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Rezension:Getrieben: Stories aus der weiten wilden Welt (Gebundene Ausgabe)

 Dieses Buch erschien in 2005. Entdeckt habe ich es erst jetzt und mit ihm diesen begnadeten Autor, der wie kaum ein anderer weltläufig, spannend und eloquent zugleich zu schreiben vermag. Dass Andreas Altmann bereits 1991 den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis erhielt, wundert mich nicht. Wer so gekonnt wie dieser Autor Pegasus zu reiten vermag, müsste im Grunde jährlich mit Preisen überhäuft werden. Was die Juroren daran hindern könnte, ist möglicherweise seine antibürgerliche Geisteshaltung.


Die Geschichten sind autobiographisch, teilt Altmann seinen Lesern im Vorwort mit. Das hätte ich nicht unbedingt wissen wollen, da ich beim Lesen aufgrund dieses Wissens ungewollt in die Position einer Voyeurin gedrängt bin. Nun gut, wenn schon Voyeurin, dann richtig...Deshalb habe ich, nachdem ich das Buch gelesen hatte, alle Fotos im Netz von Altmann angesehen und natürlich auch seine Homepage gelesen. Fazit: ich kaufe diesem Autor ab, dass er all das erlebt hat, was er in den Stories offenbart. Die wahren Abenteuer erlebt man bekanntermaßen im Kopf. Altmanns hochintelligenten Augen verraten mir, dass er bürgerliche Regeln spöttisch belächelt und nur das tut, was er in bestimmten Situationen für zielführend hält.


Sein Buch widmet er übrigens all jenen, "die ihr Recht auf ein eigenständiges, eigenwilliges Leben nicht verraten haben", (Zitat: S.: 12). Ob Altmann es mehr als eine Handvoll Personen gewidmet hat?


Es ist unmöglich, auf all seine Stories einzugehen. Aufgefallen ist mir schon nach wenigen Seiten, dass Altmann ein Verführer ist und als solcher lässt er seine Leser natürlich vermeintlich nah an sich heran. Aber wehe ein Leser rückt ihm zu sehr auf den Pelz, dann lernt er -das vermute ich- den in Harnisch gelegten Autor, der so charmant mit seiner Nacktheit kokettiert, kennen. Altmann ist mit allen Wassern gewaschen, ein provokanter Schelm.


Besonders gut gefallen hat mir die Story mit dem Titel "Celeste". Hier hat er sich in die Freundin eines anderen Mannes verliebt und versucht Celeste einem Casanova gleich zu erobern, die ihm allerdings immer wieder den Beischlaf verweigert und ihn dadurch zunächst mehr und mehr an sich bindet. Als sie sich endlich für ihn entscheidet, antwortet er mit Impotenz und muss sich von ihr abwenden. "Die Aussicht auf Liebe machte mich, wie unübersehbar, impotent, kraftlos, kaputt, "(Zitat: S.389). Bindung und seine Liebe zum Leben passen offenbar nicht zusammen.


Man liest von seiner Liebe zu Büchern, die er in Studienzeiten stahl, um sie besitzen zu können und sie mit Randnotizen zu füllen. Man erfährt wie diese Bücher ihm das Leben in seinem späteren Leben schwer machten. Dutzende von Umzügen und kostspielige Reparaturen der Bücher wollen dokumentieren, dass er sich der gestohlenen Bücher als würdig erweist und seine wunderbaren Reise-Stories relativieren schlussendlich eine Versicherungsbetrügereien. Irgendjemand muss die Weltreisen schließlich finanzieren....Wer mehr gibt als er nimmt, kann kein Verbrecher sein, so der wohl zugrunde liegende Gedanke, den ich nicht zu bewerten beabsichtige.


Altmanns Erfahrungen mit LDS- sie führten zu einem Horrortrip- eine weitere mit einem Homosexuellen sind sehr lesenswert. Der Autor hat vieles ausprobiert, um zu prüfen, was er für sich möchte und was nicht. Den meisten Menschen fehlt dazu der Mut, weil sie zu sehr in Konventionen verhaftet sind, um solche Testreihen vorzunehmen.

Sehr gut auch ist die Story "When a woman loves a man", in der er eine abgründige Beziehung einer Frau zu einem sehr geizigen, kleinkarierten Mann (also das Gegenteil von Altmann) beschreibt. Warum heißt der beschriebene Mann eigentlich A.?


Ich zitiere eine Passage, damit Sie einen Eindruck von Altmanns subtilem Schreibstil erhalten: "Als wir am Ende des ersten Jahres heirateten, war die Schamfrist vorüber. Jetzt spürte ich schlagartig, welch schier übermenschliche Kraft er investiert hatte, um den Teufel in sich zu bändigen, und welch erlösende Genugtuung er nun aus sich herausließ, was unaufhaltsam aus ihm heraus musste.


Ich denke nicht, dass irgendein Wesen auf unserem Breitengrad existiert, das auf radikalere und unvorhersehbarere Art als er versuchte, diesen Trieb nach materieller Keuschheit und unbedingter Entsagung auszuleben. Keiner wird mir glauben, wenn ich hier von dem uferlosen Reichtum der Phantasie, Raffinement und spektakulärem Sadomasochismus erzähle, mit dem A., dieser nun maßlos gewordene Geizkragen, sich anschickte, unser gemeinsames Leben einzurichten auf den Grundpfeilern der Buße, des Irrwitzes und den Ekstasen der Lächerlichkeit," (Zitat: S.123).

Liest man dieser Geschichte, muss man nicht lange nachdenken. Wer mag schon einen geizigen Piesepampel? Stattdessen wendet man sich lieber Männern zu, die - großzügig mit sich und anderen - Zeilen produzieren wie etwa jene: "Die Sprache ist eine edler Hure. Sie treibt es mit vielen. Hauptsache der Kunde weiß das Alphabet auswendig. Dreißig lausige Buchstaben verlangt sie, nicht mehr. Dann darf es ihr jeder besorgen, jeder sie schwängern. Dass hinterher eine Missgeburt zum Vorschein kommt, will die Schlampe nicht wahrhaben." (Zitat. S.: 131)... und was ist, wenn ein A. diese Zeilen geschrieben hat? Wer kennt schon das wahre Wesen eines anderen? Im Grunde doch niemand. Grenzgänger beispielsweise gibt es mehr als man glaubt.

Schön, dass Altmann sich immer wieder neu erfindet und sich erlaubt, in seiner Schreibwelt ein Mensch mit tausend sich wiedersprechenden Facetten zu sein. Für einen Schriftsteller ist die Schreibwelt meines Erachtens die wirklichste aller realen Welten.

Tolle Texte, die beim Lesen liberale Grundhaltungen auf den Prüfstand stellen.

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Rezension: Houellebecq: Karte und Gebiet (Gebundene Ausgabe)


In Michel Houellebecqs neuem Roman "Karte und Gebiet" begibt sich der Schriftsteller in die Welt der Kunst. Sein Protagonist Jed Martin lässt sein bisheriges Leben Revue passieren, erinnert sich an seine Jugend und an seine Studienzeit auf der Kunsthochschule.

Seine ersten öffentlichen künstlerischen Arbeiten wurden animiert durch ein Erlebnis, das er bei der Fahrt mit seinem Vater zur Beerdigung der Großmutter hatte. Dabei stieß Jed Martin bei einem Stop auf einer Raststätte, er suchte eine Straßenkarte um den Ort, wo die Beerdigung stattfinden sollte zu finden, auf die zahlreichen Departement-Karten von Michelin. Sofort war er in den Bann ihrer Ästhetik gezogen. Sein künstlerisches Auge entwickelte ganz neue Darstellungsformen dieser eigentlich alltäglichen Straßeninformationen.

Zurück in Paris beschaffte er sich eine Fülle dieser Michelin-Produkte, um von ihnen Fotografien auf höchstem künstlerischem Niveau zu schaffen. Er trat mit diesen auf einer Sammelausstellung mit seinen Kommilitonen der Ecole des Beaux Arts ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Auf dieser Vernissage trifft er eine bildhübsche Russin, die bei dem Reifenkonzern Michelin in der Werbeabteilung tätig ist. Es entsteht nun das Projekt Menschen in ihrer Arbeitswelt zu porträtieren. Dabei schlägt er einen weiten Bogen von dem Bildnis eines Gastronomen beim Ausschank bis hin zu Bill Gates, der dargestellt wird, wie er über die Zukunft der Computerwelt nachdenkt.

In diesem Zusammenhang entsteht die Idee, das Vorwort zu dem Ausstellungskatalog von dem weltweit bekannten und kontrovers diskutierten Schriftsteller Michel Houellebecq schreiben zu lassen. Eine erste Begegnung zwischen diesen introvertierten Persönlichkeiten findet im Hause von dem Autor von "Elementarteilchen" in Irland statt.

Jed Martin gelingt es tatsächlich Houellebecq in sein Projekt einzubinden. Auch gelingt es dem zeitgenössischen Künstler, den Schriftsteller zu überreden, ihn mithilfe von einer großen Anzahl von Fotografien zu porträtieren, eine Aktion, der dieser nur sehr zögerlich zustimmt.

Neben der finanziellen Vergütung für die einleitenden Worte im Ausstellungskatalog wird dieses Porträt einen beträchtlichen Wert in Millionenhöhe erreichen. Dazu trägt nicht zuletzt der großartige Erfolg dieser Ausstellung bei. Der Marktwert der Bilder Jed Martins springt in astronomische Höhen...


Der Roman nimmt einen Verlauf, den man, wenn man die Werke des französischen Intellektuellen kennt, nicht vermutet. Einen Houellebecq dieser Machart hat es bislang nicht gegeben. War es dem Autor in seinen früheren Romanen ein Anliegen, gesellschaftliche Kritik anzubringen, indem er die Zustände, in denen sich gesellschaftliche Normen in gehobenen Schichten entwickelt haben, grell nachzeichnete, so erleben wir in diesem Buch einen anderen Houellebecq. Zwar hat das düstere und fatalistische Ansinnen den Autor weiterhin im Griff, doch es gibt Anzeichen, dass der bekennende Nihilist einen Anflug von Altersnachsicht entwickelt hat.


Fast scheint es, dass der Verfasser des Romans sich mit seiner Romanfigur Jed Martin in eine Art Deckungsgleichheit begeben hat und sich gedanklich deshalb ad absurdum führt, weil er eine Möglichkeit auszuloten versucht, wie ein Leben in der fortgeschrittenen Altersstufe bis hin zum Ende gelebt werden könnte. Eine interessante Variante, die Houellebecq für sich skizziert, von der er weiß, dass sie jedoch nie eintreten wird.


Man darf gespannt sein, ob in weiteren Romanen neue Möglichkeiten des alternden Intellektuellen uns zu neuen Nachdenklichkeiten bringen werden. Der Interessenbogen bleibt weiterhin gespannt.
Sehr empfehlenswert.


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Rezension: Gedanken über das Schreiben: Heidelberger Poetikvorlesungen (Gebundene Ausgabe)

Dieses kleine Büchlein enthält Bernhard Schlinks "Heidelberger Poetikvorlesungen" aus den Monaten Mai und Juni 2010. Sie setzen sich aus folgenden Teilen zusammen:
1) Über die Vergangenheit schreiben
2) Über die Liebe schreiben
3) Über die Heimat schreiben

Für Schlink sind die Gestalten historischer Romane heutige Gestalten im gestrigen Gewand. In den Möglichkeiten der Zukunft, mit denen Sciene Fiction spielt, spiegeln sich nach seiner Ansicht die Hoffnungen und Ängste im Hier und Jetzt, (vgl.: S.7).

Für den Autor stellt sich die Frage, ob es für das Schreiben über die Vergangenheit des Dritten Reiches beispielsweise besondere Regeln geben müsse, weil das kollektive Schicksal der Vergangenheit ein besonderer Teil der individuellen Identität der Opfer geworden sei, das diese mit ihrem individuellen Schicksal angemessen dargestellt sehen möchten. Sie empfänden die Verzerrung nicht bloß ihrer persönlichen Vergangenheit als verletzend, sondern vielmehr der Vergangenheit in ihrer Gesamtheit, (vgl.S.9).


Für Schlink gibt es nur eine einzige Regel und das ist jene der Wahrhaftigkeit. Wie aber stellt sich diese Wahrhaftigkeit in der Literatur dar? Kann diese auch die Basis für ein Märchen, eine Komödie oder Satire verkörpern und dürfen Autoren solche Texte über den Holocaust schreiben? Nach seiner Ansicht schon, wenn die Wahrheit hierdurch nicht verloren geht. Für den Autor ist es keine Gewähr für Wahrheit, sich an das Typische zu halten. Für ihn bedeutet, dass Literatur dann wahr ist, wenn sie darstellt, was geschah oder hätte geschehen können und dies ist auch in Komödien, Satiren, im Mythos oder im Märchen möglich.

Schlink meint zu Recht, dass Literatur uns unsere Wirklichkeit erklärt und dass sie uns einlädt, uns in andere Wirklichkeiten hineinzuversetzen, die nicht die unseren sind, (vgl.: S.26). Sehr gut erläutert er, weshalb das Erzählen einer Geschichte keine andere Absicht vertrage, als die, die Geschichte zu erzählen und sie wahrhaftig zu erzählen, (vgl.: S.28). Es kann dabei vorkommen, dass diese wahrhaftigen Geschichten auf Kosten anderer geschrieben werden und man abwägen muss zwischen dem Interesse, das Erzählte zu veröffentlichen und den Verletzungen, die dadurch geschehen. Als Beispiel nennt der Autor "Das Leben der Anderen". Man könne über Vergangenes letztlich nicht so schreiben, dass sich niemand verletzt fühle und deshalb bestünde keine Gewähr dafür, dass, wenn es nur stimmte, sich niemand verletzt fühle. Es könne verletzen - wie die Vergangenheit verletzt habe und weiter verletzen, (vgl.:S35). Dem kann man nur zustimmen.

Interessant sind auch Schlinks subtile Betrachtungen über die Liebe. Für ihn bedeutet, über die Liebe zu schreiben, über Lieben zu schreiben und dabei die Liebe in ihrer Vielgestaltigkeit zu bewahren, sie mithin vor dem normativen Zugriff zu schützen, (vgl.S.42). Was er damit meint, breitet er in dieser Vorlesung gut verständlich aus und auch wie sich seine Figuren, die er ähnlich liebt, wie seine Leser, während er sie entwickelt, ein Eigenleben annehmen, die das konfliktfreie Nebeneinander von Wahrnehmung der Schlechtigkeit und liebender Nähe notwendig machen, was offenbar nur durch eine Art "Stockholmsyndrom" zu schaffen ist.

Schlink lässt immer Autobiographisches in seine Figuren mit einfließen, aber stets so, dass nur die gemeinte Person in der Lage ist, sich in der Figur wiederzuerkennen.

Heimat ist das dritte Thema in den Vorlesungen. Er macht deutlich, dass die Vorstellung eines Rechts auf Heimat als den geographisch dingfest zu machenden Ort zum Haben- und Nehmen-Wollen, zu Konflikten und Kriegen mit dem besten Gewissen führe, weil es doch nur um die selbstverständlichste aller Selbstverständlichkeiten gehe, die Heimat, (vgl.: S.84). Es muss klar sein, dass Heimat immer eine utopische Vorstellung ist, weil der Ort an den wir zurückkehren, niemals der Ort ist, von wo wir ausgegangen sind, (vgl.: S.84-85). Schlink macht den Ort über den er jeweils schreibt, zu seiner Heimat, indem er in seiner Sprache über ihn schreibt, (vgl.: 81). Zu diesem Ort zurückzukehren ist möglich, wenn er in seinen Texten liest. Vielleicht ist dies eine der wenigen positiven Formen von Heimat, weil sie keine Konflikte und Kriege im Schlepptau hat.

Die Vorlesungen stimmen nachdenklich. Ich empfehle diese Texte insofern gerne.

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Rezension: Inselträume

"Er war ein wohlgewachsener, schlanker Bursche, (..), alle seine Glieder zeugten von Stärke und Behendigkeit, sein männlich, schönes Gesicht war ohne Wildheit und aus den Zügen sprach, besonders, wenn er lächelte, etwas von der Sanftheit...."(aus: Robinson Crusoe" von Daniel Defoe)

Erinnern Sie sich? Hier wird kein verbiesterter Intellektueller beschrieben, sondern der Traum aller Frauen: der liebe "Freitag":-))

Dieses Lesebuch enthält eine große Anzahl von Textauszügen aus Werken namhafter Autoren, deren Gedanken in den besagten Texten um reale oder um fiktive Inseln kreisen. Inhaltlich decken die Texte folgende Themenbereiche ab:
1) Wie man zu einer Insel kommt

2) Von der Insel an sich und wie man sich auf ihr einrichtet

3) Neuigkeiten von einigen bemerkenswerten Inseln

4) Wie eine Insel regiert und beschaffen sein soll

5) Vom Zusammenleben der Geschlechter auf der Insel

6) Von Begegnungen mit Eingeborenen und Kannibalen

7) Letzte Gedanken von heimischen Inseln.

Zu den Autoren zählen u.a. Jules Vernes, Joachim Ringelnatz, Thomas Morus, Platon, George Sand, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, George Forster, Daniel Defoe und Heinrich Heine.

Dem Quellenverzeichnis am Ende des Buches kann man entnehmen, aus welchen Werken der Autoren die Texte stammen. Defoes "Die Kannibalen" dürfte jeder kennen, der als Kind "Robinson Crusoe" gelesen hat. Neben "Robin Hood" war "Robinson Crusoe" eines meiner Lieblingsbücher und wie mir die Textstelle verdeutlicht hat, gefällt mir die Art wie Defoe erzählt noch immer ausgezeichnet

Die gewählten Textstellen aus "Utopia" von Thomas Morus haben mir auch gefallen. Auf dieses Werk im Rahmen des Lesebuchs aufmerksam zu machen, finde ich sehr lobenswert.

Der Text von Georg Forster "Auf der Insel Huaheine" macht Lust auf dessen Werk "Reise um die Welt" und wer George Sand "Ein Winter auf Mallorca" bislang noch nicht kannte, wird sich spätestens nach der Lektüre des Textauszugs für das Buch interessieren.

Mir hat eine Textstelle aus Heinrich Heines "Auf der Insel Norderney" besonders gut gefallen, so sehr, dass ich sie an dieser Stelle zitieren möchte:"..Was die Menschen so fest und genügsam zusammenhält, ist nicht so sehr das innig mystische Gefühl der Liebe als vielmehr Gewohnheit, das naturgemäße Ineinander-Hinüberleben, die gemeinschaftliche Unmittelbarkeit. Gleiche Geisteshöhe oder, besser gesagt, Geistesniedrigkeit, daher gleiche Bedürfnisse und gleiches Streben; gleiche Erfahrungen und Gesinnungen, daher leichtes Verständnis untereinander; und sie sitzen verträglich am Feuer in den kleinen Hütten, rücken zusammen, wenn es kalt wird, an den Augen sehen sie sich ab, was sie denken, die Worte lesen sie sich von den Lippen, ehe sie gesprochen worden, alle gemeinsamen Lebensbeziehungen sind ihnen im Gedächtnisse, und durch einen einzigen Laut, eine einzige Miene, eine einzige stumme Bewegung erregen sie untereinander so viel Lachen oder Weinen oder Andacht, wie wir bei unseres Gleichen erst durch lange Expositionen, Expektorationen und Deklamationen hervorbringen können." (Zitat: S.256)

Vielleicht ist es ja genau das, was uns alle so gerne von fernen Inseln, von paradiesischen, sonnenerfüllten Räumen träumen lässt, wo man sich ohne viele Worte einfach versteht und nicht jedes kleine falsch verstandene Wort Unversöhnlichkeit auszulösen vermag. Eine Insel der Intellektuellen ist eine Vorstellung, die nur durch Alpträume geistert, oder etwa nicht?

Empfehlenswert.

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Rezension:Fukushima, mon amour: Brief an eine japanische Freundin (Broschiert)

Der in Genf geborene Schriftsteller Daniel de Roulet hat einen Brief an eine japanische Freundin geschrieben, die er vor einem Jahr zum Kirschblütenfest in Tokio besuchte. Er schreibt Kayoko aus Anteilnahme aufgrund der Ereignisse in Fukushima. Er möchte wissen, wie es der Freundin geht, wie sie und die fünfunddreißig Millionen Hauptstadtbewohner auf das Ereignis reagieren. Der Autor ahnt bereits, dass Kayoko die Gefahren herunterspielen wird, weiß dass die japanische Mentalität eine Einmischung seitens Nicht-Japaner in ihre Angelegenheiten von je her nicht mochte. Dass die "Angelegenheit Fukushima" unser aller Angelegenheit ist, will man nicht zur Kenntnis nehmen. Auch Mitleid wegen des Gräuels von Hiroshima wird von Japanern nicht akzeptiert. Japaner scheinen sich in ihrem Leid einzuigeln und es als Schwäche zu begreifen, wenn sie sich für Tröstungen öffnen.

De Roulet lässt den Leser wissen, dass "Fukushima" eigentlich "Insel des Glücks" bedeute. Eine neue Zeit ist angebrochen, der Name klingt nun wie bitterer Zynismus. Für den Autor gibt es eine Parallele zwischen den Konzentrationslagern der Nazis und den Kernkraftwerken, die auch ich sehe. Er schreibt an einer Stelle: "Von diesen allzu perfekten Maschinen" und meint damit die gigantischen Reaktoren,"erfasst mich das gleiche Gefühl der Maßlosigkeit, von menschlichem Wahnsinn, das ich in Sachsenhausen, in Dachau, in Ausschwitz erlebt habe." Stimmt.

Er hat Recht, wenn er an anderer Stelle weiterschreibt:"Wir sind in die Falle gelaufen, haben an einem System mitgewirkt, von dem wir wussten, dass es den grausamen Tod bringen wird und hatten nur phasenweise den Mut, für unsere Ideale zu kämpfen," weiß um unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Gang der Welt und unserem technologischen Opportunismus und benennt diese Gegebenheiten in einer Weise, aus der Ohnmachtsgefühle sprechen.

Sein Brief ist Selbstreflexion, die sich einem Gegenüber mitteilen will, von dem er weiß, dass sich nicht öffnen wird für den Inhalt der Zeilen.

Auf den letzten Seiten kann man eine Chronologie der Ereignisse im Kernkraftwerk Fukushima lesen und aufgrund dieser Fakten den Brief auf sich wirken lassen. Sich mit Tatsachen zu befassen und ihnen ins Auge zu sehen, kann bedeuten, dass man seine Ohnmachtsgefühle auf eine solche Weise zu überwinden vermag. Das gilt nicht nur für Kayogo, sondern für uns alle.

Empfehlenswert.

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Rezension: Das Spiel ist aus (Taschenbuch)

Das rein Gedankliche hat immer das Nichts zur Folge und zwar weil es seelenlos ist.

"Das Spiel ist aus" habe ich das erste Mal in einem Ethikseminar im Rahmen meines Politikwissenschaftsstudiums gelesen. Auch Sartres Drama "Die schmutzigen Hände" las ich damals zum ersten Mal. Wir Studenten besuchten sogar nach der Lektüre mit unserem argentinischen Professor das Programmkino, um die Verfilmung von "Das Spiel ist aus" zu sehen. Das war Ende der 70er Jahre.

Gestern Abend befasste ich mich erneut mit diesem Werk, nachdem ich eine Rezension eines Mitrezensenten dazu gelesen hatte.

Wikipedia hat "Das Spiel ist aus" sehr gut zusammengefasst, deshalb erspare ich mir den Text in eigenen Worten wiederzugeben:

"Die Handlung spielt in Frankreich im Zweiten Weltkrieg. Zur etwa gleichen Zeit werden Ève Charlier von ihrem Mann, dem Milizsekretär André Charlier, vergiftet und Pierre Dumaine, ein Mitglied der französischen Widerstandsbewegung, von einem Spitzel erschossen. Nach ihrem Tod folgen sie einer inneren Stimme, die sie zu einem Zimmer in der Rue Laguénésie führt. Dort erfahren beide, von einer hinter einem Tisch sitzenden und sehr formal auftretenden Person, dass sie tot sind. Sie erfahren, dass sie sich weiterhin in der realen Welt bewegen können, jedoch von den Lebenden nicht wahrgenommen werden und auch keinen Einfluss mehr auf die reale Welt nehmen können. Hier treffen sich Ève und Pierre zum ersten Mal und verlieben sich nach kurzer Zeit ineinander. Bei einem erneuten Besuch der Rue Laguénésie stellt sich heraus, dass beide laut Unterlagen seit Geburt an füreinander bestimmt gewesen wären, aber aufgrund eines bürokratischen Fehlers einander nicht getroffen haben. Sie erhalten die Möglichkeit ins Leben zurückzukehren, um ihre Liebe unter Beweis zu stellen. Schaffen sie es innerhalb von 24 Stunden einander uneingeschränkt zu vertrauen und ihre Zuneigung gegenüber den auftretenden Schwierigkeiten zu behaupten, dürfen beide in der Welt der Lebenden bleiben...."

...doch die beiden schaffen es wieder nicht ihre Liebe zu leben. Warum?

Meines Erachtens, weil sie dem rein Gedanklichen zu viel Raum geben. Pierre kämpft erneut als Widerstandkämpfer gegen eine austauschbare Ideologie, verliert dadurch erneut sein Leben und seine Liebe. Was bleibt ist das Nichts und das ist immer so, wenn man sich dem Gedanklichen verpflichtet fühlt. In Sartres "Die schmutzigen Hände" wird deutlich, dass selbst dann, wenn man politisch etwas Positives möchte, sich dies letztlich immer in das Gegenteil verkehrt, weil selbst dann, wenn man die Menschenrechte politisch im Rahmen einer Organisation durchsetzen möchte, die Organisation irgendwann die Metaebene vergisst und nichts mehr bleibt als das übliche Machtgerangel, das ein Ausfluss des gedanklichen Durchsetzens und der damit verbundenen blöden Rechthaberei ist. Die Metaebene bleibt auf der Strecke, immer dann, wenn sie rein gedanklich und damit unbeseelt ist.

Es lohnt sich nicht, sich dem rein Gedanklichen (dem Intellektuellen) verpflichtet zu fühlen, weil Gedankliches, verdichtet beispielweise in Ideologien, kommt und geht. Wie viele Menschen starben im letzten Jahrhundert, sei es auf den Schlachtfeldern von Verdun, auf jenen von Stalingrad oder anderenorts, weil sie dem Gedanklichen verpflichtet waren? Die Wenigsten erkannten, dass das Einzige, was zählt, die Verpflichtung gegenüber seinem inneren Paradies ist, das es zu pflegen gilt, weil es das innere Band zwischen uns Menschen verkörpert, das ein positives Zusammenleben aufgrund eines tieferen Verständnisses ermöglicht. Sobald man sich in rein Gedankliches verstrickt, entfernen wir uns vom inneren Raum, von der Liebe,vom Licht, von Gott,vom Universellen, vom Paradies, vom Herzens-Du, von unseren Mitmenschen generell, von allem, was tatsächlich zählt. Nur im Bewusstsein dieser tieferen Ebene ist erfolgreiches Handeln über das eigene Leben hinaus möglich, auf der rein gedanklichen Ebene allerdings nicht. Dali zeigt das m.E. sehr schön bildlich auf seinem Gemälde "Die Metamorphose des Narziss" Salvador Dali - Metamorphosis Of Narcissus Poster Kunstdruck (70 x 50cm)

Das Internet ist eine Welt des rein Gedanklichen, dessen muss man sich bewusst sein. Hier hat der innere Raum eines jeden Menschen keinen Platz, insofern ist das Internet ein entseelter Raum, in dem das Spiel zu Ende ist, noch bevor es beginnt. Houellebecq hat dies in seinem Roman "Elementarteilchen" sehr gut aufgezeigt.

Goethe spricht von "Stirb und werde". Ich habe Goethes Worte kürzlich bewusst in einer Rezension in anderer Reihenfolge genannt, weil alles scheinbar immer mit "stirb" oder "Das Spiel ist aus" endet, solange wir dem rein Gedanklichen verhaftet bleiben. Folgt man dem Buddhismus gibt es ein erneutes "Werde", solange bis man versteht, dass, wie Rilke es so schön formulierte, nirgends die Welt zu finden sei, als innen.

Sartres "Das Spiel ist aus" ist noch immer lesenswert. Der gleichnamige Film verdeutlicht das, worum es geht, beinahe noch besser. Wenn Pierre unmittelbar vor seinem erneuten Ableben den tieferen Sinn von Rilkes "Nirgends Geliebte wird die Welt sein, als innen", erkannt hätte, hätte er eine Chance seiner gedanklichen Determination zu entgehen.

Ein weites Feld....

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Rezension: Rainer Maria Rilke - Das große Lesebuch

Herausgeber dieses Lesebuches mit Texten von Rilke ist Michael Lentz. Er auch hat das umfangreiche und dabei überaus erhellendes Nachwort verfasst, welches Rilke-Unkundigen eine gewisse Interpretationshilfe schenkt, z.B. was dessen Gottessuche anbelangt.

Im Buch enthalten sind eine große Anzahl von Gedichten, die untergliedert sind in:

Aus den zu Lebzeiten publizierten Gedichtzyklen

Frühwerke, verstreute und nachgelassene Gedichte

Gedichte in französischer Sprache

Des Weiteren hat man Gelegenheit Erzählungen, Dramen, Essays Briefe und andere Texte des Dichters kennenzulernen und sich einen Überblick bezüglich der wichtigen Daten zu Leben und Werk verschaffen.

Nach meiner Ansicht ist nachstehender Vers aus einem von Rilkes Gedichten sehr aussagekräftig, was das Wesen des Dichters anbelangt:

"Nah ist nur Inneres, alles andre fern

Und dieses Innere gedrängt und täglich

Mit allem überfüllt und ganz unsäglich

Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern"
(siehe Seite 56)

Die Duineser Elegien: Leipzig 1923 sind im Buch nachlesbar, auch hier wieder findet man die Botschaft: "Nirgends, Geliebte, wird die Welt sein, als innen. Unser/ Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer schwindet das Außen.../", (S.107)

Gefallen haben mir seine Essays, insbesondere "Notizen zur Melodie der Dinge":"VI. Dann denke an das Leben selbst. Erinnere dich, dass die Menschen viele und bauschige Gebärden und unglaublich große Worte haben. Wenn sie nur eine Weile so ruhig und reich wären, wie die schönen Heiligen des Marco Basaiti), müsstest du auch hinter ihnen die Landschaft finden, die ihnen gemeinsam ist."(Zitat: S.406)

Sehr lesenswert ist der Essay über Maurice Maeterlinck. Ein guter Freund hat mir an Weihnachten ein sehr schönes, altes Buch mit Texten dieses Schriftstellers geschenkt, das ich demnächst rezensieren werde. Interessant auch sind die Gedanken Rilkes zu Thomas Mann`s "Buddenbrooks" und natürlich Rilkes Briefe, speziell jene an Lou Andreas-Salomé, die, wie Thomas Bernhard meinte, Rilkes "Lebensmensch", d.h. seine wichtigste Bezugsperson im Leben war.

Allen Texten gemeinsam ist m.E. Rilkes Huldigung des Inneren. Der Dichter soll eine extreme Angst vor Selbstverlust gehabt haben, auch Angst seine poetische Potenz zu verlieren (vgl.S.704) und verharrte deshalb wohl in seinen Innenwelten, denen kaum jemand Zutritt erlaubte. Lou Andreas-Salomé , die ihn wohl am besten kannte und seine Psyche zu nehmen verstand, war eine der wenigen, der er fast immer Einlass zubilligte.
Empfehlenswert.



Rezension: Die Zauberin sollst du nicht leben lassen- Peter Braun

Vor einigen Tagen habe ich in dem Buch "Intrigenopfer: Vom Aufstieg und Fall großer Männer" von den Machenschaften von Fuchs von Dornheim gelesen. Ich schrieb: "Den Namen Georg Haan kennen gewiss nur wenige. Er erlangte traurige Berühmtheit in einer der Hochburgen der Hexenverfolgung und zwar in Bamberg. Dort nämlich wurden in den Jahren 1595 bis 1631 etwa 1000 Menschen als Hexen verbrannt. Als "Hexenbrenner" ging der damals regierende Bamberger Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim in die Geschichte ein. Verfolgt wurden Mitglieder der Oberschicht und so auch der damals höchste weltliche Beamte, der Kanzler Dr. Georg Haan. Nicht nur er, sondern auch der größte Teil seiner Familie wurde durch gezielte Denunziation durch seine Gegner und Neider um ihr Leben gebracht, indem man die Haans der Hexerei bezichtigte. Was in Bamberg geschah war ein Skandal, (vgl.: S. 37ff). Ob junge Menschen in Schulen dort heute von den üblen Intrigen ihrer Vorfahren in Kenntnis gesetzt werden? Sind Bambergerinnen heute zurückhaltender, wenn es um Boshaftigkeiten und Verleumdungen geht? Immerhin haben sie die Schuld ihrer Vorfahren abzutragen. Lernen die Menschen dazu oder würden sie nach wie vor am liebsten rufen: "Lasst die Hexe oder den Hexenmeister brennen?"(..) "Klar muss sein, dass Bamberg sich überall immer und immer wieder zutragen kann, wenn man Intriganten ihr Spiel spielen lässt". (Zitat: Helga König)

Eine Mitrezensentin machte mich dann in den Kommentarzeilen auf das Buch "Die Zauberin sollst du nicht leben lassen" aufmerksam, welches der Bamberger Autor Peter Braun 1996 verfasst hat. Nachdem ich mir das Buch beschafft hatte und leider den Autor telefonisch nicht erreichen konnte, rief ich den Bamberger Verlag an, der das Hörspiel veröffentlich hat. Ich wollte wissen, wessen Namen es sind, die man zu Beginn und zu Ende des Buches aufgelistet hat und die auch auf dem Buchcover wie ein Mahnmal dem Leser entgegenprangen.

Fuchs von Dornheim

Johann Salver, Hofkupferstecher in Würzburg (*1670 +1738).



Man bestätigte mir, dass es sich bei den rund 450 Namen um die Namen von Menschen handelt, die einst durch den Hexenbrenner Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim auf bestialischste Weise gefoltert und getötet worden sind. Peter Braun erwähnt mit keinem Wort, wer diese Menschen waren und schreibt: "Alle Hinweise auf die Orte des tatsächlichen Geschehens wurden getilgt alle Hinweise auf die am Geschehen Beteiligten wurde mit Ausnahme der Liste der Opfer gestrichen."

Nach Dorothea Flock habe ich gegoogelt, weil sie in der Auflistung der Opfer ganz oben steht. Ich fand folgenden Hinweis:"Der Bamberger Ratsherr Georg Heinrich Flock war gerade noch rechtzeitig aus Bamberg geflohen, als seine zweite Frau Dorothea eingesperrt wurde. Seine erste Frau war ebenfalls als Hexe verbrannt worden. Doch Dorothea stammte aus der angesehenen Nürnberger Familie Hofmann. Diese Familie, zu der Flock sich geflüchtet hatte, setzte nun alle Hebel in Bewegung, um die Schwangere frei zu bekommen. Als daraufhin die bischöfliche Bamberger Regierung merkte, dass der Reichshofrat in Wien, ein juristisches Beratergremium mit weitreichenden Vollmachten, ernsthaft Anstalten unternahm, die Bamberger Hexenprozesse einzuschränken, trat sie die Flucht nach vorne an und versuchte, den Prozess gegen Dorothea Flock so schnell wie möglich zu beenden: Durch Folter wurde die soeben vom Kindbett Aufgestandene zu einem "Geständnis" gepresst. Auch wenn die mit dem Mut der Verzweiflung vorgetragene Aktion aus Nürnberg das Leben der jungen Flockin nicht retten konnte, so läutete sie doch das Ende der Hexenprozesse in Bamberg ein." Das habe ich einer Buchbesprechung zu *Britta Gehm: "Die Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg und das Eingreifen des Reichshofrates zu ihrer Beendigung", Georg Olms Verlag auf den Internetseiten von Petra Duschner entnommen.

Peter Braun erinnert auf der ersten Seite seines Buches daran, dass 1793 die letzte Hexe auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde, aber man 200 Jahre später erneut Menschen verbrannte. Wir wissen alle noch genau, wie man nach der Wende gegen Ausländer in Deutschland plötzlich zu Felde zog. Es verbrannten Menschen erneut, so wie Juden in der Nazizeit einst von NS-Polizeibatallionen nicht nur in der Ukraine verbrannt wurden.


 Bamberg: Foto Erich Weiß Verlag

Braun schreibt "Am Anfang war ein Bild: Feuer fliegt gegen ein Haus. In dem Haus Menschen Furcht. Vor dem Haus: Menschen johlen: Beifall." So geschehen in den frühen 1990ern irgendwo in Deutschland.

Wir erinnern uns an den Kommandanten des Konzentrationslagers Plaszow bei Krakau: Amon Leopold Göth, ein geistiger Nachfahre von Fuchs von Dornheim, derer es viele gab und leider noch immer gibt. "Die Hexenverfolgung in der Neuzeit ist ein Beispiel für Dummheit, die in Gewalt mündet". Ja es ist wahr: "Hass, Neid, Angst gebiert Verfolgung. Sündenböcke sind leicht gefunden. Gestern, heute, morgen. Überall."(Zitat: Peter Braun).


Dieses extrem dicht geschriebene Büchlein sollte nicht nur an Bamberger Schulen gelesen werden, (ich will hoffen, dass es dort Pflichtlektüre ist), sondern an allen Schulen unseres Landes. Derzeit wird in unserem Land gottlob nicht mehr körperlich, aber so doch seelisch gefoltert und zwar im Internet von den Nachfolgern jenes Fuchs von Dornheim und deren Schergen, wie man nicht nur den überregionalen Zeitungen entnehmen kann.

Braun beschreibt einem Protokoll nicht unähnlich, wie eine schwangere Frau, die an Dorothea Flock erinnert, denunziert und in Haft genommen wird. Er beschreibt die Gefängnisse, in denen die Angeklagten in steter Kälte und Finsternis von ihren Henkern gequält, schwermütig werden. Er beschreibt wie man die Gefangenen in Angst und Schrecken versetzte, indem man ihnen die Folterwerkzeuge zeigte, mittels derer man Geständnisse herauspresste. Ausführlich wird dann die Folter dargestellt, die Daumenschrauben, die spanischen Stiefel. Man setzte die Frauen in siedheißes Kalkwasser, wenn sie verstockt blieben (....)"Und ob sie gleich bei solcher Marter nichts bekannt, wurde die Tortur fortgesetzt und der Scharfrichter hat ihr, da sie schwangeren Leibes gewesen, die Hände gebunden, die Haare abgeschnitten und sie abermals auf die Leiter gesetzt"(..)"Ihr Branntweinwein auf den Kopf gegossen und abgebrannt"(...)"Ihr Schwefelfedern unter die Arme und an den Hals gebrannt"(......)"Ihr Branntwein auf den Rücken gegossen und angezündet....",(Zitat: S. 22-23).

Die vier Türme des Bamberger Domes
vom Turm des Schlosses Geyerswörth aus gesehen
Quelle Wikipedia; Nawi112 User:Waugsberg



Dies war das Werk des Fuchs von Dornheim, wenn die Beschriebene tatsächlich Dorothea Flock war. Er war der geistige Vater der Hexenverbrennungen in Bamberg. Man muss sich die Feuer direkt vor dem Dom denken und sein hämisches Lachen, das das gleiche Lachen ist, wie jenes von Amon Leopold Göth und all den anderen Menschenverachtern, die zu körperlicher und seelischer Folter aufgerufen haben und aufrufen ihres Vorteils wegen und aufgrund von absoluter Schlechtigkeit und Grausamkeit. Man muss die Scheiterhaufen gedanklich genau dort hinbringen, wo sie vorangetrieben wurden.

Die Schwangere reißt während der Folter andere Personen ins Unglück, nicht nur Frauen, auch Männer, wie Hans Zollner und Jakob Schmidtmeier, die ohne zu bekennen, die Folter ausgestanden haben. Welch tapfere Männer! Fuchs von Dornberg wird sie gewiss gehasst haben. Da bin ich mir sicher, denn sie haben ihm seine ganze Erbärmlichkeit vorgeführt.

Peter Braun entwickelt sein Hörspiel auf der Basis eines Liedes, eines Briefes, aufgrund von Berichten und Protokollen. Das Hörspiel macht betroffen, macht vergangenes Leid spürbar.


Ich möchte noch eine Stelle zitieren, speziell für die Person, die 2009 schrieb: "Lass die Hexe brennen". Mich hat das empört, eingedenk des Leides all der Menschen in der Zeit der Hexenverfolgung: "Nachdem nun die Stunde angekommen, dass gegen sie das Endurteil sollte vollzogen werden, wurde ihr das Urteil vorgelesen, und sie sodann, weil sie zu gehen unvermögend war, mit einem hierzu verfertigten hölzernen Stuhl zum Richtplatz getragen und wurde nicht auf der Schindkarre zur Richtstätte geführt, wie dies zu gehen pflegt, wenn alle Gliedmaßen von den Torturen zerrissen, die Brüste zerfetzt sind.

Oft hängt der einen ein Arm auseinander, einem anderen ist das Knie gebrochen. Sie können nicht mehr gehen und stehen, denn die Beine sind zerquetscht. Wenn sie dann aber an den Brandpfahl angebunden werden, heulen und jammern sie, ob all der erlittenen Qualen.

Das Volk aber schaut dem allem zu, spottet ihrer und lästert das armselige Opfer." (Zitat: S.33)

Weil das in allen Jahrhunderten so ist, müssen wir uns um Adel des Geistes bemühen und unsere Empathiefähigkeit täglich schulen.
Sehr empfehlenswert.

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Rezension: 70 Glücksfenster

Dieses Buch enthält 70 Geschichten unterschiedlicher Autoren, die im Quellennachweis alle genannt werden. Herausgeber der Geschichten sind Willi Hoffsümmer und Anneliese Hück. Der Untertitel des Buches heißt "Geschichten zum Geburtstag".

Untergliedert sind besagte Geschichten, die selten länger als eine Seite sind, in die Oberbegriffe:
-Der sanfte Flügelschlag des Glücks
-Vom unscheinbaren Glück am Wegesrand
-Verschenktes Glück kehrt zurück
-Gemeinsam das Glück zum Blühen bringen
-Das Glück hat viele Gesichter
-Glück ist jeden Augenblick
-Von Geheimnis des Glücks
-Wo das Glück zu Hause ist

Die Titel dieser kleinen Geschichten, wie etwa "Die Seele in die Sonne halten", "Liebe öffnet die Tür zum Leben" oder beispielsweise "Erfüllung finden- auch in schweren Zeiten", machen neugierig. Adalbert Ludwig Balling schrieb übrigens die Geschichte mit dem zuletzt genannten Titel. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das Haus Renoirs unweit von Nizza, das heute ein Museeum ist, sehe ihn in seinem Atelier sitzen und spüre seine schöpferische Kraft, trotz seiner verkrüppelten Hände. Das Ende von Ballings Geschichte möchte ich zitieren, weil es mich besonders berührt hat:

"Renoir blieb im Süden Frankreichs, in der Sonne von Nizza. Er wurde zum ärztlichen Phänomen. Ein Zeitgenosse schrieb: "Der Körper schrumpfte, die Knochen trockneten aus, die Finger wurden verknotete Spiralen, die Haut vergilbte zu dünnen Papier. So malte er. Man setzte den Rest von Körper auf eine stuhlartige Winde, die auf die Höhe der Staffelei hinaufgeschraubt werden konnte, steckte ihm einen Pinsel zu - und der Pinsel tupfte auf die Leinwand. So sind die Werke seiner Reife entstanden,"(Zitat S. 68-69).

Die Geschichte ist dem Obergriff "Das Glück hat viele Gesichter" zugeordnet. Ich kenne Fotos von Renoir aus jenen Tagen, auf denen er sehr glücklich lächelt. Er fand sein Glück selbstvergessen in seiner Arbeit sowie in dem Licht des Südens.

Die Gesichter des Glücks sind sehr vielfältig. Das machen die Geschichten deutlich. Ich glaube allerdings, dass Selbstvergessenheit die eigentliche Voraussetzung aller glücklichen Momente im Leben eines Menschen ist.

Ein schönes, kleines Geburtstagsgeschenk. Empfehlenswert.

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Rezension. Das lässt sich ändern- Birgit Vanderbeke

Dieser kurzweilig zu lesende Roman von Birgit Vanderbeke erzählt von Freundschaft, von Liebe, von Nachbarschaftshilfe, vom Zupacken, von der Kreativität und vom einfachen Leben fernab von unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft.

Zynische Egomanen werden den Roman- ich höre es schon jetzt - als Gutmenschenidyllenbeschreibung - abkanzeln, weil sie nicht begreifen wollen, dass es Menschen gibt, die anders als sie ticken und dass genau solche Menschen es wert sind, dass man sie in Romanen beschreibt, weil genau solche Menschen in Krisenzeiten den Karren erfahrungsgemäß erfolgreich aus dem Dreck ziehen.

Die Protagonistin des Romans lernt Adam Czupek in den 1980ern kennen. Sie und ihr späterer Lebensgefährte kommen aus unterschiedlichem Milieu. Sie ist die Tochter aus so genannt gutbürgerlichem Hause. Adam wurde in sehr arme, ungebildete Verhältnisse hineingeboren, doch er verfügt über eine überragende Intelligenz. Er ist kein Intellektueller, sondern ein Handwerker und setzt seine geistigen Fähigkeiten für praktisches Tun ein. Handwerklich ist er hochbegabt und eignet sich durch seine Intelligenz stets das Wissen an, das er benötigt, um seine immer wieder neuen Projekte in die Tat umzusetzen. Adam steht intellektuellen Schwätzern skeptisch gegenüber, speziell wenn sie nicht in der Lage sind, anzupacken.


Die Eltern der Protagonistin, eine studierte Logopädin, lehnen Adam ab, weil er gesellschaftlich nicht passend für ihre Tochter erscheint. Doch diese liebt Adam, der in keine Gesellschaftsschicht passt und letztlich draußen steht. Er ist ein Vogelfreier, der sich stets, so wie Kant es empfiehlt, seines Verstandes bedient und seine Familie und sich durch raue Zeiten trägt. Als die beiden gemeinsamen Kinder bereits auf der Welt sind, ziehen die Protagonistin und Adam aufs Land, nicht aus freien Stücken, sondern weil das Mietverhältnis aufgekündigt worden ist.


Mit einer alten Studienfreundin, die gerade ein Haus geerbt hat, wohnt die Familie nun gemeinsam in einem Haus, das Adam, der eigentliche Held des Romans, vollständig saniert. Adam auch ist es, der den Hof des Bauern Holzapfel vor dessen Ende rettet und dem alten Bauern einen neuen Lebenssinn schenkt, der sich zudem für deutsch-türkische Zusammenarbeit erfolgreich stark macht und immer wieder zeigt, dass man etwas bewegen kann, wenn man fernab von Behörden und der dubiosen Obrigkeit dort, wo man lebt oder wirkt für die Gemeinschaft seine Fähigkeiten einsetzt. Das Engagement Adams zahlt sich immer wieder aus, denn seine Freunde wissen ihn zu schätzen und würden ihn niemals im Stich lassen.


Adam möchte, dass man Jahrhunderte altes Wissen bewahrt, möchte, dass man in der Lage ist autark zu leben, dass man sich seines Verstandes bedient und lehrt seinen Kindern sehr liebevoll genau eben dieses. Die Protagonistin liebt ihren Mann, auf den sie sich, selbst natürlich auch immer sehr zupackend und aktiv, verlassen kann.

Menschen, wie Vanderbeke sie beschreibt, sind mir während meiner Kindheit begegnet. Es sind keine Fantasiegebilde. Es gab sie tatsächlich als die Verblödung durch  die Flimmerkiste noch nicht einsetzte und man Menschen noch nach dem, was sie taten und nicht nach ihrem besserwisserischen Geschwätz, beurteilte.

Empfehlenswert.
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