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Rezension:Man muß lieben um zu dichten (Broschiert)

"Man muss lieben um zu dichten" von Klaus Tudyka thematisiert Goethe in Rom, den Eros und die Römische Geliebte.

Tudyka gelingt es, die Atmosphäre Roms zu Zeiten Goethes einzufangen, den Dichter in seiner Kunstbeflissenheit zu skizzieren, die Episoden um die Malerin Angelika Kaufmann in schnellen Strichen aufs Blatt zu bannen und schlussendlich aufzuzeigen, auf welche Weise Goethe in Rom wieder zu sich selbst fand.
Goethekenner wissen, dass der Dichter sich in Rom neu verliebt hat. Dadurch bekam sein Leben in der Stadt einen anderen Sinn. "Bislang liebte er Rom- Jetzt liebt Rom ihn. Juno Ludovisi scheint ihm freundlich zuzunicken, die Stanzen, Loggien und Tapisserien Rafaels sind sein eigen geworden, der Apoll von Belvedere winkt ihm freundschaftlich zu, in seinem innersten hat Rom durch die Römerin endgültig einen Herzplatz erobert und er selbst in Rom seinen Lieblingsplatz gefunden." (Zitat: S.38)

Goethe erlebt angeblich in Rom das erste Mal freizügige Erotik und genießt die Sinnlichkeit, die ihn später in die Arme von Christiane treibt.
Charlotte seine "ferne Geliebte im Norden" spielt nur noch eine Nebenrolle, seine allabendlichen Briefe an sie wollen nicht mehr gelingen, "bei seinen schriftlichen Liebesschwüren streikt der Gänsekiel".

Goethe hat in Rom die Wollust entdeckt und mit ihr Facetten der Liebe, die ihm zuvor fremd waren. Zu diesen zählte offenbar auch die Eifersucht.

War die Liebe zu Charlotte immer ein wenig göttlich, so ist die Liebe zu der sinnesfrohen Römerin sehr irdisch. Goethe entdeckte in Rom seine Sinnlichkeit und an dieser hielt er in den Folgejahren fest. Das war nur möglich, indem er von Charlotte Abstand nahm, denn sie war eine intellektuelle Hofdame, deren Selbstbild Contenance erforderlich machte, vermutlich auch im Liebesspiel.

Empfehlenswert.

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Rezension: Mann von Stein: Monolog des Dritten im Bunde (Taschenbuch)

"Mann von Stein- Monolog des Dritten im Bunde" von Klaus Tudyka habe ich mit großem Interesse gelesen, weil hier ein berühmter Gehörnter zu Wort kommt. Gehörnt ist meines Erachtens nicht nur der Gatte, dessen Angetraute mit einem anderen Mann den Beischlaf vollzieht, sondern auch jener, dessen Frau, wie Charlotte eine platonische Liebesbeziehung mit einem anderen Adam lebt. Gehörntsein ist keine Schwäche, wie das Beispiel Mann von Stein zeigt.

Charlottes Ehemann ist sich nicht sicher, ob seine Frau mit Goethe eine intensive sexuelle Beziehung pflegte oder auch nicht. Tatsache ist, dass sie sieben ehelichen Kindern das Leben geschenkt hatte, bevor sie Goethe kennenlernte. Charlotte war also Sexualität nicht fremd.

Trotz der Kinder war die Adelige eine schlanke, aparte Frau als der um 7 Jahre jüngere Goethe an den Weimarer Hof kam. Von Stein kommt zum Ergebnis, dass Goethe seine Charlotte als Liebesobjekt erwählte, um vor den vielen junge Mädchen, die ihn als Ehemann einfangen wollten, Ruhe zu haben.

Wie dem auch sei, fortan schmachtete Goethe Charlotte an. Jeder in Weimar wusste um das Glück der Turteltauben. Wie intensiv es war, zeigt sich in den Gedichten, die Goethe Charlotte schrieb. Dass Charlotte ihre Briefe nach der Trennung von Goethe nach dessen Italienreise vernichtet hat, lässt die Vermutung aufkommen, dass dort die wahre Intensität der Beziehung dokumentiert war und von Stein für immer als den faktisch Gehörnten in der Männernachwelt bloßgestellt hätte.

Stein ist im Monolog froh, dass die Beziehung zwischen Charlotte und Goethe nach der Italienreise ein Ende fand. Bei allem hat er seine Gemahlin nicht aufgehört zu lieben und zeigt sogar Verständnis für die beiden, die möglicherweise karmisch miteinander verbunden waren.

Empfehlenswert.

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Rezension:Gott im Himmel was ist Weimar für ein Paradies (Taschenbuch)

Klaus Tudyka beschreibt in diesem Buch die Stationen der Liebe zwischen Goethe und Frau von Stein, jener aparten, hochintellektuellen Weimarer Hofdame, in der Goethe seine Frau, vielleicht auch seine Schwester aus abgelebten Zeiten vermutete, weil das Seelenband keinen anderen Schluss zuließ.

Charlotte von Stein war um einige Jahre älter als Goethe, eine gepflegte, sehr schlanke Erscheinung, der man die vielen Geburten nicht anmerkte. Charlotte war keine Frau, die Affären pflegte, bevor sie Goethe kennenlernte und das, was sich zwischen ihr und dem jungen Dichter entwickelte, war weit mehr als eine Affäre. Hier begegneten sich zwei Seelenverwandte, die lange voneinander nicht lassen konnten, wissend, dass das Bekanntwerden ihrer Beziehung für Gerede sorgen, vielleicht sogar einen Skandal auslösen würde. Das konnten beide sich nicht erlauben.
Tudykas Versuch mittels eines fiktiven Briefwechsels zwischen Goethe und Frau von Stein Licht in das Dunkel dieser Beziehung zu bringen, ist meines Erachtens geglückt. Dazu muss man wissen, dass es in der Realität zwischen den beiden einen regen Briefwechsel gab und das Charlotte später ihre Briefe zurückforderte und nahezu vollständig verbrannte. Was sie dazu veranlasste, wird nach der Lektüre des Büchleins nachvollziehbar.

Wie ist es möglich, dass eine solch große Liebe am Ende doch zerbrach? Ich denke nicht, dass es nur dahingesagte Worten waren, als Goethe Charlotte möglicherweise schrieb: "Sag mir, was in Deiner schönen Seele vorgeht. Wie freu ich mich, dass ich so bin, dass Du mich lieben kannst. Ich küsse Dich mit dem Kuss der Gedanken. Täglich werde ich mehr und mehr Dein eigen. Ich kann nicht erwarten, vor Dir zu knien, Dir tausend, tausendmal zu sagen, dass ich ewig Dein bin. Du machst mir alles süße. In allen und bei allen Dingen fühl ich deine Liebe. Wie gern sag ich immer dasselbige: Liebe mich. Du meinigste! Geliebteste!" (Zitat: S. 27)...und Charlotte ihm offenbarte:"Gestern als ich Dich ganz spürte und Du mich, ward ich plötzlich eine andere, willenlos und doch ganz willenhaft, ich war Dir nahe, wie ich noch nie in meinem Leben einem Menschen nahestand, mein Herz schlug im Takt des Deinen, wir waren eins, wir wurden eins, was tot in mir war, wurd beseelt, was welkte frischlebendig. Gefühl, wie ich`s, ich schwö`rs, noch nie empfunden, bei keinem Manne."(Zitat S. 23). Tudykas fikitiver Briefwechsel macht bestens begreifbar, was sich zwischen den beiden Weimarer Protagonisten abspielte und ich bin überzeugt, dass beide bis zum Lebensende niemals mehr wirklich glücklich sein konnten, dass beide einen unglaublichen Verlust hinnehmen mussten.

Die Liebe zerbrach meines Erachtens an den Umständen, an der Tatsache, dass sie nie gelebt werden durfte. Ich vermute, dass diese Liebe stets von Schwermut belastet war, die am Ende alles erdrückte und Goethe ins sonnige Italien flüchten ließ. "Mehr Licht" hätten beide für ihre wundervolle Liebesbeziehung verdient gehabt.

Ein lesenswertes Büchlein, ganz zauberhaft.

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Rezension:Letzte Liebe (Broschiert)

Klaus Tudyka hat mit "Letzte Liebe" einen sehr kurzweilig zu lesenden Text verfasst, der Goethe-Liebhaber entzücken wird. Zur Sprache gebracht werden die Ereignisse, die zu Goethes "Marienbader Elegie" führten. Thematisiert wird Goethes Abschied vom Eros, aufgrund der Tatsache, dass die 17 jährige Ulrike von Levetzow ihm, dem bereits über 70 jährigen, einen Korb gab, als er Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um sie zu heiraten.

Goethe war zu seinen Lebzeiten ein Star. Die Frauen lagen ihm zu Füßen. In jungen Jahren war er Charlotte von Stein, die einige Jahre älter als er war, sehr zu getan. Wie kam es später zum Typenwechsel? Wir wissen, dass er auch die wesentlich jüngere Marianne von Willemer sehr mochte und dass Christiane, seine langjährige Bettgefährtin und spätere Ehefrau immerhin 16 Jahre jünger als er war. Jüngere Frauen inspirierten den in die Jahre gekommenen Goethe, werden ihn vergnügt Pfauenräder haben schlagen lassen, die bei gleichaltrigen attraktiven, gebildeten Damen zu spitzzüngigen Bemerkungen geführt hätten.

Es scheint der Liebreiz gewesen zu sein, der ihn bei Ulrike von Levetzow begeisterte. Liebreiz besitzen (ja, ja, es ist so!) stets nur sehr junge Frauen und genau dieser Liebreiz ist es, der Dichter beflügelt, schöne Verse zu schreiben. Trotz aller Allüren, das wird auch im Text deutlich, war Goethe gewiss klar, dass das junge Mädchen nicht mehr als einen lieben älteren Herren, einen charmanten Großvater in ihm sehen konnte.... und dennoch probierte es sein Glück.

"Wie konserviert man Eros?", wird die ewige Frage des alternden Goethes gewesen sein, wie bringe ich Heiterkeit in mein fast abgelebtes Leben? Durch eine junge Frau, die mich vergessen lässt, dass mein Körper bereits den Zenit überschritten hat und mir letztlich nur noch der Geist und mit ihm das Philosophieren bleibt?

Er wollte der Gefährte der jungen Ulrike, hauptsächlich ihr Beschützer sein, wollte ihre Anlagen fördern und diese junge Menschenblüte zu ihrer schönsten Entfaltung bringen, (vgl.: S.32). Ein oberflächlich akzeptable, honorige Rechtfertigung, die man von Bankier Willemer bereits kennt.

Was gebe ich und was kriege ich dafür? Ansehen und finanzielle Freiheit für Jugend. Ein schöner Kuhhandel, bei dem viele Frauen nicht nein sagen und gerne auf den Eros verzichten. Auch vor fast 200 Jahren wird ein junges Mädchen ihre Nächte nicht wirklich im Bett eines Großvaters zubringen haben wollen, selbst wenn der Großvater auf Freiersfüßen Johann Wolfgang von Goethe hieß.

Steht es uns an moralisch zu richten? Ich glaube nicht.

Goethe wird die Absage ohne Schwermut hingenommen haben. Er war ja kein Idiot, sondern ein Dichter, der versuchte, sich als über 70 jähriger als Minnesänger ins Zeug zu legen und sich in der Rolle eine Zeitlang gefiel. Hat er sich zum Affen gemacht? Ich will es nicht beurteilen. Er hat meines Erachtens seinen Abschied von Eros mit dieser Geschichte für seine Fans in bunten Farben zelebriert und ihnen in diesem Zusammenhang die "Marienbader Elegie" geschenkt. Vermutlich saß er am Schreibttisch und schmunzelte.

Empfehlenswert.
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Rezension:Die Träumerin von Ostende: Erzählungen (Gebundene Ausgabe)

Eric -Emmanuel Schmitt hat in Paris Philosophie studiert, bevor er in den 1990er Jahren als Autor für Theater, Film und Fernsehen zu arbeiten begann. Die fünf packenden Geschichten regen die Fantasie ganz ungemein an, wobei speziell die erste und letzte Erzählung im Buch es mir besonders angetan haben.

"Die Träumerin von Ostende", eine in die Jahre gekommene Frau, die in einem Rollstuhl ihr Leben in einem Bücherparadies zubringt und sich von Jugend an in diese Bücherwelt vergraben hat, berichtet einem jungen Schriftsteller, der aus Liebeskummer nach Ostende gereist ist und bei ihr im Haus wohnt, von ihrer Jugendliebe.

Ihre Geschichte ist sehr spannend, aber etwas surreal. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob die alte Dame die Wahrheit spricht. Wer schon etwas länger auf dieser Welt lebt, hat keine Probleme an dem Wahrheitsgehalt ihres Berichtes zu zweifeln, sofern er Vorurteile und gesellschaftliche Denkverbote außen vorlässt. Alles ist möglich, wenn man dem Leben die Wege zu gehen gestattet, die es für uns vorgesehen hat.

Es führt zu weit, an dieser Stelle alle fünf Erzählungen zu streifen. Allen gemeinsam ist ein gerüttelt Maß an zugrunde liegender Fantasie, die uns veranlasst die Geschichten weiterzuspinnen. Dies gilt besonders für "Die Frau mit dem Blumenstrauß". Seit Jahren wartet sie mit diesem auf einem Bahnhof und alle fragen sich auf wen. Wartet sie etwa auf Godot?

Beckett ging es, so liest man in der 5. Erzählung, darum zu zeigen, dass die Welt absurd sei, dass es keinen Gott gibt und wir falsch daran tun, uns nur irgendetwas von diesem Leben zu versprechen. Beckett sei der Ausputzer, er fege den Himmel und die Erde rein und befördere unsere sämtlichen Hoffnungen in den Müll.

Für Eric-Emmanuel Schmitt stellen sich die Fragen, auf wen die Frau am Bahnsteig wartet und ob dieses Warten richtig oder falsch ist, (vgl.: S.279).

Wenn auch warten nicht immer sinnvoll ist, so doch hoffen, denn dieses Hoffen hält uns am Leben. Das auch zeigt die kleine Erzählung mit philosophischem Tiefgang. Ob Beckett diese Erzählung gefallen hätte?

Die Erzählungen wurden von Inés Kobel in einer wundervollen, süffigen Sprache übersetzt. Das Buch bereit großes Lesevergnügen.

Rezension: Amsterdam und zurück: Roman (Gebundene Ausgabe)

In ihrem Erstlingswerk "Amsterdam und zurück" wird unverkennbar deutlich, dass die Autorin Marente de Moor einige Jahre ihres Lebens in Russland, genauer gesagt in St. Petersburg verbracht hat.

Sie arbeitete dort als Zeitungskorrespondentin und hat dadurch einen tieferen Einblick in das russische Seelenleben und auch die Lebensgewohnheiten dieses Volkes erhalten.

In ihrem Roman gelingt es ihr die Momente einzufangen, die die russische Seele so einzigartig macht.

Nachdem die Sowjetunion untergegangen war und die Menschen nicht mehr in dieses kommunistische System eingepfercht wurden, hatten viele, die schon früher mit diesem Unterdrückungsstaat Probleme hatten, den unbedingten Wunsch ins europäische Ausland überzusiedeln.

Eine der bevorzugten Städte Westeuropas war Amsterdam, die Hauptstadt der Niederlande. Von ihr ging der Ruf aus, besonders liberal zu sein und man weiß ja auch aus der Geschichte, dass Zar Peter der Große sich viele Ideen für die Erneuerung seines russischen Reiches aus den Niederlanden geholt hatte.

Witali Kirillow, ein junger Russe beging einen verhängnisvollen Fehler, als er als Offizier an der sowjetisch-finnischen Grenze stationiert war. Er hatte einen Armeeangehörigen, der über die Grenze nach Finnland flüchtete, nicht an diesem Vorhaben gehindert.

Seine sofortige Degradierung nebst Verbannung nach Sibirien war die Folge. Nachdem er seine Strafverbannung verbüßt und ihn die Armee entlassen hatte, gab es für ihn nur noch eine Konsequenz, den Zug von Moskau nach Amsterdam zu besteigen.

Hier taucht er in eine Welt der russischen Immigranten ein, meist ohne gültige Aufenthaltserlaubnis, jedoch zutiefst verwurzelt in den Gebräuchen und Seelenspiegelungen der russischen Heimat. Viele Monate hat er sich in Amsterdam durchgeschlagen, aber in seinen Träumen wird er von dem Bild des flüchtenden Soldaten immer wieder eingeholt.

Er will diesen Mann treffen. Wissen möchte er, wer der Flüchtende ist. Um seine Träume zu überwinden und das tatsächliche Geschehen zu ergründen, wird er nach Russland zurückkehren müssen. Dies ist jedoch nicht einfach, da er als Illegaler im Ausland lebend, bei der Rückkehr in sein Heimatland auf eine schwarze Liste gesetzt wird, was bedeutet, zukünftig kein Auslandsvisum mehr zu bekommen....

Das Buch zeigt sehr detailliert wie unterschiedlich doch die Mentalitäten zwischen Ost- und Westeuropa grundsätzlich sind.
Empfehlenswert.

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Rezension:Jahre am Bodensee: Erinnerungen, Betrachtungen, Briefe und Gedichte (Gebundene Ausgabe)

Der Schriftsteller, Dichter und Nobelpreisträger Hermann Hesse (1877-1962) absolvierte eine Lehre als Buchhändler in Tübingen, bevor er ab 1899 in Basel als Buchhändler und Antiquar arbeitete und ab 1904 als freier Schriftsteller tätig war.

Im vorliegenden, reich bebilderten Buch sind Hesses Schilderungen über den Bodensee zusammengefasst, wo er acht Jahre am Seeufer in Gaienhofen lebte. In dieser Zeit erblickten übrigens seine drei Kinder das Licht der Welt.

Das Buch enthält Erinnerungen, Betrachtungen, Briefe, Gedichte und beeindruckende Fotos aus dem Familienalbum Hesses, wo man ihn mit seinen kleinen Kindern, seiner Frau und mit Freunden erlebt. Hesse muss ein sehr liebevoller Vater gewesen sein. Das machen die Bildern deutlich.

Man hat übrigens auch Gelegenheit in handschriftliche Texte des Schriftstellers einzusehen und kann sich dabei ein Bild von der Geradlinigkeit dieses Mannes machen, die in der Schrift sofort erkennbar ist.

Hesse hat in seiner Gaienhofener Zeit (1904-12) 25 große Erzählungen verfasst, des Weiteren die Romane "Unterm Rad" und "Gertrud", ferner entstanden auch Gedichtbände. Obgleich sein Umfeld ganz offensichtlich seine Kreativität förderte, verkaufte der Dichtere 1912 sein 4 Jahre zuvor erworbene Haus, verließ die Bodenseeregion und bezog mit seiner Familie ein Haus in der Nähe von Bern. Es war wohl eine Vernunftentscheidung.

Die Zeit am Bodensee war eine Zeit des Lebens in einer Idylle, dies kommt in den Texten zum Ausdruck, die man im vorliegenden Buch nachlesen kann. Er schreibt über das Haus, in dem er und seine Familie leben, über einen Besuch beim Dorfarzt, über einen Septembermorgen am Bodensee, über Herbstnächte, über Landschaftseindrücke zu unterschiedlichen Jahreszeiten und dergleichen mehr.

In einem Brief von 1904 an Stefan Zweig fand ich folgenden Sequenz:"Nun bin ich ein verheirateter Mann, und mit dem Zigeunern hat es einstweilen ein Ende. Die kleine Frau ist aber lieb und vernünftig. Freilich- dass ich heute ein kleine Fässchen Wein bestellt habe, weiß sie noch nicht. Der hiesige Wein ist nämlich schandenmäßig sauer," (Zitat Seite 49), :-))

Hesse-Liebhaber dürfen sich freuen. Das Buch enthält viele, darunter auch wenig bekannte Texte des Schriftstellers.

Eines der die Prosatexte unterbrechenden Gedichte möchte ich wiedergeben:


Manchmal

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muss ich lange lauschen und schweigen.

Meine Seele flieht zurück,
Bis vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.

Meine Seele wird ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?
(siehe Seite 92)

Empfehlenswert.

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Rezension: Sittenlehre- Martin Kohan

Martin Kohan gehört zu den Schriftstellern, die die neue Literatur in Argentinien prägen. Da er in Buenos Aires lebt und arbeitet, neben seinem schriftstellerischen Wirken ist er auch noch Literaturdozent, spielt sein Roman "Sittenlehre" auch in der Hauptstadt Argentiniens.

Er hat den Roman zeitlich zurückversetzt, in das Jahr 1982 als Argentinien von einer Militärjunta beherrscht wurde. Zudem sind es die Monate, in denen die Militärs mit England um die Falklandinseln im Krieg lagen.

Die junge Maria Teresa ist Aufseherin in der Eliteschule Colegio National, einem durch Tradition geprägten Bildungsinstituts, das über die lange Zeit ihres Bestehens außergewöhnliche nationale Persönlichkeiten hervorgebracht hat. So erlangte das Colegio einen besonderen Ruf als vaterländische Ausbildungsstätte.

Untermauert wurde das Ansehen mit Disziplin, erzieherischer Strenge und Sittsamkeit, stets darauf achtend, dass diese Tugenden immerfort eingehalten werden. Hier ist die Protagonistin angetreten, um im Kreise ihrer Mitaufseher mit der gebotenen Ausdauer und Strenge diese traditionelle Maxime durchzusetzen, um jederzeit ihren Vorgesetzten den Nachweis zu erbringen, dass sie die geeignete Person für dieses Amt ist.

Ansonsten geschieht nicht viel im Leben von Maria Terese. Da sind ihre Mutter, mit der sie ein gemeinsames Leben führt in einer kleinen, bescheidenen Wohnung und ihr Bruder, der vom Militär eingezogen, gelegentlich Lebenszeichen signalisiert in Form einer Ansichtskarte oder ab und an in einem kurzen Telefongespräch.

Die Tage gehen dahin, die Jahreszeiten wechseln und immer ist Marie Terese peinlichst genau bestrebt bei der Einhaltung von Kleiderordnung und dem Betragen der Schüler innerhalb und außerhalb des Gymnasiums. Verfehlungen werden abgestellt und sofort bestraft. Die Verlängerung der täglichen Schulzeit um eine Strafstunde ist keine Seltenheit.

Eines Tages muss die von absoluter Disziplin durchdrungene Aufseherin, die noch jung an Jahren ist, feststellen, dass Empörendes geschehen sein muss. Einer ihrer Zöglinge, sie war gerade dabei, die Liste der strengen Vorgaben zu überprüfen, roch eindeutig nach Zigaretten. Welch` ein Frevel! Rauchen war innerhalb der Schule absolut untersagt. Sie beschloss der Sache nachzugehen und überlegte, dass das Rauchen innerhalb des Colegio wohl nur auf der Knabentoilette stattgefunden haben konnte. Dies war erneut die Gelegenheit ihrem Oberaufseher zu beweisen, dass sie die geeignete Person ist, solches außergewöhnliche Fehlverhalten zu untersuchen.

Sie entschied bei nächster Gelegenheit investigativ auf der Knabentoilette zu recherchieren. Hier nun beginnt ihr Leben und ihre Arbeit eine Wendung zu nehmen...

Martin Kohans schriftstellerische Fähigkeiten liegen zweifelsohne darin, sehr detailliert, auch scheinbar einfache Handlungen ausführlich zu beschreiben. Dieses handwerkliche Können erzeugt beim Leser eine fortwährende Spannung. Ungeduldig will man wissen, in welche Richtung die Erzählung sich bewegt. Man wartet auf den Punkt des Umbruchs, um mitzuerleben, was der Roman noch aufzeigt.

Empfehlenswert.

Rezension:Tetralogie der Erinnerung: Das Muster. Tagundnachtgleiche. In der Erinnerung. Auf der anderen Seite der Welt (Broschiert)

Die vorliegende Kassette enthält vier Romane des deutschen Schriftstellers Dieter Forte. Hierbei handelt es sich um die Romane mit den Titeln "Das Muster", "Tagundnachtgleiche", "In der Erinnerung" und "Auf der anderen Seite der Welt".

Forte ist ein sehr wortgewaltiger Schriftsteller. Bei Gelegenheit werde ich die einzelnen Romane ausführlich rezensieren. An dieser Stelle möchte ich die Kassette nur kurz vorstellen, weil man vier Romane in einer Rezension nicht umfassend besprechen kann.

Deshalb ganz kurz nur: In seinem Roman "Das Muster" zeichnet Forte die Identität Europas als Netzwerk von Völkern und Sprachen, Religionen und Eigenheiten voller Weisheit, Wissen, Witz Menschlichkeit und Vitalität nach, während in "Tagundnachtgleiche" der Terror der Nazis und die Gräuel des Krieges das Thema sind.

Die Nachkriegsjahre 1945- 48 wiederum sind die Zeit, die im Roman "Erinnerung" abgehandelt werden. Im Roman "Auf der anderen Seite der Welt" scheint für einen jungen Mann in den 1950er Jahren in einem Sanatorium auf einer Nordseeinsel die Welt still zu stehen. Sie verleiht ihm die Möglichkeit des erinnernden Erzählens.

"In Erinnerung war das Fenster viel größer, so groß wie die Welt, die er durch das Fenster sah, in den vielen Tagen und Nächten, die in der Erinnerung zu einem Bild wurden, zu einer unbewegten, atmenlosen Zeit, lautlose Nächte und stumme Tage, die vergingen, wie sie erschaffen wurden unter einer kalten Sonne, die vom Morgen bis zum Abend die Erde mit ihrem Licht überzog, versteinerte Überreste einer versunkenen Welt unter weiß leuchtenden Sternbildern, stumpfe Mauern, zerstörte Häuser, verschüttete Straßen, verglühte Kirchenschiffe, die Silhouhette einer untergegangenen Stadt mit ihren schroffen Konturen im Mondlicht".

So wortgewaltig beginnt Dieter Forte seinen Roman "In der Erinnerung". An diesen Sätzen bereits können sie sehen, dass jeder der Romane im Einzelnen rezensiert wird muss.

Eine Leseempfehlung gebe ich allerdings schon jetzt.

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Rezension:Die Dirigentin- Wolfgang Herles

Der Protagonist im Roman von Wolfgang Herles ist der Staatsminister Jakob Stein. Die Bundeskanzlerin Christina Böckler hat sich seiner entledigt. An ihrem Zynismus knabbert Stein noch immer und kann nicht loslassen. Um sich abzulenken, geht er nun seiner Liebe zur Musik, konkret der Oper nach, hält sich auf seinen Reisen in guten Restaurants auf, trinkt teuren Wein und speist fürstlich, doch das Leben zu genießen, versteht Stein nicht.

Der geschasste Staatsminister verliebt sich in die ehrgeizige Stardirigentin Maria Besson, der er durch ganz Europa folgt. Doch diese bedient sich letztlich seiner in genau der gleichen Weise wie die Kanzlerin. Weiber sind halt Schlangen, vor denen man sich hüten sollten:-))

Herles gelingt es- sehr sarkastisch - den derzeit grassierenden Wagnerhype zu fokussieren.

Ein Schelm ist natürlich der, der Parallelen zwischen Christina Böckler und unserer derzeitigen Kanzlerin vermutet.

Männer wie Stein müssen sich emanzipieren. Geradezu unerträglich ist es, mit anzusehen wie er sich von Frauen beherrschen lässt. Man leidet als Leser mit diesem armen gebeutelten Mann, der es nicht schafft, ohne Übermutter zu leben.

Stein ist eindeutig ein Weichei, trotz seines Titels. Hoffentlich gibt es nicht zu viele dieser Art unter den Staatslenkern. Kein Wunder, dass Maria Böckler solchen Jungs den Rücken kehrt. Sie muss es, denn sie wird an ihrem Team gemessen.

Ein amüsanter Roman, für Leser, die subtilste Ironie lieben.

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