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Rezension:Letzte Liebe (Broschiert)

Klaus Tudyka hat mit "Letzte Liebe" einen sehr kurzweilig zu lesenden Text verfasst, der Goethe-Liebhaber entzücken wird. Zur Sprache gebracht werden die Ereignisse, die zu Goethes "Marienbader Elegie" führten. Thematisiert wird Goethes Abschied vom Eros, aufgrund der Tatsache, dass die 17 jährige Ulrike von Levetzow ihm, dem bereits über 70 jährigen, einen Korb gab, als er Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um sie zu heiraten.

Goethe war zu seinen Lebzeiten ein Star. Die Frauen lagen ihm zu Füßen. In jungen Jahren war er Charlotte von Stein, die einige Jahre älter als er war, sehr zu getan. Wie kam es später zum Typenwechsel? Wir wissen, dass er auch die wesentlich jüngere Marianne von Willemer sehr mochte und dass Christiane, seine langjährige Bettgefährtin und spätere Ehefrau immerhin 16 Jahre jünger als er war. Jüngere Frauen inspirierten den in die Jahre gekommenen Goethe, werden ihn vergnügt Pfauenräder haben schlagen lassen, die bei gleichaltrigen attraktiven, gebildeten Damen zu spitzzüngigen Bemerkungen geführt hätten.

Es scheint der Liebreiz gewesen zu sein, der ihn bei Ulrike von Levetzow begeisterte. Liebreiz besitzen (ja, ja, es ist so!) stets nur sehr junge Frauen und genau dieser Liebreiz ist es, der Dichter beflügelt, schöne Verse zu schreiben. Trotz aller Allüren, das wird auch im Text deutlich, war Goethe gewiss klar, dass das junge Mädchen nicht mehr als einen lieben älteren Herren, einen charmanten Großvater in ihm sehen konnte.... und dennoch probierte es sein Glück.

"Wie konserviert man Eros?", wird die ewige Frage des alternden Goethes gewesen sein, wie bringe ich Heiterkeit in mein fast abgelebtes Leben? Durch eine junge Frau, die mich vergessen lässt, dass mein Körper bereits den Zenit überschritten hat und mir letztlich nur noch der Geist und mit ihm das Philosophieren bleibt?

Er wollte der Gefährte der jungen Ulrike, hauptsächlich ihr Beschützer sein, wollte ihre Anlagen fördern und diese junge Menschenblüte zu ihrer schönsten Entfaltung bringen, (vgl.: S.32). Ein oberflächlich akzeptable, honorige Rechtfertigung, die man von Bankier Willemer bereits kennt.

Was gebe ich und was kriege ich dafür? Ansehen und finanzielle Freiheit für Jugend. Ein schöner Kuhhandel, bei dem viele Frauen nicht nein sagen und gerne auf den Eros verzichten. Auch vor fast 200 Jahren wird ein junges Mädchen ihre Nächte nicht wirklich im Bett eines Großvaters zubringen haben wollen, selbst wenn der Großvater auf Freiersfüßen Johann Wolfgang von Goethe hieß.

Steht es uns an moralisch zu richten? Ich glaube nicht.

Goethe wird die Absage ohne Schwermut hingenommen haben. Er war ja kein Idiot, sondern ein Dichter, der versuchte, sich als über 70 jähriger als Minnesänger ins Zeug zu legen und sich in der Rolle eine Zeitlang gefiel. Hat er sich zum Affen gemacht? Ich will es nicht beurteilen. Er hat meines Erachtens seinen Abschied von Eros mit dieser Geschichte für seine Fans in bunten Farben zelebriert und ihnen in diesem Zusammenhang die "Marienbader Elegie" geschenkt. Vermutlich saß er am Schreibttisch und schmunzelte.

Empfehlenswert.
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Rezension:Die Träumerin von Ostende: Erzählungen (Gebundene Ausgabe)

Eric -Emmanuel Schmitt hat in Paris Philosophie studiert, bevor er in den 1990er Jahren als Autor für Theater, Film und Fernsehen zu arbeiten begann. Die fünf packenden Geschichten regen die Fantasie ganz ungemein an, wobei speziell die erste und letzte Erzählung im Buch es mir besonders angetan haben.

"Die Träumerin von Ostende", eine in die Jahre gekommene Frau, die in einem Rollstuhl ihr Leben in einem Bücherparadies zubringt und sich von Jugend an in diese Bücherwelt vergraben hat, berichtet einem jungen Schriftsteller, der aus Liebeskummer nach Ostende gereist ist und bei ihr im Haus wohnt, von ihrer Jugendliebe.

Ihre Geschichte ist sehr spannend, aber etwas surreal. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob die alte Dame die Wahrheit spricht. Wer schon etwas länger auf dieser Welt lebt, hat keine Probleme an dem Wahrheitsgehalt ihres Berichtes zu zweifeln, sofern er Vorurteile und gesellschaftliche Denkverbote außen vorlässt. Alles ist möglich, wenn man dem Leben die Wege zu gehen gestattet, die es für uns vorgesehen hat.

Es führt zu weit, an dieser Stelle alle fünf Erzählungen zu streifen. Allen gemeinsam ist ein gerüttelt Maß an zugrunde liegender Fantasie, die uns veranlasst die Geschichten weiterzuspinnen. Dies gilt besonders für "Die Frau mit dem Blumenstrauß". Seit Jahren wartet sie mit diesem auf einem Bahnhof und alle fragen sich auf wen. Wartet sie etwa auf Godot?

Beckett ging es, so liest man in der 5. Erzählung, darum zu zeigen, dass die Welt absurd sei, dass es keinen Gott gibt und wir falsch daran tun, uns nur irgendetwas von diesem Leben zu versprechen. Beckett sei der Ausputzer, er fege den Himmel und die Erde rein und befördere unsere sämtlichen Hoffnungen in den Müll.

Für Eric-Emmanuel Schmitt stellen sich die Fragen, auf wen die Frau am Bahnsteig wartet und ob dieses Warten richtig oder falsch ist, (vgl.: S.279).

Wenn auch warten nicht immer sinnvoll ist, so doch hoffen, denn dieses Hoffen hält uns am Leben. Das auch zeigt die kleine Erzählung mit philosophischem Tiefgang. Ob Beckett diese Erzählung gefallen hätte?

Die Erzählungen wurden von Inés Kobel in einer wundervollen, süffigen Sprache übersetzt. Das Buch bereit großes Lesevergnügen.

Rezension: Amsterdam und zurück: Roman (Gebundene Ausgabe)

In ihrem Erstlingswerk "Amsterdam und zurück" wird unverkennbar deutlich, dass die Autorin Marente de Moor einige Jahre ihres Lebens in Russland, genauer gesagt in St. Petersburg verbracht hat.

Sie arbeitete dort als Zeitungskorrespondentin und hat dadurch einen tieferen Einblick in das russische Seelenleben und auch die Lebensgewohnheiten dieses Volkes erhalten.

In ihrem Roman gelingt es ihr die Momente einzufangen, die die russische Seele so einzigartig macht.

Nachdem die Sowjetunion untergegangen war und die Menschen nicht mehr in dieses kommunistische System eingepfercht wurden, hatten viele, die schon früher mit diesem Unterdrückungsstaat Probleme hatten, den unbedingten Wunsch ins europäische Ausland überzusiedeln.

Eine der bevorzugten Städte Westeuropas war Amsterdam, die Hauptstadt der Niederlande. Von ihr ging der Ruf aus, besonders liberal zu sein und man weiß ja auch aus der Geschichte, dass Zar Peter der Große sich viele Ideen für die Erneuerung seines russischen Reiches aus den Niederlanden geholt hatte.

Witali Kirillow, ein junger Russe beging einen verhängnisvollen Fehler, als er als Offizier an der sowjetisch-finnischen Grenze stationiert war. Er hatte einen Armeeangehörigen, der über die Grenze nach Finnland flüchtete, nicht an diesem Vorhaben gehindert.

Seine sofortige Degradierung nebst Verbannung nach Sibirien war die Folge. Nachdem er seine Strafverbannung verbüßt und ihn die Armee entlassen hatte, gab es für ihn nur noch eine Konsequenz, den Zug von Moskau nach Amsterdam zu besteigen.

Hier taucht er in eine Welt der russischen Immigranten ein, meist ohne gültige Aufenthaltserlaubnis, jedoch zutiefst verwurzelt in den Gebräuchen und Seelenspiegelungen der russischen Heimat. Viele Monate hat er sich in Amsterdam durchgeschlagen, aber in seinen Träumen wird er von dem Bild des flüchtenden Soldaten immer wieder eingeholt.

Er will diesen Mann treffen. Wissen möchte er, wer der Flüchtende ist. Um seine Träume zu überwinden und das tatsächliche Geschehen zu ergründen, wird er nach Russland zurückkehren müssen. Dies ist jedoch nicht einfach, da er als Illegaler im Ausland lebend, bei der Rückkehr in sein Heimatland auf eine schwarze Liste gesetzt wird, was bedeutet, zukünftig kein Auslandsvisum mehr zu bekommen....

Das Buch zeigt sehr detailliert wie unterschiedlich doch die Mentalitäten zwischen Ost- und Westeuropa grundsätzlich sind.
Empfehlenswert.

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Rezension:Jahre am Bodensee: Erinnerungen, Betrachtungen, Briefe und Gedichte (Gebundene Ausgabe)

Der Schriftsteller, Dichter und Nobelpreisträger Hermann Hesse (1877-1962) absolvierte eine Lehre als Buchhändler in Tübingen, bevor er ab 1899 in Basel als Buchhändler und Antiquar arbeitete und ab 1904 als freier Schriftsteller tätig war.

Im vorliegenden, reich bebilderten Buch sind Hesses Schilderungen über den Bodensee zusammengefasst, wo er acht Jahre am Seeufer in Gaienhofen lebte. In dieser Zeit erblickten übrigens seine drei Kinder das Licht der Welt.

Das Buch enthält Erinnerungen, Betrachtungen, Briefe, Gedichte und beeindruckende Fotos aus dem Familienalbum Hesses, wo man ihn mit seinen kleinen Kindern, seiner Frau und mit Freunden erlebt. Hesse muss ein sehr liebevoller Vater gewesen sein. Das machen die Bildern deutlich.

Man hat übrigens auch Gelegenheit in handschriftliche Texte des Schriftstellers einzusehen und kann sich dabei ein Bild von der Geradlinigkeit dieses Mannes machen, die in der Schrift sofort erkennbar ist.

Hesse hat in seiner Gaienhofener Zeit (1904-12) 25 große Erzählungen verfasst, des Weiteren die Romane "Unterm Rad" und "Gertrud", ferner entstanden auch Gedichtbände. Obgleich sein Umfeld ganz offensichtlich seine Kreativität förderte, verkaufte der Dichtere 1912 sein 4 Jahre zuvor erworbene Haus, verließ die Bodenseeregion und bezog mit seiner Familie ein Haus in der Nähe von Bern. Es war wohl eine Vernunftentscheidung.

Die Zeit am Bodensee war eine Zeit des Lebens in einer Idylle, dies kommt in den Texten zum Ausdruck, die man im vorliegenden Buch nachlesen kann. Er schreibt über das Haus, in dem er und seine Familie leben, über einen Besuch beim Dorfarzt, über einen Septembermorgen am Bodensee, über Herbstnächte, über Landschaftseindrücke zu unterschiedlichen Jahreszeiten und dergleichen mehr.

In einem Brief von 1904 an Stefan Zweig fand ich folgenden Sequenz:"Nun bin ich ein verheirateter Mann, und mit dem Zigeunern hat es einstweilen ein Ende. Die kleine Frau ist aber lieb und vernünftig. Freilich- dass ich heute ein kleine Fässchen Wein bestellt habe, weiß sie noch nicht. Der hiesige Wein ist nämlich schandenmäßig sauer," (Zitat Seite 49), :-))

Hesse-Liebhaber dürfen sich freuen. Das Buch enthält viele, darunter auch wenig bekannte Texte des Schriftstellers.

Eines der die Prosatexte unterbrechenden Gedichte möchte ich wiedergeben:


Manchmal

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muss ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
Bis vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?
(siehe Seite 92)

Empfehlenswert.

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Rezension: Sittenlehre- Martin Kohan

Martin Kohan gehört zu den Schriftstellern, die die neue Literatur in Argentinien prägen. Da er in Buenos Aires lebt und arbeitet, neben seinem schriftstellerischen Wirken ist er auch noch Literaturdozent, spielt sein Roman "Sittenlehre" auch in der Hauptstadt Argentiniens.

Er hat den Roman zeitlich zurückversetzt, in das Jahr 1982 als Argentinien von einer Militärjunta beherrscht wurde. Zudem sind es die Monate, in denen die Militärs mit England um die Falklandinseln im Krieg lagen.

Die junge Maria Teresa ist Aufseherin in der Eliteschule Colegio National, einem durch Tradition geprägten Bildungsinstituts, das über die lange Zeit ihres Bestehens außergewöhnliche nationale Persönlichkeiten hervorgebracht hat. So erlangte das Colegio einen besonderen Ruf als vaterländische Ausbildungsstätte.

Untermauert wurde das Ansehen mit Disziplin, erzieherischer Strenge und Sittsamkeit, stets darauf achtend, dass diese Tugenden immerfort eingehalten werden. Hier ist die Protagonistin angetreten, um im Kreise ihrer Mitaufseher mit der gebotenen Ausdauer und Strenge diese traditionelle Maxime durchzusetzen, um jederzeit ihren Vorgesetzten den Nachweis zu erbringen, dass sie die geeignete Person für dieses Amt ist.

Ansonsten geschieht nicht viel im Leben von Maria Terese. Da sind ihre Mutter, mit der sie ein gemeinsames Leben führt in einer kleinen, bescheidenen Wohnung und ihr Bruder, der vom Militär eingezogen, gelegentlich Lebenszeichen signalisiert in Form einer Ansichtskarte oder ab und an in einem kurzen Telefongespräch.

Die Tage gehen dahin, die Jahreszeiten wechseln und immer ist Marie Terese peinlichst genau bestrebt bei der Einhaltung von Kleiderordnung und dem Betragen der Schüler innerhalb und außerhalb des Gymnasiums. Verfehlungen werden abgestellt und sofort bestraft. Die Verlängerung der täglichen Schulzeit um eine Strafstunde ist keine Seltenheit.

Eines Tages muss die von absoluter Disziplin durchdrungene Aufseherin, die noch jung an Jahren ist, feststellen, dass Empörendes geschehen sein muss. Einer ihrer Zöglinge, sie war gerade dabei, die Liste der strengen Vorgaben zu überprüfen, roch eindeutig nach Zigaretten. Welch` ein Frevel! Rauchen war innerhalb der Schule absolut untersagt. Sie beschloss der Sache nachzugehen und überlegte, dass das Rauchen innerhalb des Colegio wohl nur auf der Knabentoilette stattgefunden haben konnte. Dies war erneut die Gelegenheit ihrem Oberaufseher zu beweisen, dass sie die geeignete Person ist, solches außergewöhnliche Fehlverhalten zu untersuchen.

Sie entschied bei nächster Gelegenheit investigativ auf der Knabentoilette zu recherchieren. Hier nun beginnt ihr Leben und ihre Arbeit eine Wendung zu nehmen...

Martin Kohans schriftstellerische Fähigkeiten liegen zweifelsohne darin, sehr detailliert, auch scheinbar einfache Handlungen ausführlich zu beschreiben. Dieses handwerkliche Können erzeugt beim Leser eine fortwährende Spannung. Ungeduldig will man wissen, in welche Richtung die Erzählung sich bewegt. Man wartet auf den Punkt des Umbruchs, um mitzuerleben, was der Roman noch aufzeigt.

Empfehlenswert.

Rezension:Tetralogie der Erinnerung: Das Muster. Tagundnachtgleiche. In der Erinnerung. Auf der anderen Seite der Welt (Broschiert)

Die vorliegende Kassette enthält vier Romane des deutschen Schriftstellers Dieter Forte. Hierbei handelt es sich um die Romane mit den Titeln "Das Muster", "Tagundnachtgleiche", "In der Erinnerung" und "Auf der anderen Seite der Welt".

Forte ist ein sehr wortgewaltiger Schriftsteller. Bei Gelegenheit werde ich die einzelnen Romane ausführlich rezensieren. An dieser Stelle möchte ich die Kassette nur kurz vorstellen, weil man vier Romane in einer Rezension nicht umfassend besprechen kann.

Deshalb ganz kurz nur: In seinem Roman "Das Muster" zeichnet Forte die Identität Europas als Netzwerk von Völkern und Sprachen, Religionen und Eigenheiten voller Weisheit, Wissen, Witz Menschlichkeit und Vitalität nach, während in "Tagundnachtgleiche" der Terror der Nazis und die Gräuel des Krieges das Thema sind.

Die Nachkriegsjahre 1945- 48 wiederum sind die Zeit, die im Roman "Erinnerung" abgehandelt werden. Im Roman "Auf der anderen Seite der Welt" scheint für einen jungen Mann in den 1950er Jahren in einem Sanatorium auf einer Nordseeinsel die Welt still zu stehen. Sie verleiht ihm die Möglichkeit des erinnernden Erzählens.

"In Erinnerung war das Fenster viel größer, so groß wie die Welt, die er durch das Fenster sah, in den vielen Tagen und Nächten, die in der Erinnerung zu einem Bild wurden, zu einer unbewegten, atmenlosen Zeit, lautlose Nächte und stumme Tage, die vergingen, wie sie erschaffen wurden unter einer kalten Sonne, die vom Morgen bis zum Abend die Erde mit ihrem Licht überzog, versteinerte Überreste einer versunkenen Welt unter weiß leuchtenden Sternbildern, stumpfe Mauern, zerstörte Häuser, verschüttete Straßen, verglühte Kirchenschiffe, die Silhouhette einer untergegangenen Stadt mit ihren schroffen Konturen im Mondlicht".

So wortgewaltig beginnt Dieter Forte seinen Roman "In der Erinnerung". An diesen Sätzen bereits können sie sehen, dass jeder der Romane im Einzelnen rezensiert wird muss.

Eine Leseempfehlung gebe ich allerdings schon jetzt.

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Rezension:Die Dirigentin- Wolfgang Herles

Der Protagonist im Roman von Wolfgang Herles ist der Staatsminister Jakob Stein. Die Bundeskanzlerin Christina Böckler hat sich seiner entledigt. An ihrem Zynismus knabbert Stein noch immer und kann nicht loslassen. Um sich abzulenken, geht er nun seiner Liebe zur Musik, konkret der Oper nach, hält sich auf seinen Reisen in guten Restaurants auf, trinkt teuren Wein und speist fürstlich, doch das Leben zu genießen, versteht Stein nicht.

Der geschasste Staatsminister verliebt sich in die ehrgeizige Stardirigentin Maria Besson, der er durch ganz Europa folgt. Doch diese bedient sich letztlich seiner in genau der gleichen Weise wie die Kanzlerin. Weiber sind halt Schlangen, vor denen man sich hüten sollten:-))

Herles gelingt es- sehr sarkastisch - den derzeit grassierenden Wagnerhype zu fokussieren.

Ein Schelm ist natürlich der, der Parallelen zwischen Christina Böckler und unserer derzeitigen Kanzlerin vermutet.

Männer wie Stein müssen sich emanzipieren. Geradezu unerträglich ist es, mit anzusehen wie er sich von Frauen beherrschen lässt. Man leidet als Leser mit diesem armen gebeutelten Mann, der es nicht schafft, ohne Übermutter zu leben.

Stein ist eindeutig ein Weichei, trotz seines Titels. Hoffentlich gibt es nicht zu viele dieser Art unter den Staatslenkern. Kein Wunder, dass Maria Böckler solchen Jungs den Rücken kehrt. Sie muss es, denn sie wird an ihrem Team gemessen.

Ein amüsanter Roman, für Leser, die subtilste Ironie lieben.

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Rezension: Gab mich meinen Träumereien hin ...: Ein literarischer Streifzug von Dante bis Kafka (Broschiert)

Laetitia Rimpau ist die Herausgeberin hat diese Anthologie "Gab mich meinen Träumereien hin.- Ein literarischer Streifzug von Dante bis Kafka". Dieses Buch enthält Prosatexte und Gedichte von Dichtern, Schriftstellern und Philosophen, die sich auf ihre dichterischen Träumereien auf sehr unterschiedlicher Art offenbar angstfrei einlassen.

Untergliedert ist das Buch in die Rubriken: In der "Werkstatt" des Träumens; Musenträume; Feenträume; Traum von der roten Rose; Von der engelsgleichen Venus träumen; "Ich träume, also bin ich"- Philosophenträume; Träumereien (in) der Natur; Märchenhafte Träume; Närrische Träume; "Wach` ich? Träum ich?"- Phantastische Träumereien; Albträume im Klima der Klinik; Dichterträume nach Freud.

Die Herausgeberin schreibt, dass es in der Kulturgeschichte der Menschheit eine Fülle von Möglichkeiten gibt, für irrationale Träume scheinbar vernünftige Erklärungsmodelle zu finden und sie als Prophezeiungen der Götter, als Folge falscher Ernährung oder Offenbarung unbewusster Triebphantasien darzustellen. Das kann man nicht widersprechen. Doch auch Dichter versuchen seit jeher den Rätseln des Traums auf die Spur zu kommen, so Dr. Rimpau. Den so genannte Dichtertraum, der im Buch hier vorgestellt wird, gab es bereits in der antiken Literatur. Gemeint ist die Vorstellung, dass der Dichter nur träumend zu Inspiration, Wissen und Kunstfertigkeit gelangen kann. Unter Dichterträumen versteht man fiktionale Texte, die nur wenig mit realen Träumen gemein haben. Ihr Inhalt sind Figuren, nicht selten der Autor selbst, im Schlaf, Halbschlaf, Wachtraum oder im Wahnzustand, (vgl.: S 294).

Zu den Autoren im Buch zählen Ovid, Apuleius, Dante Alighieri, Francesco Petrarca, Denis Diderot, Jean Paul, Novalis, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Charles Baudelaire, André Breton, Franz Kafka und viele andere mehr.

Im Nachtrag erläutert die Herausgeberin, wie bestimmte Texte zu verstehen sind. Ich will ihrer Interpretation nicht vorweggreifen und rate jedem erst einmal selbst die Texte zu lesen und sich einen Eindruck zu verschaffen, um ihn dann mit den Interpretationen von Rimpau abzugleichen.

Die Texte im Buch machen begreiflich wie vielschichtig Dichterträume sein können und dass sie sich keineswegs nur mit der Liebe und märchenhaften Wünschen befassen müssen und auch mehr als nur phantastische Träume,- man kennt sie bei Poe und Baudelaire- , abdecken.

Bemerkenswert finde ich vor allem Diderots "D`Alemberts Traum", in dem sich Diderot u.a. mit der Frage auseinandersetzt, worin die Freiheit des Träumenden besteht. Eine Frage, mit der man sich tagelang beschäftigen kann, ohne eine wirklich umfassende Antwort geben zu können. Ich bewundere Diderot. Er war ein sehr kluger Mensch.

Fazit: Wer sich verbietet, Tagträume zu haben, wird seine Kreativität verlieren.

Empfehlenswert.

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Rezension:Getrieben: Stories aus der weiten wilden Welt (Gebundene Ausgabe)

 Dieses Buch erschien in 2005. Entdeckt habe ich es erst jetzt und mit ihm diesen begnadeten Autor, der wie kaum ein anderer weltläufig, spannend und eloquent zugleich zu schreiben vermag. Dass Andreas Altmann bereits 1991 den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis erhielt, wundert mich nicht. Wer so gekonnt wie dieser Autor Pegasus zu reiten vermag, müsste im Grunde jährlich mit Preisen überhäuft werden. Was die Juroren daran hindern könnte, ist möglicherweise seine antibürgerliche Geisteshaltung.


Die Geschichten sind autobiographisch, teilt Altmann seinen Lesern im Vorwort mit. Das hätte ich nicht unbedingt wissen wollen, da ich beim Lesen aufgrund dieses Wissens ungewollt in die Position einer Voyeurin gedrängt bin. Nun gut, wenn schon Voyeurin, dann richtig...Deshalb habe ich, nachdem ich das Buch gelesen hatte, alle Fotos im Netz von Altmann angesehen und natürlich auch seine Homepage gelesen. Fazit: ich kaufe diesem Autor ab, dass er all das erlebt hat, was er in den Stories offenbart. Die wahren Abenteuer erlebt man bekanntermaßen im Kopf. Altmanns hochintelligenten Augen verraten mir, dass er bürgerliche Regeln spöttisch belächelt und nur das tut, was er in bestimmten Situationen für zielführend hält.


Sein Buch widmet er übrigens all jenen, "die ihr Recht auf ein eigenständiges, eigenwilliges Leben nicht verraten haben", (Zitat: S.: 12). Ob Altmann es mehr als eine Handvoll Personen gewidmet hat?


Es ist unmöglich, auf all seine Stories einzugehen. Aufgefallen ist mir schon nach wenigen Seiten, dass Altmann ein Verführer ist und als solcher lässt er seine Leser natürlich vermeintlich nah an sich heran. Aber wehe ein Leser rückt ihm zu sehr auf den Pelz, dann lernt er -das vermute ich- den in Harnisch gelegten Autor, der so charmant mit seiner Nacktheit kokettiert, kennen. Altmann ist mit allen Wassern gewaschen, ein provokanter Schelm.


Besonders gut gefallen hat mir die Story mit dem Titel "Celeste". Hier hat er sich in die Freundin eines anderen Mannes verliebt und versucht Celeste einem Casanova gleich zu erobern, die ihm allerdings immer wieder den Beischlaf verweigert und ihn dadurch zunächst mehr und mehr an sich bindet. Als sie sich endlich für ihn entscheidet, antwortet er mit Impotenz und muss sich von ihr abwenden. "Die Aussicht auf Liebe machte mich, wie unübersehbar, impotent, kraftlos, kaputt, "(Zitat: S.389). Bindung und seine Liebe zum Leben passen offenbar nicht zusammen.


Man liest von seiner Liebe zu Büchern, die er in Studienzeiten stahl, um sie besitzen zu können und sie mit Randnotizen zu füllen. Man erfährt wie diese Bücher ihm das Leben in seinem späteren Leben schwer machten. Dutzende von Umzügen und kostspielige Reparaturen der Bücher wollen dokumentieren, dass er sich der gestohlenen Bücher als würdig erweist und seine wunderbaren Reise-Stories relativieren schlussendlich eine Versicherungsbetrügereien. Irgendjemand muss die Weltreisen schließlich finanzieren....Wer mehr gibt als er nimmt, kann kein Verbrecher sein, so der wohl zugrunde liegende Gedanke, den ich nicht zu bewerten beabsichtige.


Altmanns Erfahrungen mit LDS- sie führten zu einem Horrortrip- eine weitere mit einem Homosexuellen sind sehr lesenswert. Der Autor hat vieles ausprobiert, um zu prüfen, was er für sich möchte und was nicht. Den meisten Menschen fehlt dazu der Mut, weil sie zu sehr in Konventionen verhaftet sind, um solche Testreihen vorzunehmen.

Sehr gut auch ist die Story "When a woman loves a man", in der er eine abgründige Beziehung einer Frau zu einem sehr geizigen, kleinkarierten Mann (also das Gegenteil von Altmann) beschreibt. Warum heißt der beschriebene Mann eigentlich A.?


Ich zitiere eine Passage, damit Sie einen Eindruck von Altmanns subtilem Schreibstil erhalten: "Als wir am Ende des ersten Jahres heirateten, war die Schamfrist vorüber. Jetzt spürte ich schlagartig, welch schier übermenschliche Kraft er investiert hatte, um den Teufel in sich zu bändigen, und welch erlösende Genugtuung er nun aus sich herausließ, was unaufhaltsam aus ihm heraus musste.


Ich denke nicht, dass irgendein Wesen auf unserem Breitengrad existiert, das auf radikalere und unvorhersehbarere Art als er versuchte, diesen Trieb nach materieller Keuschheit und unbedingter Entsagung auszuleben. Keiner wird mir glauben, wenn ich hier von dem uferlosen Reichtum der Phantasie, Raffinement und spektakulärem Sadomasochismus erzähle, mit dem A., dieser nun maßlos gewordene Geizkragen, sich anschickte, unser gemeinsames Leben einzurichten auf den Grundpfeilern der Buße, des Irrwitzes und den Ekstasen der Lächerlichkeit," (Zitat: S.123).

Liest man dieser Geschichte, muss man nicht lange nachdenken. Wer mag schon einen geizigen Piesepampel? Stattdessen wendet man sich lieber Männern zu, die - großzügig mit sich und anderen - Zeilen produzieren wie etwa jene: "Die Sprache ist eine edler Hure. Sie treibt es mit vielen. Hauptsache der Kunde weiß das Alphabet auswendig. Dreißig lausige Buchstaben verlangt sie, nicht mehr. Dann darf es ihr jeder besorgen, jeder sie schwängern. Dass hinterher eine Missgeburt zum Vorschein kommt, will die Schlampe nicht wahrhaben." (Zitat. S.: 131)... und was ist, wenn ein A. diese Zeilen geschrieben hat? Wer kennt schon das wahre Wesen eines anderen? Im Grunde doch niemand. Grenzgänger beispielsweise gibt es mehr als man glaubt.

Schön, dass Altmann sich immer wieder neu erfindet und sich erlaubt, in seiner Schreibwelt ein Mensch mit tausend sich wiedersprechenden Facetten zu sein. Für einen Schriftsteller ist die Schreibwelt meines Erachtens die wirklichste aller realen Welten.

Tolle Texte, die beim Lesen liberale Grundhaltungen auf den Prüfstand stellen.

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Rezension: Houellebecq: Karte und Gebiet (Gebundene Ausgabe)


In Michel Houellebecqs neuem Roman "Karte und Gebiet" begibt sich der Schriftsteller in die Welt der Kunst. Sein Protagonist Jed Martin lässt sein bisheriges Leben Revue passieren, erinnert sich an seine Jugend und an seine Studienzeit auf der Kunsthochschule.

Seine ersten öffentlichen künstlerischen Arbeiten wurden animiert durch ein Erlebnis, das er bei der Fahrt mit seinem Vater zur Beerdigung der Großmutter hatte. Dabei stieß Jed Martin bei einem Stop auf einer Raststätte, er suchte eine Straßenkarte um den Ort, wo die Beerdigung stattfinden sollte zu finden, auf die zahlreichen Departement-Karten von Michelin. Sofort war er in den Bann ihrer Ästhetik gezogen. Sein künstlerisches Auge entwickelte ganz neue Darstellungsformen dieser eigentlich alltäglichen Straßeninformationen.

Zurück in Paris beschaffte er sich eine Fülle dieser Michelin-Produkte, um von ihnen Fotografien auf höchstem künstlerischem Niveau zu schaffen. Er trat mit diesen auf einer Sammelausstellung mit seinen Kommilitonen der Ecole des Beaux Arts ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Auf dieser Vernissage trifft er eine bildhübsche Russin, die bei dem Reifenkonzern Michelin in der Werbeabteilung tätig ist. Es entsteht nun das Projekt Menschen in ihrer Arbeitswelt zu porträtieren. Dabei schlägt er einen weiten Bogen von dem Bildnis eines Gastronomen beim Ausschank bis hin zu Bill Gates, der dargestellt wird, wie er über die Zukunft der Computerwelt nachdenkt.

In diesem Zusammenhang entsteht die Idee, das Vorwort zu dem Ausstellungskatalog von dem weltweit bekannten und kontrovers diskutierten Schriftsteller Michel Houellebecq schreiben zu lassen. Eine erste Begegnung zwischen diesen introvertierten Persönlichkeiten findet im Hause von dem Autor von "Elementarteilchen" in Irland statt.

Jed Martin gelingt es tatsächlich Houellebecq in sein Projekt einzubinden. Auch gelingt es dem zeitgenössischen Künstler, den Schriftsteller zu überreden, ihn mithilfe von einer großen Anzahl von Fotografien zu porträtieren, eine Aktion, der dieser nur sehr zögerlich zustimmt.

Neben der finanziellen Vergütung für die einleitenden Worte im Ausstellungskatalog wird dieses Porträt einen beträchtlichen Wert in Millionenhöhe erreichen. Dazu trägt nicht zuletzt der großartige Erfolg dieser Ausstellung bei. Der Marktwert der Bilder Jed Martins springt in astronomische Höhen...


Der Roman nimmt einen Verlauf, den man, wenn man die Werke des französischen Intellektuellen kennt, nicht vermutet. Einen Houellebecq dieser Machart hat es bislang nicht gegeben. War es dem Autor in seinen früheren Romanen ein Anliegen, gesellschaftliche Kritik anzubringen, indem er die Zustände, in denen sich gesellschaftliche Normen in gehobenen Schichten entwickelt haben, grell nachzeichnete, so erleben wir in diesem Buch einen anderen Houellebecq. Zwar hat das düstere und fatalistische Ansinnen den Autor weiterhin im Griff, doch es gibt Anzeichen, dass der bekennende Nihilist einen Anflug von Altersnachsicht entwickelt hat.


Fast scheint es, dass der Verfasser des Romans sich mit seiner Romanfigur Jed Martin in eine Art Deckungsgleichheit begeben hat und sich gedanklich deshalb ad absurdum führt, weil er eine Möglichkeit auszuloten versucht, wie ein Leben in der fortgeschrittenen Altersstufe bis hin zum Ende gelebt werden könnte. Eine interessante Variante, die Houellebecq für sich skizziert, von der er weiß, dass sie jedoch nie eintreten wird.


Man darf gespannt sein, ob in weiteren Romanen neue Möglichkeiten des alternden Intellektuellen uns zu neuen Nachdenklichkeiten bringen werden. Der Interessenbogen bleibt weiterhin gespannt.
Sehr empfehlenswert.


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