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Rezension:Das Paradies ist anderswo: Roman (Gebundene Ausgabe)

Vargas Llosa hat einen unglaublich facettenreichen Roman verfasst, über zwei außerordentliche Menschen, die im vorletzten Jahrhundert - jeder auf seine Weise - das Paradies auf Erden suchten, bzw. gestalten wollten.

Erzählt werden die Lebensgeschichten zweier unangepasster Personen: zum einen die Vita der Sozialreformerin und Frauenrechtlerin Flora Tristan, zum anderen das Leben ihres Enkelsohnes Paul Gauguin, dessen impressionistische Gemälde erst nach seinem Tode weltweite Anerkennung fanden.


Nach schwerer Kindheit in überaus ärmlichen Verhältnissen und einer fürchterlichen Ehe mit einem gewalttätigen, ihr gewissermaßen aufgezwungenen Mann, flieht Flora Tristan zunächst nach Peru, in das Land ihrer väterlichen, sehr begüterten Herkunftsfamilie. Doch sie findet dort keine wirkliche Ruhe und ist empört, ob der dort vorherrschenden sozialen Mißstände. Flora kehrt zurück nach Frankreich, engagiert sich in der Arbeiterbewegung und kämpft zeitgleich für die Emanzipation der Frau. Sie reist nach London, hält flammende Reden gegen die inhumanen Auswüchse der Früh -Industralisierung, so unter anderem in Paris, Lyon sowie Bordeaux und veröffentlicht 1835 "Weite Reisen einer Paria", 1840 "Spaziergänge in London", 1843 "Arbeiterkampf". Sie rebelliert gegen die Gesellschaft und nimmt die Ideen von Karl Marx vorweg. Als sie im Alter von einundvierzig Jahren an Erschöpfung stirbt, hat diese, sich keineswegs schonende Idealistin das Paradies auf Erden leider nicht gefunden...!


Ihr Enkelsohn Paul Gauguin arbeitet zunächst als Börsenmakler und ist in seinem bürgerlichen Beruf sehr erfolgreich. Er heiratet die Dänin Mette S. Gad. Aus dieser Ehe gehen fünf Kinder hervor. Durch Claude Emile Schuffenberger wird er an die Kunst herangeführt und beginnt zu malen. Sein Leben nimmt nun einen anderen Verlauf. Er trennt sich von Mette, erleidet, nachdem er seinen Brotberuf aufgegeben hat, finanzielle Not, lässt sich aber von seiner Leidenschaft nicht abbringen. Beeinflusst vom Maler Camille Pissarro versucht er Gesetzmäßigkeiten der Farbe analog der Musik aufzustellen. Er zieht sich in die bretonische Landschaft zurück und gelangt dort zu eigenständigen Ausdruckswerten. 1887 reist er mit seinem Freund Laval nach Panama und beginnt auf Martinique breitflächig zu malen. Er kehrt zurück nach Frankreich, trifft in Arles auf van Gogh. Die beiden Maler arbeiten zusammen, schätzen sich und doch kommt es zu Auseinandersetzungen, die dazu führen, dass Gauguin fluchtartig in die Bretagne zurückreist.


1891 geht der Künstler, der jetzt in Paris als Haupt der symbolistischen Schule gefeiert wird, für zwei Jahre nach Tahiti. Dort malt er die Eingeborenen, mit denen er zusammenlebt. Eine Affinität zu sehr jungen Mädchen wird deutlich. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten kehrt er nach Frankreich zurück und stellt seine Gemälde in Paris aus. Er errichtet ein Atelier in der Rue Vercingetorix, lebt mit einer Farbigen zusammen, die sich alsbald von ihm trennt, sein Atelier ausräumt und Gauguin mittellos zurücklässt. Nach der Notversteigerung vieler seiner Gemälde verlässt der Maler seine Heimat für immer. In Punaaia an der Westküste Tahitis nimmt er das Leben wieder auf und schafft Bilder voller Poesie, obwohl es ihm gesundheitlich und finanziell schlecht geht. Wiederholt äußert Gauguin Selbstmordgedanken. Schwierigkeiten mit der Kolonialverwaltung führen dazu, dass er auf die Insel Atuona ausweicht, wo er zwei Jahre später verstirbt. Seine Vorstellung vom Paradies zeigt sich vor allem im Bild "Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?". Die fortschreitende französische Kolonisation Polynesiens verändert allerdings schon zu Lebzeiten Gauguins die Authentizität der Eingeborenen. Das Paradies, das der Maler sucht, ist auch in Polynesien nicht zu finden. "Das Paradies", so stellt Gauguin resigniert fest, "ist anderswo!"


Ein hervorragend geschriebener, unendlich farbenprächtiger, spannender Roman, von großem Tiefgang!



Rezension:Jessica, 30 (Gebundene Ausgabe)

Die Protagonistin dieses Romans ist die dreißigjährige, promovierte Geisteswissenschaftlerin Jessica Sommer. Der Leser lernt die junge Frau im ersten Abschnitt des Buches näher kennen. Dort nämlich führt sie, währenddessen sie joggt, einen inneren Monolog. Man erfährt, dass Jessica keinen festen Job hat, gelegentlich als freie Mitarbeiterin bei einer Frauenzeitschrift arbeitet und mit ihrem Leben unzufrieden ist. Wie sich aus dem weiteren Kontext ergibt, scheint sie ein zutiefst verunsicherter Mensch zu sein, dessen Gedanken unenwegt um den eigenen Körper und das richtige Outfit kreisen.

Jessicas Affäre mit einem machtorientierten Staatssekretär endet nach einem gemeinsam verbrachten Abend in ihrer Wohnung. Aufgrund bestimmter sexueller Vorkommnisse fühlt Jessica sich gedemütigt und sinnt auf Rache. Sie weiß um die Beziehungen, die ihr ehemaliger Lover und andere Politiker auf Staatskosten zu osteuropäischen Prostiuierten pflegen und möchte diese skandalträchtige Angelegenheit der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dabei soll ihr ein Mitarbeiter eines bekannten politischen Nachrichtenmagazins helfen.....


Die Autorin zeichnet das Bild einer wenig in sich ruhenden jungen Frau, die sowohl ihren geistigen Fähigkeiten, als auch ihrer körperlichen Attraktivität mißtraut. Indem Jessica versucht es allen recht zu machen, wird es für sie schwer, ihre eigene Mitte auszuloten. Streeruwitz gräbt nach, um zu erfahren, weshalb ihre Protagonistin ein so geringes Selbstwertgefühl hat und hält in der Folge mit harscher Gesellschaftskritik nicht hinter dem Berg....!


Ein exzellent, geschriebener, nachdenklich stimmender Text!



Rezension:Schiller zum Genießen (Broschiert)

Ein sehr schönes Lesebuch mit nachdenklichen Texten des Marbacher Genies zum Schillerjahr. Die Texte sind untergliedert in okkulte Schriften, Schriften zur Kriminalistik, historiographische Schriften sowie Schriften zur Nautik, dramaturgische Schriften, poetologische Schriften, Schriften zur Religion und kleinere Schriften zum Weib, zur Erziehung und zur Medizin.

Am Beginn von Schillers Schaffen stand der Freiheitsdrang gegen die autoritäre Ordnung und patriarchalische Macht, seine aufrichtige Empfindung gegen Manipulation und rationalem Kalkül des Politischen. Entscheidend für den Dichter wurde die Auseinandersetzung mit Kants Philosophie, die er selbstständig weiterentwickelte.

Für Schiller ist vollendete Sittlichkeit- Würde-, allein der Versöhnung von Pflicht und Neigung möglich, während Kant das Primat der Pflicht betont. In der Anmut erscheint geistige und leibliche Schönheit als ästhetische Harmonie vereint.
Schiller erweist sich als illusionsloser Psychologe, wie seine okkulten Schriften und die Schriften zur Kriminalistik deutlich machen.

Sehr lesenswert übrigens sind seine Betrachtungen über Wieland, Herder und Goethe. Über Goethe schreibt er u.a. "Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so, sein Gesicht ist verschlossen, aber seine Augen sind sehr ausdrucksvoll, lebhaft und man hängt mit Vergnügen an seinem Blick. Bei vielem Ernst hat seine Miene doch viel Wohlwollendes und Gutes. Er ist brünett, und schien mir älter auszusehen als er meiner Berechnung nach wirklich sein kann. Seine Stimme ist überaus angenehm, seine Erzählung fließend, geistvoll und belebt und man hört ihn mit überaus viel Vergnügen; und wenn er bei gutem Humor ist, welches diesmal so ziemlich der Fall war, sprich er gern und mit Interesse..."
Ich zitiere diese Charakterisierung, weil sie viel über die Persönlichkeit Schillers aussagt aufgrund seines fairen Blickes gegenüber einem anderen großen Dichter seiner Zeit. Darin zeigt sich Größe.

Bei allem ist Schiller Goethe gegenüber keineswegs unkritisch, denn er führt weiter aus "...ich glaube in der Tat, er ist ein Egoist in ungewöhnlicher Art. Er besitzt das Talent, die Menschen zu fesseln und durch kleine sowohl als große Attentionen sich verbindlich zu machen; aber sich selbst immer frei zu behalten....", und selbstreflektierend schreibt er weiter "Eine Mischung von Hass und Liebe ist es, die er in mir erweckt hat, eine Empfindung, die derjenigen nicht ganz unähnlich ist, die Brutus und Cassius gegen Caesar gehabt haben müssen; ich könnte seinen Geist umbringen und ihn wieder von Herzen lieben."

Beeindruckend finde ich seine Betrachtungen im Hinblick auf Moral, etwas überzogen sein Gedicht "Würde der Frauen" aber wirklich gelungen seine dramaturgischen Schriften.

Ein empfehlenswertes Buch, das dem Leser Friedrich Schiller etwas näher bringt und neugierig auf weitere Texte dieses Geistesmenschen macht.

Rezension: Königin Luise- Briefe

Dieses Buch enthält eine Auswahl der Briefe, die die preußische Königin Luise (1776-1810) verfasste. Den Briefen ist ein Vorwort vorangestellt, das auf wenigen Seiten ihr Leben skizziert. Ich erspare mir den kleinen Text an dieser Stelle gekürzt wiederzugeben, sondern verweise auf meine Rezension zum Buch Königin Luise von Preußen. Ein Stern in Wetterwolken, das sich sehr gut mit dem Leben der Preußin auseinandersetzt.

Luise hatte als Kind die französische Sprache und auch das Briefeschreiben als Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz erlernt. Dr. Sabine Anders, die Herausgeberin der Briefe, sagt in ihrem Vorwort nicht grundlos, dass die Liste der Personen, die Luise ihre Briefempfänger regelmäßig beauftragt zu grüßen und Grüße, die sie selbst ausrichtet, bisweilen den Eindruck vermitteln als hätten Briefe damals einen vergleichbaren Stellenwert und eine ähnliche Funktion gehabt wie das Social Networking mit der Auflistung von "Freunden" heutzutage. (vgl.: S.10)


Man erfährt im Vorwort, dass in jenen Tagen Menschen von Luises Stand jeden Tag oft mehrere Stunden mit Briefeschreiben zubrachten, um die Empfänger zu beeindrucken oder ihnen Respekt zu zollen.


Der Herausgeberin gelingt es, ein recht interessantes Bild von Luise zu zeichnen, indem sie Briefe an ihren Verlobten und späteren Gatten, an ihren Vater, ihren Bruder Georg, aber auch Briefe an die Kaiserin von Östereich, an Kaiser Alexander I., an Freiherrn von Stein, an Freiherrn von Hardenberg und auch an Napoleon sowie andere Persönlichkeiten mehr vorstellt. Diese Briefe decken sich allerdings mit dem Bild, dass in "Königin Luise von Preußen. Ein Stern in Wetterwolken" von der charmanten Preußin gezeichnet wird.


Alle diese Briefe ergeben den Eindruck, dass Luise eine bemerkenswerte, sehr nachdenkliche Frau war, die viele interessante charakterliche Facetten aufwies, die sie zu einer wirklich liebenswerten Person machten, ganz ungeachtet davon, dass sie die anmutige Königin von Preußen war. Luise war ein fabelhafter Mensch von großem Seelenadel. Eindeutig.

Rezension: Die Tage mit Jantien- Max Kruse

Der renommierte Schriftsteller Max Kruse erzählt eine feinsinnige Liebesgeschichte, die am 28.August 1947 ihren Anfang nimmt. Der Protagonist Florian ist ein junger, musisch begabter Mann, der u.a. Gedichte schreibt, aber aus Vernunftsgründen seinen Neigungen nicht beruflich nachgeht, sondern stattdessen die Tuchfabrik seiner Eltern wieder aufbaut.

Verheiratet ist er mit der hübschen, lebenstüchtigen Anne, die ihm beim Aufbau der Firma tatkräftig zur Seite steht. Anlässlich Goethes Geburtstag sind die beiden bei einem Grafen, dem sie geschäftlich viel zu verdanken haben, eingeladen. Der Graf verehrt Goethe und trägt ihm zum Gedenken einige seiner Gedichte vor. Da in der romantisch verschlafenen Stadt Torbruggen kulturelle Veranstaltungen selten stattfinden, sind die Gelegenheiten gering, mit Menschen zusammenzukommen, die etwas anderes denken und von etwas anderem sprechen als von ihren Geschäften, den Affären der Nachbarn und den eigenen Unpässlichkeiten, (vgl.: S.10). Trifft man auf einen Gleichgesinnten anderen Geschlechts ist die Gefahr natürlich groß, dass es funkt, nicht nur im einstmals verschlafenen Torbruggen.

Auf dieser Goethe-Gedenkveranstaltung, die Florian und Anna zunächst mit gemischten Gefühlen aufsuchen, ist auch die schöne Jantien zu Gast. Florian kennt die Kindheitsfreundin seiner Ehefrau bislang noch nicht und verliebt sich sofort in sie, weil er fühlt, dass sie ihm seelenverwandt ist. Dieser Eindruck verstärkt sich, je länger sie miteinander an dem Abend Gedanken austauschen und sich hingerissen voneinander in die Augen sehen.

Von da an entspinnen sich in den nächsten Tagen höchst subtile seelische Verwicklungen bei Klängen von Chopin und Versen von Rilke. Anne beobachtet, was mit ihrem Mann und ihrer Jugendfreundin geschieht. Anne ist recht liberal und dabei sehr bodenständig, denkt an das Geschäft und greift deshalb erst ein als sie merkt, dass Florian von seinen Emotionen davongetragen wird.

Wird die Vernunft über das Verliebtsein siegen?

Max Kruse hat einen Text verfasst, der eine beinahe lyrische Sprachmelodie enthält. Er skizziert das kleinstädtische Bildungsbürgertum der Nachkriegszeit sehr kritisch und verdeutlicht, dass in der Welt des Aufbaus nach dem Kriege eine gelebte Liebe zwischen zwei Bohemiens ein Wagnis war, das einzugehen sehr viel Mut bedurfte. .....

Empfehlenswert.


Rezension: Anatolin: Roman (Gebundene Ausgabe)

Der Autor Hans-Ulrich Treichels befasst sich in seinem neuesten biographischen Roman abermals mit seiner Kindheit und der Vergangenheit seiner Eltern, wie auch seiner Entwicklung als Schriftsteller. Indem der Westfale östlicher Herkunft das frühe Gestern gedanklich abzuwehren sucht, kann er sich davon nicht lösen. So wird es auf diese Weise zum Dauerthema. "Denn nichts rückt mir so nah auf den Leib wie das, was ich fortlaufend abzuwehren suche",(S.85), ist sich der Ich-Erzähler durchaus bewusst.
Wieso eigentlich diese Abwehr, fragt sich der Leser und ist neugierig, welche Antwort Treichel bereithält.
Obschon ich beim Lesen anfangs dachte - Mensch, Junge, jetzt ist aber genug. Der Stoff ist ausgelutscht-, wurde mir nach ein paar Seiten klar, dass das Anliegen dieses Schriftstellers auch noch ein viertes Buch vertragen kann. Unabhängig von Treichels Fans, die ihn nicht grundlos aus stilistischen Gründen schätzen, dürfte das Klientel, das sich von der Thematik angesprochen fühlt, aber nicht sehr groß sein. Leider.

Auf dem Ich-Erzähler liegt die Qual einer Kindheit in den Fünfziger Jahren, die für viele Knaben an sich schon kein Zuckerschlecken war, wegen der zumeist schwarz getünchten, braunen Despotenväter. Auch der Vater des Erzählers züchtigt seine Kinder, die sich vor seinen Grobheiten fürchten. In dieser Kindheit ist Sparsamkeit das oberste Gebot und in der Folge auch die eifrige Mithilfe im Laden der Eltern. Diese haben im Osten Hab und Gut verloren und übertragen die Ängste - nicht bestehen zu können - auf ihre Kinder. Umsatzeinbußen im Geschäft des Vaters lassen bei dem Ich-Erzähler sofort Existenzpanik aufkommen. Als Kind von Heimatvertriebenen wird der Erzähler in Westfalen nur bedingt akzeptiert. Das war normal in jener Zeit, erwies sich aber nicht als Nachteil für die Kinder von so genannten Flüchtlingen, weil sie sich in der Regel intellektuell besser entwickelten als die Kinder der Verwurzelten, so meine Beobachtung.

Noch heute geistern Wörter, wie etwa "Lastenausgleich" durch den Kopf des Erzählers, weil sie einst von den Eltern pausenlos im Munde geführt wurden. Auch das war normal, weil die Menschen aus dem Osten sich finanziell benachteiligt fühlten. Gut das er diese Normalitäten benennt, so werden sie wenigstens nicht vergessen. Optisch lies sich der vergangene Krieg an dem amputierten Arm seines Vaters festmachen.

Kriegversehrte gab es in jenen Tagen noch viele. Sie hinterließen in Kindern allgemein einen Eindruck, den Treichel leider zu wenig beschrieben hat. Darüber nachzudenken und zu recherchieren ist gewiss sehr ergiebig.
Die Eltern übermittelten dem Kind offenbar keine historischen Familienfakten, schwiegen sich, aus welchen Gründen auch immer, aus. Wo lebten seine Großeltern? Weshalb kannte er sie nicht? Was war mit den Vorgenerationen? Jahrelang hat er diese Fragen weggedrängt. Er leidet an biographischer Entleerung, wie er konstatiert.

Die unbewältigte Vergangenheit seiner Eltern holt den Ich-Erzähler heute ein. Es geht nicht darum sich die so genannte "alte Heimat" seiner Vorfahren aufzusuchen oder seinen, während der Vertreibung verloren gegangenen, älteren Bruder wieder zu finden. So lässt sich sein Vergangenheitsproblem nicht bewältigen. Deshalb auch ist es notwendig für ihn abermals zur Feder zu greifen. Die Frage, die sich stellt, ist: Macht es Sinn in einer globalisierten Welt beinahe fiebrig nach alten Verwurzelungen zu forschen? Mir scheint, der Ich-Erzähler sucht etwas anderes als er vorgibt zu suchen.

Bin neugierig auf Treichels vierten Roman zum Thema. Er wird den Leser sicher nicht im Ungewissen lassen.
Stilistisch ist auch diesen Buch wieder superb.


Rezension:Sturmflut- Margriet de Moor

Margriet de Moor erzählt in diesem spannend geschriebenen Roman die Viten zweier eng miteinander verbundener Schwestern, deren beider Leben aufgrund einer verheerenden Naturkatastrophe plötzlich einen dramatischen Verlauf nimmt.

Im Winter 1953 kommt eine der beiden Frauen - Lidy - gemeinsam mit rund 2000 anderen Menschen an der Küste Hollands ums Leben. Dort tobt zu dieser Zeit ein alles zerbersten wollender Orkan. Aufgrund widriger meteorologischer Bedingungen, sowie überalterter Deichbau- Konstruktionen wird das Poldergebiet von Zealand überflutet. Nun holt das bebende Meer sich das zurück, was die Menschen dort über viele Generationen der Nordsee mühsam abgerungen hatten.

Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Alles geht zu Bruch. Menschen und Tiere sterben. Schließlich zerbröselt das Land aufgrund der herein brechenden Wassermassen. De Moor erzählt einfühlsam von den letzten Stunden Lidys und der Personen, mit denen sie zufällig diese Zeit teilt. Die Autorin zeigt die Angstfreiheit dieser Menschen und deren Bereitschaft miteinander, die sich pausenlos neu stellenden komplexen Probleme anzupacken. Auf diese Weise füllt sie den Begriff "Schicksalsgemeinschaft" beeindruckend mit Inhalt.

Eigentlich hätte Armanda anstelle ihrer Schwester Opfer der Ereignisse werden müssen, denn Lidy entschließt sich spontan zum Geburtstagsfest des Patenkindes ihrer Schwester nach Schouwen- Duiveland zu reisen, damit diese stattdessen zu einer Fete nach Amsterdam gehen kann. Als Folge der Ereignisse verändert sich die Lebensplanung der Studentin Armanda völlig. Sie heiratet den Mann ihrer verstorbenen Schwester und zieht deren Tochter auf. Obgleich Armanda von Sjoerd noch zwei eigene Kinder bekommt, steht ihr die Tochter ihrer Schwester immer am nächsten. Nadja bleibt stets ihr tatsächliches Kind. Armanda fühlt, dass sie im Grunde Lidys Leben weiterlebt und ihre Persönlichkeit im Jahr 1953 zu existieren aufgehört hat. Sie wird depressiv. Die Ehe mit Sjoerd zerbricht, weil der Geist ihrer Schwester immer präsent bleibt.

Armanda wird zum bedauernswerten Sekundär- Opfer der Sturmflut, denn sie glaubt das Recht auf eine selbstbestimmte Existenz verwirkt zu haben, nachdem ihre Schwester auf so unfaire Weise aus dem Leben gerissen worden ist. Armanda kann nicht aufhören sich für den Tod ihrer Schwester verantwortlich zu fühlen, vielleicht weil sie letztlich mehr an Selbstbestimmung als an eine irgendwie geartete Fremddisposition glaubt. Das ist Armandas Tragödie. Ein nachdenklich stimmender, empfehlenswerter Roman.

Überall im  Fachhandel erhältlich.

Rezension: Draußen nur Kännchen - Asfa - Wossen Asserate

Im vorliegenden Buch wird Deutschland, die deutsche Kultur und die Deutschen an sich von einem ganz besonderen Blickwinkel aus betrachtet. Der Autor, Asfa-Wossen Asserate ist nämlich nicht Kulturhistoriker einer europäischen Universität, sondern Prinz aus dem äthiopischen Kaiserhaus.

Dies allein ist natürlich noch nicht geeignet, sich ein Bild über die Deutschen zu machen. Wenn man aber liest, dass der Prinz schon seit frühester Kindheit durch deutsche Kindermädchen im kaiserlichen Haus mit der Kultur unseres Landes vertraut gemacht wurde, dass er die deutsche Schule in Addis Abeba besuchte und auch dort das Abitur ablegte, weiterhin seine Studien in Geschichte und Jura u.a. auch in Tübingen bewältigte, dann versteht man, dass der Blick dieses Mannes auf Deutschland ein sehr interessanter Blickwinkel ist.

Der Autor zeichnet anhand von eigenen Erfahrungen, die er uns bildlich sehr anschaulich in Form von persönlichen Erlebnissen nahebringt, wie die deutsche Mentalität auf ihre ureigenste Weise sich darstellt.

Auf seinen vielen Reisen durch die Republik, die er unternommen hat, entwickelte der äthiopische Betrachter ein feines Gespür für die unterschiedlichen Volksgruppen. Mit sicherem Blick erkennt er die unterschiedlichen Mentalitäten und es gelingt ihm hervorragend diese ethnischen Eigenheiten miteinander zu vergleichen. Zum besseren Verständis bemüht sich der Autor, die Ursprünge in geschichtlicher Einvernahme zu verdeutlichen.

Bei allem faktischen Bemühen hinter die Deutschen zu schauen, ist dem Prinz allerdings die tiefe Zuneigung, die er zu diesem Land hat, anzusehen. Wer glaubt, dass die Lektüre des Buches durch trockene Fakten ermüdet, irrt, denn Asserate versteht es, mit viel Humor und Augenzwinkern auch schwierige Verhaltsmuster anschaulich und verständnisvoll zu vermitteln.

Empfehlenswert.

Rezension: Menschenflug-Treichel

Diffuse Ängste plagen Treichels zur Schwermut neigenden Protagonisten, Stephan. Der Wahl- Berliner steht gerade vor seinem zweiundfünfzigsten Geburtstag. Akademischer Rat sowie erfolgreicher Schriftsteller ist er und verheiratet mit Helen, einer ebensolch erfolgreichen Psychoanalytikerin. Die Ehe, die er mit ihr führt, ist nicht unglücklich. Geliebt und verstanden fühlt er sich von dieser Frau. Obgleich seine Lebensumstände keinen Grund zur Besorgnis liefern, spürt Stephan jedoch tiefen Kummer und sein Herz beginnt zu stolpern. Er entschließt sich eine " Auszeit" von Job und Familie zu nehmen, um sich mit den Ursachen für seine immer wiederkehrende Tristesse auseinander zu setzen. 

Er weiß, dass die düstere Stimmung mit seiner unverarbeiteten Kindheit, der Flucht seiner Eltern aus dem Osten nach 1945 und dem auf dem Treck verloren gegangenen Bruder zusammen hängt. Er erinnert sich der pausenlosen Schuldgefühle seiner verstörten Mutter, der Aggressivität seines kriegsversehrten Vaters und des nie enden wollenden Gefühls bloßer Ersatz zu sein. Diese Verunsicherungen schleppt Stephan seit seiner Kindheit mit sich herum und zeigen sich im Ansatz in nicht offen zum Ausdruck kommender Eifersucht gegenüber Helens geschiedenem Mann, sowie diversen Furchtsamkeiten. 

Nach Ägypten reist Stephan und besucht Stätten archäologisch bedeutender Ausgrabungen. Dort hat er, wenn man so will, ein Schlüsselerlebnis mit einer beinahe sechzigjährigen Archäologin. Nachhause zurückgekehrt, beginnt er daraufhin die alte Familiengeschichte auszubuddeln. Er besucht seine Geschwister, sucht schließlich nach seinem Bruder und befasst sich mit den wolhynischen Wurzeln seiner Vorfahren. Seine familiäre Sehnsucht läßt den entwurzelten Stephan sogar an einem landsmannschaftlichen Treffen von Wolhyniern teilnehmen, das allerdings ebenso abschreckend auf ihn wirkt, wie die Begegnung mit seinem vermeintlichen Bruder. Der Osten bleibt Stephan fremd und sein verloren gegangener Bruder ein Phantom, welches im Grunde auch im Jetzt keinen realen Platz erhalten kann. Indem sich der Wanderer zwischen zwei Welten vom Gestern verabschiedet, wird sein bleischweres Herz leichter, federleicht....

Nur derjenige, der sich von Anhaftungen löst, hat die Chance zu schweben und der alten Idee des Menschenflugs nahe zukommen. Vielleicht gelingt Stephan am Ende seine Reise zu sich selbst genau eben dies....Ein wirklich, empfehlenswertes Buch, welches sich auf subtile Weise mit Vergangenheitsbewältigung auseinandersetzt und dabei aufzeigt, wie der uneingestandenene Trübsinn der alten Verdrängergeneration auf deren Kinder projiziert worden ist und diesen mitunter bis zum heutigen Tag das Leben schwer macht!





Rezension:Monsieur Teste (Gebundene Ausgabe)

Paul Valery 1871-1945 war Professor für Poetik am College de France. Er veröffentlichte zunächst Lyrik, setzte aber bald seine Bemühungen den reinen, von allen Gefühlen gelösten Geist zu ergründen, in Prosaform fort. Sein philosophischer Text "Monsieur Teste", den man als Aneinanderreihung von Dialogen, Essays und Aphorismen werten muss, ist wohl das fiktive intellektuelle Ich Valerys. Aus heutiger Sicht scheint es ein wenig absonderlich, Geist von Gefühl fiktiv trennen zu wollen und die Wechselwirkung nicht von vornherein als gegeben zu akzeptieren. Valery teilt dem Leser mit, dass dieser imaginäre Teste dem Zufall entsprungen und dass alles, was er an Geist besitzt oder besaß letztlich zufallsbedingt sei.

Teste ist ein von seinen Ideen, seinem Gedächtnis beobachteter, ja belauerter Mensch, dessen Denken von seinen Gefühlswerten getrennt ist. Welche Konsequenz dieses Phänomen allerdings auf Testes Handlungsmuster hat, kann man dem Text nur sehr schwer konkret entnehmen. Valery lässt den Leser wissen, dass im ganzen Wesen von Monsieur Teste kein Körnchen Hoffnung ist. Das dürfte eine der fatalen Folgen reiner technischer Intelligenz sein, wenn es diese denn bei einem Menschen gäbe.
Banale Anmerkung von der Rezensentin: Lebende Menschen sind immer beseelt, unbeseelte Menschen sind tot und können demnach nicht mehr denken.

Valery versteigt sich in die Vorstellung, dass Teste der Herr des Geistes ist, dem man kein seelisches Ungemach, keine innwendigen Schatten zuschreiben kann und ebenfalls nichts, was von Instinkten der Furcht oder Begehrlichkeit herrührt, wie auch nichts, was auf Nächstenliebe gerichtet wäre. Infolge seiner Emotionslosigkeit ist Teste weder gut noch böse, schlau, zynisch oder anderes. Er beschränkt sich darauf zu wählen. Während er wählt, verbindet er einen Augenblick und sich selbst zu einer gefälligen Einheit. Dadurch, dass er keine Gefühle hat, kann er wirklich sehen und demnach frei entscheiden. Der beseelte Mensch ist immer ein durch seine Gefühle in seinen Handlungen beeinflusster Mensch, nur der absolut vergeistigte Mensch ist frei in seinen Entscheidungen. Demnach also ist keiner frei. Warum artikuliert Valery solche logischen Schlußfolgerungen nicht? Vielleicht ist es aber dieser Wunsch nach Freiheit, der Valery nach fiktiven Auswegen suchen und ihn sagen lässt: "Etwas in uns, oder mir, empört sich gegen die erfinderische Macht, welche die Seele über den Geist ausübt."

Klarheit des Denkens ist meines Erachtens letztlich nur möglich, wenn man sich der Wechselwirkung von Geist und Psyche bewusst wird.

Wenn Valery Teste sagen lässt: Meine "Seele beginnt genau an dem Punkt, wo ich nichts mehr verstehe, wo ich nichts mehr vermag, wo mein Geist sich selbst den vor ihm liegenden Weg versperrt." wünscht man Teste, dass er sofort mit zwei Dutzend guten Psychologiebüchern ausgestattet wird.

Testes Gedankenwelt bleibt mir fremd.

Schön allerdings ist Valerys Sentenz:

"Du steckst voller Geheimnisse, die du Ich nennst.
Du bist Stimme deines dir Unbekannten."

Diese Geheimnisse zu lüften macht allerdings Intellekt und Emotion erforderlich.
Freuen wir uns , dass es so ist!

Ich unterstelle Valery, dass ihm diese Tatsache bewusst war und er aus mir bislang nicht nachvollziehbaren Gründen eine Hypothese in den Raum stellt, die sich so nicht verifizieren lässt.