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Rezension: 70 Glücksfenster

Dieses Buch enthält 70 Geschichten unterschiedlicher Autoren, die im Quellennachweis alle genannt werden. Herausgeber der Geschichten sind Willi Hoffsümmer und Anneliese Hück. Der Untertitel des Buches heißt "Geschichten zum Geburtstag".

Untergliedert sind besagte Geschichten, die selten länger als eine Seite sind, in die Oberbegriffe:
-Der sanfte Flügelschlag des Glücks
-Vom unscheinbaren Glück am Wegesrand
-Verschenktes Glück kehrt zurück
-Gemeinsam das Glück zum Blühen bringen
-Das Glück hat viele Gesichter
-Glück ist jeden Augenblick
-Von Geheimnis des Glücks
-Wo das Glück zu Hause ist

Die Titel dieser kleinen Geschichten, wie etwa "Die Seele in die Sonne halten", "Liebe öffnet die Tür zum Leben" oder beispielsweise "Erfüllung finden- auch in schweren Zeiten", machen neugierig. Adalbert Ludwig Balling schrieb übrigens die Geschichte mit dem zuletzt genannten Titel. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das Haus Renoirs unweit von Nizza, das heute ein Museeum ist, sehe ihn in seinem Atelier sitzen und spüre seine schöpferische Kraft, trotz seiner verkrüppelten Hände. Das Ende von Ballings Geschichte möchte ich zitieren, weil es mich besonders berührt hat:

"Renoir blieb im Süden Frankreichs, in der Sonne von Nizza. Er wurde zum ärztlichen Phänomen. Ein Zeitgenosse schrieb: "Der Körper schrumpfte, die Knochen trockneten aus, die Finger wurden verknotete Spiralen, die Haut vergilbte zu dünnen Papier. So malte er. Man setzte den Rest von Körper auf eine stuhlartige Winde, die auf die Höhe der Staffelei hinaufgeschraubt werden konnte, steckte ihm einen Pinsel zu - und der Pinsel tupfte auf die Leinwand. So sind die Werke seiner Reife entstanden,"(Zitat S. 68-69).

Die Geschichte ist dem Obergriff "Das Glück hat viele Gesichter" zugeordnet. Ich kenne Fotos von Renoir aus jenen Tagen, auf denen er sehr glücklich lächelt. Er fand sein Glück selbstvergessen in seiner Arbeit sowie in dem Licht des Südens.

Die Gesichter des Glücks sind sehr vielfältig. Das machen die Geschichten deutlich. Ich glaube allerdings, dass Selbstvergessenheit die eigentliche Voraussetzung aller glücklichen Momente im Leben eines Menschen ist.

Ein schönes, kleines Geburtstagsgeschenk. Empfehlenswert.

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Rezension. Das lässt sich ändern- Birgit Vanderbeke

Dieser kurzweilig zu lesende Roman von Birgit Vanderbeke erzählt von Freundschaft, von Liebe, von Nachbarschaftshilfe, vom Zupacken, von der Kreativität und vom einfachen Leben fernab von unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft.

Zynische Egomanen werden den Roman- ich höre es schon jetzt - als Gutmenschenidyllenbeschreibung - abkanzeln, weil sie nicht begreifen wollen, dass es Menschen gibt, die anders als sie ticken und dass genau solche Menschen es wert sind, dass man sie in Romanen beschreibt, weil genau solche Menschen in Krisenzeiten den Karren erfahrungsgemäß erfolgreich aus dem Dreck ziehen.

Die Protagonistin des Romans lernt Adam Czupek in den 1980ern kennen. Sie und ihr späterer Lebensgefährte kommen aus unterschiedlichem Milieu. Sie ist die Tochter aus so genannt gutbürgerlichem Hause. Adam wurde in sehr arme, ungebildete Verhältnisse hineingeboren, doch er verfügt über eine überragende Intelligenz. Er ist kein Intellektueller, sondern ein Handwerker und setzt seine geistigen Fähigkeiten für praktisches Tun ein. Handwerklich ist er hochbegabt und eignet sich durch seine Intelligenz stets das Wissen an, das er benötigt, um seine immer wieder neuen Projekte in die Tat umzusetzen. Adam steht intellektuellen Schwätzern skeptisch gegenüber, speziell wenn sie nicht in der Lage sind, anzupacken.


Die Eltern der Protagonistin, eine studierte Logopädin, lehnen Adam ab, weil er gesellschaftlich nicht passend für ihre Tochter erscheint. Doch diese liebt Adam, der in keine Gesellschaftsschicht passt und letztlich draußen steht. Er ist ein Vogelfreier, der sich stets, so wie Kant es empfiehlt, seines Verstandes bedient und seine Familie und sich durch raue Zeiten trägt. Als die beiden gemeinsamen Kinder bereits auf der Welt sind, ziehen die Protagonistin und Adam aufs Land, nicht aus freien Stücken, sondern weil das Mietverhältnis aufgekündigt worden ist.


Mit einer alten Studienfreundin, die gerade ein Haus geerbt hat, wohnt die Familie nun gemeinsam in einem Haus, das Adam, der eigentliche Held des Romans, vollständig saniert. Adam auch ist es, der den Hof des Bauern Holzapfel vor dessen Ende rettet und dem alten Bauern einen neuen Lebenssinn schenkt, der sich zudem für deutsch-türkische Zusammenarbeit erfolgreich stark macht und immer wieder zeigt, dass man etwas bewegen kann, wenn man fernab von Behörden und der dubiosen Obrigkeit dort, wo man lebt oder wirkt für die Gemeinschaft seine Fähigkeiten einsetzt. Das Engagement Adams zahlt sich immer wieder aus, denn seine Freunde wissen ihn zu schätzen und würden ihn niemals im Stich lassen.


Adam möchte, dass man Jahrhunderte altes Wissen bewahrt, möchte, dass man in der Lage ist autark zu leben, dass man sich seines Verstandes bedient und lehrt seinen Kindern sehr liebevoll genau eben dieses. Die Protagonistin liebt ihren Mann, auf den sie sich, selbst natürlich auch immer sehr zupackend und aktiv, verlassen kann.

Menschen, wie Vanderbeke sie beschreibt, sind mir während meiner Kindheit begegnet. Es sind keine Fantasiegebilde. Es gab sie tatsächlich als die Verblödung durch  die Flimmerkiste noch nicht einsetzte und man Menschen noch nach dem, was sie taten und nicht nach ihrem besserwisserischen Geschwätz, beurteilte.

Empfehlenswert.
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Rezension: Doch uns schlug kein Gewissen

Der Untertitel dieses Buches heißt "Die schönsten Seitensprünge von Boccaccio bis Ringelnatz". Seitensprünge können, m.E., wenn überhaupt, nur als "One-Night-Stand" "schön", im Sinne von problemlos und kurzweilig sein. Alle anderen Seitensprünge sind es letztlich nicht. Menschen in Karnevalsgegenden wissen seit ewiger Zeit ein Lied davon zu singen. Sie schätzen nicht grundlos diesen "One-Night-Stand" und sind in der Regel ansonsten treu. Der Seitensprung ist Bestandteil des Karnevals. Er schadet langjährigen Beziehungen offenbar nicht, habe ich mir von alten Mainzern und Kölnern sagen lassen. Ganz im Gegenteil. Ein solcher Seitensprung soll sogar inspirierend auf die feste Beziehung wirken. Ob das tatsächlich so ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich meide Karnevalsveranstaltungen.

Soll man einen solchen heißen Flirt zulassen oder eher nicht?

Sobald das Herz dabei ist, bleibt wohl stets ein schaler Nachgeschmack und viel Kummer, nicht zuletzt das Gefühl Beziehungsverrat begangen zu haben, sofern man nicht in einer offenen Beziehung lebt. Wer seinen Partner liebt und nicht eifersüchtig ist, freut sich, wenn dieser eine vergnügliche Nacht mit einem/einer Dritten verbracht hat und weiß, dass der Partner ihn nicht weniger liebt, wegen einer solchen Episode, so die Theorie. Der Partner fühlt sich nicht gedemütigt, sondern freut sich, dass man fern vom Beziehungsalltag seinen Spaß hatte.

Es gibt Menschen, die sind in der Lage, zwei Liebesbeziehungen zeitgleich zu leben, ohne das Gefühl zu haben, einen der Partner zu betrügen. Ob es möglich ist in beiden Gegenübern eine Art Herzens-Du zu sehen, weiß ich nicht. Möglich könnte es schon sein. Es kommt eventuell auf die Größe des Herzens an.:-))


Was ist, wenn zwei Menschen, die in langjährigen Beziehungen leben, sich ineinander plötzlich verlieben und, aus Verantwortung der alten Beziehung gegenüber, zweigleisig verfahren? Was ist, wenn es sich um sensible Personen handelt, die Dritte nicht verletzten wollen? Wie schaut es in deren Innenleben aus? Werden sie am Ende gemütskrank durch solche Konstellationen? Müssen sie unbedingt irgendwann eine Entscheidung treffen?


Warum spielt uns unser Herz mitunter einen Streich und lässt es zu, dass wir uns neu verlieben, obschon wir in den langjährigen Partner nach wie vor verliebt sind und ihn auch lieben? Muss eine neue Verliebtheit, wenn sie gegenseitig ist, zwingend zum körperlichen Vollzug führen? Geht man nur fremd, wenn man mit dem neuen Objekt der Verliebtheit beischläft oder beginnt der Seitensprung schon früher?

Beginnt er bereits im Kopf? Im Sehnen nach dem anderen?

Im vorliegenden Buch finden sich zahllose Auszüge aus Texten namhafter Schriftsteller, die von Seitensprüngen und all dem, was mit ihnen zusammenhängt, erzählen. Viele Gedanken, die ich oben kurz gestreift habe, finden sich in den Geschichten wieder.

Die Herausgeberin Manuela Reichart ordnet die Textauszüge folgenden Oberbegriffen unter:

- Verdacht
- Vorspiel
- Vollzug
- Beweise
- Danach
- Entscheidung
- Vermeidung
- Überkreuz
- Letzte Worte

Zu den Autoren zählen u.a. Johann Wolfgang von Goethe (Auszug aus dessen "Wahlverwandschaften"), Guy de Maupassant (Auszug aus "Bel-Ami"), Arthur Schnitzler (Auszug aus "Traumnovelle"), Gustave Flaubert (Auszug aus "Madame Bovary"), Theodor Fontane (Auszug aus "Effi Briest"), Lei Tolstoi (Auszug aus "Anna Karenina"), Franziska zu Reventlow (Auszug aus "Von Paul zu Pedro"), Anton Tschechow (Auszug aus "Von der Liebe") und Sándor Márai ("Die Glut").

Die Textauszüge sind gut gewählt und regen zum Weiterlesen an. Die Motive von "Madame Bovary" und "Effi Briest" haben mich nie berührt und tun es auch nach den jetzt gelesenen Textauszügen nicht. "Anna Karenina" ist für mich eine tragische Gestalt. Bei ihr spielt das Herz eine große Rolle. Dass sie aus dem Leben ging, hing damit zusammen, dass sie die seelischen Schmerzen nicht mehr ertrug, die ihr Seitensprung zur Folge hatte. Sie wurde zum Opfer ihrer Gefühle.

Sándor Márai bringt es in "Die Glut" auf den Punkt, wenn er ergründet, weshalb Seitensprünge überhaupt möglich sind: "Zwischen zwei Menschen, zwischen einer Frau und einem Mann, sind das "Warum" und das "Wie" sowieso immer beklagenswert gleich... Die Konstellation ist von verachtenswerter Schlichtheit. "Darum" und "So", weil es gerade möglich war und geschehen konnte, das ist die Wahrheit", (Zitat: S.348).

Im Nachwort "Das kann passieren: Untreue und Ehebruch in der Literatur" steht zu Beginn, dass ein Seitensprung beinahe zwangsläufig zur Trennung führe, so eine soziologische Studie, obschon nur 27% aller Frauen und 33% aller Männer nach einem Seitensprung die Trennung wollen.

Allerdings wissen wir, dass polygam veranlagte, diskrete "Fremdgeher/innen" nicht selten "Goldene Hochzeit" in bestem Einvernehmen feiern und möglicherweise erheitert sind aufgrund eines Verses aus einem Gedicht von Frank Wedekind:
"Keiner wohl küsste wie du,
Sanft wie ein Hauch am Maientag
Stürmisch jetzt küsst mich der andere."
(Zitat: S.340)

Sind polygam veranlagte Personen nicht von dieser Welt? Sind sie gefühlskalt oder eher das Gegenteil? Vermutlich wird jeder die Frage so beantworten, wie es für ihn günstig ist.:-))

Empfehlenswert.

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Rezension: In 80 Büchern um die Welt- Eine literarische Reise

Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass das vorliegende Buch von belesenen und vielgereisten Absolventen des Aufbaustudiengangs Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität geschrieben  und gestaltet worden ist. Das Vorwort zum Buch hat der Journalist, Essayist und Literaturkritiker Feridun Zaimoglu verfasst.

In der Einleitung erfährt man, dass das Buch dazu einladen möchte, die Welt lesend zu erkunden und sich auf diese Weise in ferne Länder und fremde Kulturen zu träumen. Die Lesereise führt den geneigten Leser von Europa nach Asien, von da nach  Ozeanien  und weiter nach Afrika, Südamerika und schließlich auch nach Nordamerika.

Vorgestellt werden im Rahmen von beispielhaften Buchbesprechungen 80 große Romane des 20. Jahrhunderts, die in bestimmten Ländern und dort an bestimmten Orten spielen. Neben den Buchbesprechungen wird stets auch der Autor  kurz vorgestellt und es ist nicht selten ein Notabene angefügt, dem man Wissenswertes entnehmen kann.

Es führt zu weit alle Romane und Autoren jetzt aufzulisten. Gefallen hat mir, dass man immer ein paar Zeilen aus dem jeweiligen Buch zitiert hat und man auch immer wieder zwischendurch mit einladenden Bildern zum gedanklichen oder gar tatsächlichen Reisen verlockt wird, aber auch zum Kauf des ein oder anderen Buches, nachdem man sich in die entsprechenden Zusammenfassungen vertieft hat.

Auf Seite 73 ff fand ich eine Buchzusammenfassung  des Romans "Am Hang" von Markus Werner, den ich vor einigen Jahren auf Amazon rezensiert habe.  Der Verfasser dieser Buchzusammenfassung  hat  die Essenz des Buches sehr gut  wiedergegeben. Dass man schon nach der Buchbesprechung Lust bekommt in das Tessin zu reisen, steht außer Frage und so sieht es bei allen anderen Buchbesprechungen ebenfalls aus. Fernweh stellt sich ein, man möchte schnell die Koffer packen und beispielsweise  nach Paris reisen und tut es gedanklich ohne hin sofort.

Hemingway schreibt: "Eines Tages traf ich Joyce, der den "Boulevard Saint Germain" entlangkam, nachdem er allein in einer Matinee gewesen war. Er hörte den Schauspielern gerne zu, wenn er sie auch nicht sehen konnte. Er forderte mich auf, etwas mit ihm zu trinken, und wir gingen in die "Deux Magots" und bestellten herben Sherry, obschon sie immer lesen werden, dass er nur Schweizer Weißwein trank." (Zitat: S. 29) Mir gefallen diese  eingeschobenen Zitate aus den Büchern, die besprochen werden, weil sie noch neugieriger auf den Text machen. Wie schön muss es sein morgens, wenn die Sonne schon scheint, hellwach in einem Hotelbett in Saint Germain zu liegen und ein wenig  in Hemingways " "Paris - ein Fest fürs Leben" zu lesen, um anschießend  im "Deux Margot" seinen ersten Kaffee zu genießen.

Sehr gut zusammengefasst sind auch Canettis "Stimmen von Marrakesch“.  Man erfährt u.a., dass  man durch Canettis Augen eine reizvolle Innenansicht der orientalischen und jüdischen Gesellschaft erlebt und dass er sich dabei keiner Klischees bedient, sondern das alltägliche Leben nachzeichnet, ( vgl.: S.183). Stimmt und es stimmt auch, dass "Stimmen von Marakesch" mehr als nur eine Reisebericht ist. Es ist wahr, es handelt sich tatsächlich um eine Sammlung von Momentaufnahmen eines  präzisen und wissbegierigen Beobachters, (vgl.: S.183).

Mein großes Lob gilt der Zusammenfassung von Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel  Garcia Marquez.  Es war  sicher nicht einfach, bedenkt man wie vielschichtig der Roman ist.  Zu recht wird daran erinnert, dass der Roman fast ein enzyklopädisches Werk ist. Dieses auf noch nicht einmal  vier Seiten  zusammenzufassen und keine Wesentlichkeit zu vergessen, ist eine Meisterleistung.  Respekt. 

Obschon ich  nicht gerade wenig lese, kenne ich die meisten der besprochenen Romane nicht und schon gar nicht jene, die in den Kurzbesprechungen zum Weiterreisen aufgelistet sind. Die Buchbesprechungen machen mich aber sehr neugierig auf  die beschriebenen Fremdheiten in Ozeanien, jenem Paradies, das mich besonders inspiriert. "Rückkehr durch die Hintertür" werde ich ganz bestimmt lesen. Es handelt sich um eine Satire, die auf Tonga in der Südsee spielt. Der Autor Epili Hau `ofa war der  Privatsekretär des Königs von Tonga.

Auch Ahdaf Soueifs  "Die Landkarte der Liebe" möchte ich lesen.  Die Liebesgeschichte, die erzählt wird, scheint packend zu sein. 

Meine Rezension möchte ich mit einem Zitat beenden, das aus einem Buch stammt, welches auf den Seiten 171 ff besprochen worden ist.  Es handelt sich dabei um eine Textstelle aus "Schuld des Tages an die Nacht" von Yamina Khadra, die ich so berührend finde, dass ich sie mitteilen möchte: "Was ist die Liebe, wenn sie nur Schmerz gewährt? Was taugen ihre Mythen und  Legenden, Siege und Wunder, wenn die Liebenden unfähig sind, über sich selbst hinaus zu wachsen, dem Zorn des  Himmels zu trotzen, die ewigen Freuden fahren zu lassen für einen Kuss, eine Umarmung, einen Moment der Nähe?" (Zitat S. 174)

Empfehlenswert, weil das Buch Neugierde weckt, zum Träumen anregt und wirklich beispielgebende Buchbesprechungen enthält.

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Rezension: Die Göttliche Komödie- Dante Alighieri

Über die "Die Göttliche Komödie" wurden schon viele Rezensionen verfasst. Bei Wikipedia kann man sich über den Inhalt dieses Werkes hinreichend informieren. Deshalb auch nehme ich Abstand davon, den Inhalt an dieser Stelle abermals breitgefächert wiederzugeben. Das vorliegende Buch wurde von Karl Bartsch (1832-1888) übersetzt, der 1858 in Rostock das erste germanistische Institut in Deutschland gründete und ab 1871 in Heidelberg germanische und romanische Philologie lehrte.

Das Werk ist in unzähligen Taschenbuchausgaben sehr preisgünstig zu haben. Alle, die sich für die vorliegende gebundene Ausgabe entscheiden, werden begeistert sein von den wunderschönen Illustrationen von Sandro Botticelli, die das Buch enthält und auf die ich später noch zurückkommen werde.

Bei dem Buch handelt es sich um das Hauptwerk Dante Alighieris (1265- 1321), ein allegorisch-lehrhaftes Gedicht in 100 Gesängen mit 14 230 Versen in Terzinen, die Dante "Commedia" nannte. Der Dichter war überzeugt, dass die Commedia nicht weniger Wahrheit enthalte als die Bibel, dass diese Wahrheit allerdings dem Leser wie dem Autor selbst verborgen bleibe und man sich ihr letztlich nur bedingt annähern könne, (vgl.: S.21). Allegorie und Gematrie als Ausdrucksformen erzielen durch dieses Werk "des im Herbst angekommenen christlichen Mittelalters" seinen unbestrittenen Höhepunkt.

Thill R. Kuhnle meint in seiner Einführung, dass die "Commedia" ein hohes Maß an Übereinstimmung mit zahlreichen sich prophetisch gebenden Werken des Mittelalters aufweist und erläutert dies näher. Allerdings verschmolzen mit dem Bild seiner Geliebten, zeugt das Allegorische im Werk Dantes von einem Ich, welches seiner Zeit voraus war, (vgl :S. 23). Das Werk zeichnet das epische Bild eines Kosmos bedeutungsvoller Zeichen. Diese bewirken bei den Lesern seit Jahrhunderten einen nie enden wollenden Interpretationsprozess. Grund hierfür ist laut Till R. Kuhnle, dass jedes dieser Zeichen, weitere Zeichen kreiert und zwar deshalb, weil alles in dieser Welt Zeichen sein kann, weil jedem in einer Welt des Empirischen genommenem Maßes immer auch ein zahlensymbolischer Wert zufällt, (vgl:.S.24).

In Dantes "Vollendeter Utopie" findet lt. Kuhnle der Grenzen überschreitende Odysseus zur Heimkehr. Kuhnle fasst zusammen: "Alles Streben und alle Sehnsucht finden nach überstandener Gefahr in einen sicheren Hafen: der ideale Projektionsraum für das seit der Romantik unüberhörbar gewordene Leiden am Faustischen, vorweggenommen und aufgehoben bei Dante durch die Macht der Liebe". (Zitat: S. 26). Diesem Gedanken schließe ich mich, nach dem ich das Buch gelesen habe, an.

In der Einleitung erfährt man Wissenswertes zu Dantes Herkunft und in diesem Zusammenhang natürlich auch, dass er von Geburt an dem Adel angehörte, also privilegiert war. Dante wurde seitens Brunetto in die römische Literatur eingeführt und befasste sich vor allem mit Vergil. Durch regen Austausch mit befreundeten Dichtern wurde er motiviert selbst zu schreiben. Seine Geliebte Beatrix verstarb im Jahre 1290, nachdem sie einige Jahre zuvor einen anderen geheiratet hatte. Die Zeit Ihres Todes fällt zusammen mit dem Beginn seiner Auseinandersetzung mit Philosophie.

Trotz wissenschaftlicher Studien und der Liebe hat Dante sich immer auch mit den öffentlichen Angelegenheiten seiner Stadt beschäftigt, darüber wird man in der Einleitung auch gut informiert, (vgl.: 35ff). Im Kampf um die Unabhängigkeit von Florenz gegen die Interventionsbemühungen des Papstes Bonifaz VIII. verstrickte Dante sich in eine nicht vom Erfolg gekrönte Opposition, wurde aus Florenz verbannt und führte von da an ein Wanderleben. Seine letzten Jahre verbrachte er in Ravenna, wo er auch starb.

Sein Werk teilt er ein in:
- Die Hölle
- Das Fegefeuer
- Das Paradies

Dante zeigt darin den Weg der sündigen Seele zum Heil. Der Wanderer wird von zwei Führern geleitet, einerseits von Vergil, der die Verkörperung der Vernunft, Wissenschaft und Philosophie darstellt, andererseits von Beatrix, der verklärten Jugendliebe, die nun das Symbol göttlicher Gnade ist. Vergil begleitet den Dichter durch die Hölle und das Fegefeuer bin ins irdische Paradies. Hier verschwindet er zu dem Zeitpunkt, als für Dante Beatrix sichtbar wird, (vgl.: S. 45). Auf seinen Wanderungen begegnet er übrigens einer Vielzahl von Seelen berühmter Verstorbener, denen er im Hinblick auf Philosophie, Theologie, Politik, Staat und Kirche nachdenkliche Fragen stellt.

Einfach lesen sich die Texte nicht. Sie enthalten eine Fülle von Informationen, die der Sekundärliteratur bedürfen, um wirklich gut interpretiert werden zu können.

Die Illustrationen im Buch entstammen einer Prachthandschrift, die das Gemeinschaftwerk zweier Künstler verkörpert: des Kalligraphen Nicolò Magnone und des Malers Sandro Botticelli. In Auftrag gegeben wurde die Arbeit von Lorenzo di Pierfrancesco de`Medici. Er war der Vetter 2. Grades des berühmten Lorenzo il Magnifico de`Medici. Man erfährt, wie die Blätter einst entstanden sind und dass nur wenige der Blätter die geplante Kolorierung erfuhren. Die Illustrationen sind der erste vollständige Zyklus zur "Divina Commedia". Bis auf "Paradiso XXXI" war jeder Gesang mit einer ganzseitigen Illustration versehen, mit 35 für das "Inferno", mit 22 für das "Purgatorio" und mit 31 für das "Paradiso". Auf den Höllenbildern sieht man Särge, nackte sich quälende Menschen, Personen, die vor garstigen Drachen zu fliehen suchen, nackte Männer in Ketten und viele bedrückende Szenen mehr. Das Fegefeuer ist, wenn man den Bildern Glauben schenken darf, auch kein Zuckerschlecken und spiegelt letztlich Dantes diesbezügliche Texte hervorragend wider. Wirklich schön ist es allerdings im Paradies. Dort auch gibt es eine Himmelsleiter (Paradiso 21), die in göttliche Sphären führt.

Empfehlenswert für Liebhaber schöner Bücher.


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Rezension: Lach, wenn du weise bist - Ein literarischer Streifzug von Homer bis Beckett- Lesebuch

Dieses Lesebuch  ist in zwei große Teile gegliedert: Der erste Teil befasst sich mit komischen Konflikten, der zweite mit den Theorien des Lachens.

Die komischen Konflikte sind untergliedert in:

Vorhang auf! Spaßmacher, Spötter und Spielmänner
Himmlisches Gelächter
Am Anfang scherzte das Weib
Verspottete Spötter
Witz als Waffe
"Wenn`s der Wahrheitsfindung dient?" Weise Narren
Närrische Diener- lächerlicher Herr
"Ich bin Carlini" Von der Tagik der Komik
Gelächter am Abgrund
"Nicht durch Zorn, sondern tötet man."

Dieser Teil des Lesebuchs enthält Textstellen  von Hippokrates, Lukian, Apuleius, Dario Fo, Homer, Platon,  Jean de la Fontaine, Johann Peter Hebel, Giovanni Boccaccio, Sebastian Brant, Erasmus von Rotterdam, William Shakespeare, Miguel de Cervantes, Grimmelshausen, Molière, Denis Diderot, Baudelaire, Friedrich Nietzsche und vielen anderen.

Der zweite Teil, "Theorien des Lachens" beinhaltet sehr erhellende Textstellen von Platon, René Decartes, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Friedrich Georg Jünger, Franz Kafka und Max Horkheimer sowie Theodor W. Adorno u.a.m.

Das Nachwort der Herausgeberin  Laetia Rimpau ist überaus aufschlussreich im Hinblick auf die Konzeption des Buches, das literarische Texte der europäischen Lachkultur vorstellt.  Diese reicht zurück bis in die Antike. Es geht um die Fragen: "Wann oder worüber lachen die Protagonisten in Romanen oder in Theaterstücken?", " Wann und warum bricht in einem Gedicht oder in einer Novelle in der  Gesellschaft  Gelächter aus?" und "Was genau ist unter Spot, Komik oder Witz zu verstehen?" (Zitat: S. 308)

Die Herausgeberin konstatiert, dass es in den vorgestellten Texten selten lustig zugeht. Das kann ich soweit bestätigen. Friedrich Nietzsche  stellt in "Herkunft des Komischen" fest, dass man den Übergang aus momentaner Angst in kurz dauernden Übermuth als das Komische bezeichnet und erklärt weiter, dass  im Phänomen des Tragischen der Mensch rasch aus großem, dauernden Übermuth in  große Angst überwechselt. Weil unter Sterblichen der dauernde Übermuth weitaus seltener als der Anlass zur Angst ist, gäbe es mehr Komisches  als Tragisches in dieser Welt, lache man auch häufiger, als dass man erschüttert sei, (vgl.: S. 282).

Friedrich Georg Jünger meint, dass alles Komische aus einem Konflikt hervorgehe, und ohne diese nichts Komisches denkbar sei. Immer nur dann, wenn uns der Konflikt bewusst wird, sind wir in der Lage das Komische wahrzunehmen. Dort, wo die Zustände unstreitig sind, könne sich nichts Komisches ergeben. Weil der Konflikt seinem Begriffe nach Bewegung voraussetzt, findet man lt. Jünger in aller Komik ein Verhältnis von Bewegung und Gegenbewegung. Fest stünde, dass das Komische mit dem Tragischen den Ursprung im Konflikt gemeinsam hat, (vgl.: S.293).

Viele Intellektuelle  haben im Lachen ein Laster begriffen. Dario Fo schreibt: "Das Misstrauen gegenüber dem Lachen und der Komik ist ein allgemeines Problem. Es ist eine Haltung der offiziellen und akademischen Kultur. Viele von denen, die Machtpositionen erreichen, neigen zu akademischen Haltungen, in dem sie ihre Gehirne mit gewichtiger Ernsthaftigkeit auspolstern. Angesichts eines Komikers reagieren sie dann nur noch mit athrosischer Blockade der Kiefermuskeln", (vgl.: S.309).  Diese Beobachtung habe ich auch gemacht und habe es stets so gedeutet, dass solche Personen all zu sehr in einer Rolle verhaftet sind und es ihnen an wirklicher Intellektualität mangelt, für die eine heitere, entspannte Grundstimmung m.E. sehr förderlich ist.

Liest man Max Horkheimer und Theodor Adorno  findet man u.a. einen Gedanken, den ich hier zitieren möchte, weil er etwas Wesentliches zum Ausdruck bringt: "Das Teuflische des falschen Lachens liegt eben darin, dass es selbst das beste, Versöhnung zwingend parodiert." (Zitat. Seite. 304).  Das falsche Lachen der Vergnügungsindustrie wird  zum Instrument des Betrugs am Glück, so die beiden Herren, den man  nur beipflichten kann.

Die Griechen stritten über Sinn und Unsinn des Lachens. Während akademische Philosophen die Possenreißer in die Komödie verbannen möchten, betrachteten Kyniker wie Diogenes von Sinope das Lachen als Welthaltung.  Scherzen und Lachen war von Beginn an auch weiblich, das zeigen Texte, wie  "Sara, du hast gelacht" aus der Genesis, oder auch Platons "Die spottende Thrakerin".  Die Herausgeberin lässt den Leser wissen, dass die griechische und römische Antike den Lachgott kannte, dem zu Ehren öffentliche Feste abgehalten wurden. Davon berichtet Apuleius in seinen "Metamorphosen". Allerdings setze sich im Übergang zum Christentum das Lachverbot durch. Nun wird in der christlichen Morallehre das Lachen von der Bühne verbannt. Auf welche Weise das heitere Lachen aus der Literatur verdrängt wurde, wird in Umberto Eccos Roman "Im Name der Rose" sehr anschaulich verdeutlicht.

Die im Buch vorgestellten Texte muten wie ein Spaziergang durch die Lachgeschichte an. Gequältes Lachen und laute Lachkrämpfe deuten nicht auf Entspanntsein hin. Mir gefällt, was Dario Fo sagt: "Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott. Sie sind ein Anzeichen für kritischen Sinn, Phantasie, Intelligenz und das Gegenteil von Fanatismus." ( Zitat: S.318)

Empfehlenswert.


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Rezension: Die Berühmten - Griechische Schriftsteller- Lesebuch

Rainer Nickel stellt in diesem Buch die Griechen Äsop, Aischylos, Archilochos, Aristophanes, Aristoteles, Demosthenes, Epikur, Euripides, Herodot, Hesiod, Hippokrates, Homer, Kallimachos, Menander, Pindar, Platon, Plutarch, Sappho, Sophokles, Theokrit, Thukydides und Xenophon vor.

Zu jeder der genannten Personen werden der Name, die Lebensdaten, die literarische Gattung, in der sie sich bewegten und die Werke eingangs aufgelistet. Anschließend erfährt man, wer die jeweilige Person war, was sie schrieb und wie die Werke der einzelnen Literaten überliefert wurden. In welcher Weise die jeweiligen Werke fort lebten und was von ihnen geblieben ist, wird auch immer genannt. Schön, dass man Gelegenheit erhält, sich in übersetzte Textstellen zu vertiefen.


Sehr anschaulich wird erklärt, wie in Athen bei den Festen zu Ehren des Gottes Dionysos im Rahmen eines Wettstreites Tragödien, Komödien und Satyrspiele aufgeführt wurden. Auch erhält man gute Einblicke in einzelne Werke. So erfährt man, dass im Prolog der "Lysistrate" von Aristophanes sich die Protagonistin und andere Frauen unterschiedlicher griechischer Städte und Landschaften getroffen haben, um eine Friedensinitiative zu beraten. Die Frauen vereinbaren, ihren Männern den Geschlechtsverkehr zu verweigern, bis diese bereit sind, Frieden zu schließen.., (vgl.: S. 32). Interessant zu wissen, dass dieses Stück in einer für Athen kritischen Situation während eines Krieges aufgeführt wurde. Damals war die Demokratie außer Kraft gesetzt. Zu diesem Zeitpunkt herrschte eine Notstandregierung. Obschon das Stück mit den außen- und innenpolitischen Umständen jener Tage in Zusammenhang steht, ist es jedoch aus sich heraus verständlich, da nicht der "Peleponnesische Krieg" allein, sondern der Krieg als solches das Thema ist, (vgl.: S. 33).


Beeindruckt bin ich von der hervorragenden Zusammenfassung der Werke Aristioteles. Dem Autor ist es gelungen auf wenigen Seiten dem Leser das Denken dieses großen Philosophen nahe zu bringen und seine ethischen Betrachtungen gut verständlich zu erläutern. Kein einfaches Unterfangen.


Mir gefällt, dass man folgenden Gedanken von Aristoteles, der am Anfang seiner "Methaphysik" zu lesen ist, zitiert hat: "Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.. Das ist erkennbar daran, dass sie die Sinneswahrnehmungen besonders hoch achten; denn diese werden auch unabhängig von ihrem Nutzen hoch geschätzt und vor anderen besonders die Sehkraft. Denn nicht nur, um zu handeln, sondern auch, wenn wir nichts zu tun vorhaben, geben wir dem Sehen von allen Sinneswahrnehmungen gewissermaßen den Vorzug. Der Grund dafür liegt darin, dass uns diese Sinneswahrnehmung am meisten dazu befähigt, Erkenntnis zu gewinnen und erschließt zudem viele Unterschiede." (Zitat: S. 47)


Gerade im Zeitalter der Internetkommunikation sollte man diesen Gedanken von Aristoteles, sich erneut vor Augen führen. Vielleicht bewirkt im Dialog mit einem Dritten die Tatsache, dass man diesen nicht sehen kann, erhebliche Fehleinschätzungen des Gegenübers und leider auch Spannungen in virtuell geführten Gesprächen.


Epikur, zu dessen Texten ich eine Rezension geschrieben habe, wird sehr gut skizziert.


Im Rahmen der Euripides-Betrachtungen wird man bestens mit dessen "Iphigenie in Aulis" vertraut gemacht. Es werden die Motive des Autors dargelegt, weshalb er das Werk verfasste. Wie man liest, wollte Euripides in erster Linie die Entscheidungssituation des Heerführers Agamemnon in ihrer Unentrinnbarkeit und Grausamkeit bewusst machen, (vgl: S.70).


Sehr gut wird man über Leben und Werk von Hippokrates unterrichtet. Mir war nicht bekannt, dass er eine solch große Anzahl von Schriften verfasst hat. Seine ältesten und bedeutendsten werden im Buch erwähnt und es wird kurz erklärt, worum es in den einzelnen Texten geht. "Der Eid des Hippokrates" kann man in einer Übersetzung von Hans Diller nachlesen, (vgl: S. 91).


Homer und seine Werke "Illias" und "Odysee" lernt man auch kennen und erfährt in diesem Zusammenhang , was man unter dem daktylischen Hexameter zu verstehen hat. Interessant zu lesen, was May Horkheimer und Theordor W. Adorno in ihrer "Dialektik der Aufklärung" in Bezug auf Homers Odysseus gesagt haben, (vgl.: S. 101).


Es ist unmöglich über alle 22 Autoren, die im Buch beleuchtet werden, an dieser Stelle etwas zu schreiben. Der von mir besonders geschätzte Platon und seine Werke werden beeindruckend differenziert dem Leser nahe gebracht. Vergessen wird nicht die Erläuterung des "Höhlengleichnisses", da man sich immer wieder in seinem Erkenntniswert bewusst machen sollte. Das "Symposion" ist übrigens hervorragend zusammengefasst, auch der Dialog "Phaidon" ist gut dargestellt.


Das Denken in Ideen ist ein wesentliches Element der platonischen Philosophie. Nach Platons Vorstellung hat der Mensch per se ein Wissen von den "Begriffen" und "Gestalten". Dieses Wissen hat zur Folge, dass man in der Vielheit der Erscheinungen Unterschiede wahrnehmen kann. Dies hängt damit zusammen, dass die Seele in ihrer Präexistenz die "Idee" der "Gleichheit" zu erkennen und denken gelernt hat, (vgl.S 128).


Hocherfreut bin ich, dass der von mir geliebte Plutarch einer der 22 im Buch angeführten Autoren ist und dass man seiner "Moralia" ein Augenmerk geschenkt hat. In seinen "Doppelbiographien" zielt Plutarch auf das Private, Persönliche, Alltägliche und Unspektakuläre ab. Sein Programm der "Synanthropie", der Bereitschaft, als Mensch unter Menschen zu leben, beschreibt eine Eigenschaft, die die moderne Entwicklungspsychologie als "Wir-Intentionalität zu gemeinsamem Handeln" bezeichnet und das als das konstituierende Merkmal des Menschen betrachtet wird, ( vgl:S. 138). In einer globalisierten Welt ist Plutarch demnach so aktuell wie vor fast 2000 Jahren.


Einen guten Überblick erhält man erhält man im Hnblick auf die Werke von Sophokles, speziell zu "Antigone" und "König Ödipus".


Über die Lyrikerin Sappho erfährt man u.a., dass sie ihre Gedichte im äolischen Dialekt verfasste und ihre Verse in neun Büchern in der Bibliothek von Alexandria gesammelt wurden. Man lernt Gedichtsfragmente kennen u.a. jenes, in dem sie die körperlichen Symptome der Leidenschaft thematisiert. "... Denn wenn ich dich nur kurz ansehe, bringe ich keinen Laut mehr heraus, meine Zunge hat mich im Stich gelassen, sofort rieselt mir ein zart brennendes Feuer unter die Haut,..", (vgl.: S. 143).


Liest man das Gedichtsfragment, so wird klar, dass sich nicht ändert unter Gottes Sonne, hauptsächlich das Gefühlsleben von uns Menschen nicht.



Empfehlenswert.Das rezensierte Produkt ist überall im Handel erhältlich.

Rezension: Die Berühmten- Römischen Schriftsteller - Lesebuch

In diesem Lesebuch werden die 30 bedeutendsten Vertreter der Literatur des alten Roms vorgestellt.

Beleuchtet werden: Plautus, Ennius, Cato d.Ä., Terenz, Varro, Cicero, Caesar, Lukrez, Catull, Sallust, Vergil, Vitruv, Horaz, Livius, Properz und Tibull, Sulpicia, Ovid, Phaedrus, Seneca, Apicius, Petron, Plinius d. Ältere, Martial, Tacitus, Juvenal, Plinius d. J. , Sueton, Gellius und Hygin.

Man erfährt immer den genauen Namen, die Lebensdaten, die literarische Gattung in der der Autor schrieb und seine Werke. Anschließend wird man darüber aufgeklärt, wer der jeweilige Autor war und was er inhaltlich verfasste. Man hat Gelegenheit, in eigens für den Band übersetzte Texte hineinzulesen, liest wie alles überliefert wurde und auch was jeweils bleibt.

Im Rahmen einer Rezension über alle 30 Autoren etwas zu schreiben, führt zu weit. Properz und Tibull beispielsweise standen für eine ganze lyrische Gattung: die subjektive Liebeselegie. Sie veröffentlichten ihre Bücher etwa 27/26. v. Chr. Eifersucht, Liebeskummer und Sehnsucht sind die Folgen von Liebe bei den beiden Dichtern. Tibull schreibt nicht grundlos: "Böser Amor! Ich wünschte, ich könnte einmal deine Pfeile, womöglich/ Auch noch den Bogen zerbrochen sehen/seine Fackeln erloschen!/Du folterst mich..."(Zitat: S. 94). Mir war bislang nicht bekannt, dass Goethe in seinen "Römischen Elegien" das Versmaß von Properz und Tibull übernahm und auch Rilke in seinen "Duineser Elegien" Anleihen bei Properz und Tibull genommen hat.

Wer Ovid war, wissen nicht nur jene, die Lateinunterricht hatten. In seinem Lehrgedicht "Liebeskunst" (Ars Amandi), erschienen im Jahre 1, lehrte der Dichter den Leser, wie und wo er beispielsweise ein Mädchen kennenlernt, wie man es für sich gewinnt und wie die Liebe bestehen und spannend bleibt, (vgl.: S. 102). Man hat Gelegenheit auch hier Auszüge aus dem Lehrgedicht zu lesen und wird mit dem letzten Vers der "Metamorphosen" konfrontiert. Ich ahnte nicht, wie stark der Einfluss der Werke Ovids auf die Kunst und Literatur des Mittelalters, der Renaissance, der Neuzeit und der Moderne war. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der bildenden Kunst und in der Musik kommt der Einfluss Ovids zur Geltung.

Mir gefällt, wie mit wenigen Sätzen Senecas Philosophie, die bekanntermaßen eine angewandte Ethik ist, dem Leser zugänglich gemacht wird.

Die Tatsache, dass man Gelegenheit hat, in viele Originaltextübersetzungen hineinzulesen, macht für mich das Buch besonders reizvoll, denn mir waren nicht alle Texte der Autoren geläufig. Nach der Leküre der Textauszüge werde ich gewiss den ein oder anderen Text vollständig lesen und auch rezensieren. Allen voran die Lyrik der Dichter Properz und Tibull.

Von den eingestreuten Sentenzen hat mir jene von Sallust am besten gefallen. Sie lautet: "Glück macht einen Menschen froh, Widrigkeiten machen ihn groß". Ich denke, die Sentenz ist heute so wahrhaftig wie vor über 2000 Jahren.

Empfehlenswert.

Rezension: Die Berühmten- Liebschaften der Antike- Ein Lesebuch

In diesem wirklich schönen Lesebuch werden die 28 wichtigsten Liebsbeziehungen der griechisch-römischen Antike vorgestellt, dennoch beginnt das Buch nicht mit einem griechischen oder römischen Liebesgedicht, sondern mit den "Terzinen über die Liebe" von Berthold Brecht, die ich selbst sehr schätze und an anderer Stelle bereits zitiert habe.

In der Einleitung erfährt man, dass die Autorin Angela Dierichs durch die Lebensgeschichten der antiken Liebespaare beabsichtigt, den Lesern im Hinblicks auf ihre aktuellen Liebesbefindlichkeiten Tipps zu vermitteln und dass, obschon die skizzierten Paare keineswegs heutigen Vorstellungen entsprechen.


Thematisiert werden: Alkestis und Admetos, Alkmene und Zeus, Amphitrite und Poseidon, Aphrodite und Adonis, Aphrodite und Achises, Aphrodite und Ares, Arethusa und Alpheios, Ariadne und Dionysos, Aspasia und Perikles, Baucis und Philemon, Breseis und Archill, Eurydike und Orpheus, Helena und Paris, Hera und Zeus, Hero Leander, Kalypso und Odysseus, Kleopatra und Caesar, Medea und Iason, Penelope und Hades, Poppaea und Nero, Psyche und Eros, Rhodopis und Charaxos, Roxane und Alexander, Selene und Endymion, Theodora und Justinian.


Jedes dieser Paare steht für für eine bestimmte Problematik, Kleopatra beispielsweise für die Symbiose von Erotik und Politik, Poppaea und Nero für eine Beziehung, die ein Gemisch aus Liebe, Frevel und Intrige darstellt.


Zu den einzelnen Liebespaaren erhält man konkrete Daten. Zum einen erfährt man, wer die Protagonisten sind, wie die Art ihrer Beziehung war, wieviel Kinder sie hatten und wer ihre Eltern waren. Des Weiteren werden ihr Erscheinungsbild sowie die unveränderlichen Kennzeichen skizziert und es werden die jeweiligen Wohnsitze genannt.


Anschließend wird die Liebesgeschichte vorgetragen und in der Folge kurze nachantike Seitenblicke festgehalten. Zu guter Letzt schließlich erhält man Leseproben aus Texten antiker Schriftsteller und Philosophen, die sich mit den jeweiligen Liebespaaren gedanklich befasst haben.


So schreibt Plutarch im Hinblick auf Kleopatras Reize: "Denn an und für sich war ihre Schönheit, wie man sagt, gar nicht so unvergleichlich und von der Art, dass sie beim ersten Anblick berückte, aber im Umgang hatte sie einen unwiderstehlichen Reiz und ihre Gestalt, verbunden mit der gewinnenden Art ihrer Unterhaltung und der in allem sie umspielenden Anmut, hinterließ einen Stachel. Ein Vergnügen war es auch, ihrer Stimme zu lauschen."(Zitat: S. 93)


Dieses Zitat von Plutarch macht deutlich, dass es nicht zwingend die Schönheit sein musste, um in antiken Liebesbeziehungen den weiblichen Part eingeräumt zu bekommen. Schön, attraktiv und gebildet allerdings war Aspasia aus Milet. Zwischen ihr und Perikles entwickelte sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, die mehr als 10 Jahre andauerte. Weil sie anders war als die Athenerinnen ihrer Zeit, versuchte man sie auszugrenzen. Sie strebte einen Salon geistvoll plaudernder Damen an, was nicht jedem gefiel. Perikles war fasziniert von ihrer intellektuellen Wachheit und ihrer charmanten Austrahlung. Linda Marie Günter, die im Buch zitiert wird, schreibt in ihrer Analyse 1994 eindeutig, dass Aspasia keine Hetäre war, (vgl.:S.49). Frauen wie ihr wurde solches in alles Zeiten gerne angedichtet.


Am berührendsten empfinde ich die Geschichte von "Eurydike und Orpheus", vielleicht weil sie so traurig ist und wie keine zweite die Geschichte einer wirklichen Liebessehnsucht zu erzählen vermag.


Das Buch lehrt uns, dass wir in Herzensdingen auf unser Herz hören sollten und dass Liebesglück selten von Dauer ist.
Empfehlenswert.


Rezension : Massimo Marini- Rolf Dobelli

Der Schriftsteller Rolf Dobelli (Top 10 Rezensent bei Amazon) setzt seinem Roman ein Zitat aus Georg Büchners "Woyzeck", 5. Szene voran:" "Süd-Nord! Ha! Ha! Ha!. O er ist dumm, ganz abscheulich dumm. Woyzeck, er ist ein guter Mensch, ein guter Mensch- aber er hat keine Moral! Moral ist das, wenn man moralisch ist." Nach dem Romanende folgt abermals ein Zitat aus Büchners Drama "Gut Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zu viel, das zehrt, du siehst immer so verhetzt aus. Der Diskurs hat mich ganz schön angegriffen. Geh`jetzt und renn nicht so; langsam, hübsch langsam die Straße hinunter."

Noch bevor ich das Buch zu lesen begann, machten mich die Zitate neugierig. Was haben diese beiden Zitate mit dem Inhalt des Buches zu tun? Gibt es Parallelen zwischen Dobellis Protagonisten und dem von Büchners Drama?

Wikipedia fasst Büchners Drama wie folgt zusammen: "Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind, die genau wie er am Rande der Gesellschaft leben, zu unterstützen versucht, arbeitet als Laufbursche für seinen Hauptmann. Außerdem lässt er sich von einem skrupellosen Arzt als Versuchsperson auf Erbsendiät setzen, um einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold zu erhalten, den er restlos an Marie (und sein Kind) abgibt. Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus und demütigen ihn in der Öffentlichkeit. Marie beginnt eine Affäre mit einem Tambourmajor. Woyzecks aufkeimender Verdacht wird durch ihm nicht freundlich gesinnte Mitmenschen geschürt, bis er Marie und den Nebenbuhler beim Tanz im Wirtshaus ertappt. Er hört Stimmen, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer und ersticht Marie in einem Wald nahe einem See."


Noch immer hatte ich das Buch nicht zu lesen begonnen, blätterte, suchte nach einer knappen erhellenden Zusammenfassung dessen, was darüber entscheiden sollte, ob ich mich mit diesem Roman befassen werde, oder eher nicht und fand auf Seite 358 das, wonach ich suchte: "Massismos lebenslanges Experiment in Standhaftigkeit. Seine erstaunlichen Wandlungen dabei. Vom italienischen Immigrantenkind zum Züricher Gesellschaftslöwen. Vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor. Vom Existenzphilosophen zum Bauunternehmer. Vom Tunnelbohrer zum Stradivari-Besitzer. Vom Linken zum Rechten. Vom Tiefen zum Hohen. Vom Süden zum Norden. Seine monströse Bewegung auf dem Koordinatennetz des Lebens. Und dann das Aufblitzen einer Frau, die alles zerstörte. Die Größe seines Aufstiegs und Falls. Die Chronologie der Schrecken."


Oh, dachte ich, das klingt interessant. Diesen Roman werde ich lesen.


Die Lebensgeschichte des Protagonisten Massimo Marini wird von dessen Anwalt erzählt, der von seinem Klienten fasziniert ist, weil dessen Leben alles andere als gradlinig verlaufen ist, auch weil Massimo von der Natur so viele Vorzüge geschenkt bekam- Schönheit, Intelligenz, Intellektualität, Kampfgeist, wenn es darum ging, seine Ideale oder auch einfach nur seine Ziele durchzusetzen.


Massimo ist das Kind italienischer Immigranten. Seine Kindheit in der Schweiz erlebt er in materiell schwierigen Verhältnissen. Seine fleißigen, aufstiegsbewussten Eltern schaffen es, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erhalten. Sein Vater macht sich alsdann als Bauunternehmer selbstständig. Massimo ist ein exzellenter Schüler- einer der besten seines Jahrgangs- , interessiert sich für Philosophie, Literatur und ist in der Schule in der Theatergruppe der Star. Mit der Rolle als Woyzeck beginnt sein Links-Rutsch. Sein Vater sieht diese Entwicklung nicht gerne, denn er möchte, dass sein Sohn, sein Unternehmen weiter- und zu noch nicht geahnten Höhen führt.


Massimo schreibt sich nach dem Abitur nicht in Architektur ein, wie er zu Hause vorgibt, sondern stattdessen heimlich in Philosophie. 1979 verlässt er Zürich, studiert ein Semester an der Sorbonne und hofft dort auf ein Wiederaufflammen von 1968. Massimo ist ein Idealist, der gegen Unrecht kämpfen möchte, der nach Sartre, Camus und Cohn-Bendit Ausschau hält und sich nach Straßenbarrikaden und Tränengas sehnt, (vgl.: S. 153). Dies alles findet er in Paris nicht und geht zurück nach Zürich, wird dort wegen der Genehmigung der kostenträchtigen Renovierung des Opernhauses aktiv, weil er die Gelder lieber in ein autonomes Jugendzentrum investiert sehen würde. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, er wird verhaftet. Sein Vater ist enttäuscht von ihm. Massimo geht nun nach Berlin, um sich dort in Literatur und Philosophie einzuschreiben.


Es sind nicht seine politischen Erfahrungen, die er dort sammelt, die ihn verändern, sondern es ist das private Schicksal, das hier das erste Mal zuschlägt und ihm die Frau, in die er sich verliebt hat, auf tragische Weise nimmt. Als sein Vater stirbt, er daraufhin in der Schweiz eine tatkräftige junge Mitarbeiterin im Betrieb seines Vaters heiratet, nimmt er von allem, was davor war, vermeintlich Abschied und baut mit der diplomierten Bauingenieurin die Firma seines Vaters in der Weise auf, wie dieser sich dies erwünscht hat. Massimo gibt vor, Architekt zu sein. Doch nicht darin liegt seine größte Lebenslüge, sondern im Verleugnen all dessen, was ihm einst etwas bedeutet hat.


Dass er nach 20 Jahren seine Frau wegen einer Cellistin verlässt, hängt wohl weniger mit seinem Aufstiegsbewusstsein, nun endlich zur Schweizer Oberschicht zu gehören, zusammen, wie man ihm vorwirft, sondern wohl eher mit seiner verdrängten intellektuellen Berufung. Massimo ist kein wirklicher Tunnelbauer, seine Welt ist eine geistige. Dass seine beiden Ehefrauen ihn betrogen haben, macht deutlich, dass er im Leben versagt hat und das, weil er bei allem Besitz, den er erwarb, niemals er selbst war.


Es ist erschütternd, dass alle Frauen im Buch, mit Ausnahme von Massimos Mutter, nicht treu sein können. Die Untreue der Studentin Klara und seiner Ehefrauen Monika und Julia bilden die Ursache für Massimos tragischen Lebensverlauf. Wie ist es möglich, dass ein solch schöner, intelligenter Mann im Grunde so glücklos bei Frauen ist? Hängt es damit zusammen, dass Frauen ein feines Gespür dafür haben, wenn ein Mann neben sich steht?


Die Charaktere im Buch sind sehr gut herausgearbeitet. Das trifft im besonderen Maße auch auf Julia zu, die im Alter von 35 Jahren von dem 15 jährigen Raffael, dem vermeintlichen Sohn Massimos, geschwängert wird und auch für den Anwalt, der nicht grundlos an Depressionen leidet.

Höchst interessant ist es, all die Sachinformationen zum Tunnelbau zu lesen. Hoch,- Tief- und Untertagebau war für mich bislang ein Buch mit sieben Siegeln.

Woyzeck hat weit mehr mit Massimo gemeinsam als man denkt. Nicht nur, dass beide mit der Treulosigkeit von Frauen konfrontiert werden, sondern auch, dass beide in ihrer Eigentlichkeit gedemütigt werden, macht sie einander verwandt, wenn auch nicht zu Zwillingsbrüdern.


Sehr empfehlenswert.


Das rezensierte Buch ist überall im Handel erhältlich


Rezension: Anklage - Markus Schollmeyer

Dem Klappentext dieses hervorragenden, überaus spannend zu lesenden Buches, dass ich vor allem Jurastudenten ans Herz lege, allerdings nicht nur diesen, kann man entnehmen, dass der Autor Markus Schollmeyer Rechtswissenschaften in Los Angeles, Hamburg und München studiert hat. Er arbeitet als Anwalt und betreibt neben seiner rechtlichen Arbeit Gerechtigkeitsforschung.

In seinem Buch berichtet er von einem jungen Anwalt, der mit viel Idealismus nach seinem Studium in einer großen Kanzlei zu arbeiten beginnt. Noch glaubt er an sich, noch ist er hungrig nach Gerechtigkeit. Schon bei seinem ersten Fall, bei dem es um vielfachen Kindesmissbrauch geht, überwindet er seine Ideale, weil er in erster Linie siegen möchte. Der Sieg erhöht seinen Bekanntheitsgrad, vergrößert damit auch die Chance irgendwann einmal Teilhaber in der Kanzlei zu werden. Als er den Prozess tatsächlich gewinnt, geht sein Stern in der Kanzlei auf.

Schollmeyer beschreibt den Fall des Kindesmissbrauchs und auch weitere Fälle, wie etwa den eines Menschenhändlers, dessen Interessen der junge Anwalt ebenfalls vertritt, sehr präzise und verdeutlicht, dass Mandanten, die über große materielle Möglichkeiten verfügen, sich stets erstklassige Verteidigung kaufen können, egal, was sie getan haben und dass in Großkanzleien die Gerechtigkeit schon seit langer Zeit dem schnöden Mammon gewichen ist, (vgl,: S.26).

Der Autor erklärt Einzelheiten bei Gericht, verdeutlicht, worin die tägliche Arbeit von Anwälten besteht und zeigt immer wieder die Feigheit der Menschen und ihre Gier, die dazu führt, dass die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird.

Ein Headhunter vermittelt den erfolgreichen jungen Anwalt in eine andere renommierte Kanzlei. Dort allerdings erlebt er im Wesentlichen nichts anderes als zuvor. Es geht immer um Geld und ein gut zahlendes Klientel. Die Klienten werden nach ihrer Liquididät ausgesucht, nicht danach, ob ihnen Unrecht geschehen ist, von dem man sie befreien möchte. Die hohe Honorarrechnung steht im Vordergrund. Eine Kanzlei ist ein Wirtschaftsunternehmen und funktioniert nach den Gesetzen der Wirtschaft. Es geht also darum, den größtmöglichen Gewinn zu erzielen. Moralische Skrupel hat kaum jemand dabei.

Der junge Anwalt in Schollmeyers Geschichte ist erschüttert als er feststellt, wie die Kanzlei bei einer Betriebsstillegung reagiert, wen sie zu vertreten bereit ist und wen nicht. Es kommt der Zeitpunkt, wo für ihn das Maß voll ist und wo er den Sprung in die Selbstständigkeit wagen will. Er fragt sich eines Abends: "Bist du das? Derjenige, der sich früher mit Professoren und überhaupt jedem angelegt hat, wenn ihm etwas unrecht erschien? Derjenige, der aus Berufung Anwalt wurde? Oder bist du nur noch das Zerrbild dieses Anwalts? Derjenige, der zu feige und schwach ist, sich gegen den Druck des Geldes zu wehren? Derjenige, der den Mut und damit sich selbst verloren hat? Und sich aufgibt und sich nicht traut, sein Leben mit seinen Idealen zu leben."(Zitat: Seite 170).

Wie sich in der Folge zeigt, ist es fast aussichtslos, den steinigen Weg eines idealistischen Anwalts zu gehen und sich fernzuhalten von dem Sog der gutdotierten, aus Sicht dieses Anwalts verwerflichen Mandate, von Geschachere um Strafminderung und von der Annährung an gebräuchliche, jedoch fragwürdigen Methoden, (vgl.: S. 215). Wird dieser junge engagierte Anwalt es schaffen, einen Platz zu finden, an dem man für die Menschen und die Menschlichkeit arbeitet, nicht nur für Geld? Wird er es schaffen "die in unserer Zeit herrschende unsägliche Gier"(Zitat: S. 221) vor der Tür zu lassen?

Ein dicht geschriebenes, wirklich großartiges Buch, von dem ich hoffe, dass es auf dem Gabentisch vieler Leser liegen wird.
Das rezensierte Produkt ist überall im Handel erhältlich.

Rezension: Die Heimkehr (Gebundene Ausgabe)

Peter Debauer, der Protagonist in Schlinks jüngstem Roman, begibt sich auf Spurensuche.
Will Debauer zu Anfang noch den Autor eines Heftchenromans , den er als Heranwachsender bei seinen Großeltern in der Schweiz gelesen hat, finden, sucht er schon bald darauf nach seinem tot geglaubten Vater, als er bemerkt, dass es sich um ein und diesselbe Person handelt.


Peter lebt von Kindheit an rückwärtsgewandt, weil er seine Wurzeln nicht wirklich kennt. Seine Mutter läßt ihn in vielem im Ungewissen und erzählt Halbwahrheiten, um ihn zu schonen. Schweizer Herkunft ist Peters Vater. Seine Mutter hatte ihn einst während der NS-Zeit in Breslau kennengelernt.


Wie Peter eruiert, hat Debauer senior im Laufe seines Lebens viele Identitäten angenommen. Den Nazis stand er nahe. Er schrieb damals Traktate, in denen Begriffe wie Ritterlichkeit sophistisch in ihr Gegenteil verkehrt und für ideologische Zwecke missbraucht wurden. Rechtswissenschaften hatte der alte Debauer in Deutschland studiert und mit Heftchenromanen sich über Wasser gehalten, bevor er in die USA ging und dort unter anderem Namen als Juraprofessor Karriere machte. Frau und Kind besorgte er zum Abschied einen Schweizer Pass.


Peter, selbst Jurist, will seinen Vater kennen lernen und ihn stellen. Der rechtschaffene Sohn ist empört über das chamäleonartige Wesen seines Vaters und auch aufgebracht darüber, dass dieser als Professor es spitzfindig immer noch schafft, Begriffe unentdeckt zu verbiegen, indem er ihnen wortverdreherisch einen neuen , völlig fragwürdigen Inhalt zuordnet.


Worin liegt der Nutzen von Gerechtigkeit? Bei wieviel Kälte, Hunger, Druck, Angst ist der Lack der Zivilisation ab? Ab wann verraten sich die Menschen? Was ist das Böse? Muss man dem Bösen ins Auge schauen, um es in sich selbst und in anderen zu erkennen? Hat das Böse im vergangenen Jahrhundert aufgehört zu existieren oder lebt es fort solange es Menschen gibt? Das sind die Fragen mit denen sich Peter auf der Suche nach der gedanklichen Ausrichtung seines Vaters auseinandersetzt. Während er die Antworten auf diese Fragen findet, beginnt der stets rastlose Sucher ruhiger zu werden.


Um wirklich heimzukehren, muss man eine Reise, die auch ein intellektueller Prozess sein kann, tatsächlich abgeschlossen haben. Das macht Barbara, Peters kluge Freundin, ihm immer wieder klar. Während Barbara ihm hilft sein ungeklärtes Gestern aufzuhellen und es Peter in diesem Zusammenhang gelingt, essentielle ethische Problemstellungen gedanklich zu durchforsten, ermöglicht er es sich zu der Frau, die er liebt, uneingeschränkt heimzukehren, ganz anders als Odysseus einst zu Penelope.



Rezension:Die Fabrikanten. Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)

Lis Kahn, die Ich- Erzählerin, ist Tochter aus einer weit verzweigten Unternehmerdynastie, die sich über Generationen mit der Verarbeitung von Holz beschäftigt. Damit der, zum Erzählzeitpunkt marode Betrieb eine Überlebenschance erhält, bricht Lis ihr Studium unmittelbar vor ihrem Examen ab, trennt sich von ihrer großen Liebe und übernimmt einen Teil der Schulden ihres Vaters, um fortan eine nicht sonderlich florierende Buchhandlung auf dem familiären Betriebsgelände, irgendwo im Schwarzwald zu betreiben.
Mit dieser selbstlosen Entscheidung befindet sie sich in guter Gesellschaft mit vielen anderen weiblichen Familienmitgliedern. So gab es u.a. eine talentierte Malerin, auch eine hervorragende Pianistin und eine Vorfahrin mit politischen Ambitionen, die sich dem Familiendiktat zu fügen hatten. Trotz sachkundig seelischer Betreuung seitens ihrer besten Freundin Emma, einer Psychologin, gelingt es Lis nicht, sich dem elterlichen Wunsch - zurück in den Schwarzwald zu gehen - zu entziehen und dies, obgleich sie als Tochter im Grunde nicht die erste Wahl verkörpert. Der eigentliche Favorit ihrer Eltern bleibt ihr Bruder Lazi, der "Stammhalter"! All zu sehr hat man Lis immer wieder eingetrichert, bloßes Glied einer Kette zu sein. Wird die junge Frau sich von ihrer Familie emanzipieren können?
Der Leser erfährt von der langen Geschichte des Kahn- Clans, der im Floßhandel Reichtum erwarb, später holzverarbeitend tätig wurde und es dann lange blieb. Konjunkturelle Schwankungen, Fehlentscheidungen, Höhen und Tiefen innerhalb der Firma werden immer wieder skizziert und machen Wirtschaftsgeschichte greifbar.
Außerdem wird von den lukrativen Erfindungen gesprochen, wie etwa dem Bierdeckel oder viel früher noch vom sogenannten "Nachttopfuntersetzer".
Wann ist "la Fortune perdu"? Gibt es diesbezüglich einen Zusammenhang zum wirklich persönlichen Wollen? Was bedeutet der Begriff "Segen"? Wodurch entsteht diese vielbeschworene Gnade? Welche Chance haben Familienunternehmen in einer Zeit, in der Familien im herkömmlichen Sinne sich aufzulösen beginnen? Das sind die Fragen, die Sybille Mulot in ihrem Roman anreisst, oder die sich aus ihm ableiten lassen.
Ein großartiger Roman, der sich kundig mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu Zeiten unterschiedlicher Epochen auseinandersetzt und vergnügliche Lesestunden bereitet.





Empfehlenswert!



Rezension:Das Bonus-Geheimnis: und andere Geschichten aus der Business Class (Gebundene Ausgabe)

Martin Suters ironische Kurzgeschichten aus dem gehobenen Management verdeutlichen, dass diese Hierarchieebene noch immer eine Männerdomäne ist, in der vermeintliche Alphamänner in einem geradezu neurotischen geführten Wettbewerb zueinander stehen und darum streiten, wer hier eigentlich der Erfolgreichste von allen ist.

Ihr Erfolg bemisst sich am Geld, an den Gehältern, bemisst sich aber auch an der Höhe ihres Bonus, den ein jeder am liebsten an die große Glocke hängen möchte. Schließlich möchte man zeigen, welch toller Hecht man ist. Statussymbole, wie entsprechende Automobile, klischeehaftes Verhalten - man raucht Cohibas und trinkt uralten Armagnac- sind den Jungs wichtig. Damit verdeutlichen sie, dass sie dazugehören. Ihr Habitus ist geradezu unerträglich stromlinienförmig. Wie Lemminge laufen sie alle in eine Richtung, weit davon entfernt, wirkliche Alphamänner zu sein.


Woran es ihnen fehlt ist Individualität und Kreativität, woran es mangelt ist die Fähigkeit, in der Krise ihren Mann zu stehen. Krisenmanagementaufgaben werden in der Regel an externe Berater vergeben. "Ab einem gewissen Gehaltsniveau stellt sich die Frage der Qualität nicht mehr."( Zitat: Suter)


Suter macht unmissverständlich klar, dass wirkliche Freundschaften unter Kollegen auf der leitenden Angestelltenebene nicht funktionieren. Alle strampeln um die Gunst des Eigentümers einer Firma, der, wenn er intelligent genug ist, es bestens versteht, seinen Vorteil aus dem Konkurrenzgerangel zu ziehen.


Frauen erlebt man in Suters Geschichten als Ehefrauen oder Sekretärinnen, denen sich die Jungs gerne unterwerfen, sofern sie ihr Leben organisieren und ihre Wunden lecken, welche oftmals sehr schmerzen, denn im Kampf um die Position in der Hierarchie sind alle Mittel erlaubt. Hinterhältigkeiten jedweder Art werden eingesetzt, um hierarchisch zu punkten. Kooperation scheint ein Fremdwort zu sein.


Gerade in Zeiten der Krise ist es aber notwendig, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und zwar in die gleiche Richtung. Suters wenig frohe Botschaft aus dem Buch lautet: Die Jungs haben es noch nicht begriffen. Sie haben leider nicht in erster Linie die Sache- das Wohl der Firma-, sondern nur die Befriedigung ihres Egos im Kopf. Die Ergebnisse solchen Handelns darf man derzeit täglich in den Wirtschaftnachrichten verfolgen.


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Rezension:Aussicht auf bleibende Helle: Die Königin und der Philosoph (Gebundene Ausgabe)

Renate Feyls Protagonisten in diesem historisch-philosophischen Roman sind die preußische Königin Sophie Charlotte und der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz.

Die beiden Personen verband eine intellektuelle Beziehung, die von der Autorin als "mariage mystique" stilisiert und vielschichtig thematisiert wird.

Vermählt war Sophie Charlotte mit dem preußischen König Friedrich I, den sie einst als Kurfürst Friedrich III von Brandenburg geheiratet hatte. Dieser Gatte war offensichtlich ein stark auf Prunk und Statussymbole fixierter Mensch, der der Wissenschaft und der Philosophie nur dann etwas abgewinnen konnte, wenn dadurch sein Ansehen bei anderen Herrschern vergrößert wurde. Als Zeitgenosse des Sonnenkönigs Ludwig XIV war er in Vielem ganz Kind seiner Zeit und erfreute sich am liebsten am Jagdvergnügen.

Sophies Sohn war der spätere Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Schon während seiner Kindheit und Jugend irritierte er seine Mutter durch seine starke Neigung zum Militarismus und zum Geiz. Sophie unternahm aber keinen ernsthaften Versuch, ihren Sohn umerziehen zu lassen, sondern ließ den Dingen scheinbar ihren natürlichen Lauf.

Sowohl Sophies Gatte als ihr Sohn blieben ihr wesensfremd. Feyl läßt ihre Protagonistin resümieren, dass ihre Ehe weder glücklich noch fruchtbar gewesen sei.(vgl. S. 200)

Sophie Charlotte war geistig von anderem Kaliber als ihr königlicher Gemahl.

Die Hofzeremonie und all die Repräsentationsspiele, auch die barockenen Gourmetmartyrien ließ sie notgedrungen über sich ergehen, wie die Autorin breitgefächert und amüsant auszuführen weiß. Aber Sophie hatte darüber hinaus intellektuelle Erwartungen ans Leben. Ihr Tendre war die Philosophie.

Geistige Interessen lagen in ihrer Familie. Ihre hochgebildete Mutter hatte schon früh den Mathematiker und Philosphen Leibniz nach Hannover geholt, wo ihn Sophie kennengelernt hatte.

Gottfried Wilhelm Leibniz, der Begründer höherer Mathemathik hatte u.a. Studien vorgelegt, wie man den Seidenanbau entwickeln könne. Er hatte eine Abhandlung über Steuern und eine Denkschrift zur Aufhebung der Leibeigenschaft verfasst, Reformen für die zentrale Gemeindeverwaltung konzipiert und sogar ein Konzept für die Beleuchtung der Residenzstädte entworfen und sich dabei immer und immer wieder mit Philosophie beschäftigt.

Leibniz traf sich regelmäßig mit Sophie Charlotte in "Lietzenburg" und sprach dort mit ihr in erster Linie über philosophische Themen, wie die Autorin den Leser wissen lässt.

Das "Prinzip des Widerspruchs" und "das Prinzip des Grundes" werden im Roman von den beiden Intellektuellen ebenso erörtert, wie der Gottesbegriff. Beide möchten die Bestrebungen der Vernunft unterstützen und gründen in Berlin die "Societät der Wissenschaften". Kepler, Bruno, Galilei, Bacon, Decartes, Spinoza, Hobbes und Locke sind für sie ein Thema. Aber Sophie denkt auch über den Ursprung und die Macht von Vorurteilen nach. Ihr Ziel ist es bleibende Helle zu schaffen und sie ist überzeugt, dass ihr dies gemeinsam mit Leibniz gelingen wird.

Während ihr Gemahl mit seiner Protokollmaitresse täglich eine Stunde in der Öffentlichkeit spazieren geht, eröffnet Leibniz seiner Königin, dass er dabei sei, eine Theodicee zu schreiben, aus der u.a. hervorgehe, wie man die Übel der Welt überwinden könne. Der Philosoph verspricht Sophie alsbald ein druckfrisches Exemplar zukommen zu lassen......

Ein wunderbarer, gedanklich tiefgehender Roman.
Empfehlenswert!


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Rezension:Mouches Volantes: Die Leuchtstruktur des Bewußtseins (Taschenbuch)

Floco, der Ich- Erzähler, berichtet von seinen Erfahrungen, die er im Hinblick auf die Erweiterung seines Bewusstseins gemacht hat. Er lernt im Emmental in der Schweiz einen Mann namens Nestor kennen, der ihn über Jahre mit Methoden vertraut macht, deren Ziel es ist, das eigene Bewusstsein in eine intensivere Richtung zu entwickeln, um auf diese Weise offener und kreativer zu werden.

Zunächst lernt Floco mit seinen Körperenergien sinnvoller umzugehen. Floco ist ein Stadtmensch - er kommt aus Bern - und führt normalerweise ein völlig anderes Leben als Menschen, wie Nestor und seine Bekannten im Emmental. Floco stellt auf Anraten Nestors seine Ernährung um, bewegt sich intensiver und beginnt richtig zu atmen. Durch richtiges Atmen und intensivere Bewegung, wie etwa Tanzen jenseits des vorgegebenen Taktes, werden Energieblockaden aufgelöst. Neue Energie kann aufgebaut und dann wieder abgegeben werden.


Lebensenergie, so lehrt Nestor ihn, soll nicht an materielle Gedanken, Vorstellungen und Gefühle gebunden werden, vielmehr soll sie in das sogenannte Gesamtbild einfließen. Floco lernt die Grundstruktur dieses Gesamtbildes kennen, zweifelt jedoch stets an dem, was er von Nestor erfährt oder selbst sieht. Er nimmt diese Grundstruktur durch "Mouches Volantes", kleine Partikel, die sich durch Konzentrationsübungen in seinen Augen gebildet haben, wahr. Es handelt sich offenbar um Fäden und Kugeln, die als eine Art Leuchtstruktur zu den tieferen Schichten des Bewusstseins führen und begreifen lassen, dass hinter allem, was ist, das reine Licht steht, dessen Leuchtkraft und Glanz man um so intensiver sieht, je mehr man sich von allen Anhaftungen frei gemacht hat.


Der Autor hat die Landschaft des Emmental in ein ganz besonderes Licht getaucht, nicht zuletzt, weil er sie mit viel Liebe beschrieben hat. Darüber hinaus verdeutlicht er dem Leser, dass der Sinn des Seins nur darin bestehen kann, das ewige Licht als das hinter allem stehende zu erkennen und dass die persönliche kleine Welt der materiellen Gedanken, Vorstellungen und Gefühle im Grunde lächerlich sind im Verhältnis zu dem großen, ewigen, lichtdurchfluteten Gesamtbild.


Die Folge dieses spirituellen Erkennens kann im Grunde nur Demut sein!






Rezension: Alexandria 642. Roman des antiken Weltwissens

Der französische Astrophysiker Luminet hat einen Roman geschrieben über die berühmte Bibliothek von Alexandria. Dort haben tausend Jahre lang Naturwissenschaftler, Philosophen und andere Gelehrte sich bemüht, Kenntnisse jedwelcher Art zusammenzutragen. Durch dieses Wissen hat die Welt ein anderes Antlitz erhalten. 642 n. Chr. wurde die Bibliothek möglicherweise auf Geheiß eines ungebildeten, machthungrigen Kalifen in Brand gesetzt und zerstört. (Der Autor schreibt in seinem Nachwort, dass er sich ganz bewusst gegen die Form des historischen Essays entschieden habe, als er sich Gedanken darüber machte, wie er den Gegenstand der Betrachtung dem Leser nahe bringen solle, da letztlich "keine historische Wahrheit über jene ferne Zeit gesichert sei.")

Ausgangssituation des Romans ist die Eroberung Alexandrias duch Amr ibn al-As im Jahre 642 n. Chr. Dieser beduinische Feldherr soll im Auftrag seines Herrn die Bibliothek vernichten, weil sie den Allmacht - Vorstellungen des Kalifen zuwider läuft. Drei Gelehrte der Bibliothek versuchen eloquent und feinsinnig dem intelligenten Amr das geplante Vorhaben auszureden und ihn mit Argumenten zu versorgen, die ihn befähigen, seinen Herrn zu überzeugen von der Unsinnstat abzusehen.

So beginnen sie über die tausendjährige Geschichte der Bibliothek zu berichten, erzählen von den hochgeistigen Menschen, die sich dort über Jahrhunderte aufgehalten haben und erläutern welche Werke hier entstanden und beherbergt sind. Der Leser begegnet dem großen Mathematiker Euklid, hört von Aristarch von Samos, der lange vor Kopernikus erkannte, dass die Erde sich um ihre Achse und um die Sonne dreht. Archimedes und der Universalgelehrte Eratosthenes aus Kyrene bleiben nicht ausgespaart, letzterer hat u.a. die Primzahl entdeckt und die Grundlagen der Geographie erfunden. Dichter, wie Kallimachos und Aristophanes werden genannt, aber auch die Erkenntnisse des bedeutenden Astronomen Klaudios Ptolemaios kommen zur Sprache. Zudem ist von der Mathmatikerin und Philosophin Hypatia von Alexandria die Rede, die als Märtyrerin religiöser Intoleranz gegenüber den Naturwissenschaften ihr Leben lassen musste. Die Beschreibung dieser ungewöhnlichen Frau ist, nebenbei bemerkt, besonders beeindruckend. Unabhängig von den Glanzleistungen der vielen Denker, zeigt Luminet welchen Betrachtungswinkel die Herrscher der jeweiligen Zeit der Bibliothek gegenüber eingenommen haben. Die Klugen unter ihnen nutzten das in der Bibliothek aufbewahrte Wissen, um ihr Land zu modernisieren und zur Blüte zu bringen. Die Bornierten fügten, wenn sich ihre Dummheit mit Bosheit paarte, dem Ort des Wissens immer wieder Schaden zu. So auch 642 n.Chr., als es dem diesbezüglich glücklosen Amr, trotz stichhaltigster Argumentationskette, nicht gelang seinen Herrn davon zu überzeugen, dass diese Fülle von Kenntnissen für ihn von Vorteil sein könnte...

Der Untergang der Bibliothek von Alexandria wird von Jean- Pierre Luminet eindrucksvoll und spannend geschildert. Wer auch immer das antike Weltwissen zerstört haben mag, es muss ein boshafter, ignoranter Entscheider gewesen sein. Vielleicht sind Personen dieser Art in allen Jahrhunderten die schlimmste Heimsuchung für Menschen, die guten Willens sind.

Kurzer Nachtrag: Interessant sind im Anhang die sogenannten gelehrten Fußnoten, die längst Vergessenes aus dem Physikunterricht wieder in Erinnerung bringen.

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Rezension: Schattenhochzeit

Der auf der Insel Kreta geborene amerikanische Wissenschaftler Kyriakos Roussias besucht nach Jahrzehnten die Orte seiner Kindheit. Bei diesen handelt es sich um abgelegene Dörfer auf besagter griechischen Insel. Hier leben die Menschen primär von Schafzucht und weisen in ihrem Habitus offenbar noch recht archaische Züge auf. Roussias hat jene, ihm eigentlich nie vertraute Welt während seines Aufenthaltes in den USA allmählich verdrängt. Außer einigen folkloristischen Abenden mit entsprechender Musik und einer Menge "Raki", sowie sporadischen Telefonaten mit seiner alten Mutter hat er seine Herkunft aus seinem jetzigen Leben verbannt. Hierfür gibt es nachvollziehbare Gründe! Im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre mußte Roussias Familie allein sieben Angehörige betrauern. Opfer der Blutrache sind sie alle geworden; mit anderen Worten sie haben sich gegenseitig umgebracht.

Die Autorin erzählt von kargen Landschaften und kleinen Ansiedlungen, von Hirten und deren Mühsal, von irritierender Rückständigkeit, von archaischer Lebensweise. Die geschilderten Menschen sprechen nur wenig miteinander. Missverständnisse werden insofern nicht aus dem Weg geräumt. Die Folge ist Streit, schon aus geringfügigem Anlaß; das Ergebnis: Familienfehde!

Die Männer dieser Region haben ein düsteres Auftreten, schwarzbekleidet, bis zu den Zähnen bewaffnet, gehören sie im Grunde einer vergangenen Welt an. Sie gehorchen frühzeitlichen Regeln, die im Widerspruch stehen zu den staatlichen Gesetzen. So verbringen sie einen Großteil ihres Lebens im Gefängnis, ohne sich tatsächlicher Schuld bewußt zu sein. Getrieben von rachelüsternen Frauen, gehorchen sie den alten Gesetzen der Familienfehden.

Auch Roussias Vater war Mörder und Opfer der Blutrache zugleich und stellt eine schwere moralische Bürde für den Sohn dar, der selbst mit seinem besten Freund über diesen Sachverhalt nicht sprechen kann. Das Inselgesetz fordert von ihm, dass er den Mord an seinem Vater rächt. Wie Roussias mit der an ihn gestellten Forderung umgeht, insbesondere als sich diese während seines Inselbesuchs erheblich verdichtet, lesen Sie auf den letzten Seiten des packend geschriebenen Romans....!

Ioanna Karystiani hat ein interessantes Buch geschrieben, das sich nicht zuletzt mit der Frage beschäftigt, ob man die mögliche Kluft zwischen Herkunft und späterem Leben so schließen kann, dass das Ergebnis Versöhnung zum Inhalt hat? Die Autorin findet eine Antwort, nachdem sie den Leser "mit Kreta", dem "Minenfeld verhängnissvoller Momente", vertraut gemacht hat.

Ein lesenswerter Roman!

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