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Rezension: Die Berühmten- Römischen Schriftsteller - Lesebuch

In diesem Lesebuch werden die 30 bedeutendsten Vertreter der Literatur des alten Roms vorgestellt.

Beleuchtet werden: Plautus, Ennius, Cato d.Ä., Terenz, Varro, Cicero, Caesar, Lukrez, Catull, Sallust, Vergil, Vitruv, Horaz, Livius, Properz und Tibull, Sulpicia, Ovid, Phaedrus, Seneca, Apicius, Petron, Plinius d. Ältere, Martial, Tacitus, Juvenal, Plinius d. J. , Sueton, Gellius und Hygin.

Man erfährt immer den genauen Namen, die Lebensdaten, die literarische Gattung in der der Autor schrieb und seine Werke. Anschließend wird man darüber aufgeklärt, wer der jeweilige Autor war und was er inhaltlich verfasste. Man hat Gelegenheit, in eigens für den Band übersetzte Texte hineinzulesen, liest wie alles überliefert wurde und auch was jeweils bleibt.

Im Rahmen einer Rezension über alle 30 Autoren etwas zu schreiben, führt zu weit. Properz und Tibull beispielsweise standen für eine ganze lyrische Gattung: die subjektive Liebeselegie. Sie veröffentlichten ihre Bücher etwa 27/26. v. Chr. Eifersucht, Liebeskummer und Sehnsucht sind die Folgen von Liebe bei den beiden Dichtern. Tibull schreibt nicht grundlos: "Böser Amor! Ich wünschte, ich könnte einmal deine Pfeile, womöglich/ Auch noch den Bogen zerbrochen sehen/seine Fackeln erloschen!/Du folterst mich..."(Zitat: S. 94). Mir war bislang nicht bekannt, dass Goethe in seinen "Römischen Elegien" das Versmaß von Properz und Tibull übernahm und auch Rilke in seinen "Duineser Elegien" Anleihen bei Properz und Tibull genommen hat.

Wer Ovid war, wissen nicht nur jene, die Lateinunterricht hatten. In seinem Lehrgedicht "Liebeskunst" (Ars Amandi), erschienen im Jahre 1, lehrte der Dichter den Leser, wie und wo er beispielsweise ein Mädchen kennenlernt, wie man es für sich gewinnt und wie die Liebe bestehen und spannend bleibt, (vgl.: S. 102). Man hat Gelegenheit auch hier Auszüge aus dem Lehrgedicht zu lesen und wird mit dem letzten Vers der "Metamorphosen" konfrontiert. Ich ahnte nicht, wie stark der Einfluss der Werke Ovids auf die Kunst und Literatur des Mittelalters, der Renaissance, der Neuzeit und der Moderne war. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der bildenden Kunst und in der Musik kommt der Einfluss Ovids zur Geltung.

Mir gefällt, wie mit wenigen Sätzen Senecas Philosophie, die bekanntermaßen eine angewandte Ethik ist, dem Leser zugänglich gemacht wird.

Die Tatsache, dass man Gelegenheit hat, in viele Originaltextübersetzungen hineinzulesen, macht für mich das Buch besonders reizvoll, denn mir waren nicht alle Texte der Autoren geläufig. Nach der Leküre der Textauszüge werde ich gewiss den ein oder anderen Text vollständig lesen und auch rezensieren. Allen voran die Lyrik der Dichter Properz und Tibull.

Von den eingestreuten Sentenzen hat mir jene von Sallust am besten gefallen. Sie lautet: "Glück macht einen Menschen froh, Widrigkeiten machen ihn groß". Ich denke, die Sentenz ist heute so wahrhaftig wie vor über 2000 Jahren.

Empfehlenswert.

Rezension: Die Berühmten- Liebschaften der Antike- Ein Lesebuch

In diesem wirklich schönen Lesebuch werden die 28 wichtigsten Liebsbeziehungen der griechisch-römischen Antike vorgestellt, dennoch beginnt das Buch nicht mit einem griechischen oder römischen Liebesgedicht, sondern mit den "Terzinen über die Liebe" von Berthold Brecht, die ich selbst sehr schätze und an anderer Stelle bereits zitiert habe.

In der Einleitung erfährt man, dass die Autorin Angela Dierichs durch die Lebensgeschichten der antiken Liebespaare beabsichtigt, den Lesern im Hinblicks auf ihre aktuellen Liebesbefindlichkeiten Tipps zu vermitteln und dass, obschon die skizzierten Paare keineswegs heutigen Vorstellungen entsprechen.


Thematisiert werden: Alkestis und Admetos, Alkmene und Zeus, Amphitrite und Poseidon, Aphrodite und Adonis, Aphrodite und Achises, Aphrodite und Ares, Arethusa und Alpheios, Ariadne und Dionysos, Aspasia und Perikles, Baucis und Philemon, Breseis und Archill, Eurydike und Orpheus, Helena und Paris, Hera und Zeus, Hero Leander, Kalypso und Odysseus, Kleopatra und Caesar, Medea und Iason, Penelope und Hades, Poppaea und Nero, Psyche und Eros, Rhodopis und Charaxos, Roxane und Alexander, Selene und Endymion, Theodora und Justinian.


Jedes dieser Paare steht für für eine bestimmte Problematik, Kleopatra beispielsweise für die Symbiose von Erotik und Politik, Poppaea und Nero für eine Beziehung, die ein Gemisch aus Liebe, Frevel und Intrige darstellt.


Zu den einzelnen Liebespaaren erhält man konkrete Daten. Zum einen erfährt man, wer die Protagonisten sind, wie die Art ihrer Beziehung war, wieviel Kinder sie hatten und wer ihre Eltern waren. Des Weiteren werden ihr Erscheinungsbild sowie die unveränderlichen Kennzeichen skizziert und es werden die jeweiligen Wohnsitze genannt.


Anschließend wird die Liebesgeschichte vorgetragen und in der Folge kurze nachantike Seitenblicke festgehalten. Zu guter Letzt schließlich erhält man Leseproben aus Texten antiker Schriftsteller und Philosophen, die sich mit den jeweiligen Liebespaaren gedanklich befasst haben.


So schreibt Plutarch im Hinblick auf Kleopatras Reize: "Denn an und für sich war ihre Schönheit, wie man sagt, gar nicht so unvergleichlich und von der Art, dass sie beim ersten Anblick berückte, aber im Umgang hatte sie einen unwiderstehlichen Reiz und ihre Gestalt, verbunden mit der gewinnenden Art ihrer Unterhaltung und der in allem sie umspielenden Anmut, hinterließ einen Stachel. Ein Vergnügen war es auch, ihrer Stimme zu lauschen."(Zitat: S. 93)


Dieses Zitat von Plutarch macht deutlich, dass es nicht zwingend die Schönheit sein musste, um in antiken Liebesbeziehungen den weiblichen Part eingeräumt zu bekommen. Schön, attraktiv und gebildet allerdings war Aspasia aus Milet. Zwischen ihr und Perikles entwickelte sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, die mehr als 10 Jahre andauerte. Weil sie anders war als die Athenerinnen ihrer Zeit, versuchte man sie auszugrenzen. Sie strebte einen Salon geistvoll plaudernder Damen an, was nicht jedem gefiel. Perikles war fasziniert von ihrer intellektuellen Wachheit und ihrer charmanten Austrahlung. Linda Marie Günter, die im Buch zitiert wird, schreibt in ihrer Analyse 1994 eindeutig, dass Aspasia keine Hetäre war, (vgl.:S.49). Frauen wie ihr wurde solches in alles Zeiten gerne angedichtet.


Am berührendsten empfinde ich die Geschichte von "Eurydike und Orpheus", vielleicht weil sie so traurig ist und wie keine zweite die Geschichte einer wirklichen Liebessehnsucht zu erzählen vermag.


Das Buch lehrt uns, dass wir in Herzensdingen auf unser Herz hören sollten und dass Liebesglück selten von Dauer ist.
Empfehlenswert.


Rezension : Massimo Marini- Rolf Dobelli

Der Schriftsteller Rolf Dobelli (Top 10 Rezensent bei Amazon) setzt seinem Roman ein Zitat aus Georg Büchners "Woyzeck", 5. Szene voran:" "Süd-Nord! Ha! Ha! Ha!. O er ist dumm, ganz abscheulich dumm. Woyzeck, er ist ein guter Mensch, ein guter Mensch- aber er hat keine Moral! Moral ist das, wenn man moralisch ist." Nach dem Romanende folgt abermals ein Zitat aus Büchners Drama "Gut Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zu viel, das zehrt, du siehst immer so verhetzt aus. Der Diskurs hat mich ganz schön angegriffen. Geh`jetzt und renn nicht so; langsam, hübsch langsam die Straße hinunter."

Noch bevor ich das Buch zu lesen begann, machten mich die Zitate neugierig. Was haben diese beiden Zitate mit dem Inhalt des Buches zu tun? Gibt es Parallelen zwischen Dobellis Protagonisten und dem von Büchners Drama?

Wikipedia fasst Büchners Drama wie folgt zusammen: "Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind, die genau wie er am Rande der Gesellschaft leben, zu unterstützen versucht, arbeitet als Laufbursche für seinen Hauptmann. Außerdem lässt er sich von einem skrupellosen Arzt als Versuchsperson auf Erbsendiät setzen, um einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold zu erhalten, den er restlos an Marie (und sein Kind) abgibt. Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus und demütigen ihn in der Öffentlichkeit. Marie beginnt eine Affäre mit einem Tambourmajor. Woyzecks aufkeimender Verdacht wird durch ihm nicht freundlich gesinnte Mitmenschen geschürt, bis er Marie und den Nebenbuhler beim Tanz im Wirtshaus ertappt. Er hört Stimmen, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer und ersticht Marie in einem Wald nahe einem See."


Noch immer hatte ich das Buch nicht zu lesen begonnen, blätterte, suchte nach einer knappen erhellenden Zusammenfassung dessen, was darüber entscheiden sollte, ob ich mich mit diesem Roman befassen werde, oder eher nicht und fand auf Seite 358 das, wonach ich suchte: "Massismos lebenslanges Experiment in Standhaftigkeit. Seine erstaunlichen Wandlungen dabei. Vom italienischen Immigrantenkind zum Züricher Gesellschaftslöwen. Vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor. Vom Existenzphilosophen zum Bauunternehmer. Vom Tunnelbohrer zum Stradivari-Besitzer. Vom Linken zum Rechten. Vom Tiefen zum Hohen. Vom Süden zum Norden. Seine monströse Bewegung auf dem Koordinatennetz des Lebens. Und dann das Aufblitzen einer Frau, die alles zerstörte. Die Größe seines Aufstiegs und Falls. Die Chronologie der Schrecken."


Oh, dachte ich, das klingt interessant. Diesen Roman werde ich lesen.


Die Lebensgeschichte des Protagonisten Massimo Marini wird von dessen Anwalt erzählt, der von seinem Klienten fasziniert ist, weil dessen Leben alles andere als gradlinig verlaufen ist, auch weil Massimo von der Natur so viele Vorzüge geschenkt bekam- Schönheit, Intelligenz, Intellektualität, Kampfgeist, wenn es darum ging, seine Ideale oder auch einfach nur seine Ziele durchzusetzen.


Massimo ist das Kind italienischer Immigranten. Seine Kindheit in der Schweiz erlebt er in materiell schwierigen Verhältnissen. Seine fleißigen, aufstiegsbewussten Eltern schaffen es, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erhalten. Sein Vater macht sich alsdann als Bauunternehmer selbstständig. Massimo ist ein exzellenter Schüler- einer der besten seines Jahrgangs- , interessiert sich für Philosophie, Literatur und ist in der Schule in der Theatergruppe der Star. Mit der Rolle als Woyzeck beginnt sein Links-Rutsch. Sein Vater sieht diese Entwicklung nicht gerne, denn er möchte, dass sein Sohn, sein Unternehmen weiter- und zu noch nicht geahnten Höhen führt.


Massimo schreibt sich nach dem Abitur nicht in Architektur ein, wie er zu Hause vorgibt, sondern stattdessen heimlich in Philosophie. 1979 verlässt er Zürich, studiert ein Semester an der Sorbonne und hofft dort auf ein Wiederaufflammen von 1968. Massimo ist ein Idealist, der gegen Unrecht kämpfen möchte, der nach Sartre, Camus und Cohn-Bendit Ausschau hält und sich nach Straßenbarrikaden und Tränengas sehnt, (vgl.: S. 153). Dies alles findet er in Paris nicht und geht zurück nach Zürich, wird dort wegen der Genehmigung der kostenträchtigen Renovierung des Opernhauses aktiv, weil er die Gelder lieber in ein autonomes Jugendzentrum investiert sehen würde. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, er wird verhaftet. Sein Vater ist enttäuscht von ihm. Massimo geht nun nach Berlin, um sich dort in Literatur und Philosophie einzuschreiben.


Es sind nicht seine politischen Erfahrungen, die er dort sammelt, die ihn verändern, sondern es ist das private Schicksal, das hier das erste Mal zuschlägt und ihm die Frau, in die er sich verliebt hat, auf tragische Weise nimmt. Als sein Vater stirbt, er daraufhin in der Schweiz eine tatkräftige junge Mitarbeiterin im Betrieb seines Vaters heiratet, nimmt er von allem, was davor war, vermeintlich Abschied und baut mit der diplomierten Bauingenieurin die Firma seines Vaters in der Weise auf, wie dieser sich dies erwünscht hat. Massimo gibt vor, Architekt zu sein. Doch nicht darin liegt seine größte Lebenslüge, sondern im Verleugnen all dessen, was ihm einst etwas bedeutet hat.


Dass er nach 20 Jahren seine Frau wegen einer Cellistin verlässt, hängt wohl weniger mit seinem Aufstiegsbewusstsein, nun endlich zur Schweizer Oberschicht zu gehören, zusammen, wie man ihm vorwirft, sondern wohl eher mit seiner verdrängten intellektuellen Berufung. Massimo ist kein wirklicher Tunnelbauer, seine Welt ist eine geistige. Dass seine beiden Ehefrauen ihn betrogen haben, macht deutlich, dass er im Leben versagt hat und das, weil er bei allem Besitz, den er erwarb, niemals er selbst war.


Es ist erschütternd, dass alle Frauen im Buch, mit Ausnahme von Massimos Mutter, nicht treu sein können. Die Untreue der Studentin Klara und seiner Ehefrauen Monika und Julia bilden die Ursache für Massimos tragischen Lebensverlauf. Wie ist es möglich, dass ein solch schöner, intelligenter Mann im Grunde so glücklos bei Frauen ist? Hängt es damit zusammen, dass Frauen ein feines Gespür dafür haben, wenn ein Mann neben sich steht?


Die Charaktere im Buch sind sehr gut herausgearbeitet. Das trifft im besonderen Maße auch auf Julia zu, die im Alter von 35 Jahren von dem 15 jährigen Raffael, dem vermeintlichen Sohn Massimos, geschwängert wird und auch für den Anwalt, der nicht grundlos an Depressionen leidet.

Höchst interessant ist es, all die Sachinformationen zum Tunnelbau zu lesen. Hoch,- Tief- und Untertagebau war für mich bislang ein Buch mit sieben Siegeln.

Woyzeck hat weit mehr mit Massimo gemeinsam als man denkt. Nicht nur, dass beide mit der Treulosigkeit von Frauen konfrontiert werden, sondern auch, dass beide in ihrer Eigentlichkeit gedemütigt werden, macht sie einander verwandt, wenn auch nicht zu Zwillingsbrüdern.


Sehr empfehlenswert.


Das rezensierte Buch ist überall im Handel erhältlich


Rezension: Anklage - Markus Schollmeyer

Dem Klappentext dieses hervorragenden, überaus spannend zu lesenden Buches, dass ich vor allem Jurastudenten ans Herz lege, allerdings nicht nur diesen, kann man entnehmen, dass der Autor Markus Schollmeyer Rechtswissenschaften in Los Angeles, Hamburg und München studiert hat. Er arbeitet als Anwalt und betreibt neben seiner rechtlichen Arbeit Gerechtigkeitsforschung.

In seinem Buch berichtet er von einem jungen Anwalt, der mit viel Idealismus nach seinem Studium in einer großen Kanzlei zu arbeiten beginnt. Noch glaubt er an sich, noch ist er hungrig nach Gerechtigkeit. Schon bei seinem ersten Fall, bei dem es um vielfachen Kindesmissbrauch geht, überwindet er seine Ideale, weil er in erster Linie siegen möchte. Der Sieg erhöht seinen Bekanntheitsgrad, vergrößert damit auch die Chance irgendwann einmal Teilhaber in der Kanzlei zu werden. Als er den Prozess tatsächlich gewinnt, geht sein Stern in der Kanzlei auf.

Schollmeyer beschreibt den Fall des Kindesmissbrauchs und auch weitere Fälle, wie etwa den eines Menschenhändlers, dessen Interessen der junge Anwalt ebenfalls vertritt, sehr präzise und verdeutlicht, dass Mandanten, die über große materielle Möglichkeiten verfügen, sich stets erstklassige Verteidigung kaufen können, egal, was sie getan haben und dass in Großkanzleien die Gerechtigkeit schon seit langer Zeit dem schnöden Mammon gewichen ist, (vgl,: S.26).

Der Autor erklärt Einzelheiten bei Gericht, verdeutlicht, worin die tägliche Arbeit von Anwälten besteht und zeigt immer wieder die Feigheit der Menschen und ihre Gier, die dazu führt, dass die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird.

Ein Headhunter vermittelt den erfolgreichen jungen Anwalt in eine andere renommierte Kanzlei. Dort allerdings erlebt er im Wesentlichen nichts anderes als zuvor. Es geht immer um Geld und ein gut zahlendes Klientel. Die Klienten werden nach ihrer Liquididät ausgesucht, nicht danach, ob ihnen Unrecht geschehen ist, von dem man sie befreien möchte. Die hohe Honorarrechnung steht im Vordergrund. Eine Kanzlei ist ein Wirtschaftsunternehmen und funktioniert nach den Gesetzen der Wirtschaft. Es geht also darum, den größtmöglichen Gewinn zu erzielen. Moralische Skrupel hat kaum jemand dabei.

Der junge Anwalt in Schollmeyers Geschichte ist erschüttert als er feststellt, wie die Kanzlei bei einer Betriebsstillegung reagiert, wen sie zu vertreten bereit ist und wen nicht. Es kommt der Zeitpunkt, wo für ihn das Maß voll ist und wo er den Sprung in die Selbstständigkeit wagen will. Er fragt sich eines Abends: "Bist du das? Derjenige, der sich früher mit Professoren und überhaupt jedem angelegt hat, wenn ihm etwas unrecht erschien? Derjenige, der aus Berufung Anwalt wurde? Oder bist du nur noch das Zerrbild dieses Anwalts? Derjenige, der zu feige und schwach ist, sich gegen den Druck des Geldes zu wehren? Derjenige, der den Mut und damit sich selbst verloren hat? Und sich aufgibt und sich nicht traut, sein Leben mit seinen Idealen zu leben."(Zitat: Seite 170).

Wie sich in der Folge zeigt, ist es fast aussichtslos, den steinigen Weg eines idealistischen Anwalts zu gehen und sich fernzuhalten von dem Sog der gutdotierten, aus Sicht dieses Anwalts verwerflichen Mandate, von Geschachere um Strafminderung und von der Annährung an gebräuchliche, jedoch fragwürdigen Methoden, (vgl.: S. 215). Wird dieser junge engagierte Anwalt es schaffen, einen Platz zu finden, an dem man für die Menschen und die Menschlichkeit arbeitet, nicht nur für Geld? Wird er es schaffen "die in unserer Zeit herrschende unsägliche Gier"(Zitat: S. 221) vor der Tür zu lassen?

Ein dicht geschriebenes, wirklich großartiges Buch, von dem ich hoffe, dass es auf dem Gabentisch vieler Leser liegen wird.
Das rezensierte Produkt ist überall im Handel erhältlich.

Rezension: Die Heimkehr (Gebundene Ausgabe)

Peter Debauer, der Protagonist in Schlinks jüngstem Roman, begibt sich auf Spurensuche.
Will Debauer zu Anfang noch den Autor eines Heftchenromans , den er als Heranwachsender bei seinen Großeltern in der Schweiz gelesen hat, finden, sucht er schon bald darauf nach seinem tot geglaubten Vater, als er bemerkt, dass es sich um ein und diesselbe Person handelt.


Peter lebt von Kindheit an rückwärtsgewandt, weil er seine Wurzeln nicht wirklich kennt. Seine Mutter läßt ihn in vielem im Ungewissen und erzählt Halbwahrheiten, um ihn zu schonen. Schweizer Herkunft ist Peters Vater. Seine Mutter hatte ihn einst während der NS-Zeit in Breslau kennengelernt.


Wie Peter eruiert, hat Debauer senior im Laufe seines Lebens viele Identitäten angenommen. Den Nazis stand er nahe. Er schrieb damals Traktate, in denen Begriffe wie Ritterlichkeit sophistisch in ihr Gegenteil verkehrt und für ideologische Zwecke missbraucht wurden. Rechtswissenschaften hatte der alte Debauer in Deutschland studiert und mit Heftchenromanen sich über Wasser gehalten, bevor er in die USA ging und dort unter anderem Namen als Juraprofessor Karriere machte. Frau und Kind besorgte er zum Abschied einen Schweizer Pass.


Peter, selbst Jurist, will seinen Vater kennen lernen und ihn stellen. Der rechtschaffene Sohn ist empört über das chamäleonartige Wesen seines Vaters und auch aufgebracht darüber, dass dieser als Professor es spitzfindig immer noch schafft, Begriffe unentdeckt zu verbiegen, indem er ihnen wortverdreherisch einen neuen , völlig fragwürdigen Inhalt zuordnet.


Worin liegt der Nutzen von Gerechtigkeit? Bei wieviel Kälte, Hunger, Druck, Angst ist der Lack der Zivilisation ab? Ab wann verraten sich die Menschen? Was ist das Böse? Muss man dem Bösen ins Auge schauen, um es in sich selbst und in anderen zu erkennen? Hat das Böse im vergangenen Jahrhundert aufgehört zu existieren oder lebt es fort solange es Menschen gibt? Das sind die Fragen mit denen sich Peter auf der Suche nach der gedanklichen Ausrichtung seines Vaters auseinandersetzt. Während er die Antworten auf diese Fragen findet, beginnt der stets rastlose Sucher ruhiger zu werden.


Um wirklich heimzukehren, muss man eine Reise, die auch ein intellektueller Prozess sein kann, tatsächlich abgeschlossen haben. Das macht Barbara, Peters kluge Freundin, ihm immer wieder klar. Während Barbara ihm hilft sein ungeklärtes Gestern aufzuhellen und es Peter in diesem Zusammenhang gelingt, essentielle ethische Problemstellungen gedanklich zu durchforsten, ermöglicht er es sich zu der Frau, die er liebt, uneingeschränkt heimzukehren, ganz anders als Odysseus einst zu Penelope.



Rezension:Die Fabrikanten. Roman einer Familie (Gebundene Ausgabe)

Lis Kahn, die Ich- Erzählerin, ist Tochter aus einer weit verzweigten Unternehmerdynastie, die sich über Generationen mit der Verarbeitung von Holz beschäftigt. Damit der, zum Erzählzeitpunkt marode Betrieb eine Überlebenschance erhält, bricht Lis ihr Studium unmittelbar vor ihrem Examen ab, trennt sich von ihrer großen Liebe und übernimmt einen Teil der Schulden ihres Vaters, um fortan eine nicht sonderlich florierende Buchhandlung auf dem familiären Betriebsgelände, irgendwo im Schwarzwald zu betreiben.
Mit dieser selbstlosen Entscheidung befindet sie sich in guter Gesellschaft mit vielen anderen weiblichen Familienmitgliedern. So gab es u.a. eine talentierte Malerin, auch eine hervorragende Pianistin und eine Vorfahrin mit politischen Ambitionen, die sich dem Familiendiktat zu fügen hatten. Trotz sachkundig seelischer Betreuung seitens ihrer besten Freundin Emma, einer Psychologin, gelingt es Lis nicht, sich dem elterlichen Wunsch - zurück in den Schwarzwald zu gehen - zu entziehen und dies, obgleich sie als Tochter im Grunde nicht die erste Wahl verkörpert. Der eigentliche Favorit ihrer Eltern bleibt ihr Bruder Lazi, der "Stammhalter"! All zu sehr hat man Lis immer wieder eingetrichert, bloßes Glied einer Kette zu sein. Wird die junge Frau sich von ihrer Familie emanzipieren können?
Der Leser erfährt von der langen Geschichte des Kahn- Clans, der im Floßhandel Reichtum erwarb, später holzverarbeitend tätig wurde und es dann lange blieb. Konjunkturelle Schwankungen, Fehlentscheidungen, Höhen und Tiefen innerhalb der Firma werden immer wieder skizziert und machen Wirtschaftsgeschichte greifbar.
Außerdem wird von den lukrativen Erfindungen gesprochen, wie etwa dem Bierdeckel oder viel früher noch vom sogenannten "Nachttopfuntersetzer".
Wann ist "la Fortune perdu"? Gibt es diesbezüglich einen Zusammenhang zum wirklich persönlichen Wollen? Was bedeutet der Begriff "Segen"? Wodurch entsteht diese vielbeschworene Gnade? Welche Chance haben Familienunternehmen in einer Zeit, in der Familien im herkömmlichen Sinne sich aufzulösen beginnen? Das sind die Fragen, die Sybille Mulot in ihrem Roman anreisst, oder die sich aus ihm ableiten lassen.
Ein großartiger Roman, der sich kundig mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu Zeiten unterschiedlicher Epochen auseinandersetzt und vergnügliche Lesestunden bereitet.





Empfehlenswert!



Rezension:Das Bonus-Geheimnis: und andere Geschichten aus der Business Class (Gebundene Ausgabe)

Martin Suters ironische Kurzgeschichten aus dem gehobenen Management verdeutlichen, dass diese Hierarchieebene noch immer eine Männerdomäne ist, in der vermeintliche Alphamänner in einem geradezu neurotischen geführten Wettbewerb zueinander stehen und darum streiten, wer hier eigentlich der Erfolgreichste von allen ist.

Ihr Erfolg bemisst sich am Geld, an den Gehältern, bemisst sich aber auch an der Höhe ihres Bonus, den ein jeder am liebsten an die große Glocke hängen möchte. Schließlich möchte man zeigen, welch toller Hecht man ist. Statussymbole, wie entsprechende Automobile, klischeehaftes Verhalten - man raucht Cohibas und trinkt uralten Armagnac- sind den Jungs wichtig. Damit verdeutlichen sie, dass sie dazugehören. Ihr Habitus ist geradezu unerträglich stromlinienförmig. Wie Lemminge laufen sie alle in eine Richtung, weit davon entfernt, wirkliche Alphamänner zu sein.


Woran es ihnen fehlt ist Individualität und Kreativität, woran es mangelt ist die Fähigkeit, in der Krise ihren Mann zu stehen. Krisenmanagementaufgaben werden in der Regel an externe Berater vergeben. "Ab einem gewissen Gehaltsniveau stellt sich die Frage der Qualität nicht mehr."( Zitat: Suter)


Suter macht unmissverständlich klar, dass wirkliche Freundschaften unter Kollegen auf der leitenden Angestelltenebene nicht funktionieren. Alle strampeln um die Gunst des Eigentümers einer Firma, der, wenn er intelligent genug ist, es bestens versteht, seinen Vorteil aus dem Konkurrenzgerangel zu ziehen.


Frauen erlebt man in Suters Geschichten als Ehefrauen oder Sekretärinnen, denen sich die Jungs gerne unterwerfen, sofern sie ihr Leben organisieren und ihre Wunden lecken, welche oftmals sehr schmerzen, denn im Kampf um die Position in der Hierarchie sind alle Mittel erlaubt. Hinterhältigkeiten jedweder Art werden eingesetzt, um hierarchisch zu punkten. Kooperation scheint ein Fremdwort zu sein.


Gerade in Zeiten der Krise ist es aber notwendig, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und zwar in die gleiche Richtung. Suters wenig frohe Botschaft aus dem Buch lautet: Die Jungs haben es noch nicht begriffen. Sie haben leider nicht in erster Linie die Sache- das Wohl der Firma-, sondern nur die Befriedigung ihres Egos im Kopf. Die Ergebnisse solchen Handelns darf man derzeit täglich in den Wirtschaftnachrichten verfolgen.


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Rezension:Aussicht auf bleibende Helle: Die Königin und der Philosoph (Gebundene Ausgabe)

Renate Feyls Protagonisten in diesem historisch-philosophischen Roman sind die preußische Königin Sophie Charlotte und der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz.

Die beiden Personen verband eine intellektuelle Beziehung, die von der Autorin als "mariage mystique" stilisiert und vielschichtig thematisiert wird.

Vermählt war Sophie Charlotte mit dem preußischen König Friedrich I, den sie einst als Kurfürst Friedrich III von Brandenburg geheiratet hatte. Dieser Gatte war offensichtlich ein stark auf Prunk und Statussymbole fixierter Mensch, der der Wissenschaft und der Philosophie nur dann etwas abgewinnen konnte, wenn dadurch sein Ansehen bei anderen Herrschern vergrößert wurde. Als Zeitgenosse des Sonnenkönigs Ludwig XIV war er in Vielem ganz Kind seiner Zeit und erfreute sich am liebsten am Jagdvergnügen.

Sophies Sohn war der spätere Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Schon während seiner Kindheit und Jugend irritierte er seine Mutter durch seine starke Neigung zum Militarismus und zum Geiz. Sophie unternahm aber keinen ernsthaften Versuch, ihren Sohn umerziehen zu lassen, sondern ließ den Dingen scheinbar ihren natürlichen Lauf.

Sowohl Sophies Gatte als ihr Sohn blieben ihr wesensfremd. Feyl läßt ihre Protagonistin resümieren, dass ihre Ehe weder glücklich noch fruchtbar gewesen sei.(vgl. S. 200)

Sophie Charlotte war geistig von anderem Kaliber als ihr königlicher Gemahl.

Die Hofzeremonie und all die Repräsentationsspiele, auch die barockenen Gourmetmartyrien ließ sie notgedrungen über sich ergehen, wie die Autorin breitgefächert und amüsant auszuführen weiß. Aber Sophie hatte darüber hinaus intellektuelle Erwartungen ans Leben. Ihr Tendre war die Philosophie.

Geistige Interessen lagen in ihrer Familie. Ihre hochgebildete Mutter hatte schon früh den Mathematiker und Philosphen Leibniz nach Hannover geholt, wo ihn Sophie kennengelernt hatte.

Gottfried Wilhelm Leibniz, der Begründer höherer Mathemathik hatte u.a. Studien vorgelegt, wie man den Seidenanbau entwickeln könne. Er hatte eine Abhandlung über Steuern und eine Denkschrift zur Aufhebung der Leibeigenschaft verfasst, Reformen für die zentrale Gemeindeverwaltung konzipiert und sogar ein Konzept für die Beleuchtung der Residenzstädte entworfen und sich dabei immer und immer wieder mit Philosophie beschäftigt.

Leibniz traf sich regelmäßig mit Sophie Charlotte in "Lietzenburg" und sprach dort mit ihr in erster Linie über philosophische Themen, wie die Autorin den Leser wissen lässt.

Das "Prinzip des Widerspruchs" und "das Prinzip des Grundes" werden im Roman von den beiden Intellektuellen ebenso erörtert, wie der Gottesbegriff. Beide möchten die Bestrebungen der Vernunft unterstützen und gründen in Berlin die "Societät der Wissenschaften". Kepler, Bruno, Galilei, Bacon, Decartes, Spinoza, Hobbes und Locke sind für sie ein Thema. Aber Sophie denkt auch über den Ursprung und die Macht von Vorurteilen nach. Ihr Ziel ist es bleibende Helle zu schaffen und sie ist überzeugt, dass ihr dies gemeinsam mit Leibniz gelingen wird.

Während ihr Gemahl mit seiner Protokollmaitresse täglich eine Stunde in der Öffentlichkeit spazieren geht, eröffnet Leibniz seiner Königin, dass er dabei sei, eine Theodicee zu schreiben, aus der u.a. hervorgehe, wie man die Übel der Welt überwinden könne. Der Philosoph verspricht Sophie alsbald ein druckfrisches Exemplar zukommen zu lassen......

Ein wunderbarer, gedanklich tiefgehender Roman.
Empfehlenswert!


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Rezension:»Ich hatte tausend Leben und nahm nur eins«: Ein Brevier (Gebundene Ausgabe)

Nootebooms Brevier "Ich hatte tausend Leben und nahm nur eins" beinhaltet bemerkenswerte Gedanken und Gedichte dieses sehr nachdenklichen niederländischen Schriftstellers.

Das mehrseitige Vorwort zum Buch hat Nootebooms langjähriger Freund Rüdiger Safranski geschrieben. Er auch hat die Texte ausgewählt. Das Vorwort endet mit der Bemerkung:

"Diese Auswahl präsentiert Nooteboom als Romantiker mit und ohne Ironie, als philosophierenden Poeten, als politisch wachen Zeitzeugen, als Liebhaber von Orten, als Reisenden und als Schriftsteller, der den Zusammenhang zwischen den wirklichen und den imaginären Reisen nicht nur bedenkt, sondern lebt. Auf Nootebooms Spuren kommt man jedenfalls weit herum."

Cees Notebooms Grundthemen in seinen Büchern und Reisebeschreibungen sind das Erleben der Zeit, der Tod und der Prozess des Schreibens als eine Möglichkeit zum Entwurf gleichsam neben der Realität gültiger Wirklichkeiten.

Bevor ich mich in seine Gedanken zu Bildern, Porträts, Charakteren, auch in seine Frage: "Warum Reisen? " und in weitere Gedanken zu Zeiten, Wegen, historischen Augenblicken, Europäischem, Schreiben, Lesen sowie Lieben vertieft habe, las ich zunächst seine Geistesblitze.

Zu jedem einzelnen Bonmot könnte man einen Besinnungsaufsatz schreiben, doch das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Wie viel Dankbarkeit und positive Erfahrung mit der Liebe impliziert der Satz " Wer einmal die Gestalt eines Verliebten angenommen hat, isst und trinkt alles, Teller voll Disteln, Fässer voll Essig "? Wie viel Selbstbeobachtung aber auch gutmütige Akzeptanz gegenüber dem Eigenleben von Gedanken lässt die Sentenz " Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will " erkennen?

Mit jedem einzelnen Geistesblitz zeigt Nooteboom wie tief er über Fragen des Lebens und anderes mehr reflektiert hat.

Wer in der Lage ist in einem knappen Satz all das zu äußern, wofür nicht wenige viele Seiten benötigen, beweist, dass er kein selbstdarstellerischer Schwätzer ist.

Nooteboom ist im Laufe seines Lebens weise geworden. Seine Weisheit beruht auf harter Arbeit an sich selbst und auf seiner brillanten Beobachtungsgabe. Das wird bei der Lektüre des Büchleins unzweifelhaft deutlich.

Der Niederländer beschreibt mit großem Einfühlungsvermögen Gemälde, Bilder und Filme. Besonders gefallen haben mir seine Gedanken zu einem Gemälde, auf dem die preußische Königin Luise von Preußen verewigt worden ist. Nooteboom sagt an einer Stelle, die mich sehr berührt hat, " Ich kenne keine Frau, die so schauen kann. Sehr verwirrend. Dieser Blick ist ausgestorben ". Vielleicht ist im 20. Jahrhundert der einstige Liebreiz von Frauen auf der Strecke geblieben, weil sich ihre Träume verändert haben, wer weiß... Vielleicht ist die Zeit der Unschuld vorbei, wer weiß....

Der Schriftsteller denkt über alte Fotographien nach und setzt sich u .a. mit Ingmar Bergmanns Film " Wilde Erdbeeren " auseinander, den ich vor kurzem rezensiert habe. Nootebooms subtile Betrachtungen zu dem Film haben mich begeistert.

Im Rahmen seiner Portraits und Charaktere bin ich auf eine gedankliche Miniatur gestoßen, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte, weil sie gewiss sehr neugierig auf das Buch macht: " Was machen wir mit den Menschen, denen wir begegnet sind? Sind sie es, die wir manchmal in unsren Träumen sehen? Gesichter, von denen der Name sich abgewetzt hat? Haben sich Spuren von ihnen erhalten?.........Wo bleibt das alles? "

Solche Fragen zu beantworten, fällt nicht leicht. Das setzt voraus, dass man sich mit der eigenen Psyche intensiv auseinandersetzt.

Nootebooms Reisebetrachtungen haben mich beeindruckt, auch seine Erinnerungen an historische Augenblicke.

Wie schade, lieber Herr Nooteboom , dass Sie Weimar in so unangenehmer Erinnerung behalten haben. Reisen Sie abermals nach Thüringen. Sie werden überrascht sein über das Neuerwachen der alten Dichtermetropole.:-)

Ich kannte den Lyriker Nooteboom bislang noch nicht und sehe jetzt, was ich versäumt habe.

"Alles von dir werd ich vergessen, außer dich/....Durch dein Bildnis hindurch seh ich die flehende Sehnsucht,/ aus der wir vertrieben sind./....

Ein wunderbarer Poet und überaus nachdenklicher Schriftsteller.




Rezension:Mouches Volantes: Die Leuchtstruktur des Bewußtseins (Taschenbuch)

Floco, der Ich- Erzähler, berichtet von seinen Erfahrungen, die er im Hinblick auf die Erweiterung seines Bewusstseins gemacht hat. Er lernt im Emmental in der Schweiz einen Mann namens Nestor kennen, der ihn über Jahre mit Methoden vertraut macht, deren Ziel es ist, das eigene Bewusstsein in eine intensivere Richtung zu entwickeln, um auf diese Weise offener und kreativer zu werden.

Zunächst lernt Floco mit seinen Körperenergien sinnvoller umzugehen. Floco ist ein Stadtmensch - er kommt aus Bern - und führt normalerweise ein völlig anderes Leben als Menschen, wie Nestor und seine Bekannten im Emmental. Floco stellt auf Anraten Nestors seine Ernährung um, bewegt sich intensiver und beginnt richtig zu atmen. Durch richtiges Atmen und intensivere Bewegung, wie etwa Tanzen jenseits des vorgegebenen Taktes, werden Energieblockaden aufgelöst. Neue Energie kann aufgebaut und dann wieder abgegeben werden.


Lebensenergie, so lehrt Nestor ihn, soll nicht an materielle Gedanken, Vorstellungen und Gefühle gebunden werden, vielmehr soll sie in das sogenannte Gesamtbild einfließen. Floco lernt die Grundstruktur dieses Gesamtbildes kennen, zweifelt jedoch stets an dem, was er von Nestor erfährt oder selbst sieht. Er nimmt diese Grundstruktur durch "Mouches Volantes", kleine Partikel, die sich durch Konzentrationsübungen in seinen Augen gebildet haben, wahr. Es handelt sich offenbar um Fäden und Kugeln, die als eine Art Leuchtstruktur zu den tieferen Schichten des Bewusstseins führen und begreifen lassen, dass hinter allem, was ist, das reine Licht steht, dessen Leuchtkraft und Glanz man um so intensiver sieht, je mehr man sich von allen Anhaftungen frei gemacht hat.


Der Autor hat die Landschaft des Emmental in ein ganz besonderes Licht getaucht, nicht zuletzt, weil er sie mit viel Liebe beschrieben hat. Darüber hinaus verdeutlicht er dem Leser, dass der Sinn des Seins nur darin bestehen kann, das ewige Licht als das hinter allem stehende zu erkennen und dass die persönliche kleine Welt der materiellen Gedanken, Vorstellungen und Gefühle im Grunde lächerlich sind im Verhältnis zu dem großen, ewigen, lichtdurchfluteten Gesamtbild.


Die Folge dieses spirituellen Erkennens kann im Grunde nur Demut sein!