragen zu beantworten, fällt nicht leicht. Das setzt voraus, dass man sich mit der eigenen Psyche intensiv auseinandersetzt.

Nootebooms Reisebetrachtungen haben mich beeindruckt, auch seine Erinnerungen an historische Augenblicke.

Wie schade, lieber Herr Nooteboom , dass Sie Weimar in so unangenehmer Erinnerung behalten haben. Reisen Sie abermals nach Thüringen. Sie werden überrascht sein über das Neuerwachen der alten Dichtermetropole.:-)

Ich kannte den Lyriker Nooteboom bislang noch nicht und sehe jetzt, was ich versäumt habe.

"Alles von dir werd ich vergessen, außer dich/....Durch dein Bildnis hindurch seh ich die flehende Sehnsucht,/ aus der wir vertrieben sind./....

Ein wunderbarer Poet und überaus nachdenklicher Schriftsteller.




Rezension:Mouches Volantes: Die Leuchtstruktur des Bewußtseins (Taschenbuch)

Floco, der Ich- Erzähler, berichtet von seinen Erfahrungen, die er im Hinblick auf die Erweiterung seines Bewusstseins gemacht hat. Er lernt im Emmental in der Schweiz einen Mann namens Nestor kennen, der ihn über Jahre mit Methoden vertraut macht, deren Ziel es ist, das eigene Bewusstsein in eine intensivere Richtung zu entwickeln, um auf diese Weise offener und kreativer zu werden.

Zunächst lernt Floco mit seinen Körperenergien sinnvoller umzugehen. Floco ist ein Stadtmensch - er kommt aus Bern - und führt normalerweise ein völlig anderes Leben als Menschen, wie Nestor und seine Bekannten im Emmental. Floco stellt auf Anraten Nestors seine Ernährung um, bewegt sich intensiver und beginnt richtig zu atmen. Durch richtiges Atmen und intensivere Bewegung, wie etwa Tanzen jenseits des vorgegebenen Taktes, werden Energieblockaden aufgelöst. Neue Energie kann aufgebaut und dann wieder abgegeben werden.


Lebensenergie, so lehrt Nestor ihn, soll nicht an materielle Gedanken, Vorstellungen und Gefühle gebunden werden, vielmehr soll sie in das sogenannte Gesamtbild einfließen. Floco lernt die Grundstruktur dieses Gesamtbildes kennen, zweifelt jedoch stets an dem, was er von Nestor erfährt oder selbst sieht. Er nimmt diese Grundstruktur durch "Mouches Volantes", kleine Partikel, die sich durch Konzentrationsübungen in seinen Augen gebildet haben, wahr. Es handelt sich offenbar um Fäden und Kugeln, die als eine Art Leuchtstruktur zu den tieferen Schichten des Bewusstseins führen und begreifen lassen, dass hinter allem, was ist, das reine Licht steht, dessen Leuchtkraft und Glanz man um so intensiver sieht, je mehr man sich von allen Anhaftungen frei gemacht hat.


Der Autor hat die Landschaft des Emmental in ein ganz besonderes Licht getaucht, nicht zuletzt, weil er sie mit viel Liebe beschrieben hat. Darüber hinaus verdeutlicht er dem Leser, dass der Sinn des Seins nur darin bestehen kann, das ewige Licht als das hinter allem stehende zu erkennen und dass die persönliche kleine Welt der materiellen Gedanken, Vorstellungen und Gefühle im Grunde lächerlich sind im Verhältnis zu dem großen, ewigen, lichtdurchfluteten Gesamtbild.


Die Folge dieses spirituellen Erkennens kann im Grunde nur Demut sein!






Rezension: Alexandria 642. Roman des antiken Weltwissens

Der französische Astrophysiker Luminet hat einen Roman geschrieben über die berühmte Bibliothek von Alexandria. Dort haben tausend Jahre lang Naturwissenschaftler, Philosophen und andere Gelehrte sich bemüht, Kenntnisse jedwelcher Art zusammenzutragen. Durch dieses Wissen hat die Welt ein anderes Antlitz erhalten. 642 n. Chr. wurde die Bibliothek möglicherweise auf Geheiß eines ungebildeten, machthungrigen Kalifen in Brand gesetzt und zerstört. (Der Autor schreibt in seinem Nachwort, dass er sich ganz bewusst gegen die Form des historischen Essays entschieden habe, als er sich Gedanken darüber machte, wie er den Gegenstand der Betrachtung dem Leser nahe bringen solle, da letztlich "keine historische Wahrheit über jene ferne Zeit gesichert sei.")

Ausgangssituation des Romans ist die Eroberung Alexandrias duch Amr ibn al-As im Jahre 642 n. Chr. Dieser beduinische Feldherr soll im Auftrag seines Herrn die Bibliothek vernichten, weil sie den Allmacht - Vorstellungen des Kalifen zuwider läuft. Drei Gelehrte der Bibliothek versuchen eloquent und feinsinnig dem intelligenten Amr das geplante Vorhaben auszureden und ihn mit Argumenten zu versorgen, die ihn befähigen, seinen Herrn zu überzeugen von der Unsinnstat abzusehen.

So beginnen sie über die tausendjährige Geschichte der Bibliothek zu berichten, erzählen von den hochgeistigen Menschen, die sich dort über Jahrhunderte aufgehalten haben und erläutern welche Werke hier entstanden und beherbergt sind. Der Leser begegnet dem großen Mathematiker Euklid, hört von Aristarch von Samos, der lange vor Kopernikus erkannte, dass die Erde sich um ihre Achse und um die Sonne dreht. Archimedes und der Universalgelehrte Eratosthenes aus Kyrene bleiben nicht ausgespaart, letzterer hat u.a. die Primzahl entdeckt und die Grundlagen der Geographie erfunden. Dichter, wie Kallimachos und Aristophanes werden genannt, aber auch die Erkenntnisse des bedeutenden Astronomen Klaudios Ptolemaios kommen zur Sprache. Zudem ist von der Mathmatikerin und Philosophin Hypatia von Alexandria die Rede, die als Märtyrerin religiöser Intoleranz gegenüber den Naturwissenschaften ihr Leben lassen musste. Die Beschreibung dieser ungewöhnlichen Frau ist, nebenbei bemerkt, besonders beeindruckend. Unabhängig von den Glanzleistungen der vielen Denker, zeigt Luminet welchen Betrachtungswinkel die Herrscher der jeweiligen Zeit der Bibliothek gegenüber eingenommen haben. Die Klugen unter ihnen nutzten das in der Bibliothek aufbewahrte Wissen, um ihr Land zu modernisieren und zur Blüte zu bringen. Die Bornierten fügten, wenn sich ihre Dummheit mit Bosheit paarte, dem Ort des Wissens immer wieder Schaden zu. So auch 642 n.Chr., als es dem diesbezüglich glücklosen Amr, trotz stichhaltigster Argumentationskette, nicht gelang seinen Herrn davon zu überzeugen, dass diese Fülle von Kenntnissen für ihn von Vorteil sein könnte...

Der Untergang der Bibliothek von Alexandria wird von Jean- Pierre Luminet eindrucksvoll und spannend geschildert. Wer auch immer das antike Weltwissen zerstört haben mag, es muss ein boshafter, ignoranter Entscheider gewesen sein. Vielleicht sind Personen dieser Art in allen Jahrhunderten die schlimmste Heimsuchung für Menschen, die guten Willens sind.

Kurzer Nachtrag: Interessant sind im Anhang die sogenannten gelehrten Fußnoten, die längst Vergessenes aus dem Physikunterricht wieder in Erinnerung bringen.

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Rezension: Schattenhochzeit

Der auf der Insel Kreta geborene amerikanische Wissenschaftler Kyriakos Roussias besucht nach Jahrzehnten die Orte seiner Kindheit. Bei diesen handelt es sich um abgelegene Dörfer auf besagter griechischen Insel. Hier leben die Menschen primär von Schafzucht und weisen in ihrem Habitus offenbar noch recht archaische Züge auf. Roussias hat jene, ihm eigentlich nie vertraute Welt während seines Aufenthaltes in den USA allmählich verdrängt. Außer einigen folkloristischen Abenden mit entsprechender Musik und einer Menge "Raki", sowie sporadischen Telefonaten mit seiner alten Mutter hat er seine Herkunft aus seinem jetzigen Leben verbannt. Hierfür gibt es nachvollziehbare Gründe! Im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre mußte Roussias Familie allein sieben Angehörige betrauern. Opfer der Blutrache sind sie alle geworden; mit anderen Worten sie haben sich gegenseitig umgebracht.

Die Autorin erzählt von kargen Landschaften und kleinen Ansiedlungen, von Hirten und deren Mühsal, von irritierender Rückständigkeit, von archaischer Lebensweise. Die geschilderten Menschen sprechen nur wenig miteinander. Missverständnisse werden insofern nicht aus dem Weg geräumt. Die Folge ist Streit, schon aus geringfügigem Anlaß; das Ergebnis: Familienfehde!

Die Männer dieser Region haben ein düsteres Auftreten, schwarzbekleidet, bis zu den Zähnen bewaffnet, gehören sie im Grunde einer vergangenen Welt an. Sie gehorchen frühzeitlichen Regeln, die im Widerspruch stehen zu den staatlichen Gesetzen. So verbringen sie einen Großteil ihres Lebens im Gefängnis, ohne sich tatsächlicher Schuld bewußt zu sein. Getrieben von rachelüsternen Frauen, gehorchen sie den alten Gesetzen der Familienfehden.

Auch Roussias Vater war Mörder und Opfer der Blutrache zugleich und stellt eine schwere moralische Bürde für den Sohn dar, der selbst mit seinem besten Freund über diesen Sachverhalt nicht sprechen kann. Das Inselgesetz fordert von ihm, dass er den Mord an seinem Vater rächt. Wie Roussias mit der an ihn gestellten Forderung umgeht, insbesondere als sich diese während seines Inselbesuchs erheblich verdichtet, lesen Sie auf den letzten Seiten des packend geschriebenen Romans....!

Ioanna Karystiani hat ein interessantes Buch geschrieben, das sich nicht zuletzt mit der Frage beschäftigt, ob man die mögliche Kluft zwischen Herkunft und späterem Leben so schließen kann, dass das Ergebnis Versöhnung zum Inhalt hat? Die Autorin findet eine Antwort, nachdem sie den Leser "mit Kreta", dem "Minenfeld verhängnissvoller Momente", vertraut gemacht hat.

Ein lesenswerter Roman!

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Rezension:Die Aspern-Schriften (Gebundene Ausgabe)


Ein amerikanischer Literaturwissenschaftler reist im vorletzten Jahrhundert nach Venedig, um dort Kontakt aufzunehmen mit der mittlerweile steinalten Muse eines berühmten, längst verstorbenen Dichters. Die hochbetagte Dame bewohnt gemeinsam mit ihrer blassen, auch nicht mehr taufrischen Nichte, die ihr gewissermaßen als Nurse zu Seite steht, einen morbiden Palazzo und hält sich ganz bewusst von ihren Mitmenschen fern. Die Greisin lebt mit ihren Erinnerungen, was konkret heißt, sie lebt mit den Briefen des toten Dichters Aspern. Dem jungen Literaturwissenschaftler gelingt es - inkognito - sich bei den verschrobenen Damen einzumieten. Auf diese Weise hofft er,  an die der Öffentlichkeit noch fremden Aspern-Schriften zu gelangen. Den Preis, den der Mann für die begehrte Habe zahlen soll, ist ungewöhnlich und erfordert eine baldige Gewissensentscheidung ...

Eine hervorragende Erzählung mit einem sehr interessanten Nachwort von Bettina Blumenberg. Sie lässt den Leser wissen, dass der Erzählung eine Anekdote aus Florenz zugrunde liegt und berichtet in der Folge über diese kleine Begebenheit. Auch weist Blumenberg darauf hin, dass Henry James durch seinen Text der Dichter Lord Byron, Shelley und Puschkin gedacht habe. Die Botschaft des Schriftstellers lautet,  ein Leben sei freudlos und verfehlt, wenn es sich fern von allem abspielt, was reizvoll sein könnte und so trete anstelle eines solchen Lebens die Kunst!

Ein empfehlenswertes Buch, das zum Nachdenken anregt.

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Rezension: Leviathan SZ-Bibliothek Band 43

Die in diesem Roman dargestellten Ereignisse finden in einer französischen Kleinstadt zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts statt. Der mittellose, völlig unscheinbare Hauslehrer Gueret verliebt sich in die junge, schöne Angele. Nachdem er erfährt, dass diese Frau für ihre Tante, einer in jeder Beziehung heruntergekommenen Restaurantbesitzerin, als Gelegenheitsprostituierte tätig ist, rast er vor Eifersucht und begeht, wie im Rausch, zwei schwere, kriminelle Straftaten.
Zunächst misshandelt er, ohne dies wirklich zu wollen, Angele folgenschwer. Dies führt dazu, dass sie dauerhaft ihre Schönheit verliert. Anschließend tötet er auf der Flucht vor seiner Tat einen alten Mann aus Panik. Dann versteckt er sich. Als ihm zu Ohren kommt, dass die von ihm erschlagen geglaubte Angele lebt, zieht es ihn erneut an den Ort des Geschehens zurück. Gueret erscheint das, was er getan hat, unwirklich. Der unwillentlich agierende Täter nimmt die Täterschaft nicht an und kann deshalb noch nicht einmal Reue empfinden. In gewisser Hinsicht verdrängt dieser Mann seine Taten sogar. Er möchte mit Angele zusammen sein und irgendwo in der Fremde gemeinsam mit ihr ein neues Leben beginnen. Diesen Wunsch unterbreitet er der jungen Frau, die ihn wegen seiner Tat zutiefst verabscheut, aber ihn dennoch nicht der Justiz ausliefert. Sie unterlässt dies wohl deshalb, weil sie sich von seiner Zuneigung trotz allem angezogen fühlt und ihn aufgrund dessen schützen möchte. Angele erbittet sich Bedenkzeit.....
Unterdessen bemühen sich die Kleinstadtbewohner darum, den Tatverdächtigen aufzuspüren. Zwei ortsansässige Damen, die mit ihrem Älterwerden nicht zu Rande kommen, haben persönliche Interessen die Ereignisse nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern den potentiellen Täter Gueret der Polizei ausliefern. Sowohl die selbstsüchtige Restaurantbesitzerin Madame Londe als auch die zum Sadismus neigende, unzufriedene Ehefrau des reichen Geschäftsmannes Grosgeorge bemühen sich aus nicht unbedenklichen Motiven Gueret hinter Gitter zu bringen. Das heisst, beiden geht es nicht darum, dass ein Täter für seine kriminellen Handlungen zur Verantwortung gezogen wird, sondern sie haben ausschliesslich Projektion, Rache und Genugtuung im Sinn.
Julien Green beschreibt in seinem dichten, bedrückenden Roman vor allem die Phänomene: Bosheit, Kälte und Mitleidslosigkeit. Diesen menschlichen Abgründen stellt er die Liebe als Hoffnungsträger gegenüber. Sie allein bietet die Möglichkeit zu verzeihen, selbst dort, wo es dem unbeteiligten Dritten mitunter kaum möglich ist, dies zu verstehen.


Ein brillant geschriebener, großer, zeitloser Roman.





Rezension:Das Paradies ist anderswo: Roman (Gebundene Ausgabe)

Vargas Llosa hat einen unglaublich facettenreichen Roman verfasst, über zwei außerordentliche Menschen, die im vorletzten Jahrhundert - jeder auf seine Weise - das Paradies auf Erden suchten, bzw. gestalten wollten.

Erzählt werden die Lebensgeschichten zweier unangepasster Personen: zum einen die Vita der Sozialreformerin und Frauenrechtlerin Flora Tristan, zum anderen das Leben ihres Enkelsohnes Paul Gauguin, dessen impressionistische Gemälde erst nach seinem Tode weltweite Anerkennung fanden.


Nach schwerer Kindheit in überaus ärmlichen Verhältnissen und einer fürchterlichen Ehe mit einem gewalttätigen, ihr gewissermaßen aufgezwungenen Mann, flieht Flora Tristan zunächst nach Peru, in das Land ihrer väterlichen, sehr begüterten Herkunftsfamilie. Doch sie findet dort keine wirkliche Ruhe und ist empört, ob der dort vorherrschenden sozialen Mißstände. Flora kehrt zurück nach Frankreich, engagiert sich in der Arbeiterbewegung und kämpft zeitgleich für die Emanzipation der Frau. Sie reist nach London, hält flammende Reden gegen die inhumanen Auswüchse der Früh -Industralisierung, so unter anderem in Paris, Lyon sowie Bordeaux und veröffentlicht 1835 "Weite Reisen einer Paria", 1840 "Spaziergänge in London", 1843 "Arbeiterkampf". Sie rebelliert gegen die Gesellschaft und nimmt die Ideen von Karl Marx vorweg. Als sie im Alter von einundvierzig Jahren an Erschöpfung stirbt, hat diese, sich keineswegs schonende Idealistin das Paradies auf Erden leider nicht gefunden...!


Ihr Enkelsohn Paul Gauguin arbeitet zunächst als Börsenmakler und ist in seinem bürgerlichen Beruf sehr erfolgreich. Er heiratet die Dänin Mette S. Gad. Aus dieser Ehe gehen fünf Kinder hervor. Durch Claude Emile Schuffenberger wird er an die Kunst herangeführt und beginnt zu malen. Sein Leben nimmt nun einen anderen Verlauf. Er trennt sich von Mette, erleidet, nachdem er seinen Brotberuf aufgegeben hat, finanzielle Not, lässt sich aber von seiner Leidenschaft nicht abbringen. Beeinflusst vom Maler Camille Pissarro versucht er Gesetzmäßigkeiten der Farbe analog der Musik aufzustellen. Er zieht sich in die bretonische Landschaft zurück und gelangt dort zu eigenständigen Ausdruckswerten. 1887 reist er mit seinem Freund Laval nach Panama und beginnt auf Martinique breitflächig zu malen. Er kehrt zurück nach Frankreich, trifft in Arles auf van Gogh. Die beiden Maler arbeiten zusammen, schätzen sich und doch kommt es zu Auseinandersetzungen, die dazu führen, dass Gauguin fluchtartig in die Bretagne zurückreist.


1891 geht der Künstler, der jetzt in Paris als Haupt der symbolistischen Schule gefeiert wird, für zwei Jahre nach Tahiti. Dort malt er die Eingeborenen, mit denen er zusammenlebt. Eine Affinität zu sehr jungen Mädchen wird deutlich. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten kehrt er nach Frankreich zurück und stellt seine Gemälde in Paris aus. Er errichtet ein Atelier in der Rue Vercingetorix, lebt mit einer Farbigen zusammen, die sich alsbald von ihm trennt, sein Atelier ausräumt und Gauguin mittellos zurücklässt. Nach der Notversteigerung vieler seiner Gemälde verlässt der Maler seine Heimat für immer. In Punaaia an der Westküste Tahitis nimmt er das Leben wieder auf und schafft Bilder voller Poesie, obwohl es ihm gesundheitlich und finanziell schlecht geht. Wiederholt äußert Gauguin Selbstmordgedanken. Schwierigkeiten mit der Kolonialverwaltung führen dazu, dass er auf die Insel Atuona ausweicht, wo er zwei Jahre später verstirbt. Seine Vorstellung vom Paradies zeigt sich vor allem im Bild "Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?". Die fortschreitende französische Kolonisation Polynesiens verändert allerdings schon zu Lebzeiten Gauguins die Authentizität der Eingeborenen. Das Paradies, das der Maler sucht, ist auch in Polynesien nicht zu finden. "Das Paradies", so stellt Gauguin resigniert fest, "ist anderswo!"


Ein hervorragend geschriebener, unendlich farbenprächtiger, spannender Roman, von großem Tiefgang!



Rezension:Jessica, 30 (Gebundene Ausgabe)

Die Protagonistin dieses Romans ist die dreißigjährige, promovierte Geisteswissenschaftlerin Jessica Sommer. Der Leser lernt die junge Frau im ersten Abschnitt des Buches näher kennen. Dort nämlich führt sie, währenddessen sie joggt, einen inneren Monolog. Man erfährt, dass Jessica keinen festen Job hat, gelegentlich als freie Mitarbeiterin bei einer Frauenzeitschrift arbeitet und mit ihrem Leben unzufrieden ist. Wie sich aus dem weiteren Kontext ergibt, scheint sie ein zutiefst verunsicherter Mensch zu sein, dessen Gedanken unenwegt um den eigenen Körper und das richtige Outfit kreisen.

Jessicas Affäre mit einem machtorientierten Staatssekretär endet nach einem gemeinsam verbrachten Abend in ihrer Wohnung. Aufgrund bestimmter sexueller Vorkommnisse fühlt Jessica sich gedemütigt und sinnt auf Rache. Sie weiß um die Beziehungen, die ihr ehemaliger Lover und andere Politiker auf Staatskosten zu osteuropäischen Prostiuierten pflegen und möchte diese skandalträchtige Angelegenheit der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dabei soll ihr ein Mitarbeiter eines bekannten politischen Nachrichtenmagazins helfen.....


Die Autorin zeichnet das Bild einer wenig in sich ruhenden jungen Frau, die sowohl ihren geistigen Fähigkeiten, als auch ihrer körperlichen Attraktivität mißtraut. Indem Jessica versucht es allen recht zu machen, wird es für sie schwer, ihre eigene Mitte auszuloten. Streeruwitz gräbt nach, um zu erfahren, weshalb ihre Protagonistin ein so geringes Selbstwertgefühl hat und hält in der Folge mit harscher Gesellschaftskritik nicht hinter dem Berg....!


Ein exzellent, geschriebener, nachdenklich stimmender Text!