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Rezension:Die Nacht vor der Scheidung (Gebundene Ausgabe

Sandor Marais Roman " Die Nacht vor der Scheidung " wurde erstmals 1935 in Budapest verlegt. Die in die Handlung eingeflochtene Gesellschaftsstudie steht unter dem Einfluss des zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Psychoanalytikers Sigmund Freud. Große Themen des vorliegenden Buches nämlich sind : Hysterie sowie Frigidität und die daraus resultierenden Folgen. Marai geht es offensichtlich darum, die fatalen Merkmale einer Epoche zu verdeutlichen und darauf aufmerksam zu machen, dass ein zu enges Korsett der Konventionen Auslöser so mancher Tragödie sein kann.

Am Vorabend vor der gesetzlichen Trennung von seiner Ehefrau besucht der nachdenkliche, psychisch unausgeglichene Arzt Imre Greiner, unverhofft, seinen Jugendfreund, der ihn ,in seiner Funktion als Richter, tags darauf von seiner Gemahlin rechtmäßig scheiden soll. Greiner dröselt auf, weshalb die Beziehung zu seiner Frau zerbrach. Seine Erwartungshaltung gegenüber Anna, seine Vorstellung von " völliger Hingabe " und nahezu symbiotischer Vereinigung ließen sich in der Realität nicht umsetzen. Diese Erkenntnis führte dazu, dass die beiden Personen letztlich auseinander gedriftet sind. Imre analysiert die eigentliche Ursache: " Es fallen Familien auseinander, es flüchten Menschen in den Tod und verlieren ihre Arbeitslust, vernachlässigen ihr Handwerk, ihre soziale Verantwortung, die Gefühle erkalten und gehen verloren oder sie werden staubig, und eines Tages zerfällt das Leben in seine Bestandteile...Und hinter allem finde ich einen frigiden Lebensgefährten." Die Frigidität deutet er als eine Folge sozialer Probleme. Als Triebfeder begreift Imre Erziehung, das Milieu, die Angst, " alles , was der Preis der Zivilisation ist ." Er gelangt zu dem Ergebnis, dass in seiner Gesellschaftsklasse die meisten Frauen frigide sind.Der Versuch seine Gattin zu heilen mißlingt. Doch Imre besitzt nicht die Haltung seines Freundes sich leidenschaftlos in den Ehealltag einzufinden. Die emotionale Distanz wird für ihn, gleichwohl auch für Anna, zu einem unauflösbaren Problem.Weshalb Imre Greiner am folgenden Morgen dennoch nicht mit seiner Frau gemeinsam vor Gericht erscheinen wird, erfährt der Leser auf den letzten Seiten dieses hervorragend geschriebenen Buches.


Rezension: Der Untertan- Heinrich Mann

"Wer die Macht übt, ist ihr Knecht nicht weniger, als wer sie duldet.Der Tyrann leidet unter der Menschheit, wie sie unter ihm.",



Heinrich Mann hat mit Dietrich Heßling, dem Protagonisten des vorliegenden Romans, eine typisch deutsche Figur geschaffen, die des despotischen Strebers, der sich feige und erbärmlich erweist, des Obrigkeitshörigen, des Unpolitischen ohne Mut und Zivilcourage.

Mit Dietrich Heßling wird eine Vorgestalt des Nazi enthüllt, welche das Zeitalter für Jahrzehnte prägte.Heßling zeigt bereits in der Schulzeit Eigenschaften, die voll entfaltet, Kennzeichen des Nationalsozialismus sind. Beispielsweise tut er sich hervor mit der Mißhandlung des einzigen jüdischen Mitschülers. " Was Dietrich stark machte, war der Beifall ringsrum...Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Schuldbewusstsein, das kollektiv war."

Bei dem von Karrieristen und windigen Geschäftemachern provozierten Majestätsbeleidigungsprozess, dem Kernstück der Handlung, in dem Heßling als Hauptbelastungszeuge auftritt, bezeichnet der skeptische , liberale Anwalt den forschen, deutschvölkischen Untertanen als neuen Typus, der sich wie folgt outet:" Das Prahlerische des Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen. Die Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen und wären sie ein Drittel der Nation..."

Die Substanz des Untertanen war die Verehrung der Macht, wie Mann am Beispiel Heßlings verdeutlicht, war aber auch der profitable Gehorsam, die karrierefördernde Gesinnung, das prämierte Denunziantentum.Heinrich Mann erkannte die Untertanenmentalität, deren Hauptfeind, die Aufklärung und der Freisinn ist. Mit dem Sieg des Untertanen, das wird im Roman deutlich, dankte das Zeitalter der Aufklärung ab.

Rezension:Roter Regen: Leichte Geschichten (Gebundene Ausgabe)

Cees Nooteboom las im Dezember 2008 in Frankfurt am Main im Literaturhaus aus " Roter Regen " drei beeindruckende Geschichten vor. Während er las, beobachtete ich den Vortragenden die ganze Zeit. Dieser für sein Alter blendend aussehende Mann strahlte eine abgeklärte Gelassenheit aus, wie ich sie selten bei einem Menschen gesehen habe. Die Ursache hierfür,- dies ist mir seit der Lektüre seines Buches klar geworden-, sind ganz gewiss seine vielen Reisen, die er im Laufe seines Lebens unternommen hat. Wer soviel gesehen hat, verändert seinen Blickwinkel immer wieder neu und wird, wenn er dabei sehr reflektiert vorgeht, weise. Nooteboom ist es, wie sein jüngstes Werk verdeutlicht.

" Roter Regen " beinhaltet eine Vielzahl autobiographischer Erlebnisse. Geschichten aus dem Jetzt und aus dem Gestern sind aneinandergereiht, teilweise auch verwoben und machen begreifbar, wodurch dieser Schriftsteller zu dem Menschen wurde, der er heute ist.

Man liest von seinen Aufenthalten auf Menorca, wo er ein Sommerhaus besitzt, von seiner Liebe zu lukullischen Genüssen, auch von seinen Kochkünsten, die er mit viel Selbstironie zu zelebrieren weiß.
Das Leben auf der Insel, die Menschen dort, auch die Abgeschiedenheit sind ihm Zeilen wert. Hier hat er Assoziationen, die ihn in eine andere Zeit, in sein frühes Gestern zurückversetzen. Nooteboom klagt über seine Vergesslichkeit, die allerdings nichts mit seinem Alter zu tun hat. Seine Figuren, seine Erlebnisse sind irgendwann alle in seine Geschichten und Romane eingeflossen. Immer formte er sie auf irgendeine Art um, hauchte ihnen neues Leben ein, doch dadurch waren die realen Personen und Ereignisse plötzlich aus seinem Gedächtnis verschwunden und unauffindbar.....

Er überdenkt das Altwerden und konstatiert, dass eine der Eigentümlichkeiten dieses Altwerdens darin besteht, dass fast alles Erinnerungen wachruft. So erinnert er sich in seinen Geschichten an Vieles, das lange zurückliegt. Aber er lässt auch nicht unerwähnt, dass seine Geduld mit Schwätzern deutlich nachgelassen habe und die Kritik seitens einer neuen, unbedarften Generation von ihm abtropfe. Nooteboom ist ehrlich. Das gefällt mir.

Er erzählt von Reisen in den 50er Jahren, seiner ersten überhaupt mit dem Fahrrad von den Niederlanden nach Belgien und Luxembourg, seinen Tagebucheintragungen und seiner Verwunderung über den Menschen, der er einmal war. Eine Italienreise und weitere Reisen durch Europa folgen, zu diesem Zeitpunkt hat er die Schule schon verlassen auch seine Anstellung bei der Bank aufgegeben. Er ist 21 Jahre alt und schreibt aufgrund seiner Reiseeindrücke sein erstes Buch " Philip und die anderen ". Er berichtet von der Entstehungsgeschichte und erzählt auch wie er aufgrund dieses Buches seinen späteren Freund Rüdiger Safranski kennenlernt.

In einer der hier vorliegenden Geschichten schreibt er: " Fünf Freunde, Philipp Mechanicus, Rüdiger Safranski, W. L Brugsma, Eddy Hoornik, Eddy Posthuma de Boer, Scherze, Geheimnisse und Erinnerungen, ferne und nahe Reisen, einmalige und immer andere nostalgische und abenteuerliche, bange und heitere, viel davon vergessen und doch unvergesslich. Viel mehr braucht es nicht." Das ist Cees Nooteboom. Er reist nach Marokko, nach Trinidad, lernt den König von Surinam kennen, erinnert sich an Ibiza im Jahre 1957, und hält sich irgendwann in England auf. Überall sammelt er Eindrücke, selbst auf Tonga in der Südsee. Ein guter Beobachter, der nicht grundlos festhält " wir schreiben immer schon lange, bevor wir schreiben ".

Dieses Schreiben vor dem Schreiben fand bei Nooteboom zweifelsfrei während seiner vielen Reisen statt.


Rezension: Teleny. Der Priester und der Messnerknabe. Nachw. Glaser, Horst Albert (Gebundene Ausgabe)

Ein Kuss ist etwas mehr als der erstbeste sinnliche Kontakt zweier Körper, es ist der Hauch zweier verliebter Seelen" (Wilde) 

Der vorliegende Liebesroman "Teleny" erschien 1893, ein Jahr bevor man Oscar Wilde wegen homosexueller Vergehen den Prozess machte und ihn zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilte. Im lustfeindlichen, doppelmoraligen, spätvictorianischen England jener Tage galt dieser Text als skandalös und wurde auch noch später lange Zeit von den Herausgebern der Werke Oscar Wildes übergangen.

Wilde beschreibt in diesem Roman die innige Liebesbeziehung des französischen Dandy Camille und des ungarischen Pianisten Teleny. Die beiden Protagonisten sind Anfang zwanzig. Camille ist sexuell noch gänzlich unerfahren, Teleny , wie sich herausstellen wird, bisexuell. Camille verliebt sich während eines Konzertes in Teleny, der ihn unerwartet während eines nächtlichen Spaziergangs küsst und ihn auf diese Weise sexuell entflammt. Camille kann nur noch an den Pianisten denken, sehnt sich nach seiner Nähe, verbietet sich allerdings zunächst gedanklich sexuelle Begehrlichkeiten . Dennoch begreift der junge Mann jetzt, weshalb er Frauen gegenüber bislang keine wirklichen erotischen Ambitionen hegen konnte. Trotz dieser Erkenntnis unternimmt er geradezu verzweifelte Versuche sich lustvoll die Sexualität mit dem weiblichen Geschlecht zu erschließen, aber es gelingt ihm nicht, denn seine Gedanken sind stets bei Teleny.

Durch seine starke Zuneigung hellsichtig geworden, sieht er diesen beim Liebesspiel mit einer schönen Frau und stirbt beim Anblick der ausführlich beschriebenen Handlungen tausend Tode. Als Camille dann noch feststellen muss, dass Teleny eine Affäre mit einem anderen Künstler hat, den Camille von Kindesbeinen an kennt, entschließt es sich Selbstmord zu begehen, wird jedoch von Teleny daran gehindert.

Der Pianist gesteht dem Dandy seine leidenschaftliche Liebe, bekundet, dass er während sexueller Handlungen mit Dritten nur an ihn gedacht habe. Durch dieses ehrlich gemeinte Geständnis bewirkt er, dass die beidseitige Liebe alsbald ihren Ausdruck in einer sie beide vollkommen erfüllenden Sexualität findet, die trotz häufiger Kopulationen sogleich immer wieder neues gegenseitiges Begehren hervorruft.
Obgleich die beiden ganz offensichtlich verrückt aufeinander sind und voneinander nicht lassen können, führt ihre Romanze zu einem tragischen Ende, weil die Zeit für ihre homoerotische Beziehung mit enormer Gefühlstiefe wohl noch nicht reif war.

Als Gegenbild zu dieser wahren Liebe, in der Seele, Geist und Körper heftigst zueinander streben, beschreibt der Autor für die victorianische Zeit geradezu schonungslos sexuelle Handlungen zwischen Prostituierten im Bordell, ebensolche während einer Orgie unter Homosexuellen, desweiteren beschreibt er detailliert sexuelle Handlungen zwischen Mann und Frau, bei denen die Liebe nicht beidseitig vorhanden ist. Er thematisiert sogar Vergewaltigung, um die Abgründe von sexuellem Tun aufzuzeigen, das aus reinem Triebverhalten hervorgehen kann.
Ziel dieser Beleuchtungen , die vordergründig den Anschein erwecken, als habe Wilde beabsichtigt ein pornographisches Werk zu Papier zu bringen, ist meines Erachtens darzustellen, worin sich sexuelle Handlung, die nicht Ausdruck einer innigen Seelenbeziehung ist, von solcher unterscheidet, die auf gegenseitiger , inniger Liebe beruht.

Solch eine leidenschaftliche Liebe, gleichgültig ob zwischen gleich- oder gegengeschlechtlichen Menschen kann sich für Wilde nur in jungen Jahren ereignen:

" There ist a love that is to last,
When the hot days of youth are past"

Empfehlenswert



Rezension: De Profundis- Oscar Wilde

"Wenn er sagt "Vergebt euren Feinden", so meint er nicht, den Feinden zuliebe, sondern sich selbst zuliebe und weil die Liebe schöner ist als der Hass." (Oscar Wilde)

Der englische Dramatiker und Erzähler Oscar Wilde (1854-1900) wurde 1895 wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Reading verbüßte.

"De Profundis" ist der ergreifende Prosatext, den Oscar Wilde während seines Aufenthaltes in Reading an seinen Geliebten Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, verfasste. 

In diesem Text reflektiert er seine Beziehung zu seinem Geliebten und befasst sich darüber hinaus mit Fragen zur Kunst und zur Religion.

Seine Beziehung zu Bosie nennt er im Brief geistig erniedrigend. Er beklagt, dass der Geliebte nie elegant mit Ideen spiele, sondern nur mit radikalen Ansichten auftrumpfen könne und Bosie sich stets zwischen ihn und seine Kunst gedrängt habe. Lord Alfred interessierte sich, wie Wilde schreibt, nur für seinen Magen und seine Marotten. Der Dichter macht sich Vorwürfe, dass er Bosie damals nicht das Haus verboten hatte und bekennt sich zur eigenen Schwäche. Er resümiert, dass bei einem Künstler Schwäche ein Verbrechen sei , wenn diese Schwäche die schöpferische Phantasie lähme.

Als Hauptfehler Bosies nennt er dessen Eitelkeit und seine Beziehungslosigkeit zum Geld und bezieht sich damit auf eine entsprechende Charakteranalyse von Lord Alfreds Mutter. Ausführlich beschreibt Wilde die ausschweifenden Gepflogenheiten seines Geliebten, um ihn damit zu konfrontieren und zum Nachdenken anzuregen.

Schenkt man Wilde Glauben, so war Bosie ein Mensch, der seine Gefühle nicht beherrschen konnte, "die sich bald in langem schmollendem Schweigen äußerten, bald in jähen fast epileptischen Wutanfällen." Wilde konstatiert, dass er nur die Möglichkeit hatte Bosie nachzugeben oder ihn aufzugeben. Aus tiefer, wenn auch verfehlter Zuneigung, aus großer Nachsicht mit Bosies Unausgeglichenheit und seinen Schwächen, aus seiner ihm eigenen sprichwörtlichen Gutmütigkeit und keltischen Trägheit, aus der Aversion des Künstlers gegen derbe Auftritte und rüde Ausdrücke aus seiner zu jenem Zeitpunkt typischen Unfähigkeit, jemanden etwas nachzutragen, verließ Wilde seinen Geliebten nicht, wie er resümierend schreibt. Wilde sieht sich als Opfer in den Händen des launischen Lord Alfred, dem er vorwirft: "Nachdem Du mein Genie, meine Willenskraft und mein Vermögen in Beschlag genommen hattest, verlangtest Du in blinder, unersättlicher Gier meine Existenz."

Der Zuchthaussträfling stellt fest, dass er im Konflikt zwischen Bosie und dessen Vater aufgerieben wurde, seinen Kopf und seine Urteilsfähigkeit verlor und ihn besagte Tatsache schließlich in die Strafanstalt brachte.

Immer wieder erfährt man an Beispielen wie erbärmlich selbstbezogen und eitel sich Bosie in der Beziehung zu Wilde verhielt und ihn - seinen Gönner - nicht selten im Stich ließ, wenn er seelischen Beistand nötig hatte.

Wilde sieht die geistige Seichtheit seines Geliebten und hält diesen nicht für würdig für die Freundschaft und Liebe zu ihm, gleichwohl weiß er: " Doch die Liebe feilscht nicht auf dem Markte und rechnet nicht auf der Krämerwaage. Ihre Freude besteht wie die Freuden des Intellekts darin, dass sie sich lebendig weiß. "Wilde resümiert, dass Bosie sein Feind war: "Ein Feind, wie kein Mensch in je gehabt hatte. Ich hatte Dir mein Leben geschenkt, und um die niedrigsten, aller menschlichen Leidenschaften zu befriedigen; Hass, Eitelkeit und Gier, warfst Du es weg. In weniger als drei Jahren hast Du mich vollständig ruiniert. "

Wilde ist nicht bereit, Bosie für das, was er ihm antat, zu hassen, er möchte ihn weiterhin lieben, um die Tage im Gefängnis zu überstehen. Deshalb beschließt er,  in Bosie ebenfalls einen Leidenden zu sehen.

Im Leid sieht Wilde eine Wunde, die unter der Berührung einer fremden Hand zu bluten beginnt, ja selbst unter der Hand der Liebe von neuem aufbricht, wenn auch nicht schmerzt.

Für Wilde ist das Leid die vornehmste Gemütsbewegung, deren Menschen fähig sind, zugleich auch Urform und Prüfstein aller großen Kunst.

Das Geheimnis des Lebens sei Leiden. Hinter allem verberge sich nur dieses. In dieser Erkenntnis sieht man Oscar Wildes gedankliche Nähe zum Buddhismus sehr deutlich.

Wilde hält fest, dass er alles verloren habe, ihm allerdings die Demut geblieben sei, deren hohen Wert er im Zuchthaus erst wirklich erkennt.

Er reflektiert in der Folge die direkte Verbindung des Lebens Christus mit dem Leben des Künstlers und zeigt auf, weshalb er Christus für den größten Individualisten hält. Seine Begründung hierfür lautet "Seine Demut ist, wie die Unterwerfung des Künstlers unter jede Art von Erfahrung, nur eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Christus ist auf der Suche nach der Seele des Menschen.... Er tut das, weil man sich der eigenen Seele nur dadurch bewusst wird, dass man sich aller fremden Leidenschaften entäußert, aller angelernten Bildung und aller irdischen Güter, mögen sie gut oder schlecht sein."

Über seine im Zuchthaus gewonnene Demut, gelangt Wilde zu dem innersten seiner Seele, deren Feind er solange war und die ihn als Freund erwartete. Der brillante Denker schreibt, dass die Berührung mit der eigenen Seele den Menschen einfältig mache wie ein Kind, was er nach Christus Worten auch sein solle. Wilde nennt es tragisch, wie viele Menschen bis zu ihrem Tode nie ihre Seele besaßen.

Diese Nähe zu seiner Seele macht Wilde unfähig zu hassen. Er liebt und möchte Bosie den Sinn des Leids nahe bringen und ihm klar zu machen, dass Hass, intellektuell betrachtet, die "Ewige Verneinung" verkörpert, dass Hass vom Standpunkt der Emotion betrachtet eine Art Auszehrung ist, die alles tötet, nur nicht sich selbst.

Wilde hat im Rahmen des langen Briefes seine Opferhaltung aufgegeben und durch seine klare Absage gegenüber dem Hass sich zur Liebe und zur Selbstverwirklichung bekannt.

Großartig.

Lesenswert auch ist die dem Text angefügte "Ballade vom Zuchthaus Reading" und die Interpretation des Gedichtes durch Jorge Luis Borges.

Überall im Handel erhältlich

Rezension: Gefährliche Geliebte- Harukami Murakami


Was ist die Liebe in ihrer reinsten Form?

Ich wundere mich eigentlich immer noch, dass ich dieses Buch erst jetzt gelesen habe.

Reich-Ranicki kommentierte einst: "Ein hocherotischer Roman. Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht mehr gelesen."

Ich auch nicht, lieber Herr Reich-Ranicki.

Die Liebesszene war es allerdings nicht, die mich dazu bewegte, mich intellektuell mit dem Buch zu befassen, sondern mich berührten Murakamis bemerkenswerte Betrachtungen über die reinste Form der Liebe.

Diese scheint- Platon wusste es bereits und ich habe es durch diesen Roman auch irgendwie begriffen -, eine ausschließlich geistig-seelische Angelegenheit zwischen zwei Menschen zu sein. Warum?

Zum Buch: Hajime, ein Einzelkind übrigens, begegnet als Zwölfjähriger der wunderschönen, leicht gehbehinderten Shimamoto, die ebenfalls ein Einzelkind ist. Murakami erwähnt dies nicht ohne Grund mehrmals.

Fast täglich treffen die beiden sich, hören gemeinsam Musik und sprechen über Bücher, die sie beide gelesen haben. Innige Freunde sind sie, sogar mehr als das. Die gegenseitige Anziehung ist spürbar, aber sie zeigt sich nicht in sexueller Handlung.

Als Hajimes Eltern in eine andere Gegend ziehen, sehen sich die beiden jungen Menschen nicht mehr. Beide leiden unendlich an ihrer Sehnsucht zueinander.

Hajime, der Ich-Erzähler, beginnt von seinem sinnentleerten Leben zu berichten, bis zu dem Tag, der erst 24 Jahre später eintreten soll, als er seine zweite Hälfte (um im Bild Platons zu sprechen) wiederfindet und sie in diesem Leben dann doch vielleicht für immer zu verlieren scheint.

Hajime erzählt von seinen facettenreichen Erfahrungen mit Frauen während seiner College-Zeit und immer wieder von seiner nicht enden wollenden Sehnsucht nach Shimamoto.

Irgendwann verliebt er sich in Izumi, vollzieht mit diesem Mädchen seinen ersten Beischlaf, wird ihr untreu, weil er sich sexuell magisch von deren Cousine angezogen fühlt und vögelt mit dieser, wie er schreibt, geradezu bis zur Hirnerweichung.

Das Mädchen, das er betrogen hat, verlässt ihn und wird über den vermeintlichen Verrat nicht hinwegkommen. Sie zerbricht an dem, was geschehen ist. Hajime hat wegen dieser Geschehnisse noch während der Erzählzeit ein schlechtes Gewissen. Im Grunde jedoch hat er dieses Mädchen nicht wirklich betrogen, denn der Akt mit der Cousine war ein emotionsloser, rein mechanischer Lustakt.

Hajime sieht diese Affäre getrennt von seiner gefühlsorientierten Beziehung zu Izumi. Leider ist diese Gegebenheit für Izumi nicht nachvollziehbar, weil ihre Verliebtheit besitzergreifenden Charakter hat.

Nach dem College arbeitet Hajime eine Weile als Lektor in einem Schulbuchverlag, nach wie vor verzehrt er sich nach Shimamoto, die ihm irgendwann zufällig in Tokio begegnet. Er erkennt sie zu spät und wird tragischerweise durch ein merkwürdiges Ereignis daran gehindert, ihr nachzueilen.

Nun zwingt Hajime sich,  seine eigentliche Frau,- seine Dual-Seele, wenn man so will-, zu vergessen. Er lernt Yokiko kennen. Sie ist die Tochter eines Baulöwen und Geschäftemachers aus Tokio. In sie verliebt Hajime sich, heiratet, wird Besitzer einer gut florierenden, exklusiven Jazz-Bar und gründet eine Familie. Endlich scheint er den Zustand seiner inneren Einsamkeit verloren und sich emotional glaubhaft in eine neue Situation eingerichtet zu haben.

Doch da erscheint nach 24 Jahren Shimamoto eines Abends in seiner Bar. Erneut ist er sofort hingerissen und kann nur noch an diese Frau denken.

Shimamoto kommt stets für ein paar Stunden, um mit Hajime zu sprechen, dessen Nähe sie sucht, um sich für eine kurze Weile vollständig zu fühlen. Sie möchte mit ihm nicht über ihr Leben sprechen. Sie möchte sich nur auf das, was sie beide betrifft, beschränken. Sie will ganz mit ihm sein.

Irgendwann verschwindet Shimamoto unangekündigt für sechs Monate aus Hajimes Leben.

Das ist der Zeitpunkt, wo sich sein Sehnen ins Unermessliche steigert und er, wenn er mit seiner durchaus von ihm geliebten Gattin beischläft, in Wahrheit Shimamoto in den Armen hält und nur noch an sie denken kann.

Hajime quält sich. Was mit ihm geschieht, liegt jenseits seines Wollens.

Als Shimamoto nach sechs Monaten erneut in die Bar kommt, entscheiden sich beide eine gemeinsame Nacht miteinander zu verbringen.

Auf der Autofahrt zu dem Haus, wo es zu Reich-Ranickis hochgelobter Liebesszene kommt, denkt Shimamoto daran,  Hajime ins Lenkrad zu fassen, wohl in der Absicht den Eros zu überwinden, um auf ewig im Tod miteinander vereint zu sein und durch das Einfrieren der Liebe den Zustands des Glücks zu konservieren, der im Alltag mit den Jahren zunichte gemacht werden könnte.

Shimamoto weiß, wenn sie mit Hajime beischläft, will sie ihn ganz und für immer. Um sich den Wechselfällen des Lebens zu entziehen, möchte sie lieber den Tod.

Während der Liebesnacht bemerkt man, dass ihr Begehren ein geradezu tödliches Verlangen nach Ewigkeit in sich trägt.

Hajime ist nach der körperlichen Verschmelzung mit seinem Herzensdu für lange Zeit nicht mehr existent. Er will nicht mehr leben, weil Shimamoto tags darauf plötzlich verschwindet und wie er vermutet sich selbst getötet hat.

Nach einiger Zeit schafft Hajime es, in sein Leben zurückzukehren, aber er ist ein anderer als zuvor..........

Besuchen Sie den Friedhof Pere Lachaise/Paris. Dort ruhen Abaelard und Heloise ganz nah beieinander. Auf einer höheren Ebene sehe ich Parallelen zu Hajime und Shimamoto und bin immer noch überrascht,  welch wunderbares Buch Murakami geschrieben hat.

Sehr lesenswert.




Rezension: Der goldene Pelikan- Stefan Chwin

Seelenpein und deren Folgen.

Der polnische Schriftsteller Stefan Chwin erzählt die Geschichte eines Danziger Juraprofessors, genannt " Jakub". Dieser Mann wird vom Autor als hochgebildet gezeichnet. Er befasst sich mit den bedeutensten europäischen Schriftstellern und Philosophen , vor allem mit Kant und versucht in seinen Vorlesungen immer wieder ethische Fragestellungen zu beantworten . Diesen Rechtsgelehrten quält das Gewissen, weil er annimmt, dass eine seiner Studentinnen aufgrund ihres fälschlicherweise nicht bestandenen Examens Selbstmord begangen hat.


Besagte Studentin lässt zuvor den zu diesem Zeitpunkt sehr gestressten Professor wissen, dass er es war, der eine fehlerhafte Eintragung in die Benotungsliste vorgenommen habe und bittet ihn diese Eintragung zu überprüfen. Unwirsch kanzelt der Prüfer die Geprüfte ab. Kurz darauf liest er dann in der Zeitung vom Suizid einer Studierenden. Jakub fragt sich immer wieder, ob es sich bei betreffender Person um das junge Mädchen handelt, welches er so selbstgerecht ihrer ungewissen Zukunft überlassen hat.


Durch seine Zweifel gerät er in eine immer tiefere Lebenskrise und beginnt seine Persönlichkeit zu verändern. In seiner Seelenpein sucht er verschiedene Geistliche und einen Psychologen auf, um so vielleicht sein Gewissensproblem in den Griff zu bekommen. Keiner der von ihm konsultierten kann ihm helfen. Nachdem ihn seine völlig entnervte Ehefrau verlässt, kehrt er der Universität den Rücken, beginnt zu trinken , zu stehlen und verliert schließlich seine Wohnung. Aus dem bürgerlichen, sorgfältig auf sich achtenden Herrn ist ein abgerissener Obdachloser geworden.

Auf der Straße wird er nun mit fürchterlicher Armut, mit unsäglichem Schmutz, mit schockierender Brutalität und immer wieder mit Demütigungen konfrontiert. Er muss mit ansehen, wie eine Weggefährtin von Schlägern schrecklich misshandelt und bei lebendigem Leib verbrannt wird. Jakub verliert bei diesem Anblick seine Sprache. Wie durch ein Wunder zieht ihn eine Frau, der er in seinem Leben schon einmal begegnet ist, aus der Gosse. Dieser ebenfalls vom Leben gebeutelte Mensch erbarmt sich seiner. Durch jene Frau erfährt Jakub, dass man nur dadurch eigenes Leid lindern und seine Schuld sühnen kann, wenn man sich selbst vergessend dem Leid anderer zuwendet und Hilfe leistet.Durch diese Offenbarung kann Jakub endlich Frieden mit sich schließen und ist bereit für eine Reise ins Unbekannte....

Stefan Chwin vermag mit Worten grandiose Bilder zu malen, die an die Werke Hieronymus Boschs erinnern. Darüber hinaus bringt der Autor dem Leser die alte Hansestadt Danzig in ihren wirren Zeitläuften nahe. Hauptsächlich jedoch geht dieser hervorragende Schriftsteller Sinnfragen nach.

Über Sätze , wie etwa den, " dass das Menschsein nur die quälende Erfahrung des Verlustes ist, mehr nicht" oder die " Kultur die Quelle des Leides " verkörpert, lässt sich lange nachdenken. Sentenzen dieser Art finden sich viele in diesem ganz außerordentlichen Roman, den ich an dieser Stelle nachhaltig empfehlen möchte.




Rezension: Der Tangosänger- Tomas Eloy Martine

Der Ich- Erzähler in diesem Roman ist ein junger Amerikaner, namens Bruno Cadogan. Dieser schreibt gerade an seiner Dissertation, die die Werke des argentinischen Dichters Borges zum Gegenstand haben. Durch seine diesbezüglichen Studien beginnt Bruno sich für den argentinischen Tango zu interessieren, denn Borges hat auch zu diesem Thema etwas zu Papier gebracht. Bruno hört von einem Tangosänger, der besser singen soll als einst der berühmte "Gardel".

Dieses Sangeswunder heißt Julio Martel. Ihn möchte der Doktorand hören und sehen. Deshalb reist er nach Buenos Aires. Es ist schwierig über Martel etwas in Erfahrung zu bringen, weil er schon seit langem nicht mehr öffentlich auftritt. Im Zuge seiner Recherche lernt Bruno Alcira kennen. Diese Frau weiß mehr von Martel, u.a. auch, dass er schwer krank ist. Alcira begleitet den jungen Amerikaner durch die argentinische Metropole und zeigt ihm die morbide Schönheit einer Stadt, die schon bessere Zeiten erlebt hat. Alcira bringt ihn in Gegenden, die ein Tourist alleine nicht finden würde. Der Sänger Martel, so erfährt Bruno, singt stets auf Plätzen, die für die Stadt eine unrühmliche Bedeutung haben.

So etwa auf dem Platz, wo einst die alten Schlachthöfe standen. Dort ist man mit den ungezählten Rindern, die zum Verzehr bestimmt waren, nicht gerade zimperlich umgegangen, wie die verschiedenen Tötungsrituale dokumentieren. Martel singt auch auf Friedhöfen und man vermutet, dass er vor dem Haus der Greisin Violeta Miller ebenfalls seiner Passion nachgekommen ist. Violeta, eine polnische Jüdin, die man in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als fünfzehnjähriges Mädchen gemeinsam mit unzähligen Leidensgenossinnen nach Argentinien verschleppt hatte, wurde in den dortigen Bordellen zur Prostitution gezwungen.

Wie der Autor berichtet, wurden die Körper dieser bedauernswerten Geschöpfe so sehr geschunden, dass deren Schließmuskel platzten. In diesem Bordellmileu übrigens entstand der Tango! Violeta, die es schafft, aus dem Sexualkerker zu entfliehen, - gelangt als alte Dame, zwischenzeitlich ist sie durch einen prächtig florierenden Devotionalienhandel reich geworden, nach Buenos Aires.

Dort liefert sie aus Angst ihre Haushälterin Catalina Godel, eine von der Miliz gesuchte Widerstandskämpferin, der damaligen Militäjunta aus, um anschließend selbst von der raffgierigen Miliz ausgeplündert zu werden. Violeta und Catalina sind zwei Opfer unter vielen. Martinez berichtet in diesem Zusammenhang von den grausamen Folterungen und Morden an politisch Andersdenkenden während der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Argentinien. Und so weiß der Autor immer wieder anhand individueller Geschichten dieser Art die Geschichte von Buenos Aires zu erzählen, einer schönen, gleichwohl morbiden Stadt, in der Martel oder ein anderer Tangosänger klangvolle Lieder anstimmen, während irgendwer nachdenklich das legendäre Bandoneon dazu spielt!

Eine wehmütige Ode an Argentiniens Hauptstadt.




Rezension: Befreiung- Sandor Marai

"Ein Wahnsinniger tut etwas ohne Sinn und Verstand, nur weil man es eben machen kann" (Marai)

Sandor Márai zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern. Mit großem Interesse habe ich während der letzten Abende "Befreiung" gelesen. Bevor ich die Leküre begann, habe ich mich allerdings erst mit dem Nachwort Lázsló F. Földényis beschäftigt. Hier erfuhr ich, dass der Roman am 3. Januar 1945 seinen Anfang nimmt und die Protagonistin Erzsébet zunächst im Geiste die zurückliegenden zehn Monate reflektiert. Hier las ich auch vom Schrecken des Pfeilkreuzerterrors. Diese Pfeilkreuzer waren eine faschistische Gruppierung, die unter F. Szálasi 1944-45 die Macht in Ungarn besaßen und ihr Unwesen trieben.

Márai lässt in sein Buch viel Eigenerfahrung einfließen, denn er hat das Ende des 2. Weltkrieges in Budapest miterlebt. Sein Haus wurde zerbombt, seine fünftausend Bände umfassende Bibliothek wurde in diesem Zusammenhang vernichtet.

"Befreiung" erzählt die Schwierigkeiten, die die junge Frau Erzsébet und ihr Vater haben, ein liberaler Wissenschaftler, der sich für die Zwecke der Nazis nicht missbrauchen lässt, sein Hab und Gut dazu nutzt, verfolgten Menschen in den Untergrund zu verhelfen und schließlich selbst abtauchen muss. Aufgrund der Schreckensherrschaft der Pfeilkreuzler-Henkersknechte sind zum Schluss auch "die letzten, mutigeren Freunde vergängstigt." In jenen Tagen wurde "massenweise verraten, wurden anonyme Briefe geschrieben oder man eilte mit vollem Namen, persönlich, einen Unglücklichen anzuzeigen, der sich im Getümmel dieser amoklaufenden letzten Runde erschöpft in die Ecke eines der hohlen Schlupfwinkel zurückgezogen hatte."

Marai lässt den Leser wissen, dass bei vielen Menschen Anteilnahme, Hilfsbereitschaft, "alle besseren menschlichen Gefühle" versiegt waren. Erzsébet ist ein Engel, eine Frau, die gegen diesen Strom schwimmt, ihrem Vater beisteht, für ihn ein Versteck findet und selbst später in einem Keller mit anderen Bewohnern der Befreiung von den Nazis entgegenfiebert. Man liest von den Ängsten der Zivilbevölkerung vor den Bomben, die zivile Häuser, Höfe, Brücken und Schutzräume trafen und erfährt von den argwöhnisch, gereizten Tönen. Erzsébet spürt im Keller mehr, was sich in den Seelen der Menschen ereignet als sie es verstehen bzw. in Worte fassen konnte.

Von einem Hausmeister ist die Rede, der mit Vorsicht zu genießen ist. Alle Personen im Luftschutzkeller wissen nicht, was ihnen bevorsteht, wenn sie seitens der Russen von den deutschen Besatzern und den ungarischen Pfeilkreuzlern befreit sind. Dennoch sehnt Erzsébet die Befreiung herbei.

Es gibt im Buch gewiss ebenso viele Reflektions- wie Handlungsebenen. Das spricht für seine Qualität. Marai schreibt an einer Stelle: "Man kann vom Verstand her nicht fassen, dass die Leute sogar noch jetzt rauben, Leben und Vermögen vernichten, ziellos im letzten Augenblick, einfach nur, weil es möglich ist." Er erklärt sich dies damit, dass sie wahnsinnig sind und ein Wahnsinniger eben ohne Sinn und Verstand agiert, nur weil man es machen kann. Einer solche Begründung stimme ich zu. Sie entspricht auch meinen Beobachtungen.

Erzsébet lernt in Gesprächen mit unterschiedlichen Personen ihre eigenen Vorurteile zu überdenken und wünscht sich nichts mehr, als dass der Hass der Menschen sich verringert und alle friedlich miteinander leben können. Sie ahnt schon jetzt, dass dies auch nach der Befreiung nicht möglich sein wird. Das bestätigt sich zu Ende des Romans, bevor sie einem unbekannten Schicksal entgegen geht.........

Ein bemerkenswerter Roman, der sich mit dem Ende der bürgerlichen Welt in Ungarn auseinandersetzt, ausgelöst durch die Nazis und weitergeführt durch die Kommunisten.


Ich möchte eine längere Textpassage zu Ende dieser Rezension auf meinem Rezensionsblog zitieren, die mir besonders gut gefallen hat und die viel über das Denken Marais aussagt: " Es kommt vor, dass man liebt, sehr liebt."..."Und dann ist ein Mensch stark. Vielleicht kann man sogar Leben retten, wenn man jemand liebt. Es gibt einen Seelenzustand oder einen Nervenzustand, den die Menschen Liebe nennen und der dauerhaft sein kann, das stimmt. Ein solcher Seelenzustand bewegt große Kräfte in einem Menschen. Wenn jemand liebt, wird er mehr, mächtiger, auch das ist wahr. Aber dieser Zustand ist vergänglich. Er vergeht und es bleibt der bloße Mensch. Nein...auch die Liebe gibt keine Befreiung. Es gibt nur eine Art von Befreiung."............"Wenn jemand stark genug ist, die Wirklichkeit in ihrer wahren Natur zu erkennen"......Ein derart starker Mensch ist der Befreiung schon ganz nah. Und er erträgt sie, ohne Kränkung, weil es die Wirklichkeit ist. "






Rezension : Ehrensachen- Louis Begley

Die Romanhandlung von Louis Begleys " Ehrensachen" beginnt in den frühen 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Harvard und erstreckt sich über viele Jahrzehnte.

Der Ich-Erzähler Sam schildert den Verlauf seiner langjährigen Freundschaft zu seinem einstigen Kommilitonen und Mitbewohner Henry.

Auch andere enge freundschaftliche Beziehungen zu damaligen Mitstudenten werden thematisiert.

Sam gehört aufgrund seiner Familienzugehörigkeit, wie die meisten seiner Studienfreunde, gesellschaftlich der Oberschicht an, während der hochintelligente Henry einen jüdischen Backround besitzt und aus dem Mittelschichten-Milieu entstammt.

Henry und seine Eltern haben bis nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch in Polen gewohnt und dort die Nazi-Zeit in einem Versteck überlebt. Erst dann sind er und seine Familie nach New York gekommen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Begleys junge Harvard-Studenten streben die Umsetzung der Ideale und Lebensgewohnheiten der Ostküsten-Upperclass an. Für Henry bedeutet dies, das er immer wieder die Wertvorstellungen und Wünsche seiner Eltern ignorieren und letztlich seine eigene Persönlichkeit neu definieren muss, dennoch ist es für ihn eine Ehrensache zu bekennen, dass er ein Jude ist. Dieses Bekenntnis erfolgt allerdings nur dann, wenn er danach gefragt wird.

Der Autor zeigt, dass in den 50er Jahren in den USA, trotz der ungeheuerlichen Geschehnisse während der Hitlerzeit, innerhalb der gebildeten amerikanischen Oberschicht, die Kenntnis von all dem hatte, immer noch Vorbehalte gegenüber Juden vorhanden waren.

Begley berichtet von den Gepflogenheiten in Harvard zu jener Zeit, von den vielen Clubs und privaten Veranstaltungen, an denen die zukünftige Elite teilnahm und zeigt die Barrieren auf, die sich für einen aufstrebenden jungen Mann wie Henry ergeben haben.

Die Blasiertheit und Selbstzufriedenheit seitens der Kinder aus der Oberschicht, denen durch elitäre Internate der Weg nach Havard geebnet wurde, wird detailliert geschildert. Intelligenz und Begabung allein, das erkennt Henry schnell, genügen nicht, um gesellschaftlich an die Spitze zu gelangen. Für ihn steht fest, dass er besser sein muss als die anderen und dass er sich - bis zur Selbstverleugnung- anpassen muss.

Das Gefühl nicht wirklich angenommen zu sein, verliert Henry nie.

Der Leser nimmt an der privaten und beruflichen Entwicklung der Protagonisten teil und erhält viele Einblicke in das Upperclass-Leben aber auch in die politischen Verhältnisse jener Zeit.

Die Beziehungen zu jungen Frauen werden ebenfalls zur Sprache gebracht, hauptsächlich jedoch Henrys große Liebe- sein so genanntes Langzeitprojekt- Margot. Sie wird für ihn letztlich immer unerreichbar bleiben, weil er sich ihr gegenüber viel zu stark anpasst und deshalb nicht wirklich akzeptabel für die verwöhnte Upperclass-Tochter sein kann.

Die Romanhandlung führt in der Folge u.a. nach Europa, primär nach Belgien , das zu diesem Zeitpunkt noch vielerorts antisemitisch war, aber auch in das liberalere Frankreich. Dort kommt es immer wieder zu Begegnungen zwischen Sam und Henry. Trotz der unterschiedlichen Lebenswelten bleibt die freundschaftliche Nähe zwischen den beiden Männern erhalten, weil sie sich so akzepzieren, wie sie wirklich sind.

Vielleicht ist Sam der einzige Mensch, von dem sich Henry bedingungslos angenommen fühlt.

Während Sam viele Jahrzehnte lang regelmäßig Pychoanalytiker aufsucht, um seine Kindheitsverletzungen zu verhandeln, trägt Henry seine Eindrücke aus der Nazi-Zeit unverarbeitet mit sich herum, dennoch findet auch er einen Weg von seinem frühen Gestern erlöst zu werden.

Ein packend geschriebener, stilistisch eleganter Roman, mit vielen Handlungssträngen, die an dieser Stelle allerdings nicht alle erörtet werden können.

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