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Rezension: André Heller: Zum Weinen schön, zum Lachen bitter- Erzählungen- Zsolnay


Autor dieser Erzählungen ist der Künstler #André_Heller. Er lebt abwechselnd in Wien, Marrakesch oder ist auf Reisen. Seine Erzählungen in diesem Buch stammen aus vielen Jahrzehnten.

Bemerkenswert ist, dass diesem Schriftsteller in all den Jahren die poetische und zugleich polemische  Art zu schreiben nicht abhanden gekommen ist. Sie scheint ein unverbrüchlicher Teil seines Selbst zu sein. 

Die Erzählungen sind nicht nach dem Entstehungsdatum geordnet, so dass man nicht unbedingt beim ersten Text beginnen muss. So schreibt er 1990 in der Erzählung "K. U. K. –Ein Monolog" viel Wissenswertes über einen guten Kellner in Wien, dessen Vorahnungen tief ins "Hellseherische" gehen und lässt ihn erzählen. 

Da liest man dann, diesem fiktiven Kellner in den Mund gelegte Sätze wie etwa, "Neunzig Prozent aller Stammgäste hausen eines Tages auf den Trümmern ihrer ehemaligen Pläne und Begeisterungen"  und denkt "eine ganz schön dreiste Behauptung", mit der der Kellner die Augenhöhe zum Gast verlässt. 

Für diesen Kellner sind nicht die Betrunkenen, sondern die Schikanierer die Ärgsten, "die glauben, sie gelten als Herren, wenn sie jemand den Herren zeigen." Nörgler nerven allerorten, genau aus diesem Grund. Das Schwache gebärdet sich stark. Wer dies erkennt, ist unbeeindruckt.  

Der Autor beobachtet sehr genau, das dokumentieren all seine Geschichten, die einfach Anekdotisches mit Autobiografischem vermischen, die Bilder und Porträts seiner Welt beinhalten, die Vergangenheit in die Gegenwart holen und die Ferne in die Nähe, wie das kurz seitens Zsolnay auf den Punkt gebracht wird. 

Wie poetisch Heller schreibt, zeigt sich besonders in der Erzählung  "Über Clowns" aus dem Jahre 2002. Hier philosophiert er "Aber diese alltägliche Welt, die wir allzu gut zu kennen meinen, es ist dieselbe, die einzige Welt voll Magie, voll unausschöpflichen Zaubers. Wie ein Clown führen wir unsere Bewegungen aus, täuschen wir vor, bemühen wir uns, das große Ereignis hinauszuschieben. Wir sterben in den Wehen unserer Geburt. Wir sind niemals gewesen, wir sind auch jetzt nicht. Wir sind immerzu im Werden, immerzu einsam und losgelöst. Für immer außen.“ Ein  Gedanke, der  unsere Zeit passt und hier an Gewicht bekommt.

Solche Sätze wirken-  gerade jetzt -  lange nach. 

Am Ende der Textsammlung schreibt Franz Schuh über den Autor, dass dieser seinen polemischen Zeiten von früher ade gesagt habe, jedoch seine Erzählungen zu seiner Freude noch genügend polemische Energie hätten, um beim Leser Widerspruch hervorzurufen. Doch um dies zu beurteilen, lesen Sie bitte selbst. 

Sehr empfehlenswert 

 Helga König

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Rezension: Leben in allen Himmelsrichtungen- Andreas Altmann- Reportagen- Piper

#Andreas_Altmann ist einer der renommiertesten deutschen Reisebuchautoren, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, so etwa dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Seume-Literaturpreis und dem Reisebuchpreis. 

In den vorliegenden Reportagen nimmt der Autor die Leser mit in die ganze Welt und lässt sie hier Anteil nehmen, an dem, was er sieht und erlebt, auch welche Menschen ihm begegnen und welche Eindrücke sie bei ihm hinterlassen. Dabei untergliedert er die Reportagen thematisch in neun Kapitel und gibt dem Leser freie Hand, womit er beginnen möchte. 

Im Vorwort bekundet Altmann, dass er stets die liebt, die zum Leben anstacheln und jenen Damen und Herren aus dem Weg geht, die es verhindern. Sein Ziel sei es, ein Lebensbuch nach dem anderen in die Welt zu schicken, in der Hoffnung, dass die Leser sich mitreißen lassen von der Sehnsucht nach Innigkeit und Anderssein. Sein Buch versammelt Geschichten von Leuten, die leben und gelebt haben, nicht selten vom Risiko überschattet. 

Altmann denkt übers Schreiben nach und konstatiert, dass Texte immer besser werden, wenn man sie mit Detailhuberei verschone. Genau das macht seine Texte so lesenswert. Sie befassen sich mit Wesentlichem und entziehen sich jedem Versuch der  Wortschwallerei. 

Ich habe das Buch zunächst durchgeblättert, weil ich mit der Reportage in die Reiseerlebnisse Altmanns einsteigen wollte, die mich von den ersten Sätzen am meisten packte. So entschied ich mich zu "Äthiopien- Eine Reise in tausend Geheimnisse". Den Textbeginn postete ich dieser Tage auf Twitter, um Neugierde auf das Buch zu wecken: "Immer will ich schreiben gegen die Schwerkraft des Herzens. Will zeigen dass die Welt einen Sinn hat und das Menschenleben irgendwo ein Ziel. Wir glauben, dass irgendwann alles gut ausgeht, und jeder so lebt, wie er sich das einst vorgestellt hat. Aber ich strauchle, stündlich. Mein Plädoyer klingt matt. Statt souveräner Rede stottere ich. Jeder Leimsieder weiß es besser, redet eleganter vom Unglück und der Ausweglosigkeit unserer Existenz. Wie ich dann schrumpfe. Jeder Blick auf die Erde. Jede Nahaufnahme beschädigten Daseins gibt ihm tausend Mal recht. Der portugiesische Dichter Fernando Pessoa notierte einmal, dass wir alle zwei Leben haben: "Eines, das wir träumen, und ein anderes, das uns ins Grab bringt." 

Andreas Altmann breitet dann auf wenigen Seiten Geheimnisvolles  aus Äthiopien aus, vergisst dabei den Blick in die Vergangenheit nicht, die das Jetzt dieses Landes verständlich macht. Zeile für Zeile begreift man das Anliegen dieses Reiseschriftstellers mehr:  "Die Welt anschauen: Ziegenböcke, die im Straßengraben kämpfen. Frauen, die im Dorftümpel die Wäsche waschen. Mädchen, die mit Eselskot die Felder düngen. Kuhhirten, die ihre Kalaschnikow reinigen. Mütter, die ihren Kindern- Läuse plagen- eine Glatze schneiden. Eine Greisin, die mir dreimal ins Gesicht spuckt, ah, der Speichel soll Glück bringen. Alte Männer, die ihre Hand heben und "welcome“ rufen.  Jedes Mal überkommt mich in solchen Augenblicken die kleine Lust, mir einen Afrikaner vorzustellen, der mit seinem Rucksack durch Deutschland spaziert und von deutschen Rentnern mit "Willkommen" begrüßt wird."  Er überlässt es dem Leser, darüber kritisch weiterzudenken. Seine Aufgabe: Durch Bilder Denkvorgänge anstoßen. Das gelingt ihm immerfort vortrefflich.

Am nächsten Abend las ich über die Unberührbaren in Indien. Anderen die Würde zu nehmen, ist so alt wie die Welt und Ziel jener, die sich auf Kosten anderer erhöhen wollen.  Unendlich kränkend für alle, die von Geburt an ausgegrenzt werden und denen die Chance genommen wird, ihren Anlagen gemäß zu leben. Sich damit abfinden, gelingt nicht jedem. Gott sei Dank. Manche machen sich auf den Weg und das ist gut so.

Andreas Altmann ist in der Welt zuhause. Sogar die Buchinger Klinik hat er aufgesucht und schreibt über das, was er dort erlebt, ebenso fair beobachtend, wie über Karla Schefter, die in Afghanistan 1989 ein Krankenhaus gegründet hat. 

Von Bagdad nach Trinidad, dann später irgendwann nach Louisiana, auch nach Kapstadt, findet der Leser sich alsbald im Sudan wieder und hier in Mapel, einem Savannendorf, wo "Ärzte ohne Grenzen" und UDA gemeinsam ein Camp aufgeschlagen haben. Sie kümmern sich um die medizinische Versorgung der Bevölkerung und um den Nachschub von Lebensmitteln. 

Der feinsinnige Reporter geht bei seinen Bildern extrem nah heran, um auf diese Weise Vielfalt zu zeigen und an die Mitmenschlichkeit zu appellieren, die an vielen anderen Orten, über die er berichtet,  auch nur selten zu finden ist. 

Andreas Altmann geht gedanklich in die Tiefe und schreibt dabei leichtfüßig, so als sei er durch die Welt getanzt. Er zählt  zu den  besonderen Menschen mit einem harten Geist und einem weichen Herzen. Davon gibt es nicht viele und nur wenige, die so brillant schreiben können wie er. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Mein Fall- Josef Haslinger-S.Fischer



Der Autor des Textes "Mein Fall", der Schriftsteller #Josef_Haslinger, lehrt seit 1996 als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Preise, u.a. den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis. 2010 war er Mainzer Stadtschreiber. 

In seinem neuen Text berichtet er u.a. wie er als Schüler des #Sängerknabenkonvikts Stift Zwettel seitens katholischer Geistlicher sexuell missbraucht und darüberhinaus körperlich gezüchtigt wurde.

Josef Haslinger, geboren 1955 in Niederösterreich, hat sich erst 2018 dazu entschieden, sich an die "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft, eine Initiative gegen Missbrauch und Gewalt" in Sachen Kindesmissbrauch zu wenden. Er schreibt über die Gespräche, die er dort führte und die Entscheidung, das, was er als Kind und Jugendlicher im Zisterzienserkloster erlebte, in einem Buch festzuhalten. Das alles geschieht aber erst, nachdem die Täter alle verstorben waren.

Pater Gottfried, sein damaliger persönlicher religiöser Berater, war wie diverse andere Geistliche pädophil und nutzte seine Position aus, um den kleinen Josef sexuell zu missbrauchen. Haslinger schreibt, dass er glaube, in jener Zeit tief religiös gewesen zu sein, insofern auch sei der Religionslehrer für ihn eine umfassende Autorität gewesen. 

Es scheint nicht so einfach für Josef Haslinger zu sein, die vielen verdrängten Erinnerungen wieder in sein Bewusstsein zu bringen. Lange hatte er sich mit den Tätern identifiziert, sie geradezu in Schutz genommen, wollte sie nicht kompromittieren. Es dauerte Jahre bis er innerlich akzeptierte, dass es keine einvernehmliche sexuelle Beziehung zwischen einem Neunundzwanzigjährigen und einem Elfjährigen geben kann. Haslinger wollte sich nicht ohnmächtig als Opfer begreifen, was er aber faktisch war. 

In einem Artikel, den er für das von Rotraud A Perner herausgegebene Buch mit dem Titel "Kirche-Täter-Opfer" schrieb, meint er, dass er die damaligen sexuellen Übergriffe in gewisser Weise als eine Art Auszeichnung empfunden habe. Da er als Schüler ein sehr religiöser Mensch war, der selbst Priester werden wollte, betrachtet er die einstige "moralische Verstörung" weitaus übler als die "erotische Konfusion". Im Nachhinein denkt er, dass vor allem "das ständige Erniedrigtwerden bis hin zur allgegenwärtigen körperlichen Züchtigung" später seine Hassgefühle hat wachsen lassen. Er interpretiert in seinem Artikel, das Verhalten der Pädophilen in der Sphäre von klösterlicher Gewalt als eine "Oase der Zärtlichkeit". Das Kloster sei ein "Exzess in dieser und jener Richtung" gewesen. Haslingers sexuelles Wohlverhalten sei damit belohnt worden, dass er jemand hatte, der sich um ihn kümmerte. 

Der Autor bindet  auch einen Text des Soziologen Gerhardt Amendt in "Mein Fall" ein, der kritisch mit Haslingers Erinnerungen umgeht und verdeutlicht, weshalb der sexuell Missbrauchte gegen die zugefügte Sexualisierung, den Vertrauensbruch und die Ausnutzung seiner kindlichen Sehnsucht nach Zärtlichkeit noch nicht wortgewaltig protestieren könne, weshalb er seine innere Freiheit so dringend wiederherstellen müsse. 

Muss man Empathie mit den Tätern haben, wenn man weiß, dass Pädophilie und Pädosexualität Persönlichkeitsmerkmale sind, die nicht wegtherapiert werden können? 

Empathie:Ja. Zugeständnisse machen, allerdings: Nein. Das Wohl der Schützlinge steht hier eindeutig im Vordergrund.

Damit dem Leser auch tatsächlich bewusst wird, was man unter sexuellem Missbrauch zu verstehen hat, informiert Haslinger mit der entsprechenden Textstelle aus einem Infoblatt der "Ombudstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch": 

"Sexueller Missbrauch beinhaltet: wenn  Betroffene von Täter/innen 
 zu deren sexueller Erregung 
- beobachtet, berührt oder im Intimbereich angegriffen werden
- zu sexuellen Praktiken gezwungen oder überredet werden 

oder wenn Betroffene gezwungen werden, den Täter/die Täterin
nackt zu betrachten 
oder bei sexuellen Praktiken zuzusehen" 

Haslinger schreibt nicht nur vom sexuellen Missbrauch der Geistlichen, sondern auch davon, dass er Masturbationshelfer bei Mitschülern war und von daher überzeugt gewesen ist, homosexuell zu sein, was aber keineswegs so war. So verwirrt hatten die pädophilen Geistlichen ihn.

Wie der Autor anmerkt, wurde die Hälfte aller kirchlichen Missbrauchsfälle in Einrichtungen von Männerordnen begangen. Offenbar fühlen sich Pädophile von diesen Orten angezogen.

Daneben erlebt Haslinger noch ein schreckliches Bestrafungssystem. Das in "verschiedene Stufen von körperlicher und psychischer Gewalt" untergliedert war. In jener Zeit war dies allerorten üblich und wurde von den Erwachsenen selten in Frage gestellt. 

Auch hier findet man eine Definition in Buch: "Körperliche und seelische Gewalt beinhaltet z.B.: Ohrfeigen, Schläge, absichtliches Stoßen, Würgen, Festhalten, Einsperren, Essen, Getränke und Schlaf entziehen; Verängstigungen, Drohungen, Erpressungen, Verleumdungen, Beschimpfungen, Demütigungen und Verspottung."

Was Josef Haslinger und andere Schüler in jener Zeit ertragen mussten, wird spätestens nach diesem Buch klar. Vor allem, die Wechselwirkung von sexuellen Übergriffen einerseits und Gewalttätigkeiten andererseits zu verarbeiten, dürfte alles andere als  leicht gewesen sein. 

Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Erfahrungen, die in diesem Buch niedergeschrieben sind? Mit Aufklärung und Verboten scheint man das Problem der Pädophilie nicht lösen zu können, da es sich um einen genetischen Defekt handelt. Ein offener Umgang mit allen Missbrauchsfällen ist zwingend notwendig.  Doch auch dies löst das Problem nicht vollständig.

Herrn Haslinger und seinen ebenfalls betroffenen Mitschülern  gilt mein tiefes Mitgefühl. Pädophilen Geistlichen  kann man nur raten, sich  ohne Wenn und Aber an das Keuschheitsgebot zu halten. Das gebietet die Wertschätzung, nicht nur den Kindern gegenüber, sondern auch der Kirche, die durch sie in große Konflikte gerät.

Maximal  empfehlenswert
Helga König

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Rezension: Ich blieb in Auschwitz-Aufzeichnungen eines Überlebenden-Eddy de Wind-Piper

Eddy de Wind (1916-1987), der Autor dieses Buches, war ein niederländischer Arzt jüdischer Herkunft, der die Hölle von Auschwitz überlebt und nach dem Krieg als Psychiater und Psychoanalytiker in seiner Heimat gearbeitet hat. Dabei hat die Behandlung von Patienten, die unter Kriegstraumata litten, den Schwerpunkt seiner Tätigkeit gebildet. 

Eddy de Wind, der gemeinsam mit seiner Frau Friedel 1943 nach Auschwitz verschleppt wurde, erzählt in seinen Aufzeichnungen, was er im Lager erlebte. Er dokumentiert dort die furchtbaren Geschehnisse unmittelbar nach Abzug der Deutschen in einer Kladde, wobei er seinen Erzähler Hans nennt, offenbar um auf diese Weise Abstand von dem täglichen Trauma zu gewinnen, das ihn an diesem horriblen Ort aufgrund des Erlebten befällt. Der Text des KZ-Häftlings wurde nicht verändert und blieb unberührt von sich wandelnden Erinnerungen oder Erkenntnissen. 

Die Nazischergen waren, wie man erfährt, morgens bösartig und abends brandgefährlich, denn dann waren sie zumeist betrunken. Was das real bedeutete, dokumentiert der Autor Seite für Seite. Für einen mitfühlenden Leser wird der Text zu einem Alptraum. Der Abgrund, in den man hier schaut, ist kaum auszuhalten. Das Buch an zwei Abenden zu lesen, ist deshalb unmöglich.

Die Erfahrung von Eddy de Wind: "Der Hang zur Grausamkeit, der bei jedem zivilisierten Menschen von klein und systematisch von der Umgebung und durch Erziehungsmaßnahmen unterdrückt wird, war im deutschen Volk bewusst entfesselt worden. Die nationalsozialistische Moral und der unvermeidliche Alkohol verwandelten die Menschen in Teufel."

Der Schlüsselsatz: "Der Nazi fällt ohne jede Rechtfertigung über wehrlose Opfer her." 

Ich möchte die im Buch aufgezeichneten Grausamkeiten hier nicht näher beschreiben, denn man wird mit so vielen Ungeheuerlichkeiten seitens der Nazischergen konfrontiert, dass man nicht aufhört, sich zu schämen, dass Menschen ihren Mitmenschen dergleichen antun können. 

Doch Auschwitz war, wie de Wind notiert, mehr als nur Quälerei in riesigem Maßstab. Mit seinen Fabriken und Minen sei es ein wichtiger Bestandteil der oberschlesischen Industrie gewesen. Die KZ-Häftlinge waren billige Arbeiter, bekamen keinen Lohn und aßen so gut wie nichts. Sobald sie ausgezehrt und der Gaskammer zum Opfer gefallen waren, "gab es in Europa noch genügend andere Juden und politische Gegner, die sie ersetzen konnten."

Man liest von der Angst und den Selektionen, der fortdauernden Brutalität. Wer die Niedertracht der Nazis anprangerte, hatte in Deutschland keine ruhige Minute mehr und im KZ ohnehin nicht. 

Bei der SS wusste man nie, woran man war, schreibt de Wind und berichtet von deren subtiler Gemeinheit. Sehr gut veranschaulicht er dies am Beispiel des Lagerarztes Mengele, dessen spontanes, fast menschliches Verhalten in einer Ausnahme verdeutlicht, dass er auch anders konnte. Dadurch aber wird erst erkennbar, wie bewusst verwerflich und niederträchtig dieser Satan tatsächlich gehandelt hat. 

Die Geschichte von Friedel und Hans zeigt, was schweres Leid mit einer Liebe machen kann und dass Rettung aus der Hölle nicht zwingend zur Rettung einer Liebe führt.

Zu viel Belastung, egal welcher Art, bewirkt, dass das zu viel Belastete zerbricht. Warum sollte dies in der Liebe anders sein?   

Sehr empfehlenswert, doch kaum auszuhalten. 

Helga König

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Alle Zeit der Welt- Thomas Girst-Hanser



Dr. Thomas Girst, der Autor dieses Werkes, wurde 2016 als "Europäischer Kulturmananger des Jahres" ausgezeichnet.

Das vorliegende Buch enthält 28 kurzweilig zu lesende Geschichten, die von Menschen handeln, die sich Zeit genommen haben und zwar eine solche, die von innen nicht hohl ist. 

Girst stellt fest, dass die Echokammern der Eitelkeit überall in den sozialen Netzwerken kontinuierlich den Performance- und Leistungsdruck fürs optimierte Egobranding aufbauen würden. Dabei befänden sich die Big Five des Silicon Valley – Facebook, Amazon, Microsoft, Googles Alphabet und Apple beim Buhlen um die Gunst der Kunden im konstanten Aufmerksamkeitswettbewerb. Der Autor vergisst nicht zu erwähnen, dass es die Algorithmen ihrer Serviceleistungen sind, die all unsere Wünsche, Schlüsselreize und Instinkte, immer mit dem Versprechen sofortiger Bedürfnisbefriedigung und Genussgratifikation bedienten. 

Nicht wenige Pioniere aus den Silicon Valley würden die in der Ära des Internet grassierende "Zerhackstückelung" unserer Zeit als zwischenzeitlich ernst zu nehmende Gefahr für unsere Gesellschaft wie auch für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sehen. 

Sich Zeit zu nehmen und dabei bei auch Unvollendetes als Dauerzustand anzuerkennen, das haben  selbst einige namhafte Künstler sich erlaubt. 2016 wurden 200 Arbeiten im Metropolitan Museum in New York im Rahmen der Ausstellung "Unfinished. Thoughts left Visible" von der Renaissance bis zu Gegenwart gezeigt, von denen viele nie beendet wurden. So haben selbst Michelangelo, Tizian und Rodin solche Werken hinterlassen. Keiner weiß, weshalb beispielsweise Schubert seine 8. Symphonie unvollendet ließ. 

Wie auch immer, die 28. Geschichten im Buch  sind stets abgeschlossen, auch die Geschichte, die den Titel "Sprezzatura" trägt und in der zu lesen ist, dass interessenlose Lustlosigkeit zu Stumpfsinn und Monotonie führe. Hier zitiert der Autor eine Stelle aus dem "Zauberberg" von Thomas Mann, die ich an dieser Stelle nicht grundlos wiedergeben möchte: 

"Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein."

Sich Zeit zu nehmen, ohne dabei in Lethargie zu verfallen, das ist eine Kulturtechnik, die es zu bewahren oder zu erlernen gilt. Weshalb nicht mit der Lektüre der 28 Geschichten beginnen? 28  Abende sind mehr als ein Tag...

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Eine Frau-Annie Ernaux-Suhrkamp

Dies ist das zweite Buch der französischsprachigen Schriftstellerin #Annie_Ernaux, das ich im Onlinemagazin "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiere. Hat die Autorin sich in ihrem Werk "Der Platz" mit der Beziehung und dem Ableben ihres Vaters auseinandergesetzt, schreibt sie nun in "Eine Frau" über das Leben und den Tod ihrer Mutter, die in ihrer letzten Lebensphase dement wurde.

Annies Mutter, von der man in "Der Platz" bereits erfährt, dass sie ihr Arbeitsleben als Hilfskraft in einer Margarinefabrik begann, betreibt Jahre später dann einen Lebensmittelladen mit Kneipe. 

Sie habe zuallererst ihrer Kundschaft gehört, schreibt die Tochter - dies jedoch nicht beklagend, sondern es nur sachlich feststellend - denn Annie hat nicht vergessen, dass ihre Herkunftsfamilie ihren Lebensunterhalt zu einem nicht geringen Teil den Kunden ihrer Mutter zu verdanken hatte. 

Annie berichtet u.a. von den zwei Gesichtern ihrer Mutter, die sich des Wankelmuts ihrer Kunden bewusst war und sich deshalb bis zur Erschöpfung dafür einsetzte, die Kundenbindung zu stabilisieren. Annies Vater, nicht minder fleißig wie seine Frau, hatte mit dieser in Streitigkeiten nur ein Thema, "wer von beiden mehr arbeitete." Was beide wohl verband, war der Wille, ihrer gesellschaftlichen Herkunft materiell zu entkommen, wobei die Mutter ihr zudem durch Sprachanpassung, Wissensaneignung und verändertes Äußeres zu entkommen suchte. 

Für Annies Mutter war gesellschaftlicher Aufstieg vor allem eine Frage der Bildung, deshalb waren Bücher die einzigen Dinge, mit denen sie behutsam umging. 

Die Mutter unternimmt in der Kindheit und Jugend mit der Tochter immer wieder Dinge, um sie an Geschmack und den Interessen gebildeter Menschen heranzuführen. Erst später erkennt Annie, dass zwischen dem Wunsch nach Bildung und tatsächlicher Bildung Welten liegen. 

Während ihres Studiums dann entfremdet sie sich von ihrer Mutter und verachtet all das, was ihre Mutter als erstrebenswert erachtet, ganz dem Zeitgeist der 68er –Generation entsprechend. Mit ihrem Mann, einem Politologen aus gebildetem Haus, verbindet Annie das gleiche Bildungsniveau und später zudem zwei Kinder. Weshalb diese Ehe auseinander bricht, ist nicht Gegenstand des Buches.  

Sehr einfühlsam schreibt Annie Ernaux über den Weg in die geistige Umnachtung ihrer Mutter Jahre nach dem Tod ihres Vaters und schließlich über deren Tod, mit dem sie die letzte Brücke zu der Welt, aus der sie stammte, wie sie schreibt, verloren habe. 

Annies Mutter ist die eigentliche Heldin des Buches, allein ihrer Hilfsbereitschaft wegen und  ihrer Tatkraft halber, mit der sie ihrer Tochter die Basis für all das schenkt,  damit diese sich intellektuell entwickeln kann.

Der erneut sehr dicht verfasste Text verdeutlicht, dass die Autorin, nach Phasen jugendlicher Renitenz, einen latenten intellektuellen Dünkel im Laufe ihres Lebens entwickelte, der sie von ihrer Herkunftsfamilie entfremdet hat. 

Sie lässt erst als ihre Mutter dement wird, wirkliche Herzensbildung und  damit Reife erkennen, ohne die unser Leben nur Leere für uns bereithält. 

Gefallen haben mir folgende Sätze zum Ende des Buches: 

"Sie starb acht Tage vor Simone de Beauvoir. 
Sie war allen gegenüber großzügig, sie gab lieber, als sie nahm. Ist Schreiben nicht auch eine Form des Gebens?"

Ja, das ist es und das verbindet Annies Mutter mit Simone de Beauvoir, stellt eine versöhnende gemeinsame Augenhöhe her, in der Dünkel keinen Platz mehr hat. Genau so muss es sein, wenn Reife eingekehrt  ist und alles  als miteinander verbunden  begriffen wird.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Der Platz-Annie Ernaux- Suhrkamp

#Annie_Ernaux ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden ist. 

Die Ich-Erzählerin setzt sich in ihrem Text, den sie nach dem Tod ihres Vaters verfasst hat, mit dessen Leben und Herkunft auseinander. Seine Sozialisation begann in einer kinderreichen Landarbeiterfamilie zu Anfang des letzten Jahrhunderts, deren Armut ihn dazu zwang, noch halbwüchsig, sich ebenfalls bei einem Bauern zu verdingen. 

Nur mit viel Selbstdisziplin schaffte er gemeinsam mit seiner Frau, einer fleißigen Industriearbeiterin, den Sprung ins Kleinbürgertum. 

Als ihr Vater im Alter von 67 Jahren stirbt, ist  sie - die Tochter-  bereits Gymnasiallehrern. Über die Klassendistanz, die bereits zu Jugendzeiten zwischen ihr und ihrem Vater stand, wollte sie ursprünglich einen Roman mit ihm als Hauptfigur schreiben, doch es erfasste sie alsbald der Ekel. 

Erst nach dem Ableben des Vaters ist ihr bewusst, dass ein "Roman unmöglich ist." Sie möchte keine "Erinnerungspoesie", kein "spöttisches Auftrumpfen", was sie will und was ihr auch vortrefflich gelingt, ist die "Worte, Gesten, Vorlieben" ihres Vaters zusammenzutragen, das, "was sein Leben geprägt hat, die objektiven Beweise einer Existenz", von der auch sie ein Teil gewesen ist. 

Die Leser nehmen Anteil an einem beschwerlichen Leben in der Unterschicht vor und nach dem 1. Weltkrieg in der Normandie. Sie lesen voller Hochachtung, was dieser junge Mann alles in Kauf nimmt, worauf er verzichtet, um gesellschaftlich voranzukommen. Woche für Woche legt er Geld zurück, kann deshalb nach seiner Eheschließung, die gemeinsame Wohnung mit allem, was man braucht, einrichten. Dann macht er sich selbstständig mit einem kleinen Lebensmittelladen. 

Er akzeptiert, dass kinderreiche Arbeiterfamilien bei ihm anschreiben, hat Empathie, aber mit dieser lässt sich bekanntermaßen nicht rasch wohlhabend werden. Er verdingt sich nun als Schichtarbeiter in einer Ölraffinerie, während seine Frau den Laden führt.... Doch ich möchte an dieser Stelle nicht seinen gesamten Werdegang wiedergeben...

Die Tochter, die zum Gymnasium geht, zieht sich immer mehr in ihr Zimmer zurück, liest, lebt in zwei Sprachwelten und genau diese Welten sind es, die in ihrer Erinnerung zu Streit und Ärger mit ihrem Vater führten. 

Die Abnabelung von Eltern wird umso schwerer, auch schmerzhafter, wenn diese zugleich eine Abnabelung von der Gesellschaftsklasse, in die man hineingeboren wurde, bedeutet. 

Kränkungen, Verletzungen, Scham, Wut,  die damit einhergehen, über all das reflektiert die Tochter, die sich bewusst wird, dass erst durch den Tod ihres Vaters, sie nun tatsächlich im gehobenen Bürgertum angekommen ist, kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, weil sie aufgrund ihrer Ausbildung im Grunde ihre Vorfahren verraten hat, auch wenn diese stolz auf ihr Mädchen sind, die es geschafft hat, die zu werden, wofür  die Vorfahren auf vieles verzichtet haben.  Ihr Erbe, das sie an Licht geholt hat durch die Reflexion, heißt  Dankbarkeit und diese Dankbarkeit macht das Buch so wertvoll.

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Don Juan- Peter Handke- Suhrkamp

An einem sonnigen Maiennachmittag wird der Bewohner des Pförtnergebäudes der einstigen Klosteranlage "Port-Royal-des Champs" auf der Ile de France von dem legendären Frauenhelden Don Juan, dem Zeitlosen aufgesucht.  Dieser berichtet  skizzenhaft über seine Erlebnisse der vorangegangenen sieben Tage dem Gastgeber.

Der Autor präsentiert dem Leser in seinem Don Juan eine Person, die keinesfalls frohgemuter Verführer ist, sondern ein trauriger Mensch, der offensichtlich das Begehren der Frauen ganz ungewollt freisetzt. Die Macht kommt über seine Augen.

Man erfährt, dass die ausnahmslos bildhübschen Frauen, sofern er diese anblickt, sofort ihren Herren (nicht Gebieter) in ihm sehen. Retten soll er sie alle, wovor ist den Frauen zunächst selbst nicht klar. Der sich stets treue Don Juan möchte die Frauen nicht besitzen, sondern hofft eigentlich nur, dass sich für Momente die jeweiligen Körper aneinander erfreuen. Auf diese unverbindliche Art und Weise achtet und würdigt er die Frauen als Individuen und genau deshalb schätzen die Damen ihn.

Während der vergangenen Tage war er hauptsächlich in Georgien, Syrien und in Nordafrika unterwegs. Dort begegneten ihm weibliche Wesen, welche die zeitlose "Frauen-Zeit" noch kennen und deshalb den Takt noch nicht verloren haben. In Mitteleuropa wirkt die Gestalt des Don Juan, so wird deutlich, eher lächerlich. Hier begreift man diesen Typus wohl mehr als irgendwie unzeitgemäßen Spinner, den man sich in einem morbiden russischen Fahrzeug oder ähnlichem vorzustellen hat. Zurückziehen möge sich diese schräge Gestalt alsbald in den Kaukasus oder nach Syrien, wo die Pfauen gellen, auch die Truthähne kollern und die schönen Damen - noch immer in einer panischen Welt lebend - von Don Juan gerettet werden möchten, in einer lauen Maiennacht......... 

Ein wunderbar poetischer Text, der Abgesang und Ode an den legendären Frauenhelden zugleich ist.

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Don Juan: (erzählt von ihm selbst) (suhrkamp taschenbuch)

Rezension: #Blumenspiel, #Hajo_Steinert, #Roman, #Penguin_Verlag

#Hajo_Steinert, der in Köln lebende Autor dieses Romans arbeitete von 1986 bis 2016 in der Literatur-Redaktion des Deutschlandfunks. 2015 erschien sein Roman "Der Liebesidiot", den ich leider bislang noch nicht gelesen habe. 

Aufmerksam wurde ich auf das vorliegende Buch auf #Twitter, wo ich erstmals das Cover sah und durch den Begriff "#Blumenspiel" neugierig wurde. 

Wie man auf einer der letzten Seiten des Werkes im Hinblick auf Geschichtliches erfährt, wurden die "Kölner Blumenspiele" von Johannes Fastenrath (1839-1908)- er war Schriftsteller, Jurist und Übersetzer aus dem Spanischen- einst in Köln gegründet und fanden zwischen 1899 und 1914 alljährlich im Kölner #Gürzenich statt. Veranstaltet wurden sie von der Literarischen Gesellschaft in Köln. Dabei wurde jährlich ein "Jahrbuch der Kölner Blumenspiele" herausgegeben. Diese Werke dienten Hajo Steinert als historische Quelle für seinen Roman, dessen Handlung allerdings frei erfunden ist. 

Im Klappentext wird bereits hervorgehoben, dass es sich bei "Blumenspiel" um einen turbulenten und detailliert recherchierten #Epochenroman aus der Zeit des #Jugendstils und der #Reformbewegung handele und schlussendlich um eine Liebeserklärung des Autors an die Stadt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den blühendsten Deutschlands gehört habe.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Weshalb? Weil es zwei Handlungsorte gibt. Einerseits #Cöln, das war von 1857 bis 1919 die amtlich vorgeschriebene Schreibweise für die rheinische Metropole #Köln, andererseits #Ascona und dort der spektakuläre #Monte_Verità. 

Für die beiden Protagonisten, den Portraitmaler und Kunstschmied Heinrich und die schöne, kreative, dabei sehr lebenslustige Näherin Hedwig wird der Monte Verità zum Berg ihrer eigenen, nicht miteinander kompatiblen Wahrheiten....

Davor gibt es eine Vielzahl von emotionalen Verwicklungen, wie sie bei jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen in allen Zeiten üblich sind, wenn auch die Kulissen sich ändern. 

Eine Fülle von lokalen und darüber hinausgehenden historischen Details sind in das Buch eingebunden, was den Leser zu aufmerksamem, geduldigen Lesen ermahnt, zumal, wenn man nach einem nicht sofort erkennbaren philosophischen Tiefgang des Romans forscht und wissen möchte, was der Autor seinen Lesern neben dem historischen Detailgemälde und den Liebesgeschichten vermitteln möchte. 

Hajo Steinert fängt den damaligen Zeitgeist gekonnt in seine Sprache ein. Deshalb erinnert sein Text an Texte von guten Autoren aus der damaligen Zeit- ja, ich nenne an dieser Stelle gerne Thomas Mann, aber ohne dessen Poesie in seiner Novelle "Tod in Venedig".

"Blumenspiel" zwingt, wie bereits erwähnt, zur Konzentration aufgrund der vielen Details, bei denen ich mich immer wieder fragte, ob man diese tatsächlich wissen muss und wie junge, internetaffine Leser  damit zurecht kommen. 

Nicht unerwähnt lässt der Autor den "Deutschen Lärmschutzverband", der einst vom Philosophen #Theodor_Lessing gegründet wurde und dem Heinrich beitritt als er nach Cöln kommt. Die Sehnsucht nach Stille, auch vielleicht  nach Idylle, zeigen, dass diese jungen Menschen auf den Lärm und die Gewalt des ersten Weltkriegs nicht vorbereitet waren, es klüger gewesen wäre, sich an den Lebensformen der Pazifisten, Künstler und Schriftsteller und auch Alternativen vom Monte Verità  zu orientieren, dort lieber nackt in der Sonne zu tanzen als sich wie Heinrich noch jung an Jahren im September 1914 als Soldat in der Schlacht an der Marne erschießen zu lassen oder wie Hedwig einen Monat später in Cöln noch blutjung die Augen für immer zu schließen, vielleicht ahnend, was kommt. "Blumenspiele" waren es nicht.

Sehr empfehlenswert
Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Blumenspiel: Roman

Rezension: Auf der Suche nach dem Paradies –Claudia Jürgens- Edition Zeitblende

Das vorliegende, seitens Sarah Winter sehr ansprechend illustrierte Buch trägt den Untertitel von Traumorten, Seelenverwandten, Lebensentwürfen und dem kleinen alltäglichen Glück.

Claudia Jürgens, die seit vielen Jahren als Lektorin tätig ist, spürt in diesem Werk also dem Phänomen des Paradieses nach. Das geschieht durch einen bemerkenswerten Essay und 49 Texte  von namhaften Autorinnen und Autoren über das Suchen und Finden dessen, was für die ein oder anderen der Himmel auf Erden darstellt. 

Dazu kommen 10 ganzseitige, farbige Illustrationen von Sarah Winter und ca. 50 Vignetten.

Im Rahmen von insgesamt sieben Kapiteln hat man Gelegenheit teilweise sehr poetische Texte niveauvoller Autoren und Autorinnen zu lesen, unter ihnen Rose Ausländer, Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane, Elias Canetti, Platon, Rainer Maria Rilke, Mario Vargas Llosa, Amoz Oz, Hermann Hesse, Hannah Arendt, Carolin Emcke und Hanna Mina. 

Gedichte und Auszüge aus Prosatexten findet man bereits im ersten Kapitel, das unter dem Begriff "Das Paradies im Anderswo" die entsprechenden Texte zusammenbindet. Alle Autoren (m/w) im Buch werden biografisch kurz skizziert. Dazu erfährt man stets Textgeschichtliches vor Beginn eines jeden Textes. Vorgestellt werden u.a. Arbeiten, die Goethes aber auch Fanny Lewalds Italiensehnsucht dokumentieren. 

Man liest über die unterschiedlichsten Paradiesvorstellungen und bleibt beim ersten Blättern als Musikliebhaber (m/w) vielleicht bei Hanna Mina haften, weil dort die "Rettung in der Musik" versprochen wird. Die syrische Schriftstellerin Hanna Mina erzählt von der Kraft der Musik in ihrem Roman "Sonne". Daraus wird dem Leser ein kleiner Auszug präsentiert. Hier erfährt man, dass es so wichtig ist, Dinge mit ganzer Seele zu tun, denn "wenn du einer Sache nicht deine ganze Seele hingibst, gibt sie sich dir auch nicht hin." In Paradiese Einlass zu finden,  erfordert also Hingabe.

Paradiese mögen für die einen Sehnsuchtsorte, Zuflucht und Zuhause, für die anderen Natur und die Genüsse des Alltags sein, wie die Texte dokumentieren. Sie sind aber auch Orte des Schaffens, des Darbietens und Genießens, der Freundschaft, Liebe und Erotik. Platon schrieb bereits darüber und Rilke dachte in einem seiner Texte schon die Liebenden als gegenseitige Ergänzung zum Ganzen. 

Was noch? Das Paradies als Märchen und romantische Verklärung, auch als negative Utopie aber als auch Chance...., auch das wird thematisiert. Man hat also die Auswahl. Das Paradies besticht durch seine Vielfalt. Die Vielfalt sind ein Gegenstand der Texte, die Lust auf das jeweilige Gesamtwerk machen. 

Auch Bücher können ein Paradies sein, eine interessante Möglichkeit in andere Denkwelten zu gelangen, um sich auf diese Weise neue Räume zu erschließen im durchaus Möglichen, wenn man es zulässt.

Auch ein kleiner Auszug aus dem Roman "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf wurde nicht vergessen. Hier las ich u.a. die Sätze:

"Früher suchten sich Liebespaare vor der Trennung einen Stern, an dem sich abends ihre Blicke treffen konnten. 

Was sollen wir uns suchen? 

"Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen" sagte Manfred spöttisch. 

Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer? "Doch" sagte sie leise. "Der Himmel teilt sich zuallererst.“ 

So ist das mit den Paradiesen, seit der Baum der Liebe abgeholzt worden ist. 

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Auf der Suche nach dem Paradies: Von Traumorten, Seelenverwandten, Lebensentwürfen und dem kleinen alltäglichen Glück